Ein Jude in Neukölln: Wie ich entdeckte, wer ich bin

Ein Jude in Neukölln: Wie ich entdeckte, wer ich bin

Ármin Langer. Urheber: Kat Kaufmann. All rights reserved.

Wenn alle Juden hassen, dann liegt das Problem an den Juden, oder nicht?

Ármin (12 Jahre alt)

In seinem Erstlingswerk „Eine Jude in Neukölln“ erzählt Ármin Langer von seiner Auseinandersetzung mit dem Jüdisch-sein und jüdischem Leben als Antrieb auf seinem Weg zu einem Miteinander der Religionen. Wir stellen einen Ausschnitt aus dem Buch vor.

"16 Jahre lang war ich ein Jugendlicher, der nie so richtig dazugehörte und nie so richtig wusste, warum. Bis zu jenem Sommer in Ungarn. Mir war übel, wie immer. Bis heute kann ich den Geruch in einem Auto nicht lange aushalten. Irgendwo zwischen zwei bedeutungslosen Dörfern, die während des Staatskommunismus an die Autobahn und damit an den Kreislauf Ungarns angeschlossen wurden, drehte sich mein Vater, der hinter dem Lenkrad saß, zu mir um: »Übrigens, Ármin, du weißt, dass du Jude bist, oder? Also, mindestens väterlicherseits.« Ich erinnerte mich an die zahlreichen Bücher über den Holocaust bei uns zu Hause, trotzdem klang meine Antwort ziemlich unsicher: »Joa.«

Mein Vater und ich fuhren seit drei Stunden auf der endlosen Autobahn M7 durch Südungarn. Links und rechts vor allem Steppe. Auf meiner Haut sammelte sich Schweiß. Vereinzelt sah ich draußen Fabriken und Dörfer an uns vorbeirauschen. Ungefähr jede zehnte Minute entdeckte ich einen Menschen. Einen Opa, der in der Hitze sein Fahrrad schob. Eine ältere Dame, die mit vor der Brust gekreuzten Händen auf einer Holzbank saß, hinter ihr ein weiß gekalktes Haus. Misstrauisch verfolgte sie unseren vorbeigleitenden Wagen mit dem österreichischen Kennzeichen. Mein Vater arbeitete da schon als Informatiker in Wien.

Wir waren auf dem Weg nach Kaposvár. In der Kleinstadt sind meine Eltern geboren: Mein Vater reiste jeden Sommer dorthin. Als Kind war ich auch ein paar Mal dabei, hatte aber nie ganz verstanden, was der eigentliche Grund der Reise war. Mit sechzehn und als »Erwachsener«, der sogar seine Herkunft kannte, wusste ich: Wir fahren wegen des Holocaust nach Kaposvár. An dem Tag, als ich erfuhr, dass ich jüdisch bin, erfuhr ich auch, dass die Eltern meines Vaters, die ich nie gekannt habe, nach Dachau deportiert worden waren. Sie überlebten die Judenvernichtung.

Für alle anderen kam die Rettung zu spät. Zu Hause im westungarischen Sopron ging ich in mein ehemaliges Kinderzimmer und schaltete meinen alten Computer ein. Ich suchte in der Online-Datenbank des Jerusalemer Yad- Vaschem-Zentrums nach meiner Identität. Bald stellte sich heraus, warum ich nie Verwandte väterlicherseits kennenlernen oder gar in den Arm nehmen konnte: In Auschwitz wurden bis auf meine Großeltern alle getötet: meine Urgroßeltern, Großtanten, Großonkel und ihre ganzen Familien. Meinen Namen, Ármin, erhielt ich wegen meines Urgroßvaters, Ármin Rosenthal, der in Auschwitz vergast wurde.

Für einen 16-Jährigen ist das eine erschütternde Entdeckung. Besonders wenn er erst seit kurzem damit klar kommen musste, dass er schwul ist und zu dieser Zeit wegen seiner epileptischen Anfälle regelmäßig in der sterilen Neurologie-Abteilung des Stadtkrankenhauses liegen musste.

Das Leben kann sehr anstrengend sein als Teenager. Es vergingen drei Jahre, in denen ich das erst einmal so hinnahm. Erst als ich Sopron verließ und zum Philosophie-Studium nach Budapest zog, kam eine Frage auf, die mich schlecht schlafen ließ: Wer bin ich?

Ich schlief ein paar Nächte am Rande von Elisabethstadt, einem heruntergekommenen Viertel in Budapest – auch unter dem Namen Chicago bekannt –, und als ich aufwachte, war ich aktives Mitglied der größten liberalen jüdischen Gemeinde des Landes, hielt Vorträge zur jüdischen Religion und Kultur auf Tagungen und Konferenzen, leitete Gottesdienste in einer Synagoge. Nur ein Jahr später, im Alter von 21, lag ich auf einem Bett im Krankenhaus, um von einem jüdischen Urologen beschnitten zu werden. Kurz darauf traf ich die Entscheidung, die schon seit einer Weile in mir reifte: Ich möchte Rabbiner werden.Den Beschluss kündigte ich meinen Eltern per E-Mail an. Mein Vater meinte: »Nicht dass das jetzt vom Himmel fallen würde, ich habe damit gerechnet, du machst ja so viele jüdische Sachen in Budapest.« Meine Mutter war auch nicht überrascht, ich sei schon immer so »priesterlich« gewesen. »Das erste Buch, das du von deinem Taschengeld gekauft hast, war eine Bibel«, erinnerte sie mich. Tatsächlich hatten wir in unserem strikt atheistischen Haushalt nie eine Bibel besessen. Das wollte ich ändern.

Obwohl sie sich beide wahrscheinlich bis heute Gedanken machen, ob sie bei meiner Erziehung versagt haben, bekomme ich von ihnen die Unterstützung, die ich brauche: Auch wenn Theologie nicht so nützlich ist wie Chemie, das Studienfach meiner Schwester, zog ich immerhin aus der »Gefahrenzone Ungarn« weg. Das Jüdisch-Sein hat sich gelohnt. Für meine Eltern war mein Umzug nach Berlin eine Erleichterung.

Nach einer Statuskonfirmation vor dem deutschen Rabbinatsgericht – Vaterjuden werden in Deutschland im Gegensatz zu Ungarn nicht als Juden anerkannt, sie müssen daher ihren Status von einem Rabbinatsgericht bestätigen lassen –, mehreren Studienaufenthalten in Jerusalem und einigen Bewerbungsgesprächen mit Dozenten und Mitarbeitern des Abraham-Geiger-Kollegs in Berlin erhielt ich im März 2013 die lang erwartete Nachricht: Sehr geehrter Herr Langer, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass das Direktorium (...) beschlossen hat, Sie für das Ausbildungsprogramm zum Rabbiner anzunehmen.

Zwei Jahre später stand ich auf der Treppe des Neuköllner Rathauses mit einer schwarzen Kippa auf meinem Haupt – neben Emine, einer kopftuchtragenden Muslima. Es nieselte. Die Kinder fanden es lustig und rutschten auf dem nassen Asphalt hin und her. Wir blickten auf 150 Menschen. »Kopftücher sind ebenso wie Hochsteckfrisuren, Kippot oder Hüte ein Teil von Neukölln, ein Teil Deutschlands«, fing ich meine Rede an.

Die Salaam-Schalom-Initiative, die ich erst anderthalb Jahre zuvor mit drei Freunden gegründet hatte, war erwachsen geworden und lud alle Neuköllner, Berliner und Bundesrepublikaner zu der ersten Demonstration ihrer Geschichte ein: Wir forderten, dass Frauen jeder Herkunft, jeder religösen Zugehörigkeit gleichermaßen Zugang zu öffentlichen Ämtern gewährt werden müsse. Eigentlich  etwas Selbstverständliches, in Deutschland im 21. Jahrhundert.

Wie bei meinem Umzug nach Budapest dauerte es auch in Berlin nicht lange, bis ich anfing, die Welt um mich herum umzukrempeln. Ich tat das, was ich schon immer tun wollte. Mich für Menschen und unser Miteinander zu engagieren. Dass es nicht leicht sein würde, hatte ich erwartet. Es war nie leicht gewesen für mich. Und wenn man das Gefühl hat, das Richtige zu tun, ist es auch gleich viel einfacher, den Gegenwind auszuhalten. Die Tatsache, dass es heute keine andere Gruppe in Berlin gibt, in der sich so viele junge Juden engagieren wie in der Salaam-Schalom-Initiative, bestätigt unsere Botschaft: Muslime und Juden sind keine Feinde. Kaum eine andere Bürgerinitiative schafft es, so oft muslimische Stimmen in der Öffentlichkeit hörbar zu machen wie wir. Dank unserer zahlreichen engagierten Mitglieder sind wir eine der aktivsten Organisationen Deutschlands. Unsere Veranstaltungen werden gut besucht, an den Diskussionsabenden tauschen sich Angehörige aller Minderheiten und der Mehrheitsbevölkerung, also von den 65 Millionen Deutschen ohne Migrationshintergrund, aus. Das Projekt beschränkt sich inzwischen nicht mehr nur auf Berlin, Ableger wurden 2015 und 2016 in mehreren Städten, unter anderem in Kopenhagen, Hamburg und Essen, aufgebaut, und weitere Gruppen werden im Laufe der Zeit folgen, mit G’ttes Hilfe.

Im Zuge meiner Arbeit mit der Initiative und als Publizist stiegen mein Erfolg und der Widerstand dagegen proportional. Einige ältere Charlottenburger Herrschaften der jüdischen Gemeinde zu Berlin reden darüber, dass mir und den jüdischen Mitgliedern unserer Initiative der Eintritt in die Berliner Synagogen nicht gestattet werden sollte. »Sonst sprengt der El-Ármin sich noch in die Luft«, heißt es. Eine deutschlandweit bekannte rechts-zionistische Aktivistin ruft bei Vereinen und Parteien an und bittet sie, nicht mehr mit mir und »meiner« Initiative zusammenzuarbeiten. »Das sind doch alles Juden voller Selbsthass«, heißt es.

Ich weiß, dass auch unsere muslimischen Mitglieder und Kooperationspartner in ihren eigenen Gemeinden für ihr Engagement stark kritisiert werden. »Freund der Juden«, musste sich Deniz zum Beispiel nicht nur einmal anhören. Autoren zahlreicher rassistischer und antisemitischer Blogs verlieren jedes Maß, Islamisten, Sesselnazis und rechts extreme Zionisten schicken uns gleichzeitig Hassmails: »Links-dummnaive Islamkuschelgruppe!«, »Diese Zionisten ma-chen nur Muslimwashing mit euch!«, »Ihr seid Puppen von Islamisten und türkischen Rechtsradikalen.« Das Rabbinerseminar und Sprecher jüdischer Institutionen üben Druck aus, um mich davon abzuhalten, weiter Interviews zu geben. Eine bekannte SPD-Politikerin drohte einer Zeitung mit Klage, wenn mein Artikel nicht aus der Online-Mediathek gelöscht würde. Mit meiner Solidarität mit den Muslimen Deutschlands und mit meiner Auffassung eines sozial engagierten Judentums lege ich den Finger in eine Wunde, die schon lange in der Bundesrepublik klafft. Und das ist auch gut so.

Ich bin Jude. Ich heiße Ármin. So wie mein Urgroßvater, Ármin Rózsa (geborener Rosenthal). Ich lernte ihn als Märtyrer der Schoa kennen, leider nicht persönlich, sondern am PC viele Jahrzehnte nach seinem Tod. Man kann vieles mit so einem schwierigen Erbe anfangen. »Du bist ein Opfer« ist eine Bedeutung meines Namens. Ein Opfer des Holocaust, des Antisemitismus, der schon immer Europa prägte. Mein Urgroßvater bekam diesen Namen, weil sich seine Familie in Ungarn assimilieren musste. Sie wollten so werden wie die aufgeklärten Westeuropäer, deswegen gaben sie ihren Kindern deutsche Namen. Meine Verwandten, zwei Generationen vor mir, hießen nicht mehr Schlomo und Rachel, sondern Leopold und Helena. Gegen die antisemitischen Gesetze und die Deportationen halfen aber auch die deutschen Namen nicht: Ármin könnte also auch ein Beweis dafür sein, dass Juden in Europa trotz aller Neuanfänge nicht willkommen sind.

Für mich aber hat mein Vorname eine andere Bedeutung. Er bietet mir die Möglichkeit, mich kritisch mit dessen Geschichte auseinanderzusetzen. Die jüdischen Ármins von heute müssen das nämlich machen. Wenn wir unsere Umwelt genauer betrachten, sehen wir eine andere Welt als die von Urgroßvater Ármin. Wir sehen eine Welt, in der Juden trotz des noch immer allgegenwärtigen Antisemitismus nicht mehr zu der unterdrückten Minderheit gezählt werden können. Wir sind, im Gegenteil, eine emanzipierte Minorität geworden, die so sehr mit dem Mainstream fusioniert ist, dass heute sogar die Rechtsextremen bei Pegida und Co. von einem »christlich-jüdischen Abendland« sprechen.

Heute gibt es in Deutschland eine staatlich finanzierte jüdische Begabtenförderung, Hunderte von Nicht-Juden belegen neben ihren jüdischen Kommilitonen an staatlichen Universitäten das Fach Jüdische Studien, 80 Jahre nach der Schoa werden in deutschen Stadtzentren wieder Synagogen eingeweiht. Zur selben Zeit gibt es aber noch immer viele Minderheiten, die auf europäischem Boden institutionell diskriminiert werden. So wie einst die Juden.

Der Name Ármin stammt aus derselben Wurzel wie das Wort Armee und heißt eigentlich Kämpfer. Ich will beweisen: Juden und jüdisches Leben definieren sich heute nicht mehr allein durch die Beschäftigung mit der Schoa, die Bedrohung durch Antisemitismus. Es reicht nicht, den Blick nur in die Vergangenheit zu richten, unseren Status als Opfer immer wieder zu betonen. Die Ármins von heute können sich aktiv an den gesellschaftlichen Prozessen beteiligen. Das jüdische Leben und die jüdische Religion haben der Welt etwas anzubieten.

Unser Auftrag ist das Miteinander, unsere schrecklichen Erfahrungen mit den Ausgrenzungen in der europäischen Gesellschaft sind unser Auftrag, andere vor Ähnlichem zu schützen. Den Weg, den wir schon zurückgelegt haben, und den Weg, der noch vor uns liegt, zu beschreiben, das ist das Ziel dieses Buches."

Dieser Text ist erschienen als erstes Kapitel des Buches "Ein Jude in Neukölln. Mein Weg zum Miteinander der Religionen" (Aufbau-Verlag 2015).

Am 21.06.2017 sprechen wir in der Heinrich-Böll.-Stiftung mit Ármin Langer und anderen über Jüdische Realitäten in einer multikulturellen Gesellschaft - heute und morgen.

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