Ausbildungsmaßnahmen für Geflüchtete: Erfahrungen aus der Praxis II

Ausbildungsmaßnahmen für Geflüchtete: Erfahrungen aus der Praxis II

Urheber: Oliver Thomas Klein. Public Domain.

Der zweite Praxisblock des Dossiers "Arbeitsmarktintegration" beleuchtet vier Projekte aus Bayern, Sachsen, Berlin und Rheinland-Pfalz, die sich für Chancen und Rechte geflüchteter Menschen im Bereich Arbeitsmarkt einsetzen.

Diese Projekte stellen wir vor:

a) Enter Nürnberg: Wegweiser durch den Arbeitsalltag

b) Tür an Tür: Umdenken in der Beratungspraxis nötig

c) Modellprojekt von RESQUE continued an der Produktionsschule Moritzburg: Schulabschluss als Voraussetzung für qualifizierte Arbeitsmarktintegration

d) ) Die Flüchtlingspaten aus dem Winzerdorf: Beispiele aus dem rheinhessischen Jugenheim

 

a) Enter Nürnberg: Wegweiser durch den Arbeitsalltag

Das Projekt „Enter → Integration von Flüchtlingen in der Wirtschaft am Beispiel der Metropolregion Nürnberg“ ist ein Modellprojekt zur Integration von Flüchtlingen in den ersten Arbeitsmarkt.

Geflüchtete in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren – das ist das Ziel von Enter in Nürnberg. Enter richtet sich an erwachsene Geflüchtete unabhängig von ihrem rechtlichen Status und an kleine und mittlere Betriebe in der Metropolregion Nürnberg und bietet fachliche Begleitung – von der Arbeitssuche über die Arbeitsplatzvermittlung bis hin zum innerbetrieblichen Integrationsprozess. Das Projekt versteht sich dabei weniger als „Vermittlungsbörse“ im quantitativen Sinn, sondern strebt eine ganzheitliche Begleitung des Vermittlungs- und Integrationsprozesses an.

„Wir wollen“ sagt die Projektleiterin Marion Bradl „die Instrumente der Arbeitsmarktintegration testen, denn unserer Meinung nach gibt es nicht nur zu wenig Unterstützungsangebote, oft sind sie auch nicht bedarfsgerecht. Außerdem ist der Fokus bestehender Angebote überwiegend auf Ausbildung gerichtet. Doch alle Menschen, die kommen, bringen Fähigkeiten und Qualifikationen mit, erst recht diejenigen, die bereits Berufe und Berufserfahrung haben. Was ihnen fehlt: Wissen über Berufe und Arbeitsmarkt in Deutschland, gewachsene Netzwerke für die eigene Arbeitssuche und gewachsene Erfahrung im deutschen Arbeitsalltag.“

Enter praktiziert seit Sommer 2016 intensive und individuelle Begleitung Geflüchteter, die Bandbreite reicht dabei von ungelernt bis hoch akademisiert. Bestandsaufnahme, Berufswunsch, Erfassung der praktischen Fähigkeiten, Praktika, Kurse und Fallarbeit, aber auch Gespräche über die Flucht und das Leben der Menschen in Deutschland dienen dem Ziel, Geflüchtete dabei zu unterstützen, eine Arbeit zu finden, die ihren Qualifikationen angemessen ist. Dabei sind, wie Marion Bradl schildert, die bürokratischen und politischen Hürden in Bayern hoch: „Die Behörden sind hier insbesondere gegenüber Geflüchteten aus sogenannten sicheren Herkunftsländern bzw. aus Ländern mit geringer Bleibeperspektive streng.

Wir erleben viel Bürokratie und oft auch Willkür. Die Betriebe sind insgesamt viel aufgeschlossener als die Politik, Berührungsängste gibt es dort weniger.“ Was Schwierigkeiten der innerbetrieblichen Integration nicht ausschließt – so würden Flüchtlinge wegen ihrer oft noch mangelnden Sprachkenntnisse teilweise fachlich nicht ernstgenommen. „Wir kommunizieren das mit den Betrieben ganz offen. Und wir versuchen auch klarzumachen, dass Geflüchtete kein Mitleid brauchen, sondern Verständnis und dass vor allem die ungleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt behoben werden müssen.“

Drei aktuelle Beispiele aus der Praxis von Enter:

K.J., w, 25 Jahre, Äthiopien, mehrjährige Berufserfahrung als Krankenschwester in Äthiopien. Aufgrund fehlender Zeugnisse sowie der Reglementierung der Pflegeberufe keine Aussicht auf direkten Einstieg in die Arbeit als Krankenschwester. Gewählter Weg: Ein Jahr Ausbildung an einer Fachschule für Altenpflegehilfe als Grundlage und Voraussetzung für die Möglichkeit einer folgenden Ausbildung als Krankenschwester. Nebenbei Vermittlung in einen berufsbegleitenden Sprachkurs, um Sprachkenntnisse weiter zu verbessern. 

Rechtlicher Status: kam als Asylbewerberin zu Projekt Enter. Dann ablehnender Bescheid durch das BAMF. Widerspruch eingelegt, Klage eingereicht. Ergebnis: Flüchtlingseigenschaft durch Gericht anerkannt. Aufenthaltserlaubnis inzwischen erteilt.

K.J., Auszubildende Pflegefachhelferin. Urheber: AAU e.V.. All rights reserved.

F.G.D., m, 25 Jahre, Kuba, Fachschulabschluss als Mess-, Steuerungs- und Regelungstechniker, mehrjährige Berufserfahrung als Facharbeiter in Kuba. Nicht formalisierte Kompetenzfeststellung durch ein betriebliches Praktikum bei einem Nürnberger Unternehmen für Industrieanlagenbau. Unmittelbar folgende Einstellung als Elektriker, zeitgleich Antragstellung auf Gleichwertigkeitsfeststellung nach dem Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz (BQFG) als Mess-, Steuerungs- und Regelungstechniker. Hürde: Führerschein notwendig für die Arbeit. Anerkennung des kubanischen Führerscheins nicht möglich, da Behörden nicht bereit sind, den Originalführerschein zwischen den Ämtern weiterleiten. Aktuell: Neuerwerb des Führerscheins.

Rechtlicher Status: Kam als Asylbewerber zu Enter, Asylantrag inzwischen abgelehnt. Widerspruch eingelegt und Klage eingereicht – Ausgang noch offen.

A.B., m, 43 Jahre, Ukraine, über 10 Jahre Schlosser im Tiefbau und weitere 10 Jahre selbstständig als Gas-, Wasser-, Heizungsinstallateur in der Ukraine. Berufsziel in Deutschland: Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik.

Vermittlung zu einem kooperierenden Projekt (Integration durch Qualifizierung/MigraNet) zur Kompetenzfeststellung für Handwerksberufe. Ergebnisdokumentation des Kompetenzfeststellungsverfahrens verhalf zur Zusage für ein Praktikum und der Aussicht auf Einstellung in einen Betrieb für Anlagenmechanik in Nürnberg. Herausforderung: Erteilung einer Arbeitserlaubnis durch die Ausländerbehörde nicht sicher, da Herr B. Asylbewerber aus einem Herkunftsland mit geringer Bleibeperspektive ist.

Enter → ist ein Teilprojekt des MigraNet- IQ Landesnetzwerks Bayern im Rahmen des bundesweiten Förderprogramms „Integration durch Qualifizierung“. Es steht in der Trägerschaft des AAU e.V. Nürnberg und hat eine dreijährige Laufzeit bis 31.12.2018.

Weitere Informationen: www.enter.migranet.org

 


b) Tür an Tür: Umdenken in der Beratungspraxis nötig

Der Verein Tür an Tür setzt sich in Bayern seit 25 Jahren für Chancen und Rechte von Zuwanderern ein. Seit 2005 ist der Verein über eine gemeinnützige GmbH auch Träger verschiedener Projekte, die Migrantinnen und Migranten im beruflichen Kontext unterstützen.

Dazu gehören unter anderem das landesweite Qualifizierungs-Netzwerk MigraNet das von Tür an Tür Geschäftsführer Stephan Schiele koordiniert wird, und das Bayerische Netzwerk für Beratung und Arbeitsmarktvermittlung für Flüchtlinge (BAVF II), für das Thomas Wilhelm verantwortlich ist. Aus seiner praktischen Erfahrung fordert Stephan Schiele ein Umdenken in der Beratungshaltung und Beratungspraxis. Thomas Wilhelm kritisiert, dass sich mit Inkrafttreten des Integrationsgesetzes am 6.8.2016 die Chancen der Arbeitsmarktintegration für Geflüchtete verschlechtert haben, insbesondere in Bayern, denn die konkrete Auslegung des Gesetzes ist Sache der Bundesländer.

Stephan Schiele:

„Wir sollten uns nicht auf einen Weg festlegen, sondern alles tun, um formale und non-formale Kenntnisse und Qualifikationen Geflüchteter zu erfassen und nutzbar zu machen. Was haben die Menschen in ihrem Leben getan, worauf können wir aufbauen. Jeder bringt etwas mit, das wird nur oft nicht gesehen, auch wegen einer übertriebenen Fürsorgehaltung oder weil einzelne Bildungs- und Sprachkursträger nur auf spezielle Programmziele fokussiert sind. Viele jugendliche Geflüchtete kommen in Bayern in spezielle Berufsschulklassen für Flüchtlinge. Mit dieser Festlegung auf einen Ausbildungsberuf verbaut man ihnen teils den Weg zu einer höheren Schulbildung. Stattdessen sollten Brückenangebote an ihren bisherigen Bildungswegen anknüpfen, darauf aufbauen.

Stephan Schiele. Urheber: Tür an Tür e.V.. All rights reserved.

Bei Erwachsenen mit beruflichen Qualifikationen, doch ohne entsprechende formale Abschlüsse, sollten verkürzte Ausbildungen und Nachqualifizierungsangebote mit anschließender externer Prüfung zur Anwendung kommen. Erwachsene mit formalen Abschlüssen sollten den Weg der beruflichen Anerkennung gehen. Das Ziel der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten sollte immer ein in Deutschland verwertbarer, qualifizierter Berufsabschluss sein und nicht die möglichst schnelle Vermittlung in Arbeit.“

Thomas Wilhelm

„Für Geduldete ist es so gut wie unmöglich, in die Anspruchsduldung bei Ausbildung, die sogenannte 3+2 Regelung, zu kommen. Die Aufenthaltsbeendigung steht immer zwingend vor der Beschäftigungserlaubnis, in dieser Hinsicht haben die Ausländerbehörden keinen Ermessensspielraum. Gleichzeitig wurde das Beschäftigungserlaubnisverfahren fThomas Wilhelm. Urheber: Tür an Tür e.V.. All rights reserved.ür Asylbewerber/innen mit Aufenthaltsgestattung verschärft. (Wer in Deutschland einen Asylantrag stellt, erhält zunächst eine „Aufenthaltsgestattung“, sie erlaubt den Aufenthalt in Deutschland für die Dauer des Asylverfahrens. Erst wenn ein Asylantrag anerkannt wird, erhält man eine reguläre „Aufenthaltserlaubnis“, Anm. d. Red.) So werden die Ausländerbehörden dazu ‚ermuntert’, Menschen mit Aufenthaltsgestattung, die nicht aus Syrien, Eritrea, Iran, Irak, Somalia kommen, gar keine Beschäftigungserlaubnis mehr zu erteilen.

Wenn jedoch Asylbewerber/innen eine Ausbildung beginnen durften und dann in die Duldung fallen, haben sie angeblich keine Abschiebung zu befürchten, sofern sie nicht strafrechtlich verurteilt sind oder über ihre Identität täuschen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass es diese Rechtssicherheit nicht gibt, wenn zum Beispiel eine Ausländerbehörde ausschließlich den Original-Pass als Identitätsnachweis anerkennt. Wird dieser nicht vorgelegt, sind Ausbildungsabbruch und Ausreise die Konsequenz. Das bedeutet auch Rechtsunsicherheit für die Ausbildungsbetriebe.“

Weitere Informationen:

 


c) Modellprojekt von RESQUE continued an der Produktionsschule Moritzburg: Schulabschluss als Voraussetzung für qualifizierte Arbeitsmarktintegration

RESQUE continued ist ein in Sachsen (Regionen Dresden und Chemnitz) angesiedeltes Projekt, das durch das „Bundesministerium für Arbeit und Soziales“ (BMAS), ESF Bundesmitteln und verschiedenen anderen Fördermittelgeber/innen realisiert wird. Ziel der Fördermittelrichtlinie des BMAS (IvAF) ist die nachhaltige und qualifizierte Integration von Geflüchteten in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.

Teil der Zielstellung ist es unter anderem, die dafür notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Zu den Projektaufgaben gehören neben den Beratungen und Begleitungen der Geflüchteten auf ihrem Weg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt auch Schulungen, Beratungen und Netzwerkarbeit für andere Akteur/innen im Themenfeld, allen voran der Arbeitsverwaltung.

In einem unserer Teilprojekte, einer Modellklasse an der Produktionsschule Moritzburg, vor allem finanziert durch das Sächsische Ministerium für Kultus, werden Jugendliche für die Schulfremdenprüfung auf die Erreichung des Hauptschulabschlusses vorbereitet. Diese große Herausforderung der vielen Geflüchteten, die ohne Schulabschlüsse in Deutschland leben, ist bis dato bundesweit, aber auch in Sachsen, nicht strukturell oder zielgruppengerecht gelöst. Das Modellprojekt bietet zumindest einigen Geflüchteten, die beim Eintritt in die Modellklasse unter 18 Jahre alt sein müssen (Definition des Sächsischen Ministeriums für Kultus des schulpflichtigen Alters), die Möglichkeit, ihren Bildungsweg und damit den Weg in den qualifizierten Arbeitsmarkt in Deutschland fortzusetzen.

Diese sehr gut begleitete Klasse, die um die 15 Schüler/innen hat, verfügt über eine von RESQUE continued finanzierte sozialpädagogische Begleitung und beinhaltet neben prüfungsrelevanten Fachunterrichten Deutsch als Zweitsprache (DAZ) und Berufsorientierung. Die Schüler/innen formulieren, welche Möglichkeiten und Chancen damit verbunden sind. Hier einige Auszüge:

Schüler, 18 Jahre alt, aus Afghanistan:

„ … ich bin 5 Jahre in mein Heimat in die Schule gegangen. Ich wollte weiter in die Schule gehen, aber ich konnte das leider nicht. … In Produktionsschule Moritzburg habe ich gute Chancen, weil ich … einen Hauptschulabschluss haben kann. Ich lerne hier Deu, Ma, Ge Gk, En und Geo. Unterricht macht mir hier in Produktionsschule immer Spaß.“

Schüler, 17 Jahre alt, aus Afghanistan:

„In Afghanistan gab es keine Schulpflicht. Ich bin 2014 nach Deutschland gekommen. Dann habe ich die Schule besucht, in der Schule hatte ich nur Deutsch als Fach. Der Unterricht war für mich schwer. Damals waren 24 Leute in der Klasse, … Jetzt ist es für mich einfacher, weil ich besser Deutsch kann. Die Lehrer sprechen langsamer.“

Schüler 18 Jahre alt, aus Afghanistan:

„In Afghanistan bin ich insgesamt 3 Jahre in die Schule gegangen. 1 Jahr bin ich in die Koranschule gegangen und 2 Jahre bin ich in die normale Schule gegangen und das war ganz gut. … Von 2015 bis 2016 bin ich an eine Oberschule in Dresden gegangen. Ich war in einer DAZ-Klasse. Der Unterricht war einfach und in der Schule war es ganz gut. Seit Januar 2016 lerne ich in der Produktionsschule Moritzburg. Die Produktionsschule Moritzburg finde ich sehr gut, weil ich hier ein Hauptschulabschluss machen kann.“

Anhand dieser Erfahrungsberichte, die im Rahmen des Deutschunterrichtes in Form eines Aufsatzes über ihre Situation und Perspektiven an der Modellklasse geschrieben wurden, zeigen sich verschiedene Aspekte:

Einerseits, dass der Wille zum und die Freude am Lernen ein zentrales Merkmal der Schülerinnen und Schüler ist. Diese Freude am Lernen aber auch die Perspektiven, die sich durch die enorm verbesserten Chancen zur Teilhabe an dem zentralen System der Bildung und daraus erwachsend am qualifizierten Arbeitsmarkt ergeben, reflektieren die Schüler. Sie stellen die verbesserten Perspektiventwicklungen als zentralen Aspekt für ihre Anstrengungen in der Modellklasse heraus.

Erstaunlich ist ebenfalls, dass, Alphabetisierung vorausgesetzt, die Bildungserfahrung im Herkunftsland nicht das zentrale Merkmal für das „erfolgreiche“ Teilnehmen an der Modellklasse ist. Auch mit sehr geringer Vorbildung, aber im deutschen Schulsystem erworbenen Deutschkenntnissen, können Schüler das enorme abgefragte Fachwissen in 2 bis 3 Jahren nachholen, um erfolgreich den Hauptschulabschluss zu erwerben. Die Zulassung zur Schulfremdenprüfung erfolgt durch die Einschätzung der Lehrer/innen, so dass bisher die Erfolgsquote bei 100 Prozent lag. Das flexible „Modell“ in der Produktionsschule Moritzburg erlaubt, dass die Schüler je nach Leistungsfortschritt und persönlicher Situation mehrere Jahre in der Klasse teilnehmen und die Zeit bekommen, die sie bis zum wahrscheinlich erfolgreichen Abschluss brauchen.

Wichtig ist zu wissen, dass bisher alle, die aus den Modellklassen mit bestandener Schulfremdenprüfung ausgeschieden sind, sehr vielversprechende Entwicklungsmöglichkeiten im Anschluss hatten: Sie mündeten direkt in eine Ausbildung, bei der sie aber weiterhin Unterstützung und Begleitung durch Ausbildungsförderung (so weit möglich) und Ehrenamtliche brauchten, gingen weiter zur Schule, um den Realschulabschluss nachzuholen oder machten ein „Freiwilliges Soziales Jahr“. Es wird sehr interessant sein zu erfahren, wie ihre Lebenswege weiter verlaufen.

Aufgrund der positiven Erfahrungen mit diesem Teilprojekt von RESQUE continued und der alarmierenden Bildungs-Situation vieler Geflüchteter in Sachsen (und Deutschland) sehen wir diese Modellklasse und ähnliche Projekte als Vorbilder und Beispiele, die flächendeckend und strukturell unabhängig von Alter oder Aufenthaltsstatus zielgruppengerecht angeboten werden sollten.

Weitere Informationen: http://www.projekt-resque.de/

 


d) Die Flüchtlingspaten aus dem Winzerdorf: Beispiele aus dem rheinhessischen Jugenheim

Aufgezeichnet von Anke Petermann, Journalistin beim Deutschlandradio

Im Herbst 2014 gründete sich in dem 1600 Einwohner-Dorf eine "Willkommensinitiative" – noch bevor die ersten Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak eintrafen. Seitdem begleiten ehrenamtliche Alltagshelfer/innen die Neuankömmlinge, auch bei der Arbeitssuche.

„Vormittags Deutsch, nachmittags arbeiten - anstrengend, aber gut“

Alaa Edin Suliman, 22, floh mit seinen Eltern und zwei älteren Geschwistern aus Aleppo. Ende 2014 kam die Familie nach Jugenheim. Ein Jahr später bekam der Syrer einen Mini-Job bei einer Computerfirma im Ort.

 „In Syrien hätte ich Informatik studiert, jetzt nutze ich hier meine Chance. Vormittags Deutsch lernen und nachmittags als Mini-Jobber arbeiten, das war 2015 anstrengend, aber gut für mich. Im vergangenen Jahr habe ich in derselben Firma eine Ausbildung zum Fachinformatiker angefangen. Derzeit habe ich Probleme mit der Berufsschule. Die gehen sehr schnell voran, ich bin der einzige Ausländer in der Klasse. Viele Wörter verstehe ich nicht, so was wie 'Geschäftsprozesse' habe ich in den Deutschkursen bis B2-Niveau nicht gelernt. Oft schaffe ich die Hausaufgaben nicht, weil ich so viele Vokabeln nachschlagen muss. Irgendwann staut sich der Stoff, ich komme nicht mehr nach. Auch in den Klassenarbeiten brauche ich länger. Ich habe Bedenken, dass ich die Zwischenprüfung nicht schaffe."

„Es kommt auf die Einstellung an"

Andreas Gieß, Alaa Edins „Pate“ in Jugenheim 

“Alaa Edin ist hoch motiviert, seine Fortschritte in Deutsch sind atemberaubend. Mini-Jobs können eine Falle für Flüchtlinge sein. Aber Alaa Edin hat die Gelegenheit genutzt, um mit einer Ausbildung weiter zu kommen. Zum Bewerbungsgespräch kam er als Dressman, mit Anzug und polierten Schuhen – vom Feinsten. Da hatte er schon gewonnen."

Gieß an Suliman gewandt: „Frag doch mal, ob ein Mitschüler dir helfen kann, den Unterrichtsstoff zu verstehen. Ansonsten, wenn es Probleme gibt – ruf mich an!"

links Alaa Edin Suliman (vom ‚Dressman‘, siehe Text, zum Computer-Nerd), rechts sein „Pate“ Andreas Gieß - beim Treffen in der Jugenheimer Computerfirma Roi Solutions, wo Suliman bis 2019 eine Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert.. Urheber: Anke Petermann. All rights reserved.

„Schon so viel Zeit verloren!"

Mohammad Aalo, 32. Der syrische Akademiker mit Tourismus-Fortbildung lebt seit knapp zwei Jahren in Deutschland, erst in Jugenheim, jetzt in Mainz.

„Drei Monate musste ich im vergangenen Jahr zwischen zwei Deutschkursen warten. Leider habe ich für diese Zeit weder ein Praktikum noch einen Mini-Job gefunden. Ich hätte mir gewünscht, zügiger voranzukommen. Ich habe Deutsch bis zum Fortgeschrittenen-Niveau B2 für Fachkräfte gelernt und hänge jetzt noch einen C1-Kurs dran. Soeben habe ich ein vierwöchiges Praktikum in einem Reisebüro abgeschlossen. Das hat mir gezeigt, dass dieses Arbeitsfeld das Richtige für mich ist.

In Syrien habe ich nach meinem Uni-Examen in Französisch schon im Tourismus gearbeitet, als Reiseleiter für Franzosen. Aber hier funktioniert die Branche anders: Das Internet und die englische Sprache sind sehr wichtig. Ich spreche neben Kurdisch als Muttersprache Arabisch, Französisch und Deutsch, aber kein Englisch. Das würde ich gern noch lernen. Ich suche dringend eine Ausbildung. Sieben Bewerbungen habe ich auf Vorschlag des Jobcenters schon geschrieben. Bisher erfolglos. Ich habe Angst, bis zum Sommer nichts zu finden und ein weiteres Jahr warten zu müssen. Durch den Scheiß-Krieg in Syrien habe ich schon so viel Zeit verloren. Falls es jetzt nicht klappt in einem Reisebüro oder einem Hotel, suche ich eine Ausbildung in einer anderen Branche. Es geht alles viel langsamer, als ich dachte. Bis man gut Deutsch spricht und eine Arbeit findet, vergehen bestimmt drei, vier Jahre."

„Gut Deutsch zu lernen, ist das Wichtigste“

Klaus Zimmermann betreute Mohammad Aalo, bis zu seinem Umzug nach Mainz.

„Mohammad hatte gedacht, er könne hier sofort loslegen. Aber die Tourismus-Branche in Deutschland ist ganz anders als ins Syrien, da funktioniert ein Einstieg ohne Ausbildung nicht. Trotz der Enttäuschung darüber ist er dran geblieben und hat immer besser Deutsch gelernt. Das wird ihm nutzen. Er ist hartnäckig, er hat verstanden, wie das System hier funktioniert, er wird es schaffen.“

Klaus Zimmermann (links) war Mohammad Aalos Alltagshelfer in Jugenheim. Aalo wohnt jetzt in Mainz, pflegt aber die alten Kontakte nach Jugenheim. Urheber: Anke Petermann. All rights reserved.

„Die Kollegen sind sehr nett – ich kann sie alles fragen“

Rinas Bakki, 28, lebt seit 15 Monaten in Deutschland. Soeben hat der syrische Kurde eine Vollzeit-Stelle gefunden.

„Seit einem Monat arbeite ich als Glasschneider in einer Glasfirma bei Mainz. Ich spreche noch nicht gut Deutsch und verstehe nicht alles, was der Chef mir sagt, aber die Kollegen sind sehr nett, da kann ich immer fragen. Als Glasschneider habe ich in Syrien und später im Libanon gearbeitet, insgesamt neun Jahre. Wie ich den Job gefunden habe? Durch Angelika Fingerhut.“

„Die Flüchtlinge brauchen Coaching“

A. Fingerhut, Alltagshelferin in Jugenheim

„Mit dem Beruf Glasschneider konnte ich erstmal nichts anfangen. Mit Hilfe von Online-Fotos und der Internetseite der Arbeitsagentur haben wir rekonstruiert, dass Rinas als Flachglasmechaniker tätig war. Dann stießen wir auf das Stellenangebot in Ginsheim. Zeugnisse hatte Rinas nicht. Trotzdem wurde er zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Ob ich mitkommen sollte – da war ich selbst unsicher. Im Nachhinein glaube ich aber, dass das nützlich war. Es hat dem Arbeitgeber gezeigt, dass da jemand im Hintergrund ist, der bei Problemen vermitteln kann. Rinas ist sehr zurückhaltend, aber gepunktet hat er mit seiner freundlichen Art.

Im kommenden Jahr, wenn er besser Deutsch spricht, kann er eine Ausbildung in dieser Glas-Firma anfangen. Er glaubt, dass er mit einer besseren Qualifikation mehr verdient. Der Chef gab ihm Recht. Generell brauchen die Flüchtlinge Coaching bei der Arbeitssuche. Viele sind sehr verunsichert, oft fehlen ihnen die Deutsch-Kenntnisse, um Behörden- und Bewerbungsabläufe zu verstehen.

Bei den Frauen hatten wir noch keinen Erfolg. Eine der Syrerinnen würde gern im Kindergarten arbeiten, aber die Kitas nehmen niemanden ohne pädagogische Qualifikation. Eine Erzieherinnen-Ausbildung würde sie wegen der Sprache nicht schaffen. Wir hoffen auf einen Aushilfs-Job als ersten Schritt. “

Dieser Beitrag erschien in unserem Dossier „Arbeitsmarktintegration“ aus der Reihe „Welcome to Germany“.

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