Von der Willkommenskultur zur Anerkennungskultur – Interview mit Daniel Weber

Von der Willkommenskultur zur Anerkennungskultur – Interview mit Daniel Weber

Daniel Weber, Leiter Bereich Migration und Gleichberechtigung im DGB Bildungswerk Bund e.V.. Urheber: Joerg Strehlau Photographie. All rights reserved.

Daniel Weber, Leiter Bereich Migration und Gleichberechtigung im DGB Bildungswerk Bund e.V., spricht mit Sigrun Matthiesen über Herausforderungen und Chancen der Gewerkschaftsarbeit bei der Arbeitsmarktintegration Geflüchteter.

Sigrun Matthiesen: Welche Kontakte zu Geflüchteten gibt es derzeit in der alltäglichen praktischen Gewerkschaftsarbeit?

Daniel Weber: Mehr als man zunächst vielleicht glaubt. Es gibt Geflüchtete aus früheren Zeiten, die mittlerweile ganz normal in Betrieben arbeiten und mit denen wir natürlich auch in der gewerkschaftlichen Arbeit Kontakt haben. Wenn es um die Geflüchteten der vergangenen zwei Jahre geht, bestehen in den Betrieben bisher noch wenig Berührungspunkte, einfach, weil nur wenige bisher dort angekommen sind. Aber es gibt ganze viele Gewerkschafter/innen die in der Betreuung und Begleitung ehrenamtlich aktiv waren und sind. Dazu gehört auch, dass sie beim Thema Arbeit ihr Gewicht in die Waagschale werfen und versuchen so eine Art Türöffner zu sein in die Betriebe. Zumindest was Hospitationen, Ausbildungsplätze und Praktika angeht, aber auch durch die Mitwirkung in betrieblichen Strukturen, zum Beispiel bei der Ausbildungsplanung zusätzliche Kapazitäten zu schaffen.

Ausgehend von diesen Erfahrungen, was sehen Sie als die größten Probleme für Geflüchtete auf dem Arbeitsmarkt?

Als Erstes die Hindernisse, die immer wieder von der Politik aufgebaut werden: Seien es die unterschiedlichen rechtlichen Stati, sei es die unterschiedliche Umsetzung verschiedenster Verwaltungsvorschriften, die in Schikane ausarten. Beispielsweise von Menschen, die einen Ausbildungsplatz haben, dann aber trotzdem von Abschiebung bedroht werden. Oder Gesetzesänderungen, wo in einem Monat andere Fristen gelten als im nächsten. Ein Betrieb, der bei der Einstellung die Wahl hat zwischen jemandem mit diesem unsicheren Rechtsstatus und jemandem mit einem sicheren Status, selbst wenn er vielleicht etwas weniger qualifiziert ist, tendiert meistens zu der Person mit dem sichereren Status. Umgekehrt ist es natürlich auch für Asylbewerber/innen schwer zu sagen: Ja ich starte jetzt voll durch mit einer Ausbildung oder suche einen Arbeitsplatz, wenn ich nicht weiß, ob ich morgen noch hier sein darf oder wie sich meine Rechtslage in Bezug auf den Arbeitsmarktzugang entwickelt. Weiterhin gibt es für Geflüchtete Arbeitsverbote oder räumliche Auflagen: Wer beispielsweise in einem Dorf mit hoher Arbeitslosigkeit zugeteilt wurde und da nur sehr schwer wegdarf, hat es schwer einen Arbeitsplatz zu finden.

Eine zweite Problematik sind Rechtspopulismus und Vorbehalte, die auch an den Betrieben nicht vorbeigehen. Auch dort gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich eher schwertun, Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern einzustellen, weil es rassistische Vorbehalte und Vorurteile gibt, die öffentlich auch noch befeuert werden.

Der dritte Bereich sind Arbeitgeber, bei denen Sozialpartnerschaft oder das Miteinander von Leitung und Mitarbeitenden nicht gelebt wird. Wo keine Anerkennungskultur herrscht, wo keine Tarifverträge gelten, wo die Tendenz hin zur Ausbeutung geht – da kriegen Geflüchtete häufig auch mal schnell einen Job, aber keine gute Arbeit. Da werden sie ausgebeutet, wie wir das beispielsweise in manchen Gaststätten erleben, oder im Tagelöhner-Bereich, oder auch in der häuslichen Pflege. In Betrieben dagegen, wo sowieso Sozialpartnerschaft gelebt wird, funktioniert meist auch die Integration von Geflüchteten ganz gut.

Der Niedriglohnsektor ist aber nun mal der Bereich, wo als erstes Arbeit zu finden ist, und viele Geflüchtete sind über solche Jobs froh, auch wenn es aus Ihrer Sicht keine gute Arbeit ist. Befindet sich Gewerkschaft da in einem Dilemma?

Das Problem ist, wenn Geflüchtete in solchen Arbeitsverhältnissen erst mal landen, kann es sein, dass sie dort nie mehr rauskommen, und dann werden alle Seiten weiterhin mit einem mittel- bis langfristigen Integrationsproblem zu kämpfen haben. Wir finden es sehr verständlich und unterstützenswert, dass Menschen schnell in Arbeit kommen, die das wollen. Deswegen haben wir auch über die Selbstverwaltung in der Bundesagentur für Arbeit neue Programme aufgelegt, wo während der Arbeitszeit über Freistellung oder nach der Arbeit Qualifizierung stattfinden kann und damit auch beruflicher Aufstieg vorbereitet wird. Das ist eine der größten Herausforderungen, vor der wir im Bereich Migration immer wieder stehen: Wie schaffen wir die Mobilität nach oben – von Menschen, die teilweise erst einmal zu Recht schnell Geld verdienen wollen.

Daneben gibt es auch Menschen, die gerade deshalb besonders gefährdet sind, weil sie dringend Geld brauchen, egal wie. Ich denke, niemand kann wollen, dass unterhalb des Mindestlohns zehn, zwölf Stunden am Tag gearbeitet wird, einfach nur aus der Not heraus. Derartige Ausbeutung beraubt Menschen ihrer individuellen Würde, senkt die Standards ab und ermöglicht Unternehmen Gewinne, die sie nicht auf diese Weise erzielen sollten.

Wie sind die praktischen Erfahrungen mit dem Ansatz „Arbeit plus Qualifizierung“?

Das ist gerade erst angelaufen und wir arbeiten daran, dass dieses Programm in den Betrieben und unter Geflüchteten bekannt wird. Wir wenden uns dabei, grob gesagt, an drei Gruppen Geflüchteter: Diejenigen, die mit einer Qualifikation gekommen sind, unterstützen wir bei der Anerkennung. Es funktioniert mittlerweile ganz gut, dass Betriebe über spezielle Programme Beschäftigte auch mal frei stellen für eine Nachqualifizierung oder praktisch Berufserfahrung sammeln lassen. Im Bereich Pflege zum Beispiel passiert das häufiger, aber auch im Metallbereich, unter anderem in Baden-Württemberg, weil es dort einen Qualifizierungs-Tarifvertrag gibt.

Die zweite Gruppe, diejenigen, die ohne formale Qualifikation in den Betrieben beschäftigt sind oder als Auszubildende tätig sind, können wir mit unseren bestehenden Strukturen gut unterstützen und auf Weiterbildung hinweisen – dass sie diese Möglichkeiten dann auch wahrnehmen, bleibt schwierig. Eine aktuelle Studie zeigt, dass unter Migrant/innen nur 6 Prozent betriebliche Weiterbildung in Anspruch nehmen, unter Nicht-Migranten immerhin 14 Prozent.

Die dritte Gruppe, sind die Geflüchteten, die stark von Ausbeutung betroffen sind. Diese können wir nur „von außen“ erreichen. Da greift beispielsweise das DGB-Projekt „Faire Mobilität“ oder auch andere Beratungsstrukturen und die Verbindung zu der direkten gewerkschaftlichen Arbeit vor Ort. Beispielsweise sprechen die Beratenden von Faire Mobilität zusammen mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) direkt die Menschen an und stehen ihnen mit Rat und Tat zur Seite, um aus ausbeuterischen Verhältnissen heraus zu kommen.

Trauen sich Menschen, die derart in der Defensive sind und häufig aus ihren Herkunftsländern gar keine Erfahrung mit Gewerkschaften haben, denn überhaupt solche Beratungsangebote anzunehmen?

Einige sind einfach froh, schnell Geld zu verdienen und wissen nichts über Beratungsangebote. Das wird schwierig bleiben und ist eine große Aufgabe, aber wir merken auch, dass beispielsweise der Flyer des DGB zu den grundlegenden Rechten zu zehntausenden rausgehen und gelesen werden. Die Leute wollen wissen: „Was ist der gesetzliche Mindestlohen, für wen gilt er?“ Für uns als Gewerkschaften bleibt parallel dazu die große Aufgabe, auch an die Arbeitgebenden heran zu kommen, die ausbeuterischen Strukturen zu bekämpfen und zum Beispiel noch stärker für die Überwachung der Einhaltung des Mindestlohns zu kämpfen. Die Arbeit mit den Betroffenen kann immer nur ein Teil sein.

Wie sind, gerade im Niedriglohnsektor, die Reaktionen der anderen Beschäftigten auf Kolleginnen und Kollegen mit Fluchterfahrung, überwiegt die Solidarität oder die Angst vor Konkurrenz?

Erstmal haben wir einen Grundkonsens in den Gewerkschaften, dass wir für fair gestaltete Einwanderung sind und für sichere Fluchtrouten für Menschen in Not. Trotz aller Debatten unter Kolleginnen und Kollegen ist das Beschlusslage in allen Gewerkschaften und beim DGB. Darauf sind wir stolz und dafür haben wir als Bildungswerk auch hart gearbeitet. Das müssen wir auch weiter tun, beispielsweise durch Seminare mit Beschäftigten und Betriebsrät/innen, damit dieser Konsens bestehen bleibt.

Die hohe Zahl an Geflüchteten hat viele existierende Missstände in der Arbeitswelt sichtbar gemacht: nehmen wir den Pflegebereich oder Gastronomie und Einzelhandel. Da sehen wir, dass viele Branchen einfach nicht mehr ordentlich sozialpartnerschaftlich organisiert sind und schlechte Arbeitsbedingungen bieten. Das wird sichtbar und teilweise erkennen die Leute nicht die Strukturen, die dafür verantwortlich sind, sondern lasten es den Geflüchteten an. Unsere Aufgabe besteht darin, genau diese Strukturen sichtbar zu machen, in unserer Bildungsarbeit also beispielsweise zu fragen: „Wie können wir deine Arbeitsbedingungen verbessern ohne deshalb Geflüchtete aus dem Betrieb herauszuhalten?“

Denn uns muss daran gelegen sein, dass alle Menschen, die hierherkommen, die gleichen Rechte haben und auch den gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt. Für die dafür nötigen Ressourcen müssen wir alle gemeinsam sorgen und auch für einen Wandel von der Willkommenskultur zur Anerkennungskultur für alle in den Betrieben. Das sind Forderungen, die wir zusammen mit unseren Betriebsrät/innen entwickeln. Letztlich geht es dabei auch darum, dass diejenigen, die mit den neuen Arbeiter/innen Geld verdienen wollen, diese Menschen auch anständig beteiligen und zu den gleichen Bedingungen beschäftigen.

Ergeben sich daraus neue Anforderungen an die Gewerkschaftsarbeit und damit an gewerkschaftliche Bildungsarbeit?

Als DGB-Bildungswerk Bund haben wir selbst einiges im Angebot. Darüber hinaus haben wir vor rund einem Jahr versucht, alles zusammenzustellen, was Gewerkschaften und gewerkschaftliche Bildungsträger vor Ort im Bereich Flucht und Migration an Bildungsveranstaltungen und Informationsangeboten haben. Daraus ist eine 40-seitige Excel-Liste geworden. Das heißt, es gibt wahnsinnig viel, wo Gewerkschaften beraten, informieren, begleiten. Ein paar Beispiele: Wir als DGB Bildungswerk haben gemeinsam mit anderen europäischen Gewerkschaften ein Pilotseminar für Betriebsräte und Ausbilder entwickelt zur Frage „Wie gehe ich mit Geflüchteten um, die als Azubis in meinem Betrieb sind?“, das wir im Oktober in Frankfurt durchführen werden.

In größerem Umfang gibt es Kurse für Geflüchtete selbst, zum Beispiel vom Berufsfortbildungswerk oder Arbeit und Leben, Sprach- und Integrationskurse, die schon erwähnte Beratung zur Anerkennung von Qualifikationen, oder beispielsweise das ehrenamtliche Mentoring-Programm „Integration-Schiene“, das Gewerkschaft und Arbeitgeber bei der Bahn gemeinsam aufgelegt haben. Ein Nebeneffekt solcher Programme kann natürlich auch sein, dass die Geflüchteten dann in die Gewerkschaft eintreten. Natürlich ist das nicht das Hauptziel, aber es kann am Ende eines solchen Prozesses stehen, dass auch die Geflüchteten ihre Perspektiven in die Gewerkschaftsarbeit einbringen, wie das ja auch die Migrant/innen der 60er und 70er Jahre stark getan haben. So können wir alle zusammen unsere Interessen als Arbeitnehmende lautstark vertreten.

Alle Programme und Projekte für Geflüchtete setzen sehr auf individuellen Zuschnitt, anders würde es auch nicht funktionieren: Wäre so eine Herangehensweise nicht auch für einen Teil der Langzeitarbeitslosen hilfreich? 

Abgesehen von den massiven Unterschieden bei Sprache und Rechtsstatus ähnelt sich bei der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Fluchthintergrund und der von Langzeitarbeitslosen vieles: beispielsweise das Prinzip, ressourcen- und potentialorientiert auf das Individuum zu schauen oder Orientierung, Qualifizierung und Geldverdienen miteinander zu verbinden, um langfristig Erfolg zu haben. Deswegen sind ja auch einige der Programme nicht speziell für Geflüchtete, die Einstiegsqualifizierungen in Ausbildung oder assistierte Ausbildung zum Beispiel sind ja für alle und werden jetzt auch für Geflüchtete genutzt. Zum Teil werden die Mittel endlich aufgestockt, weil wir jetzt eben mehr Menschen haben, die dafür in Frage kommen. Wir brauchen im Prinzip gar nicht „Integration für Flüchtlinge“, sondern „Integration für Alle“ in gute Arbeit und Ausbildung mit einer entsprechenden Anerkennungskultur.

Bieten die hohen Zahlen der Geflüchteten damit politisch die Chance, diesen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen?

Ja, man kann für bestimmte schon länger erhobene Forderungen jetzt auf mehr Aufmerksamkeit hoffen, wie zum Beispiel im Feld der Weiterbildungsförderung. Dass das Arbeitsministerium jetzt darüber nachdenkt, für Geflüchtete Sozialrechtsberatungen einzuführen, ist sicherlich auch ein Erfolg der Arbeit der Gewerkschaften und des DGB.
Im Bildungswerk nehmen wir zudem einen Aufschwung für unsere Themen wahr. Wir merken, dass beim Thema Migration und Flucht, wo wir seit vielen Jahren tolle Sachen entwickelt haben, jetzt plötzlich ein großes Interesse besteht. Zum Beispiel, wie man mit kultureller Vielfalt umgehen, wie man eine Betriebsvereinbarung zum Thema Gleichbehandlung schließen oder Integration auch ganz technisch vor Ort mit welchen Fördermöglichkeiten lösen kann.

Weiterführende Informationen:

Dieser Beitrag erschien in unserem Dossier „Arbeitsmarktintegration“ aus der Reihe „Welcome to Germany“.

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