Jüdische Lebenswelten und die Notwendigkeit integrativer politischer Bildung

Jüdische Lebenswelten und die Notwendigkeit integrativer politischer Bildung

Jüdische Lebenswelten sind so vielfältig wie die Menschen, die sie ausmachen und nicht jede/r möchte Identitätsbroker sein. Urheber: Bjørn Giesenbauer. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Anthropologin Dani Kranz beschreibt, welche Problematiken mit dem Sprechen über jüdische Lebenswelten einhergehen und was politische Bildung leisten muss, um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Die Anzahl der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden liegt irgendwo zwischen 200.000 und 250.000, weniger als 100.000 von ihnen sind Mitglieder in jüdischen Gemeinden. Im Verhältnis zur gesamten Einwohnerzahl der Bundesrepublik ist dies eine verschwindend kleine Gruppe und doch erfährt sie extrem viel Öffentlichkeit. Selbiges gilt für die etwa 20.000 israelischen Staatsbürger/innen und Menschen mit einem engeren und weiteren Migrationshintergrund Israel, die in Deutschland leben. Ihre Anzahl bleibt hemmungslos und wider aller Empirie – aber getreu dem Mainstreamdiskurs – überschätzt.

Jüdinnen und Juden als Sinnbild

Die geschichts- und identitätspolitischen Gründe für die Überaufmerksamkeit, die Juden und Jüdinnen ebenso wie Israelis erfahren, liegen relativ offensichtlich auf der Hand. Sie reichen von den Spätfolgen der deutschen Geschichte zu darauf aufbauenden Identitätsinvestments in Israelis und direkt daran anschließend in Palästinenser/innen. Die gesamtgesellschaftliche Tendenz seit 1967 zeigt eine Polarisierung an. Überspitzt gesprochen ist man pro- oder contra israelisch oder pro- oder contra palästinensisch. Ausgewogenheit ist selten.

Lokale Jüdinnen und Juden – also die, die nicht israelische Staatsbürger/innen sind – sind von diesen Tendenzen mitbetroffen, da von ihnen immer wieder eine Positionierung zum Thema Naher Osten erwartet wird. Ebenso werden sie immer wieder auf ihr Verhältnis zu lokalen Muslimen und Musliminnen angesprochen oder Ihnen wird die Frage gestellt, ob sie seit 2015, also seit der diskursiv konstruierten Flüchtlingskrise von mehrheitlich muslimischen Menschen, mit mehr Antisemitismus konfrontiert sind.

In mancherlei Hinsicht mutet diese Gemengelage vor allem in Bezug auf die jüdisch/muslimisch und israelisch/arabische Komponente paradox an. Sowohl diasporische Jüdinnen und Juden als auch Musliminnen und Muslime sind immer wieder dazu angehalten, eine Art Offenbarungseid zu leisten und ihre Beziehungen oder auch Nichtbeziehungen zu den Konfliktparteien im Nahen Osten zu reflektieren und zu verbalisieren, obwohl gleichzeitig die Erwartung existiert, dass sie sich mit dem Land, in dem sie leben – also Deutschland – identifizieren.

Das Paradox, das hier zu Tage tritt, weist auf einen deutschen Zustand hin: Der Nahe Osten, ebenso wie die Migrationsbewegungen von Musliminnen und Muslimen im Rahmen der Anwerbeabkommen aus der Wirtschaftswunderzeit, die zu Simmelschen[1] Gästen, die Fremde wurden, führten, und das (Über-)Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland sind zentrale Elemente in der Identitätskonstruktion der deutschen Mehrheitsbevölkerung.

Gerade wie zentral der Nahe Osten in der Trias Juden/Muslime/andere Deutsche ist, stellt sich beeindruckend durch den Diskurs – weniger durch die Dokumentation selbst –„Auserwählt und Ausgrenzt“ dar. Von Arte in Auftrag gegeben, verweigerte der Sender die Ausstrahlung des Films über Antisemitismus. Eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Motive brach aus, die Bild-Zeitung stellte die Doku online, die ARD strahlte sie in Konsequenz aus – und die Debatten für und wider die Doku, über den neuen und alten Antisemitismus, ergriffen das Land. Diskrepanzen in der Wahrnehmung und Interpretation der Doku gaben vielschichtige und ebenso vielschichtig verstörende Einblicke in die wortgewaltig ausgetragenen, diskursiven Differenzen der Gegenwartsgesellschaft. Was sich allerdings herauskristallisierte, ist, dass Jüdinnen und Juden ebenso wie Musliminnen und Muslime ein Sinnbild darstellen: eine Art gegenwärtiges, wenn auch historisch entstandenes Sittengemälde der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft in ihren diversen Facetten, Widersprüchen, Diskrepanzen – aber auch ihrer dynamischen Lebendigkeit.

Ein neuer Antisemitismus

Wie alle anderen Minderheiten auch, sind Jüdinnen und Juden allerdings keine bloßen Projektionsflächen. Sie sind Akteurinnen und Akteure, wenn auch nicht in dem Maße, wie es die überbordende Aufmerksamkeit erfordern würde, da sie im Verhältnis ganz einfach nur wenige – viel zu wenige – sind.

Nicht jeder ist aktiv und das (öffentliche) Sprechen über die eigene Identität, die eigene Lebenswelt ist anstrengend. Nicht jede/r „Betroffene“ will Identitätsbroker sein. Die öffentliche Präsenz impliziert die Sprechenden ebenso wie die engeren Sozialkontakte. Ebenso verlangt dieses öffentliche Sprechen nicht nur ein sich outen, sondern auch den Willen, immer wieder nachzuhaken, wenn ein Zitat aus dem Kontext gerissen wird, es Applaus von der falschen Seite gibt, wenn empirische Daten ideologisch verwurstet und verstümmelt werden oder wenn immer wieder die eigene Expertise mit dem Disclaimer eingeleitet wird, dass die sprechende Person Wissenschaftler/in Jüdin oder Jude – oder lieber qua Adjektiv „jüdisch“ – sei. Dies markiert die Ingroup, unterminiert aber gleichzeitig den Expert/innenstatus, hinterfragt das Motiv der Sprechenden und versetzt sie folglich in die Zwangslage, eine empathische, reflexive Nähe zu erklären, bevor die- oder derjenige sich thematisch mitteilt.

Jüdinnen und Juden, die sich öffentlich äußern, erlauben qua kategorischer Zugehörigkeit Einblick in ihre individuellen Lebenswelten. Diese Einblicke sollten nicht mit Tendenzen der Grundgesamtheit verwechselt werden. Hier fehlen Daten – was eigenartig anmutet, da Themen, die im weitesten Sinne mit jüdischer Geschichte zu tun haben, bestens, nahezu obsessiv, beforscht werden. Jüdische Lebenswelten jedoch kommen in der Forschung zu kurz, Israel-Studien noch kürzer. Beide Gebiete sind zwei Seiten einer Medaille, da Jüdinnen und Juden und der jüdische Staat im direkten Zusammenhang stehen, egal ob im Antisemitismus – wie die vieldiskutierte Arte-Doku zeigt – oder ob im Philosemitismus.

Israel und der Nahostkonflikt sind zentrale Elemente in der Konstruktion eines neuen, wenn auch auf historischen Elementen beruhenden, jedoch kolonial und postkolonial beeinflussten Antisemitismus. Und dieser neue Antisemitismus ist keinesfalls auf Migrantinnen und Migranten abzuwälzen, er ist Teil von gesamtgesellschaftlichen Zuständen und hat sowohl historische Kontinuitäten als auch neue Qualitäten. Veränderung ist die einzige Konstante, die menschliche Gesellschaften kennen – und warum sollte gerade Antisemitismus anderen Mechanismen unterliegen?

Integrative politische Bildung als Schlüssel

Gerade durch die extremen Grundhaltungen, die in Form des von Zygmunt Bauman (1998) treffend beschriebenen „Allosemitismus“ nebeneinander und gegeneinander existieren, sind Jüdinnen und Juden in ihren Lebenswelten gesellschaftlich gefordert, denn die Verwobenheit ihrer Lebenswelten im gesellschaftlichen Kontext erfordert den Austausch, das gegenseitige Kennenlernen, das voneinander Lernen, das sich miteinander Auseinandersetzen. Bauman hatte das Konzept im Rahmen einer Bestandsaufnahme über Vorstellungen über Juden in der Prämoderne, Moderne und Postmoderne eingeführt.

In jeder dieser Epochen existierten konträre Vorstellungen über Jüdinnen und Juden. Je nach Verhältnis zur Mehrheit, aber auch je nach soziokulturellen Gegebenheiten wirkten diese sich entsprechend auf Jüdinnen und Juden aus: Möglichkeitsfenster öffneten oder schlossen sich wieder, staatsbürgerliche Rechte existierten oder wurden entzogen, Juden wurden als hyperintelligent verehrt oder als Brunnenvergifter verfolgt. Diesen diversen, durch die soziokulturelle und soziohistorische Gemengelage konstruierten Judenfantasien muss im Rahmen einer theoretischen Zeit- und Diskursanalyse ebenso wie durch angewandte Wissenschaften entgegengetreten werden, da Jüdinnen und Juden sonst in irgendeiner Form immer ultimativ andere bleiben.

Diesem Zustand ist nur durch gezielte integrative politische Bildung im schulischen und außerschulischen Bereich beizukommen, die in einer breiten Allianz aus Bildungsträgern und flächendeckenden Projekten wurzelt. Denn die wenigen Jüdinnen und Juden, die noch dazu in eine Altersgruppe[2] fallen, die ihnen derartige Aktivitäten erlaubt, können dieses nicht leisten – und sollten dies auch nicht leisten müssen.

Um also den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt in dieser komplexen Gesellschaft zu erhalten und zu sichern und um die Dynamiken der Gegenwartsgesellschaft inklusive ihrer wachsenden Radikalisierung aufzuhalten, sind Investments nötig. Diese müssen die gesamtgesellschaftliche Integration und die Aushandlungsprozesse der Akzeptanz des Andersseins stützen, ohne dass diese paternalistisch aufoktroyiert werden.

Jüdinnen und Juden und der offensichtlicher gewordene Antisemitismus – aktuell nicht zuletzt sichtbar geworden an dem Diskurs um die Dokumentation „Auserwählt und Ausgrenzt – sind ein Sinnbild hierfür, aber die unterliegende Problematik ist bei weitem komplexer. Sie begann weit vor 2015 und weit vor der Debatte um die Dokumentation und verlangt politische und sozialwissenschaftliche Bildung von Kindesbeinen an, denn einzelne Jüdinnen und Juden – zeitweise als Rent A Jew auftretend oder auch als Aktivist/innen in Initiativen wie der Berliner Salaam-Schalom-Initiativekönnen punktuell Abhilfe leisten, aber nicht gesamtgesellschaftlich. Dieses kann und muss in einem viel größeren, staatlich geförderten, gestützten und geschützten Rahmen geschehen und es kann und darf nicht einzelnen Akteur/innen überantwortet werden.

 

[1] Georg Simmel prägte 1908 die Unterscheidung des “Fremden” vom “Gast”. Während der Gast ein vorübergehender Besucher ist, kommt der Fremde, um zu bleiben. Darin wiederum liegt laut Simmel das be”fremd”liche. Die Fremdheit der Gäste, die bleiben, wird folglich nach Simmel in dem Moment konstruiert, in dem sie bleiben (wollen).

[2] Zu den maximal 250.000 in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden zählen natürlich auch Kinder und ältere Menschen.

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