Veranstaltungsdokumentation: "Afro.Deutschland"

Veranstaltungsdokumentation: "Afro.Deutschland"

Die Diskussion im Anschluss an den Film vertiefte das Thema Rassismus und Ausgrenzung von Schwarzen Menschen in Deutschland. Urheber: Heinrich-Böll-Stiftung. All rights reserved.

Am 07.09. zeigte die Heinrich-Böll-Stiftung den Film „Afro.Deutschland“ und veranstaltete anschließend eine Podiumsdiskussion. Finja Henke war dabei und berichtet von ihren Eindrücken.

„Immer werde ich gefragt, wo ich herkomme, als ob man nicht deutsch und Schwarz sein kann. Dieses Bild, dass Deutsche weiß und blond und blauäugig sind, das stimmte nie und das wird auch nie stimmen, denn es ist ein Mythos!“

Doch ist dieser Mythos immer noch vorherrschend in vielen Köpfen und Ausdruck vom tief verwurzelten Rassismus in Deutschland. In der Deutsche Welle-Dokumentation „Afro.Deutschland“ schildert die Journalistin und TV-Moderatorin Jana Pareigis ihren persönlichen Weg, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen und mit Ausgrenzung und Rassismus umzugehen. Denn ihre Hautfarbe erlebte sie auch als Makel: „Als Kind wollte ich weiß sein."

Am 07.09. zeigte die Heinrich-Böll-Stiftung den Film „Afro.Deutschland“ und veranstaltete anschließend eine Podiumsdiskussion mit Bafta Sarbo, Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), Jamie Schearer-Udeh, Mitbegründerin und Vorstandsvorsitzende des Europäischen Netzwerk für Menschen afrikanischer Abstammung (ENPAD), Tayo Onutor, Sängerin, Songwriterin und politische Aktivistin und Jana Pareigis. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mekonnen Mesghena von der Heinrich-Böll-Stiftung.

In ihrem Film begibt sich Jana Pareigis auf Recherchereise und begegnet anderen Afro-Deutschen wie dem Rapper Samy Deluxe oder dem Zeitzeugen Theodor Wonja Michael. Bereits die Erfahrungen des Aufwachsens unterscheiden sich deutlich; die Familie, das soziale Umfeld, die Sozialisation und auch Stadt-Land-Unterschiede prägen die jeweiligen Geschichten der Menschen, die Jana Pareigis besucht. Doch ziehen sich auch rote Fäden durch viele Geschichten, wie nicht zuletzt die Erfahrung von rechter Gewalt.

Eine Diskussion im Anschluss an den Film vertiefte das Thema Rassismus und Ausgrenzung von Schwarzen Menschen in Deutschland und stellte die Widersprüche eines Landes dar, das einerseits heute für Willkommenskultur steht, andererseits jedoch auch für die rassistische Ideologie der NS-Diktatur und das sich mit der Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus nur unzureichend bis überhaupt nicht beschäftigt.

Rassismus spricht aus Wörtern

Ein Angelpunkt der Diskussion war die Bedeutung von Sprache und Bildern für die Reproduktion von Rassismus. Ein Beispiel ist die Verwendung der Begriffe „Stamm“ oder „Ethnie“ oder auch die Sprache im Fluchtdiskurs, die sich nicht selten einer bedrohlich wirkenden Wassermetaphorik bedient.

Tayo Onutor führt die Macht und die Hartnäckigkeit rassistischer Sprache – sowie die Lernresistenz der bundesdeutschen Öffentlichkeit an einem besonders eindrucksvollen Beispiel vor: Die rassistische Bezeichnung für Sinte*zza und Rom*nja findet sich nach wie vor auf Lebensmitteln in deutschen Supermärkten – und das trotz seiner Instrumentalisierung nicht zuletzt zur Zeit des nationalsozialistischen Völkermordes. Unverständnis herrscht auch im Publikum, darüber, weshalb die Stimmen der Sinte*zza und Rom*nja bis heute nicht gehört werden.

Nicht zuletzt im journalistischen Bereich ist deshalb die Auseinandersetzung mit den konkreten Folgen der Sprachverwendung elementar. An einigen Stellen ist rassistischer Sprachgebrauch jedoch durchaus gewollt, ganz bewusst werden bestimmte Assoziationen hervorgerufen und politisch instrumentalisiert. Jana Pareigis erzählt von Anfeindungen, die ihr nach der Veröffentlichung der Dokumentation auf YouTube oder per E-Mail entgegenschlugen.

Besonders problematisch ist die Tatsache, dass sich solche Erfahrungen ganz konkret in messbaren Stresszuständen für die betroffenen Personen festmachen lassen. „Rassismus tötet. Das ist statistisch erwiesen“, sagt Jana Pareigis unter Verweis auf eine Studie, die Rassismus als Stresszustand ausmacht, der die Betroffenen früher sterben lässt.

Doch Rassismus, das ist in Deutschland für diejenigen, die nicht betroffen sind, zu häufig noch Sache der anderen. Bafta Sarbo berichtet von dem Druck, stets fehlerloses Vorbild sein zu müssen, keine rassistischen Stereotype zu bedienen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Dabei werden Hass und rechte Hetze, rassistische und rechtspopulistische Ideologien nicht selten von Teilen der gesellschaftlichen Mitte (re-)produziert. Jana Pareigis betont, dass nur eine „Gesellschaft der Vielen“ Auswege bietet.

Warum Rassismus so hartnäckig ist – und was wir dagegen tun können

Sozialisation, Bilder, Sprache und Geschichten reproduzieren Rassismus – immer und immer wieder. Jamie Schearer-Udeh betont, wie bedeutend es ist, wer wie in Büchern dargestellt wird – und ob überhaupt. So werden in Kinderbüchern kaum Schwarze Personen als Heldinnen und Helden abgebildet. Das ist problematisch – denn ob auf Zeichnungen oder als real greifbare Bezugsperson in Bildungseinrichtungen wie Kindergärten oder Schulen: Es bedarf genau solcher Vorbilder, Menschen, die selbst ähnliche Rassismuserfahrungen gemacht haben, mit denen sich das Kind identifizieren kann.

Ebenso zentral ist es, jene Personen, die im Bildungsbereich tätig sind, für das Thema Rassismus zu sensibilisieren. Die Besetzung von Entscheidungspositionen entspricht dabei nicht annähernd dem Anteil der Personen mit Migrationshintergrund und/oder aus Einwandererfamilien in der Gesamtbevölkerung. Solange Medien die Gesellschaft nicht ansatzweise widerspiegeln, werden deutsche Kolonialgeschichte, Rassismus oder ein positives und differenziertes Bild von Afrika weiterhin sowohl aus Schulbüchern als auch aus dem Fernsehprogramm weitgehend verbannt bleiben.

Die Gäste sind sich einig: Das muss sich dringend ändern. Rassismus als Machtposition setzt jedoch die gesellschaftliche Macht einer Gruppe über eine (oder mehrere) marginalisierte andere voraus. Hinzu kommt, dass sich verschiedene Herrschaftssysteme gegenseitig verstärken. So spielen etwa die soziale Klasse und das soziale Geschlecht eine ebenso große Rolle bei der Diskriminierung einer Person. Für einen tatsächlichen Wandel sei deshalb mehr nötig als eine gerechtere Besetzung von Spitzenpositionen, betont Bafta Sarbo.

Besonders angesichts der aktuellen Situation von Geflüchteten in Deutschland, sollte keine Abgrenzung von verschiedenen Gruppen stattfinden, sondern ein gemeinsamer Kampf gegen Rassismus und rechte Gewalt. Die Stimmen der Betroffenen hörbar machen, wie z.B. durch Formate wie das bundesweite  Tribunal „NSU Komplex auflösen“ mit dem Ziel, aus der Perspektive der Betroffenen anzuklagen. Das Ziel sollte gelebte Solidarität sein – und das innerhalb marginalisierter Gruppen ebenso wie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Zentral dafür sind die Geschichten von Geflüchteten, von Migrantinnen und Migranten und von Kindern aus Einwandererfamilien. Nur so werden am Ende auch hartnäckige Kategorisierungen wie „Deutsch(-sein)“ hinterfragt.

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