Die Gesundheit geflüchteter Frauen stärken

Die Gesundheit geflüchteter Frauen stärken

Die zentrale Frauenbeauftragte der Charité, Christine Kurmeyer, und die Migrationsforscherin Ingar Abels stellen zwei Berliner Initiativen vor, die mit Gesprächskreisen zum Thema Frauengesundheit Gemeinschaftsunterkünfte besuchen und in Form eines Runden Tisches Akteur/innen in der Unterstützung geflüchteter Frauen vernetzen.

Universitätsklinikum Charité – Urheber: INTERRAILS. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Das Universitätsklinikum Charité fördert seit 2015 die Gesundheit geflüchteter Frauen mit mobilen Gesprächskreisen zum Thema Frauengesundheit und einem Runden Tisch zur Verknüpfung des Hilfenetzwerks der Unterstützungsangebote in Berlin.

Geflüchtete Frauen unterscheiden sich auch nach ihrer Ankunft in Deutschland in ihren gesundheitlichen Bedürfnissen vielfach von Männern. Zum Beispiel haben geflüchtete Frauen häufig geschlechtsspezifische Traumatisierungen erfahren, gleichzeitig erschwert fehlende Kinderbetreuung den Zugang zu medizinischer Versorgung. Geflüchtete Frauen und Hilfsorganisationen haben wiederholt verschiedene Hindernisse in der medizinischen Versorgung von geflüchteten Frauen identifiziert, die dringliche Maßnahmen zur Unterstützung erforderlich machen.

Die räumliche Enge und die fremde Umgebung, in der geflüchtete Menschen in Sammelunterkünften leben, leistet sexualisierten Übergriffen und Diskriminierungen Vorschub und verhindert oftmals die Artikulierung eigener – geschlechtsspezifischer – Bedürfnisse oder gesundheitlicher Probleme.

Beispielsweise gibt es in einigen Notunterkünften keine geschlossenen Räume bzw. abschließbare Waschräume. Die Verantwortung für mitreisende Kinder und Angehörige erschwert es insbesondere Frauen, Angebote der medizinischen Versorgung wahrzunehmen. Auch die gynäkologisch-geburtshilfliche Versorgung ist für geflüchtete Frauen oft nur schwer zu organisieren.

Sprachprobleme erschweren die Verständigung und das notwendige Vertrauensverhältnis hinsichtlich Anamnesestellung, Diagnose und Therapie erheblich. Trotz zahlreicher Maßnahmen und Projekte zur Betreuung fehlen häufig im Alltag die Ressourcen für insbesondere weibliche Dolmetschende. Hilfreich wäre hier ein Pool von Sprachmittlerinnen, der für alle Akteure in der Unterstützung von Geflüchteten erreichbar ist.

Wichtig wäre dabei vor allem, eine Qualitätskontrolle für diese Tätigkeiten einzurichten und den durchführenden Personen Supervision zu bieten, da in den Gesprächen häufig von traumatischen Erlebnissen die Rede ist. Sonst besteht die Gefahr einer sekundären Traumatisierung der Dolmetschenden oder auch verfälschter Übersetzungsleistungen. Darüber hinaus leidet die Qualität der Sprachmittlung unter den prekären Arbeitsverhältnissen, in denen diese Tätigkeiten durchgeführt werden.

Außerdem berichten geflüchtete Frauen über diskriminierende Behandlungen auf den Ämtern, aber auch im medizinischen Gesundheitssystem. Die Formalitäten zur Wahrnehmung medizinischer Versorgungsmaßnahmen und das Vergütungssystem sind nach wie vor uneinheitlich und für viele Geflüchtete nur schwer verständlich. Im System mit Krankenschein entscheidet häufig das nicht-medizinische Personal auf dem Sozialamt darüber, ob Spezialbehandlungen stattfinden dürfen oder nicht.

Solche Entscheidungen werden sehr häufig als willkürlich und intransparent erlebt. Schlechte Erfahrungen im Umgang mit Behörden und Angst vor einer möglichen Abschiebung führen auch dazu, dass die Frauen den medizinischen Autoritäten vor Ort mitunter nicht vertrauen. Nicht zuletzt sind psychosoziale Themen und gynäkologische Fragestellungen für die Frauen oft mit Scham verbunden.

Ausgehend von einer Initiative des Landesfrauenrats Berlin entstand daher im Jahr 2015 an der Charité ein Projekt zur Förderung der Frauengesundheit in Form von Gesprächskreisen mit geflüchteten Frauen. Die Begegnungen in Gesprächskreisen, in denen ausschließlich Frauen aus einer Reihe von verschiedenen Ländern anwesend sind, schaffen dabei eine Vertrauensbasis. Das Projekt ruht auf drei zentralen Säulen:

1. Gesprächskreise: Die Frauen werden direkt vor Ort in den Unterkünften kontaktiert. So können verschiedene Sprachen bzw. Analphabetismus berücksichtigt werden. Zudem wird eine kostenlose Kinderbetreuung organisiert, damit die Teilnahme nicht an dieser ersten möglichen Hürde scheitert.

Eine kleine Gruppe von Frauen der Charité – eine Gynäkologin und verschiedene Beraterinnen sowie muttersprachliche Dolmetscherinnen für Arabisch, Farsi und andere benötigte Sprachen – besuchen die geflüchteten Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften. In einem Vortrag wird über Themen wie weibliche Anatomie, Verhütung, Schwangerschaft und Krebsvorsorge gesprochen. Dabei wird bspw. auch das Abtasten der Brust zur Krebsvorsorge mit Brustmodellen geübt.

2. Passgenaue ärztliche Behandlung: In anschließenden, vertraulichen Einzelgesprächen können schließlich individuelle Probleme aufgegriffen und Fragen erörtert werden. Eine evtl. notwendige Therapie in einem örtlich nahegelegenen Krankenhaus kann geplant und organisiert werden.

3. Wissenschaftliche Begleitung: Im Rahmen einer Kurzrückmeldung zur Veranstaltung und einer umfangreichen Erhebung mittels eines Fragebogens zu gynäkologischen Themen können wichtige Daten zur Versorgungsforschung über die aktuelle familiäre Lage und gesundheitliche Versorgung der Frauen sowie weitere Bedarfe für zukünftige Veranstaltungen erhoben werden. In qualitativen Interviews werden außerdem Daten zu den Ressourcen und Resilienzfaktoren geflüchteter Frauen erhoben und publiziert.

Bisher wurden mehr als 24 Veranstaltungen in 22 Gemeinschafts- und Notunterkünften durchgeführt (Stand Oktober 2017). Dabei haben mindestens 300 Frauen im Alter von 13 bis 74 Jahren die Gesprächskreise besucht. Das Projekt wurde ursprünglich von der Senatsverwaltung Bildung, Jugend und Wissenschaft gefördert und wird jetzt von der Senatsverwaltung Wissenschaft und Forschung unterstützt.

Gesprächskreise für geflüchtete Frauen in Berlin

Die Durchführung eines Gesprächskreises erfordert eine gute Vorbereitung sowohl der Betreuenden in den Unterkünften als auch der dort lebenden Frauen. Die Veranstaltungen finden meist am frühen Abend statt und werden ausschließlich von Frauen durchgeführt (Gynäkologin, Dolmetscherinnen und Wissenschaftlerinnen).

In der Regel entsteht im Verlauf der Veranstaltungen eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre, in der die Teilnehmerinnen sich immer wieder trauen, auch intime Fragen z.B. zu Geschlechtskrankheiten oder Verhütungsmitteln zu stellen. Innerhalb der Gruppe wird auch über sehr belastende Erlebnisse offen gesprochen.

Im Rahmen einer einfachen Rückmeldung zur Resonanz der Gesprächskreise bei den Teilnehmerinnen wurde ein Kurz-Fragebogen entwickelt, der demographische Rahmendaten, insbesondere aber die Veranstaltungen selbst evaluiert. Die Rückmeldungen der Teilnehmerinnen fielen dabei bisher ausgesprochen positiv aus: Über 93 Prozent bewerteten die Veranstaltung im Rahmen eines Kurz-Fragebogens als gut (Antwortmöglichkeiten: gut – mittel – schlecht). Dieses Ergebnis deckt sich mit dem Eindruck des Teams: Die Teilnehmerinnen sind im Allgemeinen außerordentlich interessiert auch wenn – etwa wegen Kinderbetreuung im gleichen Raum – der Geräuschpegel teilweise hoch ist.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die geflüchteten Frauen einen erhöhten Informationsbedarf haben, der durch die konventionellen Kanäle nicht gedeckt werden kann. Dies betrifft nicht nur die Zugangsmöglichkeiten zum Gesundheitsversorgungssystem, sondern auch allgemeine Unterstützungsangebote. In der Evaluation wurde häufig der Wunsch nach weiteren Veranstaltungen zu folgenden Themen genannt:

  • Psychologie und Erziehung (z.B. Psychotherapie und Familientherapie)
  • Frauengesundheit (hier wurde explizit Brustkrebs, Frauenkörper, Schwangerschaft, genitale Beschneidung etc. als mögliches Thema benannt
  • Andere medizinische Themen (Haut, Haare, Ernährung, Infektionen)
  • Arbeit (Ausbildung, Schulabschluss etc.)

Aus diesem Grund wird das Angebot der Gesprächskreise zurzeit um die Themen „Seelische Gesundheit“ und „Erziehung und Familie“ erweitert. Hierfür kooperiert das Projekt mit IPSO e-care, einem Angebot zur psychosozialen Online-Beratung und einer Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche um ein interaktives Vortragskonzept zu entwickeln.

Die individuellen Bedarfe geflüchteter Frauen zu thematisieren, das ist äußerst sinnvoll. Nicht zuletzt, weil ihr (gesundheitliches) Wohlbefinden und ihre Bildung langfristig einen wichtigen Faktor für ein gelingendes Ankommen in Berlin darstellen. Überdies üben Frauen als Zielgruppe auch einen unmittelbaren Einfluss auf die nachfolgende Generation aus.

Die zentralen Erkenntnisse der ersten Daten können folgendermaßen zusammengefasst werden:

Rund 80 Prozent der bisher befragten geflüchteten Frauen in den Gemeinschaftsunterkünften haben Kinder. Die Verantwortung als Mutter ist einerseits schwer zu vereinbaren mit Bildungs-, Ausbildungs- oder Integrationsmaßnahmen, stellt aber andererseits auch ein großes Motivationspotential dar. Abhängig von der Herkunft der teilnehmenden Frauen ist der Bildungsstand verhältnismäßig hoch, wobei sich die Berufserfahrungen oft auf eine informelle Ausübung haushaltsnaher bzw. ungelernter Tätigkeiten beschränken.

Häufig wird die Kommunikation in medizinischen Behandlungssettings von den Frauen als sehr eingeschränkt beschrieben, insbesondere wenn die ärztliche Betreuung durch einen Mann erfolgt und keine professionellen Dolmetscherinnen vorhanden sind. Daher bleibt der Bedarf für fortführende Präventionsmaßnahmen weiterhin groß.

Aus den Erfahrungen der Projektmitarbeiter/innen lässt sich ableiten, wie wichtig ein Angebot ist, dass sich explizit an Frauen richtet. Demnach ist es grundlegend, dass ein Raum entsteht, in dem Frauen ungestört unter sich sprechen können. Dieses Zu-Wort-Kommen-Lassen ist lediglich mit einer kompetenten Sprachmittlung durch Frauen möglich. Dabei hat sich Humor immer wieder als Türöffner für einen vertrauensvollen Zugang herausgestellt.

Darüber hinaus müssen Angebote zur Unterstützung von geflüchteten Frauen sensibel mit kulturellen Differenzen und den spezifischen Belastungen durch Flucht- und Gewalterfahrungen umgehen. Sich Zeit zu nehmen und zuzuhören sind essentiell, um den teilnehmenden Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Anliegen und Wünsche zu äußern und diese dann letztlich an die Politik weiterzutragen.

Runder Tisch für geflüchtete Frauen

Aus den oben beschriebenen Erfahrungen wird deutlich, wie wichtig eine Vernetzung mit allen Akteur/innen der Stadt Berlin ist, die in der Unterstützung geflüchteter Frauen aktiv sind. Aus diesem Grund entstand im Herbst 2016 ein Runder Tisch für geflüchtete Frauen. Als gemeinsame Initiative des Projekts „Women for Women“ und des Landesfrauenrats Berlin werden – unabhängig und überparteilich – Einzelpersonen und Organisationen eingeladen, die in der Begleitung und Betreuung geflüchteter Frauen in Berlin engagiert sind, um Beratungs- und Hilfsangebote speziell für weibliche Geflüchtete zu sammeln und sichtbar zu machen. Die Treffen der Mitglieder finden in den Räumen der Charité alle zwei Monate statt, der Runde Tisch existiert aber auch virtuell als Webseite: https://rundertisch.lfr-berlin.de/

Das besondere Merkmal der auf der Website gesammelten Beratungsoptionen ist auch ihre Vielsprachigkeit: Materialien stehen in einer Reihe von Sprachen zur Verfügung, manche Initiativen haben sich beispielsweise auf Sprachen wie Tigrinya spezialisiert.

In folgenden Handlungsfeldern werden Angebote und Initiativen aufgeführt: Gesundheit, Arbeit und Bildung, Wohnen und Recht und Soziales, Gewaltschutz.

Zum Thema Gewaltschutz sind am Runden Tisch beispielsweise Frauenhäuser, Beratungsstellen und mobile Angebote organisiert, die sich in Berlin explizit an die Beratung von geflüchteten Frauen richten, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Gleichermaßen werden Beratungsangebote für Sozialarbeitende gesammelt, die mit Frauen arbeiten, die häusliche Gewalt erleben. So können Angebote der Krisenintervention, aber auch Informationen über rechtliche und polizeiliche Anlaufstellen sowie andere Hilfs- und Unterstützungsangebote schnell vermittelt werden.

Zu den in diesem Bereich engagierten Akteur/innen gehören Expert/innen für die Implementierung von Mindeststandards zum Schutz vor häuslicher Gewalt. Diese können andere Teilnehmerinnen des Runden Tisches informieren und in Unterkünften oder Behörden Inhouse-Fortbildungen anbieten und dabei ihr Erfahrungswissen und die wissenschaftliche Expertise zum Thema effizient weitergeben.

Ziel ist es, möglichst viele Initiativen und Personen, die in diesem Bereich engagiert sind, miteinander bekannt zu machen, damit sie ihre Erfahrungen teilen können. Somit werden Parallelstrukturen vermieden, und politische Perspektiven, zum Beispiel der Umgang mit besonders schutzbedürftigen Geflüchteten, können gemeinsam entwickelt und mit mehr Druck verfolgt werden.

Denn am Runden Tisch finden sich auch Akteurinnen aus der Verwaltung, beispielsweise aus der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, die hier direkt von Expert/innen aus der Praxis über Erfahrungen und Bedarfe in der Arbeit mit geflüchteten Frauen erfahren können und die anderen Teilnehmer/innen wiederum über ihre Arbeit informieren können. Für die Mitglieder des Runden Tisches stehen darüber hinaus in einem gesonderten Bereich individuelle Kontaktadressen der beteiligten Institutionen und Personen zur Verfügung, um im akuten Einzelfall auf kurzem Weg und persönlich die bestmögliche Unterstützung zu finden.

Weitere Informationen: https://femalerefugees.charite.de/ und https://rundertisch.lfr-berlin.de/

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