"Mehr als nur ein Projekt, sondern gute Beziehungen": Partizipation als Grundlage für Empowerment

"Mehr als nur ein Projekt, sondern gute Beziehungen": Partizipation als Grundlage für Empowerment

Die Sozialanthropolog/innen Hansjörg Dilger, Laura Scott und Camila von Hein schildern in ihrem Beitrag „Partizipation als Grundlage für Empowerment“ eine studentische Initiative, in der geflüchtete Frauen partizipativ in einem Forschungskollektiv ihre Anliegen thematisieren und gemeinsam Materialien entwickeln, die Frauen mit Fluchterfahrung helfen, ihren Alltag in Berlin besser zu bewältigen.

Auschnitt des Feedbacks aus einer Seminarsitzung. Urheber: Hansjörg Dilger. All rights reserved.

Wie erfahren geflüchtete Frauen*[1] das deutsche Asylsystem? Welche spezifischen Bedingungen prägen ihre Unterbringung in Sammel- und Notunterkünften in Berlin? Welche Bedürfnisse und Anliegen haben sie in dieser Situation? Diese Fragen waren der Ausgangspunkt des studentisch initiierten Forschungsprojekts, das wir im Wintersemester 2015/16 an der Freien Universität Berlin durchführten. Angeregt wurde dieses Vorhaben vom International Women’s Space (IWS), einer selbstorganisierten aktivistischen Gruppe, die seit 2012 für die Verbesserung der Lebensbedingungen geflüchteter und migrierter Frauen* in Deutschland arbeitet.

Zum einen gab es im Jahr 2015 eine sozialwissenschaftliche Leerstelle, die sowohl die sozialen und kulturellen Hintergründe geflüchteter Frauen* als auch ihre eigenen Wahrnehmungen der Lebensbedingungen in Not- und Sammelunterkünften betraf. Mehrere Berichte begannen zu diesem Zeitpunkt, auf die besondere Vulnerabilität von Frauen* in Bezug auf geschlechtsspezifische Gewalt, auf Marginalisierung und Ausbeutung im Kontext von Flucht zu verweisen (z.B. UNHCR 2016; Berliner Zeitung 2016).

Zum anderen gab es auch in der öffentlich-medialen Diskussion kaum eine empirisch fundierte Thematisierung der besonderen Erfahrungen, die Frauen* im Zusammenhang von Flucht und forcierter Migration machen. Vielmehr wurden Geflüchtete in der öffentlichen Diskussion meist mit Blick auf männliche* Personen repräsentiert und weibliche* Perspektiven und Themen im Kontext von Flucht und Asyl dadurch an den Rand gedrängt. Darüber hinaus instrumentalisierten rechte Kreise nach der Silvesternacht 2015 in Köln die Verhaltensweisen von männlichen Geflüchteten, um rassistische Stereotype zu reproduzieren.

Vor dem Hintergrund dieser konkreten Anliegen sowie der mitunter stark polarisierten und polarisierenden gesellschaftlichen Diskussion über „Flucht“ und Geflüchtete kam das Forschungskollektiv von BA-Studierenden und Lehrenden der Sozial- und Kulturanthropologie sowie Vertreterinnen* des IWS zusammen.

Wir formulierten einen kollaborativen, partizipativen[2] Ansatz, der Frauen* aus den Unterkünften systematisch in die Konzeption und Durchführung des Forschungsprojekts einbeziehen sollte. Unser primäres Ziel war es, Daten zu erheben, die der IWS – ebenso wie andere aktivistische und zivilgesellschaftliche Organisationen – für seine Arbeit nutzen kann, und vereinheitlichende Bilder von geflüchteten Frauen* im gesellschaftlichen Diskurs aufzubrechen.

Die Forschung wurde in fünf verschiedenen Sammelunterkünften in Berlin durchgeführt, in denen jeweils zwischen 200 und 1148 Menschen untergebracht waren. Davon waren jeweils 25 bis 40 Prozent Frauen*, von denen wir wiederum mit insgesamt mehr als 80 Frauen* sprachen. Sie kamen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, Albanien und anderen Ländern.

Bei der Auswahl der Unterkünfte berücksichtigten wir sowohl zentral als auch dezentral gelegene, länger bestehende sowie erst kürzlich und provisorisch errichtete Not- und Sammelunterkünfte. Diese Faktoren hatten einen erheblichen Einfluss auf die infrastrukturelle Umgebung der Unterkünfte, ihre institutionellen Rahmenbedingungen sowie die Einbindung der Unterkünfte in Netzwerke von Unterstützenden- und Freiwilligenorganisationen – und damit auf die spezifischen Situationen der dort untergebrachten Frauen*.

Die zentralen Ergebnisse zusammenfassend lässt sich sagen, dass für fast alle geflüchteten Frauen*, die an der Forschung teilnahmen, ihre Rechts- und Unterbringungssituationen sowie die Ungewissheit über ihre Zukunft eine enorme Belastung darstellten: Sie warteten auf eine Verbesserung ihrer Situation in Deutschland, ein Voranschreiten des Asylprozesses – gleichzeitig wurde es ihnen unmöglich gemacht, Einfluss auf diese zentralen Fragen ihres Lebens zu nehmen.

Ihre Prioritäten lagen daher auch weniger auf konkreten Veränderungen in den Unterkünften selbst. Vielmehr strebten sie nach einem selbstbestimmten Leben, das eine eigene Wohnung und Arbeits- bzw. Weiterbildungsmöglichkeiten für sich und ihre Familien einschließt. Gerade in den Notunterkünften war zudem der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung groß: Zeitlich und räumlich reguliertes Essen vermittelte den Frauen* häufig den Eindruck, noch nicht einmal über ein Minimum an Autonomie bestimmen zu können: die Frage nämlich, was man wann zu sich nimmt. Sie wünschten sich die Möglichkeit, ihr Essen selbst auszuwählen und gemeinsam zuzubereiten.

Auch der schlechte Zustand der sanitären Anlagen, die häufig nicht verschließbar sind, stellt vor allem für Frauen* ein Gesundheits- und Sicherheitsrisiko dar. Das in der ethnographischen Erhebung geäußerte Bedürfnis nach exklusiven Räumen und Angeboten für Frauen* war dementsprechend groß: Manche Frauen* berichteten von fehlenden Rückzugsmöglichkeiten – etwa um Kinder zu stillen, die Kleidung zu wechseln, das Kopftuch abzulegen und ungestört von der Anwesenheit und den Blicken von Männern* zu interagieren.

Gleichzeitig zeigten die Forschungsergebnisse, wie unzureichende oder nicht vorhandene Kinderbetreuung Müttern die Teilnahme an Freizeit- und Sprachangeboten erschwert und oft unmöglich macht. Hinzu kommt, dass bereits vorhandene Angebote sowie Informationen viele Frauen* gar nicht erst erreichten, da sie nur in bestimmten Sprachen (meist Arabisch und Farsi) und häufig nur schriftlich zur Verfügung gestellt wurden. Dies stellte insbesondere für nicht-alphabetisierte Frauen* ebenso wie einer (z.B. sprachlichen) Minderheit der Bewohner*innen der Unterkünfte angehörigen Frauen* ein Problem dar. Als Resultat erfuhren sie eine doppelte Marginalisierung.

Diese und weitere Ergebnisse wurden 2016 in einem Blogtext von Studierenden (Bräu et al. 2016) und der gemeinsamen Buchpublikation „Living in Refugee Camps in Berlin: Women's Perspectives and Experiences“ (Dilger & Dohrn, in collaboration with International Women Space, 2016) veröffentlicht.

Angekommen? – Partizipation als Prozess

Die Frage der Reziprozität, also des wechselseitigen Austauschs, stellte sich während des gesamten Verlaufs des oben beschriebenen Projekts: Wie schaffen wir es, nicht nur das Wissen der Frauen*, mit denen wir gesprochen haben, für unsere Forschung zu nutzen, sondern auch etwas Konkretes zurückzugeben? Wie können Frauen* mit Fluchterfahrung selbst umfassend in die Gestaltung und Durchführung von Projekten, die sich mit ihnen befassen, einbezogen werden?

Einige der studentischen Gruppen konnten während der oben beschriebenen Projektphase aufgrund von Zugangsproblemen nur einen halben bis zwei Monate in den Unterkünften forschen und unter diesen Bedingungen nur begrenzten Kontakt zu den Frauen dort aufbauen.

Andere Unterkünfte wiederum schlossen kurz nach Abschluss der Forschung und einige Bewohner*innen zogen aus bzw. in eine andere Unterkunft. Andere Teilnehmer*innen wurden kurz nach der Forschungsphase abgeschoben. Unter diesen Voraussetzungen war es schwierig, längerfristig Kontakt mit unseren Gesprächspartner*innen zu halten.

Aus diesem Dilemma heraus entstand zum einem die Idee, die Ergebnisse des Forschungsprojekts zusammen mit Hinweisen auf Anlaufstellen für Frauen* mit Fluchterfahrung in Berlin in einer mehrsprachigen Broschüre gemeinsam mit dem Verein Trixiewiz e.V. zu veröffentlichen.

Zum anderen kam der Wunsch auf, ein weiteres Projekt durchzuführen, das den Aspekt der Partizipation systematisch in den Mittelpunkt stellte. Im Sommer 2017 wurde unser Forschungskollektiv mit dem Margherita-von-Brentano-Preis für Geschlechterforschung der Freien Universität Berlin ausgezeichnet und ermöglichte uns die Realisierung dieses Anliegens.

Titelseite der deutschen Version der Broschüre „Starting below Zero – A Guide by and for Refugee Women*“ (Copyright: Trixiwiez e.V., 2017). Urheber: Trixiewiz e.V.. All rights reserved.

Seit Oktober 2017 arbeiten wir als Kollektiv in dem Projekt „Angekommen? Dialogisches Forschen mit geflüchteten Frauen in Berlin“, das sich mit Narrativen des „Ankommens“ bzw. der durch das deutsche Asylsystem geprägten Lebensrealität der (Un-)Möglichkeit des „Ankommens“ in Berlin beschäftigt.

Gemeinsam mit dem IWS und inspiriert von ihrem Buch „In Our Own Words“ (International Women's Space, 2015) entwickelten wir die Idee eines Buchprojekts, in dem Gespräche zwischen je zwei geflüchteten Frauen* veröffentlicht werden sollen. Die Dialoge werden sowohl in der Originalsprache (u.a. Arabisch und Farsi) der Gesprächspartner*innen als auch in Deutsch zu lesen sein, um das Buch perspektivisch einer breiten Öffentlichkeit – die dabei explizit auch Menschen mit Fluchthintergrund selbst einschließt – zugänglich zu machen.

Nachdem im ersten Projekt vor allem die Datenerhebung im Vordergrund stand, stellten wir dieses Mal die Partizipation voran. Bereits bei der Konzeption des Seminars achteten wir darauf, dass Studierende der Freien Universität und Frauen* mit Fluchterfahrung zu gleichen Teilen an dem Projekt beteiligt sind. Durch die ausgeglichene Anzahl der Teilnehmer*innen – 14 geflüchtete Frauen* und 14 Studentinnen*, die jeweils in Vierergruppen zusammenarbeiten – soll eine Plattform für eine Kooperation „auf Augenhöhe“ geschaffen werden.

Des Weiteren geht es darum, eine vertrauensvolle Atmosphäre untereinander zu schaffen und Beziehungen aufzubauen, die über den Seminarkontext hinausgehen. Weitere Studierende und der Dozent, die nicht an den Kleingruppen beteiligt sind, kümmern sich um die Organisation für die Durchführung des Projektes und sind ebenfalls in die weiterreichenden Aktivitäten mit den geflüchteten Frauen* eingebunden, wie z.B. die Teilnahme am Sprach-Café bei Loulou.

Um sicherzustellen, dass geflüchtete Frauen* von dem Seminar erfahren, bauten Studierende bereits im Sommer und Herbst 2017 Kontakte zu Frauen* in Gemeinschafts- und Notunterkünften auf. Auch bei wöchentlichen Treffen geflüchteter Frauen* bei Loulou, einem Begegnungsort für alte und neue Nachbar*innen, stellten sie ihre Idee vor. Auf viele Nachfragen, die wir dort bezüglich der genauen Themen und Inhalte des Projekts erhielten, konnten wir zunächst keine Antwort geben, da unser Konzept primär auf der Mitwirkung und -entscheidung der Teilnehmer*innen beruhte.

Gleichzeitig war eine zentrale Frage der Frauen*, was sie „davon hätten“, ihre Geschichten zu erzählen. Vor dem Hintergrund, dass die teilnehmenden Studierenden Leistungspunkte für ihre Arbeit erhalten, werden wir mit einem Teil des Preisgeldes Aufwandsentschädigungen an die teilnehmenden Frauen* zahlen. Auch erhalten die Teilnehmer*innen Zertifikate der Freien Universität für ihre Mitarbeit im Seminar und nehmen gemeinsam mit den Studierenden an Workshops zur Interviewführung sowie zum mehrsprachigen Arbeiten und Tanskribieren teil.

Ebenso wichtig war jedoch die eigene Antwort einer Teilnehmerin auf die Frage nach dem „Nutzen“ des Projekts: Es sei ihr wichtig, ihre Geschichte zu erzählen, damit sich „das Bild, das Deutsche von uns haben, verändert“. Dies könne geflüchteten Frauen* helfen, selbst wenn ihre Teilnahme an dem Projekt letztlich keinen direkten Einfluss auf ihre rechtliche Situation in Deutschland habe und es schwierig sein könne, über schmerzhafte Erinnerungen an die Flucht sowie Erfahrungen mit dem Asylsystem zu sprechen.

Diese Aussage macht deutlich, wie wichtig es ist, dass die Teilnehmer*innen selbst entscheiden, über welche Fragen sie sprechen und was sie gerne einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen möchten. Die teilnehmenden Frauen* des Projektes wissen sehr genau, was sie unter den aktuellen Bedingungen brauchen: Sie wollen Leute kennenlernen, Deutsch üben und gemeinsame Unternehmungen initiieren. Inzwischen treffen sich die Kleingruppen, die sich im Oktober 2017 gebildet haben, regelmäßig. Sie lernen sich kennen und unterstützen sich gegenseitig, wie z.B. bei der Wohnungssuche und bringen einander ihre Sprachen bei.

Bild 2: Feedback aus einer Seminarsitzung zur Frage, welche Erwartungen die Teilnehmer*innen mit dem Projekt verbinden. Eine Teilnehmerin wünscht sich „mehr als nur ein Projekt, sondern gute Beziehungen“. Urheber: Prof. Dr. Hansjörg Dilger. All rights reserved.

Als Studierende und als Dozent des Projekts lernen wir hierbei jedoch mindestens ebenso viel wie die Teilnehmer*innen mit Fluchterfahrung: Wir lernen zuzuhören und zu erkennen, dass betroffene Menschen ihre Situation selbst am besten kennen und sich selbst am besten helfen können.

Die Vermittlung ihrer Erzählungen und Perspektiven wird durch die aktuellen strukturellen Rahmenbedingungen des Asylsystems nachhaltig erschwert und oft auch unterdrückt. Gerade für Wissenschaftler*innen – aber auch für zivilgesellschaftliche und staatliche Organisationen – ist es zentral, anzuerkennen, dass diejenigen Personen Expert*innen sind, die täglich mit den Regulierungen des Asylsystems leben müssen: Ihre Erfahrungen und Perspektiven müssen zum Ausgangspunkt wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Arbeit werden.

Es gilt, mit partizipativen Ansätzen dauerhafte Strukturen zu schaffen, in denen Menschen sich selbst helfen können. In unserem Fall bedeutet dies, die geflüchteten Teilnehmer*innen dabei zu unterstützen, ihre Geschichten und Anliegen einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Denn so lange wir nur über Menschen sprechen und ihnen nicht systematisch zuhören, bleibt der gesellschaftliche Diskurs einseitig und dadurch häufig repressiv.

 

[1] Die Verwendung des Symbols * („Gender-Sternchen“) betont die soziale und kulturelle Konstruiertheit der Kategorie Geschlecht über die eindeutige Zuweisung der Attribute „weiblich“ oder „männlich“ hinaus.

[2] Unter einem partizipativen Forschungsansatz verstehen wir die systematische Beteiligung aller Involvierten am Entscheidungsprozess. So nehmen nicht nur Forscher*innen Einfluss auf die Ausformulierung der Themen und Problematiken des Projekts, sondern genauso die Personen, die zu diesen befragt werden. Dadurch behalten Informant*innen die Hoheit darüber, was mit dem von ihnen geteilten Wissen passiert und wie sie repräsentiert werden.

 

Literatur

Berliner Zeitung (2016): Flüchtlingsheime: Viele Frauen werden bedroht und belästigt. In: Berliner Zeitung, 5. März 2016. (letzter Zugriff: 18.12.2017).

Bräu, Miriam/Epstude, Katharina/Erlenmaier, Ana Mara/Nahrwold, Lena/Mysorekar, Maya/Sisnowski, Maja/Strott. Laura/von Hein, Camila (2016): “Starting below Zero”: On the Situation of Women* in Refugee Camps in Berlin. In: Blog Medizinethnologie: Körper, Gesundheit und Heilung in einer vernetzten Welt. (letzter Zugriff: 18.12.2017).

Dilger, Hansjörg/Dohrn, Kristina (Hg.), in Collaboration with International Women Space (2016): Living in Refugee Camps in Berlin: Women’s Perspectives and Experiences. Berlin: Weißensee Verlag.

International Women Space (2015): In our Own Words: Refugee Women Tell Their Stories. Berlin: International Women Space.

Trixiewiz e.V. (2017): Starting below Zero – A Guide by and for Refugee Women*. In: Trixiewiz e.V. (letzter Zugriff: 28.12.2017).

United Nations Refugee Agency, United Nations Population Fund (2016): Initial Assessment Report: Protection Risks for Women and Girls in the European Refugee and Migrant Crisis (Greece and the Former Yugoslav Republic of Macedonia).(letzter Zugriff: 18.12.2017).

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