Beschreibung einer Krabbenwanderung - Leseprobe von Karosh Taha

Beschreibung einer Krabbenwanderung - Leseprobe von Karosh Taha

Beschreibung einer Krabbenwanderung (Auszüge)

i.

Während ich von einer roten Krabbe träume, die von einer roten Krabbe träumt, die von einer roten Krabbe träumt, die von einer roten Krabbe träumt, die von mir träumt, während ich von einer roten Krabbe träume.

ii.

Früher, ganz früher, vor zweihundert Jahren vielleicht, da beteten wir gemeinsam den Mond an – da wohnten wir noch im Irak. Asija hob mich auf die Gartenmauer, sie selbst kletterte auf einen Kasten, damit ich mich gegen ihre Schulter lehnen konnte, und wir stierten durstig den Mond an. Sie benetzte ihre Fingerspitzen mit Spucke und rieb meine Hände damit ein, während sie die Namen aller heiligen Frauen flüsterte. Ich war mit meiner Nase ganz nah an ihrem Kopf, der nach Aleppo-Seife roch, und konzentrierte mich auf ihre Stimme. »Im Namen von Karima, der Großzügigen, Amina, der Treuen, Halima, der Milden, und Fatima, der Reinen. Im Namen von Mariam, der Unberührten, Asija, der Barmherzigen, und Aziza, der Mächtigen. Im Namen von Chadidscha, der Weisen, der ersten Muslimin und Gefährtin des Propheten. Gottes Lob und Friede seien auf ihnen.« Ich hatte am Tag zuvor mit erdfarbenen Kröten experimentiert, deswegen wuchsen Warzen an meinen Händen.

iii.

Ich schaue auf das Hochhaus, das mit dreihundertachtundsechzig Augen zurückschaut. Die Anzahl der Augen entspricht nur zu einem Drittel der Wahrheit, trotzdem halte ich den Blicken stand, ziehe genüsslich an meiner Zigarette und erforsche das Hochhaus wie ein Wimmelbild: Auf den Balkonen hängt regungslos verwaschene Kleidung an den Wäscheständern, weil selbst der Wind das Viertel nicht besucht. Auf wenigen Balkonen stehen Blumentöpfe ohne richtige Blumen, nur mit Löwenzahn, der aus Versehen dort blüht. Neben den Blumentöpfen haben einige Bewohner die Winterreifen aufeinandergestapelt, zum Beispiel Familie Hussein auf der sechsten Etage. Ihr vierjähriger Sohn, dessen Namen ich nicht kenne, der aber wahrscheinlich auch Hussein heißt, klettert auf die vier Räder, um über das Geländer gelehnt seine Freunde und Brüder zu rufen. Jedes Mal denke ich: Heute ist es so weit, heute fliegt der kleine Hussein, heute landet er am Eingang, heute zermatscht er vor Kemals und Mammuts Füßen wie eine weiche Tomate, aber Hussein senior und Frau Hussein erwischen den Kleinen jedes Mal rechtzeitig, zerren ihn runter und ohrfeigen ihn, damit er nie wieder auf die Winterreifen klettert. Dass Kleinhussein am nächsten Morgen wieder die Winterreifen besteigt, ist so wahrscheinlich wie der Regen im April.

Ich schaue ein Stück höher, wo Tante Khalida wohnt, schaue auf die Rumpelkammer, die mal ein Balkon war. Da lagern weiße Plastikstühle für den Fall, dass sich dreißig Gäste auf einmal ankündigen, diverse Besenstiele stehen in einer Ecke mit einem traurigen Wischmopp in ihrer Mitte. Zwei Riesen-antennen versperren die Sicht auf die Fenster. Das Hochhaus ist vollgestopft, da ist nicht einmal Platz für einen Liter Sonnenschein.

Ich stelle mir vor, wie das Haus sich alle zehn Jahre einmal kräftig schüttelt, um die gehortete Last seiner Bewohner abzuwerfen und einen Schritt vorwärts zu machen. Aber seit zwei Jahrzehnten hat das Hochhaus verschlafen, sich zu entrümpeln.

Vielleicht ist es auch tot.

Nur unsere Wohnung klafft wie ein Loch im Haus. Dort könnte

eine Familie einziehen, dort hätte die ganze Sonne Platz.

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