"Mehr Zivilcourage zeigen durch sofortiges Einmischen"- Interview mit Zehra Çırak

"Mehr Zivilcourage zeigen durch sofortiges Einmischen"- Interview mit Zehra Çırak

Interview

Zehra Çırak ist Schriftstellerin und Performerin. In einem weiteren Interview aus unserer Reihe "Zwischenraum für Kunst" sprechen Safiye Can und Hakan Akçit mit ihr über Zivilcourage in der heutigen Gesellschaft und den Herausforderungen junger Autor/innen im deutschen Literaturbetrieb.

Portraitbild von Zehra Çırak
Dichterin Zehra Çırak — Bildnachweise

Safiye Can und Hakan Akçit: Liebe Zehra, du bist Autorin und Lyrikerin und wurdest mehrfach für deine Werke ausgezeichnet, u.a. mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. Seit 1982 lebst du in Berlin und leitest Schreibwerkstätten an Schulen. Wie groß ist die Lyrikbegeisterung bei den Kindern und Jugendlichen? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Zehra Çırak: Die Lyrikbegeisterung bei Kindern und Jugendlichen schlummert nur ganz leicht an der Oberfläche und muss lediglich etwas gerüttelt werden, und sie erwacht mit Freude am Sprachspiel und am Experimentieren. Bei meinen Schreibwerkstätten an Schulen erlebe ich das ständig und wundere mich nicht selten über die Lust der Schüler am Gedichte-Schreiben, selbst mit Reimen.

In deinem Gedichtband Fremde Flügel auf eigener Schulter (Leseprobe hier), erschienen 1994, schreibst du in deinem Gedicht Euroegozentrismus:

[…]
Sie kommen aus entsetzten Gründen
allerorts daher
noch von weitem gesehen
wie nur die Schatten danieder
schon fange ich an bei Tageslicht
die nächtliche Angst
der offengelassenen Türen und Fenster zu bekommen
doch die Schlüssel in meinem Kopf
samt der bauchigen Alarmanlage
die schämen sich und wollen noch nicht
meine Hände befallen
Was kann ich denn dafür
dass ich schon Europäerin bin
eine von der satten und matten
der verwestlichten Sorte
eine die noch nicht ums Überleben betteln muss
eine die sich überlegen überlegt
wie die Welt die restliche
noch zu retten ist
eine die sich nicht verstecken kann
wenn sie kommen um zu fordern
etwa
gib mir dein tägliches Brot
und gib mir dein nächtliches Lager
gib mir etwas von dir ab
[…]

Heute, 2019, also 25 Jahre nachdem dieses Gedicht veröffentlicht wurde, wird in Deutschland erneut über Kriegsflüchtlinge debattiert; eine Debatte, die in einigen Teilen der Gesellschaft geprägt ist von Ängsten, Vorurteilen und völkischem Denken, und die ihren Höhepunkt in Hetze und Hasstiraden gegenüber Minderheiten und Geflüchteten erreicht. Wie erklärst du dir die Wiederkehr der ewiggestrigen Geister?
Verspürst du manchmal ein Gefühl der Enttäuschung, weil sich allem Anschein nach nichts ändert und man immer mit derselben Problematik konfrontiert wird?

Ja, leider empfinde ich das genau so und wenn ich mir manchmal vornehme ein neues Gedicht zu diesem Thema zu schreiben, so verstummt plötzlich meine poetische Stimme, weil ich mir sage, „Das hast du doch schon längst und auch mehrmals beschrieben“ und mir fällt sehr schwer etwas Neues dazu ein. Obwohl ich keine Pessimistin bin, sehe ich nicht besonders zuversichtlich in die Zukunft. Frage mich wie trotz der fortschreitenden Wissenschaft, der Technik und die Erkenntnisse über das Übel von Krieg und Gewalt, Macht-und Geldgier, eine große Masse der Menschheit, so dumm geblieben ist. Oder wieder dumm geworden ist?

Portraitbild von Zehra Çırak

ZEHRA ÇIRAK

Geboren 1960 in Istanbul. Seit 1963 in Deutschland, aufgewachsen in Karlsruhe.
Seit 1982 in Berlin, hier arbeitete sie seit 1982 mit ihrem 2014 verstorbenen
Ehemann dem bildenden Künstler Jürgen Walter zusammen. Gemeinsame Präsentationen im In und Ausland. Info über die Zusammenarbeit unter:  www.juergen-walter.com
Ein Schwerpunkt der Gedichte beruht in der intensiven Zusammenarbeit mit Texten zu Skulpturen des Objektkünstlers Jürgen Walter.

Diverse Arbeitsstipendien und Auszeichnungen: u.a. Friedrich Hölderlin Förderpreis 1993; Adelbert von Chamisso Preis 2001, Stadtschreiberin in Tübingen 2016.
Langjährige regelmäßige Leitung von literarischen Schreibwerkstätten in Schulen.

Hier finden Sie weitere Leseproben zu den Werken von Zehra Çırak.

 

Was kann man deiner Meinung nach als Bürgerin und Bürger dieses Landes gegen die zunehmende Salonfähigkeit des Rassismus tun, der sich nicht zuletzt auch in den Erfolgen der AfD widerspiegelt?

Auch wenn es oft gefährlich scheint, oder zu gewagt in mancher Situation, finde ich, müssen wir mehr Zivilcourage zeigen durch sofortiges Einmischen beim kleinsten Vernehmen von rassistischen Äußerungen. Müssen dagegen aufstehen, verbal oder mit Handlung. Das bequeme Sich-nicht-rühren, sitzen bleiben und erst einmal abwarten… Diese Zeiten sind vorbei. Ich bin wirklich fassungslos, dass es gerade in Deutschland wieder so viel Rechtsextremismus gibt. Und eine rechtsextreme Partei wie die AFD gewählt wird und mitregieren kann.
Mein 2014 verstobener Mann und Künstlerpartner Jürgen Walter, Jahrgang 1940, würde sich im Grab umdrehen, wenn er sähe wie es heute in der Welt aussieht. Und besonders in Deutschland. In seiner bildenden Kunst hat er immer wieder den Faschismus, den gewesenen und den noch existierenden thematisiert. Und ich mit meinen Texten dazu ebenso.
In meinem ersten Gedichtband, also auch unser erstes gemeinsames Buch mit Illustrationen von Jürgen Walter, erschienen 1987, habe ich dieses Gedicht veröffentlicht:

Jahrestag

Das siebente reich
dem Himmel in diesem Stockwerk nahe
und der Fahrstuhl bleibt im vierten hängen
schaut auf das dritte hinunter
bis die Finger an der Hand
wieder sind was sie waren
und wer hat zuerst gelacht?

Die Lyrikszene in Deutschland ist bunt und lebendig. Was würdest du jungen Autorinnen und Autoren generell für ihren Weg im Literaturbetrieb empfehlen?

Sich nur nicht einschüchtern und blenden lassen vom Literaturbetrieb und dem Personenkult, der dabei gemacht wird. Schreiben, auch wenn es scheinbar erstmal niemanden interessiert, was man zu sagen hat und was man empfindet. Aber auch öfters mal etwas wegwerfen oder löschen. Und nicht nur das lesen, was die Bestenlisten anbieten.

Das Buch Die Kunst der Wissenschaft, das 2013 erschienen ist, zeigt eine Serie von Skulpturen deines verstorbenen Ehemanns, dem Bildhauer und Performancekünstler Jürgen Walter. Die Skulpturen, insgesamt neun Mal drei Stühle, stellen jeweils eine Wissenschaft dar und werden durch deine Texte begleitet. Waren es deine Texte, die Jürgen Walter zu seinen Skulpturen inspirierten oder umgekehrt? Wie entstanden generell eure gemeinsamen Projekte? Wie fanden Lyrik und Objektkunst zueinander?

Es waren immer zuerst die Objekte von Jürgen Walter da. Seine Themen zu denen immer viele Skulpturen entstanden. Ich habe dann Texte dazu geschrieben. Das war von Anfang an so, seit 1982 bis zu seinem Tod im Jahre 2014. Ich hatte eine riesengroße und wunderbare Inspirationsquelle durch seine Werke. Ohne das Zusammenleben und die Zusammenarbeit mit ihm hätte weder ich mich selbst als Mensch so entwickelt, wie ich geworden bin, noch meine Texte wären gewachsen zu dem was sie sind.

Woran arbeitest du gerade, was ist dein nächstes Projekt?

Zurzeit arbeite ich an keinem Projekt, sondern schreibe im Wildwuchs.
Dann werde ich zu gegebener Zeit, das Unkraut darin jähen und herauspflücken, was hinaus soll aus meinem Kopfgarten in die Natur, in den Bücherwald.
Mich treibt darin keine Eile. Es ist eher wie ein Spaziergang in Worten. Am liebsten bei richtigen Spaziergängen in der Natur, im Wald den ich genieße.
Wer weiß, wie lange wir noch Wälder haben werden, in denen wir uns bewegen und sie bewundern können.

Mit welcher bekannten Persönlichkeit würdest du gerne einen Kaffee trinken?

Fällt mir leider niemand ein…

Vielen Dank für dieses Interview!

Dieses Interview führten Safiye Can und Hakan Akçit im Oktober 2019.

 

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