Dossier Migrationsliteratur - Eine neue deutsche Literatur?

Dossier Migrationsliteratur - Eine neue deutsche Literatur?

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Die Literatur von MigrantInnen ist nicht mehr ein Nischenphänomen. Inzwischen haben AutorInnen mit Migrationshintergrund ihren festen Platz in der deutschen Kultur.

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Interkultur, Third Space & Hybridität

Drei Bücher die an Stahlseilen vor einer Wand hängen

Immacolata Amodeo, Professorin für Literatur an der Jacobs University Bremen, beleuchtet in ihrem Beitrag den in Verbindung mit der Ersten Generation migrantischer AutorInnen entstandenen Begriff der „Betroffenheit“. Sie weist vor dem Hintergrund institutioneller Marginalisierungs- und Exotisierungstendenzen auf die zunehmende öffentliche Wahrnehmung von migrantischen AutorInnen hin und stellt Aspekte des Rhizoms als alternatives und hierarchieneutrales Modell für das Verständnis von Kultur vor. 

 

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Lange Zeit wurde die Literatur migrantischer SchriftstellerInnen als "nicht-deutsche" Literatur und daher als Nischenliteratur verortet. Über die drei Generationen literarischen Schaffens migrantischer AutorInnen in Deutschland haben sich viele verschiedene Ausdrucksformen interkultureller Identitätskonzepte entwickelt.

Interkulturelle Literatur ist weitmehr als lediglich eine Literatur im "Dazwischen" der Kulturen. So hat sich insbesondere die Postkoloniale Theorie mit diesem Phänomen auseinandergesetzt und neue Herangehensweisen und Begrifflichkeiten entwickelt, die auch zunehmend die deutsche Diskussion im Umfeld der Migrationsforschung bestimmen. Der von Homi Bhabha entwickelte Begriff des Hybriden und des Third Space, des Dritten Raumes, ist mittlerweile ein in der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft immer wichtiger gewordenes Konzept.

Drei Bücher die an Stahlseilen vor einer Wand hängen

Die Literaturwissenschaftlerin Karin Yesilada zeigt in ihrem Beitrag neue Kultur- und Identitätsentwürfe in der deutsch-türkischen Literatur von AutorInnen der sogenannten Zweiten Generation auf und geht dabei der Frage nach, inwieweit die klassische Situation von MigrantInnen, „zwischen den Stühlen“ zu sein, für „Ausländer mit deutschem Pass“ noch aktuell ist und wie dies von den AutorInnen ästhetisch umgesetzt oder aufgebrochen wird.

 

Zafer Senocak hat insbesondere durch sein 1986 erschienenes Plädoyer den Begriff der „Brückenliteratur“ geprägt. Als Sohn eingewanderter Eltern wird er zu den AutorInnen der Zweiten Generation gezählt und schreibt sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache.

Drei Bücher die an Stahlseilen vor einer Wand hängen

Aglaia Blioumi, Dozentin für deutsche Literatur und Kultur an der Universität Athen, analysiert in ihrem Beitrag inter- und multikulturelle Konzepte sowie Raumpraktiken hegemonialer Diskurse und beleuchtet, hinsichtlich der auch hier immer populärer werdenden Begriffe wie der „Hybridität“ und des „Third Space“, Einflüsse der amerikanischen Kulturforschung auf die deutsche Diskussion und Parallelen zur „Postkolonialen Literatur“ der Commonwealth-Länder und „Minority-Literatur“ in den USA.

EntFremdung, Integrität & SelbstBeschreibung

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Der Raum der Literatur dient vielen AutorInnen mit Migrations- hintergrund als Raum für die Entfaltung und Auseinandersetzung mit den kulturellen Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft. Nicht wenige AutorInnen haben sich kritisch mit diesen Projektionen auseinandergesetzt. So wird das kreative Schreiben für sie zum Mittel der selbstbestimmten „EntFremdung“ und vielmehr zur Selbstdarstellung der eigenen Identität.

Den Kampf um die Integrität in der deutschen Kultur beschreiben einige AutorInnen auf sehr facettenreiche Weise, teils symbolisch und abstrakt, teils direkt und provokativ. Ihnen ist gemein, daß sie aktiv und selbstreflexiv das Ausgegrenztsein aufarbeiten und gleichermaßen durch Aneignung und „SelbstBeschreibung“ eine Zugehörigkeit neu definieren und einfordern.

Strassenaufnahme im Vordergrund unscharf Kisten mit Büchern vor einem Geschäft, im Hintergrund ein Mann dessen Bild sich in der Scheibe des Geschäfts spiegelt

Yasemin Dayioglu, DAAD-Lektorin an der Abteilung für Deutsche Sprache und Literatur der Istanbul Universität, wirft einen Blick auf lebensweltliche Inszenierungen von Identitäten der Dritten Generation wie in der Online Community vaybee! und geht in ihrem Beitrag der Frage nach, inwiefern die Attribute Identitätsproblematik und Hybridität auf türkisch-deutsche Migrationsliteratur in ihren jeweiligen Etappen zutreffen. Sie macht auf alternative Kategorien und Analyseverfahren, vor allem den Begriff Integrität und die damit verbundenen Anerkennungskonflikte in der Literatur aufmerksam.

Strassenaufnahme im Vordergrund unscharf Kisten mit Büchern vor einem Geschäft, im Hintergrund ein Mann dessen Bild sich in der Scheibe des Geschäfts spiegelt

Deike Wilhelm, Kulturwissenschaftlerin und freie Autorin, gibt in ihrem Beitrag Einblicke in das in Deutschland noch recht junge Phänomen der Literatur von Sinti und Roma und beleuchtet das ästhetische Programm von vier AutorInnen, die in ihrem Bemühen um Differenzierung des stereotypen Bildes vom „reisenden Zigeuner“ neue Wege der Selbstbeschreibung und Neu-Inszenierung ihrer eigenen Geschichte finden.

Posters by Kanak Attak
von

Der Politik- und Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha befaßt sich in seinem Beitrag mit kulturellen Effekten postkolonialer Hybridität und gibt anhand des Kanak-Diskurses Beispiele für "Postkoloniales Signifying" von AutorInnen, die durch kritische Aneignung sowie durch selbst-repräsentative Praktiken der Verfremdung und Umdeutung die in den Medien vorherrschenden mehrheitsdeutschen Perspektiven und stereotypen Bilder von den „Fremden“ mit  Ironie und Provokation aufbrechen.

Serdar Somuncu auf der Bühne

Serdar Somuncu, deutsch-türkischer Schauspieler, Schriftsteller und Musiker. geht es in seinem künstlerischen Werk insbesondere um die Auflösung von einengenden Denkstrukturen und starren Zuschreibungen. In einem Gespräch über Identität & Selbstverständnis, Integrationspolitik und den eigenen Weg reflektiert er die eigene Verortung als Künstler in einer multikulturellen Einwanderungsgesellschaft. Er zeigt, wie über die Mittel der Irritation, Dekonstruktion, Differenzierung und dem Verwischen von Grenzen neue Denkfiguren in einer vielfältigen Gesellschaft entstehen können.

SprachRäume, Körperbilder & Liebe

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Sprache als Raum und die Räumlichkeit von Sprache wird von SchriftstellerInnen auf sehr unterschiedliche Art und Weise genutzt. Die kulturelle Grenzerfahrung, die im städtischen Raum durch "Ghettoisierung" visuell wird, ist auf der individuellen Ebene eine gleichermaßen körperliche Grenzerfahrung. Die Sinnlichkeit des Sprechens und Schreibens wird auf symbolische Weise zum Brückenschlag und Dialog mit dem Anderen.

Die Erfahrung der Fremdheit, die eingeschrieben in den Körper auch die Geschlechtlichkeit umfaßt, findet insbesondere bei weiblichen Autorinnen ihren literarischen Ausdruck. So wird die kulturelle und sprachliche Differenz transferiert auf den Körper als Grenze zum Außen. In der Selbstdefinition und emanzipativen Beschreibung von Körperlichkeit wird vielmehr auch eine Re-Definition der Identität und literarischer Selbstbestimmung vollzogen.

Ein Klingelbrett über dem die Worte "Alois ich will meine Bücher zurück" geschrieben stehen

Der Kulturwissenschaftler und Graffitiforscher Thomas Northoff sammelt seit 1983 Fotos und Belege von Graffiti im deutschsprachigen Raum und hat in Österreich das bisher größte Graffiti-Archiv mitaufgebaut. In seinem Beitrag untersucht er die urbane Semiotik von Wort-Graffiti der Dritten Generation an den Stadtwänden und macht auf die aktive wie kreative Auseinandersetzung und die lesbare Präsenz von Themen migrantischer Jugendlicher wie ethnische Identität, politische Abgrenzung oder Liebe im öffentlichen Raum aufmerksam.

Ein Beitrag von Carmine Chiellino über die  Entwicklung der interkulturellen Literatur in Deutschland

Ein Klingelbrett über dem die Worte "Alois ich will meine Bücher zurück" geschrieben stehen

Die Literaturwissenschaftlerin und Philologin Claire Horst befaßt sich in ihrem Beitrag mit Raum- und Körperbildern hybrider Literatur und erfaßt hierbei die fiktiven Räume literaturischer Werke als Spielorte für interkulturelle Lebenswelten und imaginierte Handlungswege der Figuren. Sie geht in ihren Betrachtungen auf zwei Autorinnen im Besonderen ein, in deren Werken die Körpererkundungen der ProtagonistInnen und die symbolischen Grenzüberschreitungen als Öffnung solcher Räume ein zentrales Motiv darstellen.

Im Interview beschreibt Yoko Tawada die Vorteile des Fremdsein und warum Kafkas Verwandlung für Sie ein zentrales Motiv ist.

Ein Klingelbrett über dem die Worte "Alois ich will meine Bücher zurück" geschrieben stehen

Stefanie Kron, Soziologin und Literaturwissenschaftlerin, gibt in ihrem Beitrag einen Überblick über die Literatur Schwarzer Frauen und thematisiert, wie Formen der alltäglichen Diskriminierung sowie die Einschreibungen von „race“ und „gender“ in den Körper in der Literatur Schwarzer Autorinnen verarbeitet bzw. repräsentiert werden.ImWeiteren diskutiert Sie die Schwieirgkeiten Schwarzer Kulturproduktion vor dem Hintergrund verdrängter deutscher Kolonialgeschichte und stellt Orte der Artikulation und Repräsentation diasporischer Subjektivitäten und politisch-kultureller Communities in Deutschland vor.