Dossier Öffnung der Hochschule - Chancengleichheit, Diversität, Integration

Dossier Öffnung der Hochschule - Chancengleichheit, Diversität, Integration

Werden unsere Hochschulen ihrer Verantwortung für die Zukunft unserer Gesellschaft gerecht? Dazu müssten sie sich auch für junge Menschen aus nichtakademischen Schichten mehr öffnen. Das Dossier identifiziert Hürden sowie Maßnahmen zu ihrer Überwindung.

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Neue Zugänge zur Hochschule

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Deutschland gilt als eines der Länder in Europa, in dem die Studierneigung am geringsten und die soziale Selektion in der Bildung am stärksten ist. Welche Hindernisse versperren jungen Menschen aus bildungsfernen Haushalten, Berufserfahrenen ohne traditionelle Hochschulreife oder AbiturientInnen mit Migrationshintergrund den Weg zur höheren Bildung? Welche Strukturen und selektiven Mechanismen sind dafür verantwortlich zu machen? Mit welchen Maßnahmen kann mehr Chancengerechtigkeit erzielt werden und welche Rolle spielt dabei die staatlich finanzierte Begabtenförderung?

Andrä Wolter analysiert die soziale Ungleichheit beim Hochschulzugang in Deutschland. Will man die Selektionsmechanismen sowie die strukturellen Hindernisse zum Hochschulzugang abbauen, müsste schon in der Schule angesetzt und die öffentliche Studienförderung zielgruppenspezifisch ausgebaut werden.

Magret Bülow-Schramm und Hilke Rebensdorf beschreiben, welche strukturellen und hochschuldidaktischen Maßnahmen die Universität Hamburg ergreift, um den Hochschulzugang für neue Studierendengruppen zu öffnen sowie die Studierneigung zu fördern und zugleich die Abbruchquote zu verringern.

Katja Urbatsch stellt das von ihr initiierte Projekt Arbeiterkind.de vor, mit dessen Hilfe SchülerInnen aus nicht-akademischen Familien ermutigt werden, ein Studium aufzunehmen. Kern des Projekts ist ein MentorInnenprogramm, das den Kindern der „ersten Generation“ helfen soll, Ängste und Hindernisse abzubauen. 

Ulla Siebert geht der Frage nach, ob die Begabtenförderung in Deutschland tatsächlich diejenigen erreicht, für die sie gedacht ist. Sie konstatiert eine Schieflage in der Förderung und plädiert dafür, die Pluralität der Studierendengruppen durch adäquate Auswahlverfahren und -kriterien der Begabtenförderungswerke entsprechend zu fördern.

Jan O. Jonsson erläutert die Studiensituation in seinem Heimaltland Schweden, das beim Hochschulzugang durch Berufsqualifizierung oder der alternativen Hochschulprüfung als vorbildhaft gilt. Sein Fazit: Je früher die Vorauswahl zur höheren Bildung stattfindet, desto stärker fällt der sozioökonomische Hintergrund ins Gewicht. Die Öffnung des Hochschulzugangs kann daher durch ein Aufschieben der Vorauswahl begünstigt werden.

 

Diversität in Lehre & Studium

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Zur Öffnung des Hochschulzugangs für neue Studierendenschichten gehört unverzichtbar auch ein bewussterer Umgang mit der Diversität der Studierenden in der Lehre und im Studium seitens der Hochschulen. Verantwortung gegenüber den Studierenden beinhaltet daher, dass sich das Bild des imaginierten Normalstudierenden grundlegend ändert. Was bedeutet es konkret, Diversity Management an den Hochschulen zu betreiben? Was muss sich an den Studienbedingungen und Lehrinhalten ändern, damit sie den Bedürfnissen der unterschiedlichen Gruppen gerecht werden und die individuellen Kompetenzen der StudentInnen fördern können? Welche Diversity Management Modelle werden an den verschiedenen Hochschulen angedacht und wie fördern sie den Zugang und den erfolgreichen Abschluss ihrer Studierenden?

Hannah Leichsenring setzt sich mit dem Projekt Vielfalt als Chance für Diversity Management an deutschen Hochschulen ein. Es gilt, das Qualitätsmanagement der Hochschulen am Bedarf an Fachkräfte auszurichten, und das Bild vom „defizitären“ Studierenden durch verstärkte Bemühungen zum Abbau von Diskriminierung im Studium zu überwinden.

Carmen Leicht-Scholten formuliert aus den Erfahrungen ihrer Arbeit im Gender und Diversity Management der RTWH Aachen konkrete Vorschläge, wie Hochschulen auf die zunehmende Diversität; d.h. unterschiedliche Biografien, Lebensumstände, Schulerfahrungen, Kenntnisstände sowie berufliche Pläne ihrer Studierenden reagieren können.

Lisa Unger-Fischer und Alexandra Wróblewska berichten über die Erfahrungen mit dem noch jungen „Secondos“-Programm an der Universität Regensburg, das sich an Studierende mit Migrationshintergrund der zweiten Einwanderergeneration richtet. Die Förderung der Zweisprachigkeit dieser Zielgruppe geht mit der Möglichkeit eines dualen Abschlusses Hand in Hand.

Marcus Kottmann und Bernd Kriegesmann präsentieren die Entwicklungsmaßnahmen an der FH Gelsenkirchen, die sich mit dem Programm FH-Integrativ an ihren drei dezentralen Standorten bemüht, die stark ansteigenden Studierendenzahl - mit hohem Anteil von Studierenden mit Migrationshintergrund - durch den Ausbau von Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft und einem Bündel zielgruppenspezifischer Maßnahmen zu bewältigen.

Intergration von BildungsinländerInnen & -ausländerInnen

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Rund 180.000 der derzeit in Deutschland Studierenden haben einen ausländischen Schulabschluss. Oft ist ihr Weg bis zur Aufnahme des Studiums sehr beschwerlich, zu oft sehen sie sich vor unüberwindbar erscheinenden Schwierigkeiten allein gelassen. Viele brechen deshalb ihr Studium ab. Aber auch nach einem erfolgreich abgeschlossenen Studium bleibt der Weg auf den deutschen Arbeitsmarkt häufig versperrt. Auch AkademikerInnen aus dem Ausland müssen oft eine Odyssee durchmachen, wenn sie in Deutschland auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten und ihre im Ausland erworbenen Abschlüsse und akademischen Qualifikationen anerkennen lassen wollen.
Wollen die deutsche Wirtschaft und die deutschen Hochschulen im internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte attraktiver werden, müssen zahlreiche Hürden beseitigt werden, die an den Universitäten sowie an der Schnittstelle zum Arbeitsmarkt für ausländische Studierende und AkademikerInnen bestehen. Wo besteht Handlungsbedarf und welche Barrieren müssen abgeschafft werden? Was haben die Politik, was die Hochschulen, was die beteiligten Verbände zu tun?

 

Thomas Böhm und Marijke Wahlers stellen Qualitätsanforderungen und Maßnahmen deutscher Hochschulen im internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte aus der Sicht der Hochschulrektorenkonferenz vor. Dazu gehören der Nationale Kodex zur Verbesserung der Betreuung ausländischer Studierender, die Einrichtung von Welcome Centres für ausländische WissenschaftlerInnen und nicht zuletzt die Verbesserung der Anerkennungspraxis von akademischen Abschlüssen und Qualifikationen.

Mohamed Amjahid folgt in seiner Reportage dem Hürdenlauf, den Studierende aus den sogenannten Drittländern absolvieren müssen, bevor sie ein Studium an einer deutschen Hochschule aufnehmen können. Auch nach dem erfolgreichen und sogar bei ausgezeichnetem Abschluss stehen sie als AbsolventInnen, wenn sie in Deutschland bleiben wollen, aufgrund unflexibler aufenthaltsrechtlicher Fristen unter extremen Zeit- und Leistungsdruck.

Katarzyna Kowalska und Rico Rokitte forschen am Institut für Hochschulforschung Halle-Wittenberg über die Situation und die Karrierechancen von NachwuchswissenschaftlerInnen mit Migrationshintergrund in deutschen Forschungseinrichtungen. Vor dem Hintergrund der heterogenen Zusammensetzung dieser Gruppe aus hier Geborenen und Zugewanderten stellen sie die Frage, ob es den hier eingewanderten MigrantInnengruppen gelingt, durch die Aufstiegsmobilität ihrer Nachkommen eine eigene „Elite“ zu bilden.

Peixin Xian und Haizhou Yi, selbst Studentinnen aus China und engagiert im Bundesverband ausländischer Studierender, schildern die Probleme ausländischer Studierender aus erster Hand. Ihr Fazit: Viele der Kommunikationsprobleme ließen sich mit mehr Rücksicht, Offenheit und Entegegenkommen rasch ausräumen.

Kamuran Sezer erläutert die restriktive Anerkennungspolitik von ausländischen Abschlüssen Hochqualifizierter im größeren Kontext der z.T. widersprüchlichen Einwanderungs- und Integrationspolitik Deutschlands. Er argumentiert, dass gravierende Änderungen notwendig sind, damit  Deutschland die Herausforderungen des demographischen Wandels meistert.