„Kultur ist unsere Hauptwaffe“

Essay

Welche Bedeutung haben Kunst und Kultur in Zeiten des Krieges – und wie kann das kulturelle Erbe und die junge, zeitgenössische Kunst der Ukraine geschützt werden? Die Klang- und Medienkünstlerin Masha Kashyna, die in der Ukraine geboren wurde und in Deutschland lebt, schreibt in ihrem Essay über Widersprüche, Pragmatismus und das widerständige Potential von Kunst und Kultur.

Portrait von Masha Kashyna

Vom Erhalt und von der Haltlosigkeit

Die Natur des Krieges: Er kommt, ohne Rücksicht auf individuelle Lebenslagen einzelner Menschen, und wirft dich in Ohnmacht. Er stellt die ganze Gesellschaft in der Ukraine, Europa und eine globalisierte Welt auf die Probe. Auch ich fühle mich in meiner Weitsichtigkeit und Weltoffenheit auf die Probe gestellt. Die letzten Jahre war ich regelmäßig in der Ukraine: als Privatperson, die die erste Hälfte ihres Lebens in der Ukraine verbracht hat und dort familiär und freundschaftlich gebunden ist, mit meinem dokumentarischen Langzeitprojekt maidan in progress - майдан в прогресі“ zu post-revolutionären Transformationsprozessen, als Musikerin, die Konzerte spielte und als Musikethnologin, die über die zeitgenössischen Klänge und den Aktivismus schrieb. Wenn ich vorher von „Kunst“ und „Kultur“ sprach, so spreche ich aktuell von der „Evakuierung der Kunst“, von dem „Erhalt der Kultur“ – und vom „Krieg“.

Von der zerstörerischen Kraft

Seit 1991 haben die Präsidenten Russlands und ein funktionierender Apparat aus Teilen der russischen Gesellschaft sich an sieben Kriegen weltweit beteiligt: Transnistrien in Moldavien (1992), Tschetschenien (1994-1996 und 1999-2009), Südossetien und Abkhasien in Georgien (2008), der Krieg in den ukrainischen Teilen Donetsk und Luhansk und die Annexion der Krim (seit 2014), der Einsatz der russischen Truppen in Syrien (2015) und in der Zentralafrikanischen Republik (2018). Am 24. Februar 2022 hat Putin militärische Attacken auf die Ukraine und somit Russland seinen achten Krieg in 30 Jahren begonnen! Ohne jene russischen „Einflüsse“, die in Wirklichkeit imperialistisches Dominanzverhalten sind, wären es inzwischen 30 relativ friedliche Jahre für die ukrainische Gesellschaft, die sich heute als eine „politische Nation“ versteht. Das Land hat drei Revolutionen hinter sich, in denen die ukrainische Gesellschaft bestimmte Werte für sich als wichtig befunden hat: Freiheit, Antiautorität, Gleichheit und Pluralität sind die wichtigsten davon.

Vom künstlerischen Widerstand

Die Kultur und Künste sowie jede kreativ-schöpferische Tätigkeit stehen als Antagonisten zum Krieg und zur Zerstörung. Die ukrainische Kunst war schon vor 100 Jahren oppositionell, als die Avantgarde der Ukraine ihre Wege gegen jegliche Richtlinien der „Zentrale“ in Moskau suchte. Mal mehr, mal weniger angepasst, bildete die Musik und Kunst folkloristische Motive der ukrainischen und jüdischen Bevölkerung ab, wagte Innovationen, Fusionen und sprachliche Experimente. Die periphere Lage der ukrainischen Kultur zwischen den dominierenden russischen und europäischen Zentren östlich und westlich der Ukraine hatte ihre Vor- und Nachteile. Die ukrainische Kunst stand im Austausch mit beiden Zentren – und nahm ihre Einflüsse auf. Doch dann wurde sie von dem Narrativ der „sowjetischen Kunst“ aufgefressen. Eine von der Sowjetunion gelöste Geschichtsschreibung der ukrainischen Kunst ist seit den 1990ern im Gange.

Heute geht es darum, das kulturelle Erbe sowie die ganz junge, zeitgenössische Kunst und Kultur zu schützen. Das gilt für archäologische Museumsbestände und für Kollektionen nationaler Größen gleichermaßen wie für Street Art, Bibliotheken, Konzertsäle und kleine Galerien und natürlich für alle, die da arbeiten. Gezwungenermaßen taucht die Kunst in der Ukraine gerade ab. "All art must go underground", heißt es in diesem Artikel der Washington Post. Natürlich aus Sicherheitsgründen und nicht für immer! Seit dem 24. Februar haben meine Kolleg*innen von der Galerie Asortymentna Kimnata im relativ sicheren west-ukrainischen Iwano-Frankiwsk die Aktion zur "Evakuierung der Kunst" ins Leben gerufen. Seitdem arbeiten dort binnengeflüchtete Künstler*innen intensiv an neuen Kunstwerken, die den Krieg künstlerisch abbilden. Dank der erprobten Digitalität können wir ukrainische Kunst hier in Deutschland, z.B. in unserer hannoverschen Galerie „Keller Drei“, sichtbar machen, was für die kulturelle Identität der Ukraine gerade sehr wichtig ist. Kultur ist unsere Hauptwaffe!

Von dem „grauen Pragmatismus“

Das pragmatisch gelebte Leben in Grautönen, das die Gefahr birgt, in solcher Extremsituation in einen faschistischen Opportunismus zu kippen – oder in einen rassistischen – finde ich höchst angsteinflößend. Deswegen achte ich jetzt, in Deutschland lebend, noch mehr darauf, wer wo steht und wem welche Themen am Herzen liegen. Natürlich muss sich niemand positionieren. Allerdings schätze ich Menschen mit einer soliden Position im Leben, die bei Krisen und Problemen unserer Zeit nicht passiv zuschauen, wie alles zugrunde geht. Ich schätze die Menschen, die fähig sind die Dinge beim Namen zu nennen und verantwortungsvoll bestimmte Konsequenzen zu ziehen. Deshalb gilt für mich auch das Argument nicht, dass es „Putins Krieg“ sei, denn getragen von 83 % der russischen Gesellschaft, kann die Verantwortung nicht bei einer einzigen Person liegen.

Die täglich überwiesenen Millionen für die Energiezulieferungen aus Russland nach Deutschland bilden für mich einen Widerspruch zu der Aufnahme der Geflüchteten aus der Ukraine. Auch zeigt sich eine große Lücke in der Art und Weise, wie weiße Geflüchtete und nicht-weiße Geflüchtete aus der Ukraine und aus anderen Regionen der Welt in Europa empfangen werden. Ambiguitäten gehören wohl zum Leben, und diese muss ich irgendwie aushalten. Das fühlt sich an, wie zwischen zwei tektonischen Platten eingeklemmt zu sein!

Aussagen à la „alles nur Geopolitik“ kann ich nur schwer anhören, weil erstens bedeutet es übersetzt, dass die Interessen des „Stärkeren“ zählen, und nicht die Interessen kleinerer souveräner Staaten oder Völker; und zweitens kann es bei dieser Zerstörung von Mensch und Umwelt nicht um wahrhaftige ökonomische Interessen gehen. Alles, was gerade passiert, ist höchst unwirtschaftlich! In dieser sogenannten „Geopolitik“ werden Regeln verletzt, aber können wir einen Weg finden, die Regelbrecher zu diskreditieren, wie auf dem Fußballfeld?

In seiner Vorkriegsrede sagt der russische Präsident: „Genau genommen hat Lenin das Patent an der heutigen Ukraine“, als ob es in den Jahrhunderten vorher nichts gab auf diesem Boden! Nun, in der Ukraine fängt die Geschichtsschreibung schon eindeutig früher an. Der aktuelle Grad an Gewalt führt schließlich zu meiner totalen Ablehnung der imperialen Kultur Russlands. In den Jahren zuvor – trotz des russischen Krieges im Osten der Ukraine sowie der Annexion der Krim – hatten einige Ukrainer*innen aufgrund von familiären Verstrickungen mit Russland noch den Funken Hoffnung und die Bereitschaft, irgendetwas zu verstehen. Mein Opa war auch Russe, der in der Ukraine lebte. Ich wollte, dass sich alle verstehen, wie ein Kind zwischen sich scheidenden Eltern.

Von der „Völkerverständigung“

Meine kulturelle Diplomatie mit Russland habe ich für jetzt gekündigt. In Deutschland, dem vermeintlich neutralen Boden, verspüre ich den Druck, dass sich Russ*innen und Ukrainer*innen an einen Tisch setzen sollen. Schnell tauchten erste Residenzprogramme für geflüchtete Künstler*innen aus Russland, aus Weißrussland und aus der Ukraine zugleich auf. Wie soll diese „Völkerverständigung“ möglich sein, wenn der Großteil der russischen Gesellschaft innerhalb und außerhalb des Putinismus die letzten Jahre weggeschaut hat und immer noch schweigt? Ist das nicht auch ein imperialistischer Zug der deutschen Kulturdiplomatie, wenn sie eine Möglichkeit der Inhaftierung in Russland neben die massenhaften Morde in der Ukraine auf eine Waage legt? Wie wäre es, wenn die Weltgemeinschaft solche Sanktionen verhängen würde, die sich an der realen Zerstörung eines Landes messen, und nicht solche Sanktionen, die den eigenen Komfort bloß nicht zu sehr beeinträchtigen? Deutschlands Beschwichtigungsversuche empfinde ich ebenfalls als imperialistisch und unpassend. Hannah Arendt hat die NS-Zeit als Einbruch in die „Kontinuität der Geschichte“ (in: Vita Activa, 1960) bezeichnet. Genau das passiert jetzt auch.

Von dem erhobenen deutschen Zeigefinger

Auf das Thema „Nationalismus“ reagierte die deutsche Gesellschaft schon während der Revolution der Würde in 2013/14 in der Hauptstadt Kyiv sensibel (übrigens ist „Kyiv“ die richtige Transliteration aus der ukrainischen Sprache, „Kiew“ ist wiederum die Transliteration aus dem Russischen). In Deutschland kam mir die mediale Hervorhebung der ukrainischen Nazi-Vandale auf dem Maidan extrem unverhältnismäßig vor, dafür, dass sie knappe 5 % der Protestierenden ausmachten und sich die meisten Menschen nicht mit ihnen identifizierten. In einigen Bundesländern in Deutschland gab es zu der Zeit mehr AfD-Wähler*innen. Dieses Gefühl von Unverhältnismäßigkeit bekam ich im Februar dieses Jahres wieder, als es um die Rassismusvorfälle an den ukrainischen Grenzen ging. In den Medien, in Gesprächen und Posts von Freund*innen, so mein Eindruck, handelte es vom „ukrainischen Rassismus“, während es offensichtlich das Problem aller weißen Menschen ist und insbesondere das Problem der EU-Außengrenzen, das wir schon länger kennen. Wie viel russische „De-Nazifizierungspropaganda“ da also mit reingeflossen ist, werden wir hoffentlich im Nachhinein aufklären. Ich weiß nur, dass es nicht richtig ist, wenn sich die russische Botschaft in Südafrika für angebliche Solidaritätsbekundungen seitens südafrikanischer Einzelpersonen und Organisationen bedankt und den Krieg als Kampf gegen den Nazismus „wie vor 80 Jahren“ bezeichnet. Das erweckt starke Sorgen bei mir, dass Propaganda weltweit gestreut wird, und die Ukraine bei meinen Freund*innen in Malawi, in Thailand oder in Brasilien als die „böse“ Partei in Erinnerung bleibt. Selbst aus Griechenland höre ich Berichte von einer „pro-russischen“ Linken und frage mich, wie das sein kann. Dabei hatten Ukrainer*innen keine Kolonie und bisher auch äußerst wenig Reiseerfahrung in der Welt. Auch in einigen südamerikanischen Ländern gibt es viele, die „pro-russisch“ sind, weil sie „anti-westlich“ eingestellt sind. Sie sind gegen NATO und gegen Kapitalismus.

Es entstehen seltsame Verwirrungen in Bezug auf die Solidarität. Ich will einerseits raus aus der pragmatischen Grauzone, andererseits möchte ich keine Trennung der Welt in Schwarz/Weiß. Daher versuche ich ein Verständnis der Welt als höhere Prämisse zu setzen.

Von Prioritäten und Unterschieden

Im Kriegszustand entsteht eine Prioritätenliste. Jede*r kümmert sich um sich selbst und um die eigene Sicherheit. Viele wollten das Land verlassen. Dabei waren hauptsächlich weiße Ukrainer*innen und Freiwillige diejenigen, die es weitestgehend allen, die es wollten, ermöglicht haben, das Land zu verlassen. Die einzigen, die keine Wahl haben, auszureisen, sind ukrainische Männer und als männlich gelesene Personen, was kritisch zu betrachten ist. Menschen mit nicht-ukrainischem Pass sowie als nicht-weiß gelesene Menschen können und haben inzwischen weitestgehend das Land verlassen. Glück gehabt, wenn es für dich eine Option war, in dein Herkunftsland zu reisen, oder wenn du von der deutschen Botschaft rausgeholt wurdest. Mehrfach gestraft vom Leben bist du, wenn du auf der Flucht vom Krieg bist, dein Herkunftsland sich nicht um dich schert, wenn du keine Papiere hast, wenn die internationalen Abkommen nicht zu deinen Gunsten sind, wenn dein Visum in der EU maximal einen Monat lang gilt, wenn das Eilverfahren (das mir wie ein großes Wunder vorkam!) leider nicht für dich gilt und niemand dich in Europa willkommen heißt, weil du weder weiß, noch ukrainisch bist. Meinen kurdischen und syrischen Freund*innen, die in den Jahren zuvor nach Deutschland geflüchtet sind, fiel die Ungleichbehandlung natürlich auch auf. Bei mir steigt die Anspannung und Sorge um den wachsenden sozialen Neid. Das müssen wir jetzt alle irgendwie ausgleichen.

Vom Festhalten und vom Loslassen

Wie in jeder weißen Gesellschaft, gibt es in der Ukraine auch Rassismus sowie andere Formen von Diskriminierungen und sozialen Ungleichheiten. Auf der Skala des Eurozentrismus steht die Ukraine irgendwo in der Mitte: Die Menschen leiden von dem Eurozentrismus, Imperialismus und Kapitalismus, der sie lange ausgenutzt hat (und weiterhin auszunutzen versucht). Gleichzeitig sind sie Teil dieser rassistischen Strukturen und nutzen jene zu eigenen Gunsten aus. Das ist ein Assimilationsdruck, dem du dir erstmal bewusst werden solltest! Du musst nicht bei dem System mitmachen! Bei allem Pech der erzwungenen Migration der weißen Ukrainer*innen, für die ich hier spreche, ist es auch eine Chance zu erfahren und zu lernen, was es mit dir macht, wenn du stigmatisiert wirst. Darin steckt auch eine Chance! Und dahin spitzt sich der Fokus meiner (trans)kulturellen Arbeit zu. Die Seminare zum „Kritischen Weißsein“ möchte ich nun an Geflüchtete aus der Ukraine geben, damit sie bei ihrer Ankunft in Deutschland sich dieser weißen, rassistisch strukturierten Gesellschaft bewusst werden und ihre Entscheidung dann treffen. Ich weiß nämlich, dass sich jene nach Freiheit und Würde sehnende Widerstandskraft aller marginalisierten Völker der gemeinsame Nenner ist. Ich weiß, dass ich einst von Nina Simone über meine „artist‘s duty“ gelernt habe und von Billie Holiday darin bestärkt wurde die zu sein, die ich bin. Niemand soll sich ducken.

Portrait von Masha Kashyna

Masha Kashyna wurde in Korets, Ukraine, geboren und ist eine Klang- und Medienkünstlerin, Kulturarbeiterin und Aktivistin, die eine Doppelexistenz zwischen Deutschland und der Ukraine führt. Diese "gemischte Identität" findet ihren Weg im künstlerischen Ausdruck. Als Produzentin und Multiinstrumentalistin (Vibraphon / Saxophon) ist sie solo und mit dem Duo Nustoriya unterwegs. Etliche Feature-Projekte mit Performancegruppen wie She She Pop und Tarek Atoui, mit Tänzerinnen (Pia Kröll und Viktoria Skrypnyk) und Live-Maler*innen/Muralist*innen (J. S. Sanner, Zagalaksy, Kartel, Alexander Mick, Igor Zaidel, Dimitra Kousteridou) brachten sie nach Polen, Griechenland, Malawi, Portugal, Türkei, Russland, Ukraine und Deutschland. In der hannoverschen Galerie "Keller Drei", kuratiert sie zeitgenössische Klangfusionen und legt Wert darauf, Zusammenarbeit zwischen Klangmacher*innen und visuellen Künstler*innen zu fördern. In ihren Workshops bringt sie Musik, Globales Lernen und Stärkung der Medienkompetenzen zusammen.