Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die ‚neuen Dienstmädchen’ im Zeitalter der Globalisierung

HaushaltsmädchenIllegalisierte Migrantinnen arbeiten oft als Haushalts- und Putzhilfen, Kinderbetreuerinnen und Pflegekräfte. Urheber: Mink. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

von Helma Lutz

Die „neuen Dienstmädchen“, die vom Weltmarkt in die deutschen Privathaushalte kommen, fanden bislang in der Geschlechterforschung sowie in der Migrationsforschung wenig Beachtung. Es geht um die zunehmende Zahl von Haushalts- und Putzhilfen, Kinderbetreuerinnen und Pflegekräften, die im modernen Haushalt Versorgungs- und Pflegearbeit übernehmen. Viele der Frauen (und einige Männer), die diese Tätigkeiten in Deutschland ausführen, sind MigrantInnen aus Osteuropa, Asien, Afrika und Lateinamerika. Der angelsächsischen Debatte folgend werden sie in diesem Buch als „HaushaltsarbeiterInnen“ bezeichnet, die ähnliche Tätigkeiten wie die ehemaligen Dienstmädchen verrichten, sich von ihnen aber auch unterscheiden.

„Eine bemerkenswert reichhaltige und detaillierte Untersuchung über ein ungenügend erforschtes soziales Feld. Helma Lutz gelingt es, bezahlte Haushaltsarbeit aus der Privatsphäre des Haushalts herauszulösen und in einem globalen Kontext zu verankern. Pflichtlektüre für ExpertInen und Laien“.
Saskia Sassen, Autorin des Buches ‚Territory, Authority, Rights: From Medieval to Global Assemblages’ über das Buch von Helma Lutz"Vom Weltmarkt in den Privathaushalt"
 



Neben den oben genannten Forschungsbereichen sind für diese Frage auch die internationalen Debatten über domestic work und der Vergleich mit dem historischen Dienstmädchenphänomen wichtig. Das Buch ist das Ergebnis einer empirischen Studie, die in den Jahren 2001-2005 unter dem Titel „Geschlecht, Ethnizität und Identität. Die neue Dienstmädchenfrage im Zeitalter der Globalisierung“ durchgeführt und von der VolkswagenStiftung finanziert wurde. Drei zentrale Fragenkomplexe waren Ausgangspunkt der Untersuchung:

  1. Kommunikation, Selbst- und Fremdwahrnehmung: Wie gestaltet sich die Begegnung von ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen in diesem Tätigkeitsfeld? Welche Arbeiten übernehmen die MigrantInnen, wie interagieren die Betroffenen miteinander? Welche Selbst- und Fremdbilder entwickeln sie gegenseitig und wie gestaltet sich auf der Grundlage der gegebenen ökonomischen Asymmetrie der interkulturelle Charakter der Kommunikations- und Beziehungsstrukturen?
  2. Arbeitsidentität: Können die ArbeitnehmerInnen die von ihnen verrichtete Haushaltsarbeit als Quelle einer positiven Arbeitsidentität begreifen? Wie integrieren diese MigrantInnen, die in der Regel gut ausgebildet sind und in ihrem Herkunftsland über Berufserfahrung verfügen, diese neue Tätigkeit in ihre Lebensgeschichten?
  3. Netzwerkbildung und transnationale Lebensführung: Wie und mit welchen Hoffnungen sind die MigrantInnen nach Deutschland gekommen? Wie entwickelt sich im Laufe ihrer Migration ihre transnationale Identität? Wie gestalten die Mütter unter ihnen ihre transnationale Mutterschaft? Wie gehen sie mit dem Leben in der Illegalität um?

Als die Forschung begann, wurde das Thema zwar international bereits umfassend bearbeitet, war aber in Deutschland noch stark tabuisiert und vor allem im akademischen Feld nicht salonfähig. Diese Studie ist die erste größere deutsche Untersuchung zu diesem Thema, die aus außeruniversitären Mitteln finanziert wurde. Sie versteht sich deshalb als eine Arbeit, die den Themenbereich abgrenzt, ihn in wissenschaftlichen und politischen Debatten verortet und den Blick für Fragen und Probleme öffnet, die mit Haushaltsarbeit, Migration, Illegalität und Mutterschaft verbunden sind. Ganz bewusst wurden nicht nur die betroffenen MigrantInnen, sondern auch ArbeitgeberInnen befragt, um die Interaktion zwischen den Beteiligten nachvollziehen zu können. In kaum einem anderen Bereich begegnen sich Deutsche als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft und MigrantInnen so wie am „Arbeitsort Privathaushalt“.

Mit dieser Forschung wird zum einen ein Beitrag zu der zentralen Debatte der Geschlechterforschung über die Gleichverteilung von Erwerbs- und Familienarbeit geleistet; zum anderen stehen gängigen Vorstellungen, die davon ausgehen, dass die Lebensbereiche dieser beiden Bevölkerungsgruppen sich kaum berühren, zur Disposition. Ohne die Arbeit der MigrantInnen müssten viele ArbeitgeberInnen ihre Erwerbstätigkeit einschränken, ohne den Verdienst in deutschen Haushalten hätten die MigrantInnen keine Einkünfte. Die Studie versucht, die gegenseitigen Abhängigkeiten, die keineswegs symmetrisch sind, zu beschreiben und kein vorschnelles Urteil zu fällen.

Die Forschung in diesem Feld war nicht immer einfach, denn der gesamte Arbeitsmarkt bewegt sich in einer Grauzone und ist durch mehrfache Illegalität gekennzeichnet: Das Arbeitsverhältnis ist nicht durch einen Vertrag abgesichert, und die MigrantInnen verfügen oft nicht über eine Aufenthaltserlaubnis, in keinem Fall aber über eine Arbeitserlaubnis. Dadurch fand die Forschung in einem sehr schwer zugänglichen Feld statt, das auf die Herstellung von Vertrauensbeziehungen angewiesen war. In den Phasen, in denen öffentliche Debatten dieses Phänomen skandalisierten oder, wie in Hamburg, eine restriktive Politik die Angst vor Entdeckung und Ausweisung steigerte, war dies besonders schwierig. Die MigrantInnen bewegen sich zudem in einem isolierten und stark individualisierten Arbeitsalltag, der potentiell jederzeit zusammenbrechen kann; ihre Lebenssituation wird dadurch extrem prekär. Bevor es im letzten Kapitel zu einer Einschätzung des Phänomens kommt, beschreibt das Buch die vielen Facetten der migrantischen Haushaltsarbeit.

Die neue Umverteilung: Im ersten Kapitel wird das Thema mit einem kurzen Rückblick auf die (feministische) Debatte über die Gleichverteilung von Arbeit eingeführt. Dabei wird deutlich, dass diese Debatte, im Moment von großer politischer Relevanz, nicht darauf verzichten kann, die unterschiedliche gesellschaftliche Bewertung von Erwerbs- und Familienarbeit als Ausdruck einer asymmetrischen Geschlechterordnung zu betrachten. In den Debatten der Genderforschung wird die steigende Nachfrage nach haushaltsnahen Dienstleistungen in der Regel mit Veränderungen in der Familienkonstellation begründet, mit veränderten Karrieremustern, sowie mit steigendem Pflegebedarf im Alter. Aktuelle Studien, wie etwa die Zeitbudgetstudie des Statistischen Bundesamtes (2003) und der 7. Familienbericht (2006) enthalten Hinweise auf eine paradoxe Situation in deutschen Familien: Einerseits ist zwar der Anteil der Frauenerwerbstätigkeit gestiegen, gleichzeitig hat jedoch wenig oder keine partnerschaftliche Umverteilung der Hausarbeit stattgefunden, und Frauen tragen nach wie vor die Hauptlast der Versorgungs- und Erziehungsarbeit.

Bei weiterhin mangelhaften staatlichen Kinderbetreuungsleistungen bleibt die Kombination von Kind und Karriere für die meisten Frauen weiterhin schwierig und ist nur unter Zuhilfenahme von personeller familien-interner- oder externer Unterstützung auszubalancieren. Die Weitergabe der Haus- und Versorgungsarbeit (oder zumindest bestimmter Teile davon) an eine haushaltsfremde Person ist eine Lösung, die zunehmend bevorzugt wird. Dabei zeichnet sich ein Trend zur illegalen Beschäftigung von Migrantinnen ab, die in der Regel kostengünstiger arbeiten als die über Dienstleistungspools vermittelten legalen Arbeitskräfte.

Der Privathaushalt als Weltmarkt für weibliche Arbeitskräfte: Das Kapitel verortet das Phänomen 'migrantische Haushaltsarbeit' in der internationalen Debatte über feminisierte Migration und domestic work. Weltweit hat sich diese Tätigkeit zum größten Arbeitsmarkt entwickelt; im Zuge des in vielen Ländern zu verzeichnenden Rückzugs des (Wohlfahrts-)Staats aus der Bereitstellung von Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder, alte und kranke Menschen, findet sich die Privatisierung dieser Angebote überall; die Prämisse, Arbeitskräfte möglichst billig „einzukaufen“, hat der Transnationalisierung von Dienstleistungen Vorschub geleistet. Der neue Bedarf wird durch das Angebot von Arbeitskräften aus Erdteilen, die mit Armut, ökonomischen Katastrophen oder Systemtransformationen zu kämpfen haben, gedeckt.

Hier wird die These entwickelt, dass die makro-soziologische Verortung des Themas im Schnittpunkt von Wohlfahrts-, Geschlechter- und Migrationsregimen erfolgen muss. In handlungstheoretischer Hinsicht, auf dem Interaktionsniveau, wird die Theorie der Geschlechterdifferenz als eine im ‚Doing Gender’ permanent interaktiv hergestellte Vollzugswirklichkeit ergänzt um die Dimension des ‚Doing Ethnicity’; letztere weist auf die alltägliche Herstellung eines von den Beteiligten konstruierten ‚Andersseins’ hin, das sich als Grenzziehungsarbeit im Privathaushalt darstellt. Doing Ethnicity, so die hier vertretene These, hilft die Asymmetrie des ‚Doing Gender’ abzufedern; gleichzeitig wird das Doing Gender weitergereicht und bekommt eine neue Form. In diesem Zusammenhang wird auf die anglo- amerikanische Intersektionalitätsthese als theoretischer Bezugsrahmen hingewiesen.

Methoden und erste Ergebnisse der Untersuchung transnationaler Lebensführung: Dieses Kapitel erläutert die Methoden der Untersuchung und präsentiert gleichzeitig einige erste Ergebnisse. Der hier angewandte Methodenmix bestand aus
a) Experteninterviews mit VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen, die die Interessen der MigrantInnen in diesem Bereich vertreten, Ärzten und SozialarbeiterInnen sowie Repräsentanten der (katholischen) Kirche;
b) qualitativen Interviews mit ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen in drei verschiedenen Städten (Münster, Hamburg, Berlin) und
c) teilnehmenden Beobachtungen in einem Haushalt und im sozialen Umfeld der ArbeitnehmerInnen. In diesem Kapitel werden die Erhebungs- und Auswertungsschritte erläutert und die Präsentation der Daten in Form von Fallrekonstruktionen erklärt. Außerdem wird auf verschiedene methodische Komplikationen bei der Erforschung von transnationalen Migrationsbiographien aufmerksam gemacht.

Haushaltsarbeit – ein ganz normaler Job: In diesem Kapitel werden mithilfe der Beschreibungen, die die HaushaltsarbeiterInnen von ihrer Arbeit geben, die verschiedenen Facetten der im Privathaushalt verrichteten Tätigkeiten dargelegt. Dabei geht es um eine Mischung von Putz-, Betreuungs-, Pflege- und Versorgungstätigkeiten, die in der englischen Debatte passend mit den drei c’s (cooking, cleaning, caring) umschrieben werden. Der übergroße Teil der in diesem Projekt Interviewten hat im Laufe der Jahre sowohl Personen-bezogene (Betreuung von Kindern und alten oder pflegebedürftigen Menschen) als auch Gegenstands-bezogene Dienstleistungen (Aufräumen, Putzen, Waschen, Bügeln etc.) erbracht; meist wurden sie in Kombination verrichtet. Unter Rückbezug auf die von dem französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann (1999) entwickelte ‚Theorie der Haushaltstätigkeit’, wurde das emotionale Engagement, das mit der gesamten Haushaltsarbeit verbunden wird, herausgearbeitet.

In den Interviews wurde deutlich, dass sowohl die ArbeitgeberInnen als auch die ArbeitnehmerInnen davon ausgehen, dass Haushaltsarbeit in besonderer Weise die Intimsphäre von Menschen, ihre spezifischen Wünsche, Rituale und den Umgang mit Artefakten berührt. Wenn etwa ein geliebter oder teurer Gegenstand zerbricht oder - weniger dramatisch - lediglich eine neue Anordnung von (Dekorations-)Gegenständen eine gewohnte Ästhetik durcheinander bringt, kann das zu erheblichen Irritationen auf Seiten der ArbeitgeberInnen führen und das Vertrauensverhältnis negativ beeinflussen. Für die Haushaltsarbeiterinnen bedeutet dies, dass sie sich nicht nur dann, wenn sie Personen betreuen, sondern auch dann, wenn sich ihre Tätigkeit auf den ‚Umgang mit den Dingen’ beschränkt, mit dem Habitus der ArbeitgeberInnen vertraut machen, bzw. sich diesem unterordnen müssen. Insbesondere im Umgang mit älteren Menschen, die meist sehr genaue Vorstellungen über den Ablauf der zu verrichtenden Tätigkeiten haben und bei (Mittelschichts-)Eltern von minderjährigen Kindern kann dies zu sehr dezidierten Anforderungen und auch zu erheblichen Konflikten führen.

Insgesamt wird deutlich, dass neben physisch anstrengender Arbeit auch Emotions- oder Beziehungsarbeit erforderlich ist, die als unsichtbarer Mehrwert der Haushaltsarbeit bezeichnet werden kann. Mit dem ethnographischen Blick auf den Haushalt aus der Fremdperspektive ist beabsichtigt, nicht nur die Tätigkeiten, sondern auch das Beziehungsgefüge in diesem Bereich darzustellen. Ebenso werden die Professionalisierungsstrategien der MigrantInnen beschrieben.

Ausbeutungsverhältnis oder Vertrauensgemeinschaft? Beziehungsarbeit im Haushalt: Diese Kapitel widmet sich, ausgehend von vier Fallgeschichten, denen die Interviews mit HaushaltsarbeiterInnen und deren jeweiligen ArbeitgeberInnen zugrunde liegen, den hochkomplexen Beziehungsstrukturen zwischen den Beteiligten. Im Unterschied zu ForscherInnen, die das Verhältnis zwischen ArbeitgeberInnen und HaushaltsarbeiterInnen als reines Ausbeutungsverhältnis oder Re-Feudalisierung beschreiben, wird hier die Asymmetrie der Beziehung im Kontext des Egalitätsprinzips analysiert. Statt eines einfachen Ausbeuter-Ausgebeuteten-Schemas lässt sich eher die wechselseitige (ethnisierende) Grenzziehungsarbeit erkennen.

Die Grenzziehung findet auf beiden Seiten statt, muss aber nicht notwendigerweise komplementär sein. Das Fehlen von Regelwerken und abgesicherten Umgangsformen und die damit einhergehenden Unsicherheiten machen sich in der Kommunikation bemerkbar. Indem auf ethnische Begründungsmuster bei der Legitimation asymmetrischer Machtverhältnisse zurückgegriffen wird, kreuzen sich hier (Doing) Gender und (Doing) Ethnicity. Mithilfe der Fallbeschreibungen wird das Spektrum der Beschäftigungskonstellationen abgesteckt. Deutliche wird, dass die Hierarchien der Dienstbotengesellschaft in einem modernen Habitus keinen Platz haben und dass stattdessen von den Beteiligten unterschiedliche Beziehungsverhältnisse konstruiert werden, vom professionalisierten Dienstleistungsverhältnis bis hin zur  Wahlverwandtschaft.
 
Transnationale Mutterschaft: Hier geht es um die Frauen, die ihre Kinder im Heimatland zurückgelassen haben und eine „virtuelle Mutterschaft“ pflegen. Unter den Bedingungen physischer Distanz erhalten sie die Kontakte zu ihren Kindern aufrecht. Da die finanzielle Unterstützung der Ausbildung von Kindern neben der Gesundheitsversorgung von Ehemännern, Eltern, Geschwistern und anderen Familienangehörigen sowie dem Erwerb einer eigenen Wohnung zu den wichtigsten Migrationsmotiven dieser Frauen zählt, wird die Frage, wie sie ihre Mutterschaft definieren und gestalten, welche Gewinne und Verluste sie dabei erfahren, zu einem Kernthema ihrer Biographien.

Anhand von zwei Fallgeschichten werden die unterschiedlichen Erfahrungen und Lösungen, die die Frauen für diese Lebensführung gefunden haben, erläutert. Deutliche Unterschiede werden in den Prozessen des Fernmanagements von Erziehungs- und Versorgungsarbeiten sichtbar; Unterschiede der Beziehungsgestaltung zu den Zurückgebliebenen hängen unmittelbar zusammen mit den jeweiligen transnationalen Migrationsräumen zusammen. Während Osteuropäerinnen als Pendelmigrantinnen durchaus in regelmäßigen Abständen ihre Kinder besuchen und im Krisenfall innerhalb von einem Tag zurückkehren können, müssen Lateinamerikanerinnen ihre mehrjährige physische Abwesenheit über Tele- und Internetkommunikation kompensieren und sind auf die Versorgung der Kinder durch (bezahlte) StellvertreterInnen angewiesen. Das Kapitel endet mit dem Hinweis darauf, dass die Veränderung der Familienbeziehungen im Zuge der feminisierten Migration weiterhin viele Fragen offen lässt, dass sich jedoch nachzeichnen lässt, wie in unserem ‚Informationszeitalter’ mithilfe neuer technischer Möglichkeiten ein Doing Family über große geographische Distanzen hinweg inszeniert wird.

Illegal Sein: Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, in Deutschland als illegalisierte Person zu leben; in der Regel heißt das, dass die Betroffenen mit Arbeitsplatz-, Wohnungs-, Gesundheits-, Orientierungs- und Integrationsproblemen konfrontiert zu sein. Geschlechtsspezifisch für Migrantinnen ist im Übrigen die vielfache Konfrontation mit sexuellen Belästigungen. Neben der Betrachtung der rechtlich relevanten Aspekte von Illegalität geht es hier sowohl um die Darstellung der verschiedenen Ausbeutungs- und Abhängigkeitsressourcen und -verhältnisse als auch um die Handlungsspielräume der AkteurInnen. Der wichtigste Befund, der mit zwei Biographien illustriert wird, bezieht sich darauf, dass der Umgang mit Illegalität individuell variiert und weniger mit ethnischer oder nationaler Herkunft zusammenhängt, als vielmehr mit dem (erfolgreichen) Rückgriff auf biographische Ressourcen; ob das soziale Kapital der MigrantInnen in Deutschland anschlussfähig wird, hängt weitgehend vom Zugang zu unterstützenden Netzwerken ab.

 Durch den Nachvollzug und die Beschreibung von Handlungslogiken wird verdeutlicht, dass die Betroffenen durch die herrschende Gesetzeslage in einer Grauzone agieren, die ihrer Aktionsfähigkeit Grenzen setzt. Die Hälfte der in diesem Projekt Interviewten hat ihren Aufenthaltsstatus mittels einer Eheschließung legalisiert, und obwohl damit neue Abhängigkeitsverhältnisse eingegangen werden, konnte zumindest die ständige Angst vor Entdeckung und Ausweisung reduzier werden. Engagierten Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft (deutschen ArbeitgeberInnen oder AktivistInnen) scheint über Unterstützungsnetzwerke die Abfederung von prekären Situationen zu gelingen. Allerdings gibt es große regional spezifische Differenzen im Zugang zu solchen Netzwerken.

MigrantInnen in der Globalisierungsfalle?:  Das Kapitel fasst die Dilemmata der aktuellen Situation zusammen und gibt einen Ausblick auf mögliche politische Lösungen. Der Systemwechsel in Osteuropa und die anhaltende Armut und Unterentwicklung in vielen Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Asiens haben dazu beigetragen, dass das Scheitern der traditionelle Emanzipationspolitik in Deutschland in Hinblick auf eine Neudefinition der Geschlechterverhältnisse kaum sichtbar wurde. Zwei von der Frauenbewegung angestoßene Projekte, die Gleichverteilung von Haus- und Versorgungsarbeit und die Neudefinition des Verhältnisses von Erwerbs- und Fürsorgearbeit müssen bislang als misslungene betrachtet werden. An die Stelle von partnerschaftlichen Veränderungsprozessen tritt die Kompensation von Versorgungslücken über die aus dem Weltmarkt eingekauften so genannten Hilfen; diese Lösung war sicher nicht mit der feministischen Losung ‚Lohn für Hausarbeit’ intendiert und antizipiert worden. Gleichzeitig ist festzustellen, dass der Arbeitsbereich ‚Haushaltsarbeit’ nur dann legalisiert und die darin erbrachten Leistungen reguliert werden können, wenn diese als gesellschaftlich wichtige und notwendige Arbeit rechtliche Anerkennung finden. Für die betroffenen HaushaltsarbeiterInnen wäre dies bereits ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Verbesserung ihrer Lebensumstände.

Langfristig kann diese Frage nur als eine gemeinsame Aufgabe von Gleichstellungs- Familienpolitik, Anti-Diskriminierungs-, Zuwanderungs- und Entwicklungspolitik verstanden und diskutiert werden.

Damit werden zum Schluss weitere Forschungsdesiderate angesprochen und Hinweise auf politische Aktionsfelder gegeben.
Diese Studie macht präzise und detaillierte Aussagen über das Themenspektrum migrantischer Haushaltsarbeit in Deutschland und verknüpft sie mit den relevanten Theorien der Geschlechter- und Migrationsforschung.

Für alle diejenigen, die sich über dieses Thema weiter informieren möchten, wird hier noch der Hinweis auf ein anderes Produkt des Forschungsprojekts gegeben. Eine Online-Literaturdatenbank mit 1400 Einträgen steht  zur Verfügung unter: http//:www.uni-muenster.de/FGEI.
 

Lutz, Helma, und Susanne Schwalgin. 2007. Vom Weltmarkt in den Privathaushalt. Die neuen Dienstmädchen im Zeitalter der Globalisierung. 2. Aufl. Budrich.

 

Helma Lutz

Helma Lutz ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt.

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