Entwicklung der Elternarbeit an der Fichtelgebirge-Grundschule

Entwicklung der Elternarbeit an der Fichtelgebirge-Grundschule

 

von Annette Spieler

Die Fichtelgebirge-Grundschule liegt im ehemaligen SO 36, dem so genannten Wrangelkiez. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler nicht deutscher Herkunftssprache liegt bei 86 %. Die Kinder kommen zum großen Teil aus sozial schwachen Familien. Ein Bildungsanspruch der Eltern ist vorhanden: Ihre Kinder sollen die bestmögliche Schulausbildung erhalten. Jedoch divergieren häufig die Wunschvorstellungen der Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule mit den Leistungsmöglichkeiten der Kinder.
Die Elternabende am Beginn der Grundschulzeit werden noch relativ gut besucht. Das Interesse der Eltern lässt aber in der Folge erheblich nach. Elternabende gestalten sich in der Form, dass die Lehrkraft am aktivsten ist und die Eltern schweigen. Als Ursachen vermuteten wir unzureichende Sprachkenntnisse der Eltern, die Sorge, dass das eigene Kind „vorgeführt“ wird, und die Bildungsferne der Eltern, die oft in der Türkei nur unzureichend die Schule besucht haben und deshalb der Institution Schule in Deutschland skeptisch gegenüberstehen.

Anstoß: Studientag des Kollegiums

An einem Studientag des Kollegiums zum Thema „Schulprogramm- und Schulprofil-Entwicklung“ wurde als Wunsch eine stärkere Einbeziehung der Eltern formuliert. Da die Fichtelgebirge-Grundschule am Bund-Länder-Kommissions-Programm „Demokratie lernen und leben“ teilnahm und sie von außen durch Schulberater begleitet wurde, ergab sich die Chance, die Steuerungsrunde mit Lehrern, Eltern und Schülern paritätisch zu besetzen, um mittelfristig mit dieser Runde ein Schulprogramm zu entwickeln.

Gesamtelternabend

Als erster Schritt wurden alle Eltern der Schule zu einer Veranstaltung eingeladen, die sie alternativ am Freitagabend oder am Samstagvormittag besuchen konnten. Mit insgesamt 90 teilnehmenden Eltern war diese ein voller Erfolg. In dieser Versammlung wurden die Stärken der Fichtelgebirge-Grundschule und die Wünsche der Eltern an die Schule herausgearbeitet und die Eltern für die Steuerungsrunde ausgewählt. Sprachbarrieren gab es keine, da Dolmetscher teils ehrenamtlich, teils als Honorarkräfte zur Verfügung standen.

Die Räumlichkeiten

Zeitgleich initiierte die Schulstation (geleitet von Mitarbeitern von FiPP e.V.) in Kooperation mit dem Quartiersmanagement ein „Elterncafé“. Zu den ersten Treffen wurden zunächst nur Eltern von Schülern aus den 1. Klassen, vor allem den zwei Förderklassen (für Schüler mit unzureichenden deutschen Sprachkenntnissen) dieses Jahrgangs eingeladen. Die Leitung übernahm der türkischsprachige Erzieher der Schulstation in türkischer Sprache. Für die erforderliche Kinderbetreuung konnten teilweise Honorarkräfte engagiert werden. Das Elterncafé fand zunächst in der Schulstation in Räumlichkeiten statt, die mit einem Klassenzimmer keine Ähnlichkeit haben. Dort wurde die Atmosphäre weiter mit Tee und Keksen aufgelockert.

Zunächst dienten die Treffen dem allgemeinen Kennenlernen und Austausch sowie der Thematisierung aktueller Probleme. Dem Erzieher gelang es dabei glaubwürdig und überzeugend, die Rolle als Vermittler zwischen Eltern und Lehrer zu übernehmen.

Die Treffen

Aufgrund des großen Interesses seitens der Eltern beschloss die Schule, das Elterncafé zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen. Zu den Treffen wurde anfangs noch eine schriftliche Einladung an die Kinder in der Schule verteilt. Zusätzlich wurden die Eltern per Telefon zwei Tage vor Beginn des Treffens an dieses erinnert. Die Zahl der Eltern, die seitdem am „Elterncafé“ teilnehmen, fluktuiert zwischen 20 und 50. Nach anfänglicher Zurückhaltung fragen die Eltern inzwischen nach dem nächsten Treffen, wenn der Turnus von ca. vier Wochen unterbrochen wird, und sie zeigen ein reges Interesse, welches sich z.B. in Erzählungen über „zu Hause“ äußert. Wegen der großen Nachfrage werden inzwischen alle Eltern eingeladen. In regelmäßigen Abständen finden zudem auch gemischte Elternforen statt. Die gemeinsame Sprache ist dann deutsch.

Die Themen

Ziel des Elterncafés ist es, kontinuierlich und vielseitig zum Themenschwerpunkt: „Der Erziehungsauftrag der Eltern und der Schule" zu informieren. Auch sind die Treffen hilfreich, die Hemmschwelle vieler Eltern zur Institution Schule abzubauen. Es erfolgte z. B. ein Austausch zu folgenden Themen: „Die Rolle der Eltern im Bildungsauftrag", „Die Bedürfnisse der Kinder im Kontext des Familienlebens", „Kommunikation in der Familie", „Das Neue Schulgesetz bzw. Ganztagsschule", „Pubertät" sowie „Lebensgewohnheiten und Wertevorstellungen in Deutschland". Hierzu werden bei Bedarf externe Fachkräfte eingeladen, die vom Quartiersmanagement finanziert werden. Der türkischsprachige Erzieher nutzt dabei Elemente aus dem sozialen Lernen und der Anti-Bias-Arbeit, welche die Schulstation auch in der Arbeit mit Kindern im Rahmen des Unterrichtsfaches „Soziales Lernen“ verwendet.

Das gemischte Elternforum erarbeitet inzwischen auch Vorlagen für die Steuerungsrunde, die dann im Konsensverfahren ausgehandelt werden. So entstanden u.a. für die neue Schul- und Hausordnung auch „Regeln und Pflichten für Eltern“, formuliert von Eltern!

Weiterentwicklung

Aus der Gruppe der Eltern wollten sich einige mehr für die Schule engagieren: Sie ließen sich zu Multiplikatoren ausbilden, um in der Elternarbeit unterstützend mitzuwirken. Die Ausbildung erfolgte durch Mitarbeiter von Familie e.V. in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement. Diese Eltern stehen nun im zweiten Jahr allen Eltern zur Verfügung. Zweimal in der Woche sind sie in einem kleinen Raum in der Schule präsent. In einer weiteren Fortbildung haben sie sich Dolmetscherkenntnisse angeeignet. Ein umfangreiches schulisches Fachwort-Glossar wurde entwickelt, das zwar noch nicht in der Muttersprache zur Verfügung steht, aber bei Bedarf in der Muttersprache erklärt werden kann.

Gesamtelternabend

Eine zweite Großveranstaltung fand dann wieder in ähnlicher Form wie die erste statt, um allen Eltern die Gelegenheit zu geben, sich über den Stand der Arbeit der Steuerungsrunde zu informieren. Gleichzeitig wurden Vorschläge für die Steuerungsgruppe zum Thema „Wie stellen die Eltern sich einen Elternabend vor“ erarbeitet. Die Einladung wurde durch die Kinder in der Hinsicht verstärkt, dass sie in Kleingruppen Argumente sammelten, warum es für sie von Bedeutung ist, dass ihre Eltern an der Elternversammlung teilnehmen. Diese wurden dann in den Klassen vorgestellt. Die Mitschüler ergänzten ihre Einladung mit ihrem ganz persönlichen Argument und übergaben diese dann zusammen mit einem Glücksstein ihren Eltern. Und wieder kamen ca. 20 % der Eltern!

Stellungnahme Kollegium
Auch das Kollegium befasste sich mit den Vorstellungen der Eltern zur Gestaltung der Elternabende. Zunächst erarbeitete ein kleiner Kreis ebenfalls Gestaltungsvorschläge. Erstaunlich war dabei eine hohe Übereinstimmung mit den Vorstellungen der Eltern. Diese wurden dann in einer Dienstbesprechung dem ganzen Kollegium vorgestellt.

Fazit
Regelmäßige Veranstaltungen in bekannter und anheimelnder Atmosphäre mit vertrauten Bezugspersonen, die aber nicht unbedingt „die Schule“ repräsentieren, lassen aktive Elternarbeit gelingen. Dabei ist es entscheidend, dass Schulleitung und Kollegium die Elternarbeit positiv würdigen und dadurch den Eltern Mut machen, im wahrsten Sinne des Wortes "mitzumischen." Die regelmäßige Anwesenheit von Eltern hat zudem zu einem insgesamt entspannteren Schulklima beigetragen.

Februar 2008

Annette Spieler ist Schulleiterin der Fichtelgebirge Grundschule in Berlin-Kreuzberg.