Betroffenheit und Rhizom, Literatur und Literaturwissenschaft

Drei Bücher die an Stahlseilen vor einer Wand hängen

 

von Immacolata Amodeo

Die Herbsttagung 2008 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt stand unter dem Motto „Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur. Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland“. Die Akademie habe, wie es in der Pressemeldung hieß, „Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus anderen Sprachen und Kulturen“ eingeladen, die „in den letzten Jahrzehnten Einzug [...] in die deutschsprachige Literatur“ gehalten haben:

“Einige von ihnen haben das Deutsche als zweite oder dritte Sprache erlernt und sind zu Schriftstellern deutscher Sprache geworden, andere wiederum schreiben zweisprachig oder sie fanden zunächst in der Sprache des neuen Landes das Medium ihres literarischen Ausdrucks, bis sie Jahre später wieder begonnen haben, in ihrer Muttersprache zu schreiben.“

Die eingeladenen „namhaften Autorinnen und Autoren“ sollten vor den Mitgliedern der Akademie „ihre produktiven Erfahrungen mit der deutschen Sprache“ darstellen. Daß die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Gastgeber von AutorInnen wie José F.A. Oliver, Yoko Tawada und Zafer Senocak wurde, ist der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung der zunehmenden Beachtung der Literatur eingewanderter AutorInnen in der Bundesrepublik Deutschland während der letzten Jahrzehnte.

Literatur der Betroffenheit und die Betroffenheit der Literaturwissenschaft

Das war bekanntlich nicht immer so. Die Literaturwissenschaft hat sich lange nur zögerlich und unter bestimmten Prämissen mit dieser Literatur auseinandergesetzt. Die Rede über die Literatur eingewanderter AutorInnen in der Bundesrepublik war lange durch den Begriff der Betroffenheit geprägt. Die Einführung der literaturwissenschaftlichen Kategorie Betroffenheit hatte eine bestimmte Funktion und eine gesellschaftliche Relevanz in der Bundesrepublik der siebziger und frühen achtziger Jahre. Man ging davon aus, daß Literaturen der Betroffenheit aus einem autobiographischen Impuls heraus entstanden und daß sie, ob sie nun von Frauen, von Gefangenen, von Homosexuellen oder von Jugendlichen geschrieben waren, auf die Darstellung der persönlichen Lebenssituation zielten. Während dieses Zeitraums wurde daher den Texten eingewanderter AutorInnen in der Bundesrepublik neben den Texten von Frauen, Homosexuellen, Gefangenen und anderen vermeintlichen Randgruppen der Einzug in die Institution Literatur gewährt. Dieser Einzug brachte allerdings unweigerlich die Einordnung in eine Sondersparte mit sich.

Auch einige Autoren, und zwar zunächst Franco Biondi und Rafik Schami, haben den Begriff Betroffenheit in ihrem 1981 veröffentlichten, vierhändig verfaßten Aufsatz „Literatur der Betroffenheit. Bemerkungen zur Gastarbeiterliteratur“ aufgenommen. Sie verstanden unter Betroffenheit die unmittelbare Solidarität der eigenen Minderheit gegenüber. Diese Definition von Betroffenheit implizierte nicht automatisch den Verzicht auf ästhetische Qualität. Im Gegensatz zum ästhetischen Anspruch, den die Autoren selbst propagierten, näherte sich die literarische Öffentlichkeit den Texten mit einem Desinteresse an der ästhetischen Beschaffenheit oder mit einer fast grenzenlosen Großzügigkeit im ästhetischen Urteil.

Das Kriterium, das aus der Sicht der literarischen Öffentlichkeit Literaturen der Betroffenheit von anderen Texten unterscheiden konnte, war ausschließlich und qua definitionem die Betroffenheit. Demzufolge konnten und durften Betroffenheitstexte nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden. Die literarische Öffentlichkeit war also beim Umgang mit Literaturen der Betroffenheit wegen der eigenen Objektdefinition dazu gezwungen, bestimmte Herangehensweisen zu benutzen und auf andere zu verzichten.

Positionen gegenüber einem schwer zu verortenden Phänomen

Der Begriff Literatur der Betroffenheit dient seit geraumer Zeit nur noch der literaturgeschichtlichen Orientierung innerhalb der neueren deutschen Literatur. Mit Hilfe zahlreicher weiterer Bezeichnungen – wie z.B. „Gastarbeiter“-, „Ausländer“-, „Gastliteratur“, „nicht nur deutsche“ Literatur, „deutsche Gastliteratur“, „Literatur der Fremde“ oder „deutsche Literatur von außen“ –, von denen viele nicht mehr in Gebrauch sind, konnte das literarische Phänomen, von dem hier die Rede ist, an einen kulturellen – und ästhetischen – Ort verlagert werden, der sich außerhalb, jenseits oder neben dem Ort befindet, der für die sogenannten ‚Nationalliteraturen’ vorgesehen ist, an einen ‚anderen’ Ort also.

Es konnte aber auch als etwas Marginales, Minderes oder Exotisches, als etwas ‚Anderes’ also, in die deutsche ‚Nationalliteratur’ eingeschlossen werden. Wesentliche Elemente (Exotisierung, Stereotypisierung, Homogenisierung usw.) des kritischen Diskurses zur Literatur eingewanderter AutorInnen in der Bundesrepublik lassen sich in einen analogen Bezugsrahmen zu Tendenzen der internationalen (Post-)Kolonialliteratur setzen. Der wesentliche Unterschied zu den Ländern mit kolonialen und postkolonialen Traditionen scheint mir jedoch zu sein, daß die ‘deutsche Literatur’ meist – wie auch der ‘deutsche Staatsbürger’ – durch das ius sanguinis, also das „Abstammungsprinzip“, ihrer Produzenten definiert wurde.

Von der Peripherie ins Zentrum

Spätestens seitdem der renommierte Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis 1991 an Emine Sevgi Özdamar ging – und acht Jahre später an die Ungarin Terézia Mora –, läßt sich beobachten, daß die in den deutschen Sprachraum eingewanderten AutorInnen nach und nach aus marginalen Nischen heraustreten. Stücke von Feridun Zaimoglu, des Autors türkischer Herkunft, der die „Kanak Sprak“ als Literatursprache eingeführt hat, werden an prominenten europäischen Theaterorten gespielt: 2003 zur Wiedereröffnung der Münchner Kammerspiele (Othello; Text: Feridun Zaimoglu in Kooperation mit Günther Senkel; 29. März 2003), 2007 bei den Salzburger Festspielen (das Marathonprojekt Molière. Eine Passion; Text: Feridun Zaimoglu in Kooperation mit Günther Senkel), während der Spielzeit 2007/2008 am Wiener Burgtheater (Schwarze Jungfrauen; Text: Feridun Zaimoglu in Kooperation mit Günther Senkel).

Zaimoglus Bücher wurden inzwischen in neun Sprachen übersetzt. Im Jahre 2005 erhielt er das Stipendium der Villa Massimo in Rom, eine Auszeichnung die zuvor u.a. Uwe Johnson und Peter Rühmkorf erhalten hatten. Neben dem Adelbert von Chamisso-Preis 2005, der speziell für AutorInnen nicht-deutscher Herkunft, die auf Deutsch schreiben, vorgesehen ist, hat er den Grimmelshausen-Preis und viele andere bedeutende Auszeichnungen erhalten. Immer öfter werden diesen AutorInnen und ihren Werken statt der peripheren Orte innerhalb des literarischen Feldes, die ihnen in den achtziger Jahren noch zugedacht wurden, zentrale, kanonische oder kanonstiftende, ja bisweilen sogar prominente Positionen zugeordnet.

Rhizom und Literatur

Vor dem Hintergrund einer solchen Öffnung der literarischen Institutionen und des Kanons ergibt sich die Notwendigkeit einer methodischen Erneuerung bzw. Ergänzung der literaturwissenschaftlichen Herangehensweise. Neben den ad hoc entstandenen Bezeichnungen wie „deutsche Gastliteratur“, die man als ‚spezifisch deutsch’ ansehen kann, haben ungefähr seit Beginn der neunziger Jahre auch Konzepte Anwendung gefunden, die außerhalb Deutschlands entwickelt wurden. Dazu gehören einige Konzepte aus der US-amerikanischen Postkolonialismus-Debatte: Homi Bhabhas „Hybridität“ und „third space“, Gayatry Spivaks genderbezogenes Subalternitäts-Konzept, aber auch Konzepte, die eher dem Poststrukturalismus verpflichtet sind, wie etwa das von Gilles Deleuze und Félix Guattari entwickelte Konzept der „litterature mineure“, einer „kleinen Literatur“.

In der Anwendung wurden diese Konzepte oft griffiger gemacht, als sie ursprünglich gedacht waren. Insgesamt läßt sich über die Anwendung dieser neueren Konzepte sagen, daß das nationale Paradigma zwar durch andere Paradigmen ersetzt wurde, aber immer noch auf methodische Ansätze rekurriert wird, die in Anlehnung an die nationalen Kategorien entstanden sind. So wurde neben den Nationalliteraturen beispielsweise eine Sondersparte der hybriden Literaturen aufgemacht, was aber nach sich zieht, daß die dort einsortierte Literatur auf diese Eigenschaft festgelegt und gewissermaßen ausgegrenzt wird. Mit dem Festhalten an einer solchen Logik von Peripherie vs. Zentrum wird die Literaturwissenschaft jedoch nicht nur der ästhetischen Differenziertheit von Literatur kaum gerecht, sondern sie versäumt auch die Gelegenheit, sich neue Dimensionen zu erschließen.

Eine interessante Alternative in diesem Kontext bietet das Rhizommodel, welches ebenfalls auf  Gilles Deleuze und Félix Guattari zurückzuführen ist. Dieses Rhizommodell setzt verschiedenartige und veränderliche Verflechtungen und Vernetzungen – und zwar unabhängig von Hierarchieverhältnissen – als Aggregationselemente voraus. Es läßt sich auf den Kulturbegriff übertragen und für die Beschreibung des ästhetischen Erscheinungsbildes dieser Literatur fruchtbar machen. Das heißt, gerade die Mängel der Nationalphilologien – nämlich Unzulänglichkeit bei der Beschreibung dynamischer und heterogener Verhältnisse – sind Grundprinzipien des Rhizoms. Es ist „ein nicht zentriertes, nicht hierarchisches [...] System“ und „einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert“ (Gilles Deleuze / Félix Guattari).

 

Literatur

Zu weiterführenden Aspekten des rhizomatische Erscheinungsbildes der Literatur eingewanderter AutorInnen und zahlreichen weiteren Perspektiven gibt es außerdem von Immacolata Amodeo:

  • ‚Die Heimat heißt Babylon’. Zur Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1996; (hg. mit C. Ortner-Buchberger).
  • Italien in Afrika – Afrika in Italien. Italo-afrikanische Literaturbeziehungen, Trier 2004.
  • Das Opernhafte. Eine Studie zum „gusto melodrammatico“ in Italien und Europa, Bielefeld 2007.

Immacolata Amodeo ist seit 2004 Professorin für Literatur an der Jacobs University Bremen. Ihre Forschungs- schwerpunkte sind deutsch- und italienisch- sprachige Literatur, Migrationsliteraturen sowie Medien- und Kulturtheorie. (Foto: Jacobs Univerity)

   

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