Erfahrungen und Leben in Neukölln – die Arbeit als Jugendberater – positive Aspekte und Chancen im Kiez

Erfahrungen und Leben in Neukölln – die Arbeit als Jugendberater – positive Aspekte und Chancen im Kiez

von Fadi Saad

Neukölln und ich lernen uns kennen
Ich habe Neukölln im Jahre 2002 kennengelernt und nachdem mir die Medien den Bezirk von einer sehr negativen Seite vorgestellt haben, kann ich heute sagen, dass Neukölln nach Wedding zu einem meiner Lieblingsbezirke zählt. Wenn ich von Neukölln spreche, dann meine ich damit Nord-Neukölln.

Meine Arbeit in Neukölln hat beim Arabisches Kulturinstitut e.V. im Rollbergviertel angefangen. Das Rollbergviertel hat etwa 6.000 BewohnerInnen, der größte Anteil hat einen türkischen oder arabischen Migrationshintergrund. Ich war seinerzeit 22 Jahre alt und hatte zuvor noch nie mit Kindern und Jugendlichen bzw. für einen Verein gearbeitet. Als gelernter Bürokaufmann hatte ich eigentlich vor, in der Verwaltung des Vereins zu arbeiten.

Da habe ich auch angefangen, aber kurze Zeit später sollte ich ein Fußballturnier für die Kinder im Grundschulalter organisieren. „Bist du lebensmüde, dass du mit diesen Kindern ein Turnier veranstalten willst?“, mit solchen Sätzen versuchten mir einige BewohnerInnen aus der Siedlung Mut zu machen. Aber es gab auch andere, die sagten, endlich werde etwas für die Kleinen angeboten.

Erste Erfahrungen in der Kinder- und Jugendarbeit
Das Fußballturnier hat stattgefunden und überraschender Weise nahmen ca. 30 Kinder am Turnier teil. Das Turnier war ein großer Erfolg, aber ich entdeckte auch für mich, wieviel Spaß es mir machte, mit den Kindern zusammen zu arbeiten. Aber ich hatte nicht verstanden, warum mich einige vor diesen „Biestern“ warnten, sie waren so hilfsbereit und freundlich, also alles andere als gefährlich. Von da an haben wir zweimal die Woche Fußball trainiert und gespielt. Wir haben an Turnieren teilgenommen und die Mannschaft erhielt meist sogar den Fair-Play-Pokal.

Ich sah viele Gemeinsamkeiten zwischen den Kindern und Jugendlichen im Viertel und meiner Vergangenheit. Mit der Zeit bekam ich auch die Sorgen der Jugendlichen mit und es waren ähnliche Sorgen wie auch ich sie in meiner Kindheit hatte. Ihre Schulnoten waren nicht die besten und von den Jugendlichen hatte fast jeder schon einmal Kontakt mir der Justiz. Ich beschloss, mit den Jugendlichen mehr als nur Fußball zu spielen. Ich wollte auch, dass sie an ihre Zukunft denken und nicht unbedingt meinen Weg gehen müssen.

Als ich in die Oberschule kam, hatten sich meine Noten verschlechtert und ich lernte eine Gang kennen, der ich später auch angehörte. Ich sah die Gangmitglieder als Vorbilder an, genau so wie die Kinder und Jugendlichen aus dem Rollbergviertel: „Ich bin Spinne 44“ (ehemalige Gang arabischer Jugendlicher in Neukölln), „Ich bin NAB 44“ (Neuköllner Ausländer Boys) und „Ich bin NGB 44“ (Neuköllner Gangster Boys)!

Fehlende Anerkennung
Wie bei mir bekamen die Jugendlichen von keiner Stelle die notwendige Anerkennung, die sich jeder Mensch wünscht. In der Schule hatten sich meine Noten immer mehr verschlechtert, dieTadel kamen immer zahlreicher und meine Fehltage wurden immer häufiger.

Diese Tendenz zeigt sich auch bei den Jugendlichen und das einzige, was sie neben den Tadeln mit nach Hause bringen, ist die Polizei. In der Clique war es für sie eine andere Welt. Hier reichte es aus, etwas kaputt zu machen und jemanden zu bedrohen und sie wurden als Helden gefeiert. Das zeigte sich auch im Internet wieder, wenn sie ihre Taten auf Handy aufnahmen und ins Netz stellten. Je mehr UserInnen auf den Film klickten, umso glücklicher waren sie.

Ich versuchte also, statt nach ihren Fehlern zu suchen, nach ihren Stärken zu schauen. Ich zeigte ihnen, dass man auch auf ehrliche Weise seine Anerkennung bekommen kann.

Jugendliche und Polizei an einem Tisch, geht das?
Jedes Jahr veranstalten wir im Quartiersmanagement Körnerpark gemeinsam mit dem Polizeiabschnitt 55 ein großes Fußballturnier unter dem Motto „Gemeinsam für Toleranz und Respekt“. An diesem Turnier nehmen neben der Polizei auch die Feuerwehr, ein Frauenteam, ein Mädchenteam, die Grundschulen, die Gewerbetreibenden und alle AkteurInnen im Kiez teil.

Die Idee dieses Turniers ist es, eine Begegnungsmöglichkeit für alle im Kiez zu schaffen. Hier spielen Jugendliche vom Bolzplatz und die Polizei gemeinsam Fußball und hier zählt nur eins: auf dem Sportplatz sind alle gleich, sie sind Fußballspieler. Hier gelten für alle die gleichen Regeln.

Das Turnier wird überwiegend von den Jugendlichen im Kiez organisiert. Am Anfang haben sie sich gewundert, dass sie zusammen mit der Polizei an einem Tisch sitzen und gemeinsam etwas planen. Sie kennen die Polizei nur aus negativen Situationen oder aus der Grundschule. Aber das ein Polizist sich mit ihnen hinsetzt und sich mit seinem Vornamen vorstellt, war für sie etwas Besonderes.

Schamgefühl und Ehre
Der KörnerCup hat sich bewehrt. Wenn sich heute Polizei und Jugendliche sehen, dann grüßt man sich. Wenn ich früher Dummheiten gemacht habe, habe ich vor allem darauf geachtet, dass mich keiner sieht, der mich kennt. Denn dann war es sehr unangenehm für mich, also peinlich. Ich  kannte beispielsweise einen Jugendlichen, der beim Diebstahl erwischt worden ist. Als die Polizei dazu kam, war er geschockt. Denn er kannte einen der Beamten vom Turnier. Als wir darüber gesprochen haben, sagte er zu mir:

„Fadi Abi, weisst du, was für mich das Schlimmste war? Das Klauen ist falsch, aber das wird dem Laden nicht wehtun. Aber als ich von Andreas (Polizist) abgeholt worden bin, war mir das voll peinlich. Was wird er jetzt von mir denken? Bestimmt denkt er, ich bin einer von diesen 'Schlimmen Jungs'!“

Dieses Beispiel zeigte mir, dass wir mehr Begegnungsmöglichkeiten brauchen wie das Turnier. Der Jugendliche fühlte sich in seiner Ehre und in seinem Stolz erniedrigt. Ich kenne kaum einen Jugendlichen, der nicht als ein guter Junge oder ein gutes Mädchen angesehen werden will.

Die Jugendlichen Verstehen!? Wer lauter schreit hat Recht
Sie nennen mich „Abi“ (türkisch: großer Bruder). „Du verstehst uns und mit dir kann man reden, du hörst einem zu!“ Mit der Zeit habe ich gelernt, dass wir Erwachsene immer wieder den gleichen Fehler im Umgang mit Kindern und Jugendlichen machen. Es ist eigentlich nicht schwer, wir haben es nur verlernt: Das Zuhören haben die meisten Eltern, LehrerInnen, SozialarbeiterInnen verlernt, da die Älteren meist zu glauben wissen, was richtig oder falsch ist. Sie wollen, dass die Jugendlichen so werden wie sie es wollen, ohne nach den Wünschen und Bedürfnissen der Jugendlichen zu fragen.

Was den Jugendlichen im Rollberg fehlte, wahr jemand, der ihnen zuhörte und auch mit dem, was sie zu sagen hatten, etwas anfangen konnte. Sie suchten nach Gelegenheiten sich auszusprechen, einige von ihnen taten es in Form von Musik und andere wiederum mit Kunst. Aber auch mit Gewalt konnten sie sich Gehör verschaffen. Viele von ihnen haben es als Kinder von Zuhause nicht anders gelernt. Von den Eltern und verzweifelten Erwachsenen haben sie gelernt, wer lauter schreit hat Recht.

Wenn ein Rapper über sein Ghetto und sein Leid rappt, dann identifizieren sie sich mit diesem, sie verstehen ihn und haben das Gefühl, er versteht sie auch. Es ist die Sprache, die die Jugendlichen verstehen. Das Projekt „19 Freiheiten“ brachte 2008 in Neukölln das Grundrecht in künstlerischer Form an die Jugendlichen. Die Jugendlichen waren mit Begeisterung dabei und am Ende ist auch ein echt „cooler“ Rap entstanden, in dem die Jugendlichen die 19 Freiheiten auf ihrer Sprache wiedergegeben haben.

Positive Beispiele
Es gab schon einige Jugendliche bei denen schon mehrere Gespräche mit Eltern, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen gescheitert sind. Ich bin kein Held und ich kann kein Wunder bewirken, aber durch meine Art und Weise konnte ich einigen von Ihnen helfen.

Ich hatte beispielsweise einmal einen Schüler in Neukölln, der schon einige Male die Klasse bzw. die Schule wechseln musste. Die Schule bat mich, dazu zu kommen, um einerseits dem Vater das Gespräch zu übersetzen, und andererseits auch, um beratend dabei zu sein. Nach dem Gespräch in der Schule nahm ich mit der Familie des Schülers Kontakt auf. Wir schlossen eine Zielvereinbarung mit dem Schüler, indem wir unsere Ziele festlegten und ich begleitete ihn auf seinenm Weg.

Haben die Kleinen viel zu große Wünsche?
Ali: Mama, ich möchte auch ein Handy haben und ein eigenes Zimmer will ich auch haben, wie Florian aus meiner Klasse! Er hat ein eigenes Zimmer und er kann seine Freunde mit nach Hause nehmen, ich will das auch!

Mama: Was willst du mit einem Handy, du wirst es nur verlieren und außerdem bist du noch zu klein. In deinem Alter haben wir nicht mal zuhause ein Telefon gehabt.

Mustafa: Mama können wir auch mal verreisen, in meiner Klasse waren fast alle in den Ferien verreist?

Mama: Wir können nicht verreisen, so eine Reise kostet viel zu viel Geld.

Bilal: Papa, können wir auch mal einen Ausflug machen, Nico aus meiner Schule, war mit seinen Eltern auf dem Rummel und haben auch einen Zirkus besucht, ich will auch?

Papa: Ja, können wir machen, aber jetzt gibt es noch keinen Rummel der auf hat. Sobald einer aufmacht, gehe ich mit dir hin.

Hier beschreibe ich ein paar kleine Wünsche mit denen die Kinder zu ihren Eltern kommen. Die Antworten, die den Kindern gegeben werden, sind meist die gleichen. Selbst wenn es einen Rummel gibt, der Vater könnte nicht hin. Er hat vielleicht vier oder fünf Kinder, d.h. der Spaß würde viel zu teuer werden. Ich bin damals mit meinen Eltern und meinen sechs Brüdern in einer Zweizimmerwohnung aufgewachsen. Hausaufgaben habe ich teilweise auf dem Boden gemacht. Der Wunsch nach einem eigenen Zimmer liegt bei vielen Kindern fast an erster Stelle.

Wissen Jugendliche was sie wollen?
Bei meiner Arbeit mit Neunt- und ZehntklässlerInnen an den Schulen frage ich am Anfang eines Kurses die SchülerInnen nach ihren Berufswünschen. Die Antworten beschränken sich meist auf maximal zehn Berufe. Es sind die Berufe, die sie aus ihrem Kiez und von ihren Eltern und Verwandten kennen: Kfz-Mechaniker, Koch/Köchin, ArzthelferIn, Einzelhandelskaufmann/-frau, FriseurIn oder ErzieherIn. Wenn ich Ihnen dann noch sage, dass es mehr als 350 anerkannte Ausbildungsberufe gibt, dann können sie es kaum glauben. Und wenn sie es glauben, dann trauen sie es sich nicht zu oder die Eltern erlauben es ihnen nicht.

Ich hatte beispielsweise einmal eine Schülerin, die sich gerne als Hotelfachfrau bewerben wollte, die Eltern haben es sofort abgelehnt, da dieser Beruf gefährlich sei, denn da gäbe es Betten und wer weiß, was alles passieren könnte. Ich habe versucht, die Eltern etwas über diesen Beruf aufzuklären, denn die SchülerInnen sprechen zwar Arabisch oder Türkisch, aber sie können keine Berufe wie Hotelfachfrau oder Bürokauffrau erklären. Nicht einmal die Schulfächer, wie Erdkunde oder Geschichte, können sie auf Arabisch übersetzen. Erst nach diesem Gespräch mit den Eltern durfte die Schülerin sich dann doch bewerben.

Medien und ihre Auswirkung
Gerade durch die Medien werden den Jugendlichen viele Chancen weggenommen. Ein gutes Beispiel war die Rütli-Schule: durch den Medienrummel wurde die Schule zu einer Sehenswürdigkeit für TouristInnen aus aller Welt. Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Unternehmen und ein Schüler oder eine Schülerin aus der Rütli-Schule bewirbt sich bei Ihnen, wie reagieren Sie? Die lernwilligen SchülerInnen haben keine Chancen mehr gehabt und die Chaoten haben sich als HeldInnen gefeiert, denn sie waren ja jetzt berühmt geworden.

Die Medienberichterstattung spielt eine der größten Rollen in der Gesellschaft. Wir wohnen in derselben Stadt, im selben Kiez, in derselben Straße, im selben Haus, aber wir wissen nicht viel voneinander. Und das Wenige, was wir zu wissen glauben, kennen wir aus den Medien. Je nachdem wie berichtet wird, bilden wir uns unsere Meinung über den anderen.

Erst wenn in den Medien nicht mehr zwischen Deutschen und Nichtdeutschen unterschieden wird, haben wir einen großen Schritt in der Integrationsdebatte geschafft.

Meine Wünsche für die Zukunft
Sprache ist wie Sport, wenn ich nicht regelmäßig trainiere, verliere ich an Kondition. Und so ist es mit der Sprache. Es bringt nicht viel, wenn ein(e) MigrantIn einen Integrations- oder Sprachkurs besucht und außerhalb der Kurse mit niemandem Deutsch spricht. Daher wünsche ich mir mehr Begegnungsmöglichkeiten, wo sich generations- und kulturübergreifend Menschen treffen.

Das heißt, mehr gemeinsame Projekte: statt „Nähkurse für Migrantinnen“, könnte dieser Kurs z.B. „Nähkurs für Frauen“ heißen – dann wäre dieser offen für alle.

Literatur:

2008 erschien das Buch "Der große Bruder von Neukölln, Ich war einer von ihnen – vom Gang-Mitglied zum Streetworker" von Fadi Saad.

 

Links:

Zur Homepage von Fadi Saad hier
Zum KörnerCup 2009 hier

 

 

Fadi Saad ist Bürokaufmann und arbeitet als Quartiersmanager im QM Körnerpark in Neukölln. Selbst aufgewachsen in Wedding und ehemaliges Gang-Mitglied, betreut er seit 2002 als Jugendberater Kinder und Jugendliche an Schulen und im Kiez.