Zwischenraum für Kunst

Zwischenraum für Kunst

von Olga Drossou
Denkanstöße

Anregungen verdankt das Projekt der Nobelpreisvorlesung von Heinrich Böll „Versuch über die Vernunft der Poesie“ von 1973, in der er Kunst und Poesie als „Zwischenraum“ beschreibt - als lebendige und transitorische Alltagserfahrung unseres Grundbedürfnisses nach Spielen, Fliegen, Ungebundenheit und Widerstand gegen Zwänge und Zuschreibungen.

Weitere wichtige Anstöße verdankt es der Konzeption des „Dritten Raums“ des postkolonialen Kulturtheoretikers Homi Bhabha. Mit der „Verortung der Kultur“ – so sein bedeutendes Werk von 1994 – im Dritten Raum, dem transitorischen Nicht -Ort einer „transnationalen Kultur“ – öffnet er den Blick für neue Sichtweisen und ein anderes Verständnis von Identitätskonstruktionen und kultureller Interaktion, das über die geläufigen dichotomischen und distanzierenden Gegensätze oder Zugehörigkeiten wie Ich – Anderer, Erste Welt – Dritte Welt, Hier – Dort, Eigen – Fremd weit hinausgeht.

In der künstlerisch verarbeiteten Erfahrung von Migration in den vielfältigen kulturellen Beziehungen entstehen im Zwischenraum – im Transit zwischen dem Hier im Jetzt (dem Aufenthaltsort im historischen Kontext) und dem Dort der Herkunft – neue kulturelle Mischformen aus Erinnerungskultur und Zukunftsperspektiven, hybride Identitäten und neue gesellschaftliche Praxen. Im Zeitalter der Globalisierung und transnationaler Migrationsprozesse verarbeiten und gestalten die KulturproduzentInnen aller Art aktiv ihre Lebenswelt und verändern sie dadurch.

Kulturelle Entwicklungen, Themen, Motive

Im Zwischenraum für Kunst und Migration werden unterschiedliche künstlerische Projekte und Selbstverortungen von KünstlerInnen und AutorInnen präsentiert. Entscheidend für die Auswahl ist dabei nicht ihre Herkunft, sondern ihr Werk, ihre besondere Gestaltung des „Zwischen“. Gemeinsam ist ihnen, dass sie durch ihre dauerhafte oder transitorische Präsenz in Deutschland und ihren eigenen Ausdruck zur Weiterentwicklung und Bereicherung der deutschsprachigen Literatur und Kunst beitragen. Hier wird ein Forum geboten für AutorInnen und KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen und Kunstrichtungen, die vor dem Hintergrund der Vermachtungs- und Marginalisierungstendenzen im Kulturbetrieb um Sichtbarkeit und Anerkennung jenseits gesellschaftlicher Zuschreibungen ringen müssen, aber auch für diejenigen, die dabei bereits erfolgreicher waren. 

Das Projekt Zwischenraum für Kunst & Migration lädt ein zur Erkundung der vielfältigen gesellschaftlichen Praxen und Auseinandersetzungen, die alle zur Veränderung der Alltagskultur, der Künste sowie des vorherrschenden Kulturverständnisses im Einwanderungsland Deutschland beitragen. Einige der möglichen Erkundungen seien hier exemplarisch vorgestellt.

Vom „Dazwischen“  zum „Zwischenraum“

Seit über 40 Jahren suchen mittlerweile drei Generationen eingewanderter AutorInnen ihren Weg in die deutsche Literatur. Es ist ein Weg von den Rändern ins Zentrum. Ihre langjährige Ausgrenzung und (Selbst-)Ghettoisierung scheint heute, auch im Kontext der Anerkennung Deutschlands als Einwanderungsland, weitgehend überwunden. „Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur“ lautete das Motto, unter dem 2008 die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung ihre Herbsttagung über „Positionen des Schreibens im Einwanderungsland“ abhielt.

Eine solche Bewegung seiner Selbstverortung vom Rand zu einem zum Dritten Raum gewandelten Zentrum vollzieht beispielsweise Franco Biondi, einer der bekanntesten Autoren der ersten Arbeitsmigrantengeneration aus Italien. Zunächst als Fabrikarbeiter tätig, prägte er in den70er Jahren den Begriff „Gastarbeiterliteratur“. Heute sieht er darin eine Praxis der Selbstmarginalisierung: „Uns hat es wütend gemacht, wie wir stigmatisiert wurden, wie wir immer wieder in eine besondere Ecke gesteckt wurden. Und wir waren so gutgläubig und leichtsinnig und haben gedacht, wir könnten in der Lage sein, diesen Begriff ‚Gastarbeiter’, ‚Gastarbeiterliteratur’ ins Gegenteil zu wenden, als Möglichkeit, die Gesellschaft anzugreifen und zu zeigen ‚Wir sind da’. So blauäugig wie wir waren, haben wir nicht gemerkt, dass wir ein neues Ghetto geschaffen haben. Erst im Nachhinein hat sich das gezeigt.“

Ähnliche Entwicklung haben viele andere SchriftstellerInnen durchlaufen. Auch der in den 1970er Jahren eingewanderte Zafer Şenocak, der heute als Repräsentant der neuen deutschen Literaturszene durch die Welt tourt. Standen für ihn zu Beginn seines Schaffens noch Bilder des Dazwischen im Mittelpunkt, reflektiert seine Schreibposition heute beispielsweise zwischengeschlechtliche Figuren, mit denen er „festgesetzte Grenzen aufzulösen, auch Gegensatzpaare wie Mehrheit – Minderheit, Norm – Abnorm, männliche und weibliche Identität zu verschieben“ sucht.

Dass Grenzen und Ausgrenzungen nicht vorgegeben, sondern gesellschaftspolitische Konstruktionen sind, in denen sich Interessen und Interessengegensätze ausdrücken, bringt der hintersinnige Audio-Clip von Tigist Selam „Der Raum“ zum Ausdruck. Sie entwirft die Situation einer quasi polizeilichen Befragung der „Fremden“ in einem Verhörzimmer, in der die Fragen den Anschein harmloser Neugierde verlieren und als unerträgliche Klischees und Stereotype spürbar werden.

Andere KünstlerInnen verorten sich im Dritten Raum durch postkoloniale Strategien der Umdeutung und Erweiterung des kollektiven Bildgedächtnisses. So zum Beispiel Raijkamal Kahlon mit ihren verstörenden „Dummy Boards”, dreidimensional gestalteten Bildern, die das kolonialisierte Subjekt nach dem Ende des Kolonialismus in den Raum des ehemaligen weißen Herren zurückholt und ihn mit dieser anderen Erinnerungskultur konfrontiert.

Grenz - und Exklusionserfahrungen

Immer wieder bilden Grenz- und Exklusionserfahrungen das Sujet künstlerischer Installationen und Objekte.

Während der Tourismus die glänzende Vorderseite eines Systems asymmetrisch gestalteter Grenzüberschreitungen zugunsten der Eigentümer von Geld und Visa ist, bilden schwer zu überwindende Grenzen dessen Kehrseite. Eine andere Perspektive auf den Kolonialismus nimmt das Panorama “Residents only” von Sandrine Micosse ein: in Szenen von Badespaß der durch die globale Reiseindustrie in die Länder des Südens ausschwärmenden Touristen montiert sie Bilder von Boatpeople und erweitert das kollektive Gedächtnis um eine verstörende Perspektive.

Im multimedialen Projekt „The Border“ drückt der mazedonische Künstler Zoran Poposki das beklemmende Gefühl des Eingezäuntseins aus, das heute von vielen, besonders jungen Menschen auf dem Balkan geteilt wird, die sich ohne Freizügigkeit von der Teilhabe an der Welt ausgeschlossen fühlen. Ähnliche Erfahrung verarbeitet Otu Tetteh, der sich in seinem Video „You are Welcome“ mit der verzweifelten Situation vieler in ihren Ländern eingezäunter AfrikanerInnen auseinandersetzt. Die Selektivität und Widersprüchlichkeit der deutschen und europäischen Migrationspolitik setzt die Installation „Global Immigration Office“ von Farida Heuck ins Bild.

Ausgrenzung kann sich aber auch in Sprachlosigkeit äußern. Wer keine Rechte hat, ist sprachlos. Das ist ein mehrfach wiederkehrendes Motiv in der Galerie. So in den Video- und Fotoarbeiten „Baba“ und „I love to you“ von Heimo Lattner, der sich mit der fragilen Situation von entrechteten Wanderarbeitern irgendwo in einem arabischen Emirat auseinandersetzt. Sprachlosigkeit zu überwinden, ist das Anliegen von Beldan Sezen. Ihre Serie von Holzkohlezeichnungen „Silence is death“, angelehnt an den Slogan der AIDS-Bewegung, will die Tabuisierung und Diskriminierung der gleichgeschlechtlichen Sexualität – gerade auch in den Einwanderergemeinschaften – durchbrechen, indem sie sie aus dem verschwiegenen privaten in den öffentlichen Raum der Auseinandersetzung mit der Gleichheitsnorm versetzt.

Leben in Metropolen – Leben im Transit – Leben in der Übersetzung

Städte, besonders die multikulturellen Metropolen sind Laboratorien, in denen neue Formen des Zusammenlebens erprobt und Trends für die Zukunft entwickelt werden. Zahlreiche Arbeiten in der Bibliothek und Galerie setzen sich mit den Erfahrungen in diesem Labor auseinander. Die Motive reichen von der Globalisierung, der Fremdheitserfahrung über die Erfahrung des Transits bis hin zur Lebens- und Arbeitsweise der Übersetzung.

Ironisch weist der aus Bosnien stammende Autor Saša Stanišić die existenziell bedrohliche Fremdheitserfahrung zurück und erklärt sie zur Grundlage seiner Produktivität: „Ja, Fremdheitsgefühle habe ich. Ständig. Überall. In Frankreich, wenn ich die Karte nicht lesen kann, in Australien, wenn ich die Landschaft nicht verstehe, in Bosnien, wenn mir das Macho-Gehabe mal wieder unterkommt, in Deutschland, wenn ich den Debatten über den Kulturclash zuhöre. Ich bin eigentlich permanent und überall fremd. Wäre ich das nicht, würde ich sofort aufhören zu schreiben.“

Während Stanišić sich eher im Überall verortet, steht die Schriftstellerin Yade Kara einer “Verortung” vielleicht aus Angst vor Reduzierung ihrer Literatur auf die biografische Besonderheit der Autorin eher skeptisch gegenüber. Gleichwohl ziehen ihre Hauptfiguren von Roman zu Roman von einer Metropole in die andere um.

Übersetzung und Missverstehen sind wiederum für Ana Bilakov grundlegende Motive. „I spend my time translating. From one to the other, to the third, then back and again from the beginning. I am translating languages, pictures, thoughts, feelings, ideas.” In ihrem Werkkomplex “Inventing a Space“ beschäftigt sie sich mit Fragen der Poetik und Politik der Dislokalität. Auch für Yoko Tawada gehören Übersetzen, Leben und Schreiben in mehreren Sprachen zu den Grunderfahrungen. Sie favorisiert ein Schreiben im Transit der Kultur- und Literaturräume, das die Erfahrung des Scheiterns von Kommunikation und die Irritation der Wahrnehmung in den Vordergrund rückt.

Es gibt viel zu entdecken im Zwischenraum für Kunst & Migration. Man kann die Erfahrung machen, dass unsere kleine Welt selbstbezüglicher Kulturdiskurse eingewoben ist in einem globalen Kontext. Migranten sind wir, fast überall.