„Kara Günlük - Die geheimen Tagebücher des Sesperado“ Leseprobe von Mutlu Ergün

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Auszug aus dem Roman

 

17. Eintrag, 56. Tag vor R.O.C.

Revolution im Fernsehen übertragen

In der letzten Zeit haben sich die Ereignisse etwas überschlagen, daher hatte ich kaum Zeit, mein Tagebuch in die Hand zu nehmen und zu schreiben. Aber jetzt habe ich ein wenig Ruhe, und ich denke, ich kann die Geschehnisse der letzten Tage problemlos rekonstruieren. Eigentlich fing alles ganz harmlos an. Mein Telefon klingelte, es war Songül. Sie fragte mich, ob wir uns treffen könnten. Sie tat so geheimnisvoll, ich dachte zuerst, es hätte vielleicht mit ihren Umzugsplänen nach London zu tun, aber als wir in der U-Bahn saßen, erfuhr ich, worum es eigentlich ging. Sie sah wieder fantastisch aus. Sie kam in diesem Ethno-Look an, der aber irgendwie bei ihr authentisch wirkte. Sie lehnte sich bei mir an, so ganz beiläufig, und sprach ganz leise, so dass selbst ich sie kaum verstehen konnte.

"Esther und Ranya, unser israelisch-palästinensisches Dream-Team, haben einen Coup gelandet."

"Was meinst du?" Ich versuchte ebenso leise und zärtlich wie sie zu sprechen.

"Sie haben sich da in einige Sachen eingehackt."

Ich wusste gar nicht, dass die beiden Hacker sind. Das war mir neu. Ich wartete, bis Songül etwas mehr ins Detail gehen würde.

"Frag mich nicht, wie sie es genau geschafft haben, aber sie haben Zugriff zu den Rechnern einer der großen Tageszeitung, eines privaten Radiosenders und zu einem der öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle."
[...]

PHASE I – Die Tageszeitung

Ranya und Esther waren sehr klug vorgegangen, sie hatten sich eine konservative Tageszeitung mit nicht sonderlich hohem Niveau, aber einer hohen Auflagenzahl gesucht. Die Manipulation der Artikel war kinderleicht und auch nur geringfügig.

Vielleicht sollte ich zuerst eine kleine theoretische Einführung geben, warum wir die Veränderung für notwendig hielten. Die Hegemonie setzt immer die Normen fest. So gilt in Deutschland immer noch das Grundparadigma: deutsch ist gleich Weiß. Wer nicht Weiß ist, gilt nicht als 'normal-deutsch' und muss daher auf bestimmte Art und Weise markiert werden (1). Doch für einen Tag wollten wir die Welt mal auf den Kopf stellen.

Zunächst hatten wir natürlich die Titelseite verändert. So formulierten wir zum Beispiel die Schlagzeile über einen Serienmörder aus Berlin ein wenig um, und so stand schließlich auf der ersten Seite: Der Weiße Würger von Wilmersdorf.

Danach arbeiteten wir uns Seite für Seite durch. So gaben wir für den erweiterten Selbstmord eines Weißen Familienvaters, der sich und seine ganze Familie getötet hatte, die Erklärung, es sei durch die deutsche Kultur bedingt.

Bei einem brutalen Bankräuber erwähnten wir, aber nur so ganz nebenbei, seine christliche Religionszugehörigkeit und markierten einen erzkonservativen CSU-Politiker als fundamentalistischen Fanatiker und Hass-Prediger, der wenn er schon nicht abgeschoben werden kann, doch wenigstens ausgebürgert werden sollte

 

Endnoten

(1)  Die Nationalsozialisten machten sich dafür die Presse zunutze. Sie ordneten an, dass die Zeitungen Straftäter, welche einen jüdischen Hintergrund hatten, explizit benannt werden sollten, um somit die jüdische Minderheit in Deutschland zu stigmatisieren und für ihre spätere Vernichtung in der breiten Bevölkerung eine Legitimierung zu finden.
Und da es immer noch einige Deutsche gibt, die nicht sonderlich viel an eine ernsthafte Aufarbeitung ihrer Geschichte denken, hat die Presse dieses Verfahren nach dem Krieg beibehalten. Natürlich nicht mehr in Bezug auf die Juden, das wäre ein Skandal, aber in Bezug auf andere 'Nicht-Weiße'. So finden wir immer wieder in Zeitungen Artikel über 'türkische' oder 'Schwarze' Gewalttäter und Kriminelle aus dem Ostblock, wobei die Nennung der kulturellen Herkunft nicht viel zur Klärung des Falls beiträgt. Beim Leser aber hinterlässt es das Gefühl: "Das hab ich doch schon immer gewusst, die sind alle kriminell." Auf das Niveau, irgendwelche Statistiken zu nennen, lasse ich mich jetzt nicht herab. (Eine gute Einführung zu diesem Thema gibt auch Ralf Koch in seinem Buch "Medien mögen´s Weiß".)
Ein weiteres Merkmal der Macht ist, dass sie immer im Verborgenen bleibt, sie wird nicht benannt, denn das Sichtbarmachen der Weißen/Westlichen Konstruktion würde ihre Veränderung ermöglichen. Aber was würde passieren, wenn wir in den Medien jeden Straftäter als Weiß, deutsch und christlich markieren würden? Es würde sich niemand mehr auf die Straße trauen, weil alle denken würden, die Welt besteht nur noch aus Vergewaltigern, Mördern und Kriminellen.

(2)  Ganz unauffällig fügten wir noch zwei Artikel bei, die wir selber recherchiert hatten. Einer drehte sich um die Verwendung von rassistischen Bezeichnungen im alltäglichen Sprachgebrauch und das infantile Bestehen der Sprecher, diese verwenden zu wollen und nicht die Eigenbezeichnungen, welche sich die Leute selber geben. Beispiel: Jemand sagt, sein Name ist Arndt, aber ich bestehe darauf, ihn ARSCH zu nennen. Da es eine enge Verbindung zwischen dem Namen und der Identität einer Person gibt, ist das Negieren der Selbstbezeichnung fast schon wie das Negieren der Identität dieser Person. Ein psychologisches Institut in Weimar hat dieses Verhalten als eindeutig psycho-pathologisch eingestuft und Therapieformen entwickelt, um zu lernen, die Eigenbezeichnungen von Gruppen und Personen zu akzeptieren. Für akute Fälle haben wir auch eine Hotline angegeben.(2)


Kara Günlük - Die geheimen
Tagebücher des Sesperado,
Unrast Verlag, 2010

   


Mutlu Ergün

 

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„Kreatives Schreiben hat für mich eine therapeutische Wirkung“
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