„Kreatives Schreiben hat für mich eine therapeutische Wirkung“

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Interview mit Mutlu Ergün

 

 Herr Ergün, Sie haben in Berlin Pädagogik studiert und in London ihren Master in Race and Ethnic Relations gemacht. „Kara Günlük. Die Geheimen Tagebücher des Sesperado“ ist Ihr erster Roman und spielt hauptsächlich in Berlin. Wie wichtig ist Ihnen der Ort vom dem aus sie schreiben?

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, daher ist die Stadt schon ein sehr wichtiger Ort für mich. Meine Familie ist hier, viele von meinen Freunden. Aber wenn es ums Schreiben oder ums Arbeiten geht, bin ich eigentlich relativ flexibel. Ich arbeite dort wo Arbeit ist und schreiben kann ich überall, wo es Papier und Stift oder einen Computer gibt. Der eigentliche Ort, von dem aus ich schreibe ist meine politische und soziale Position als PoC-Mann (People of Color) der in Deutschland sozialisiert wurde. Das ist ein innerer Ort, eine bestimmte Wahrnehmung, die ich immer mit mir herumtrage und die meinen Ausdruck, meinen kreativen Output bestimmt.

 Sie arbeiten als Empowerment Trainer bei Phoenix e.V. und sind zusammen mit Noah Sow mit der Edutainment Attacke auf Tour. Zwischendrin promovieren Sie in an der London School of Economics bei Paul Gilroy und arbeiten am Magazin Freitext. Welchen Stellenwert hat die Schriftstellerei da?

Meistens (mit Betonung auf meistens) stelle ich mich als Autor vor. Aber ich bin auch ein Performer, meine Lesungen zum Beispiel sind multimedial und auch sehr graphisch, ich performe es schon fast eher, als dass ich es nur lese. Das passt auch sehr gut mit der Edutainment Attacke! zusammen, die ich gemeinsam mit Noah entwickelt habe. Die akademische Arbeit und meine Arbeit als Phoenix-Trainer halten mich fit. Sie sind ein integraler Teil meiner Identität und somit auch meines Schreibens. Das gleiche gilt für Freitext. Schriftstellerei ist für mich nicht nur Fiktion, sondern einfach nur Schreiben. Ich gebe zu, manchmal hätte ich schon gerne etwas mehr Zeit für die kreative Arbeit an einem neuen Roman. Aber die Rechnungen bezahlen sich nicht von alleine und die Chance mit Paul Gilroy zusammenzuarbeiten ist einfach einmalig.

 „Kara Günlük. Die Geheimen Tagebücher des Sesperado“ beschreibt die Abenteuer des Sesperado auf dem Weg zur RoC (Revolution of Color). Wieviel autobiografisches steckt in der Figur des Sesperado?

Ich bezeichne das Buch gerne als semi-biografisch. Einige von den Episoden, die in dem Buch geschildert werden habe ich fast so erlebt, andere Geschichten basieren auf Erfahrungen von Freund_innen oder Familienmitgliedern, andere sind fiktiv. Es gibt einige die den Fehler machen, zu glauben der Sesperado und ich seien dieselbe Person. Da muss ich leider enttäuschen, dass ist nicht der Fall. Ob 5% oder 99% von mir in der Figur des Sesperado stecken spielt eigentlich keine Rolle. 1% könnte die Figur so radikal verändern, dass sie nur noch sehr wenig mit mir zu tun hat. Außerdem, so glaube ich zumindest, bin ich ein bisschen weniger HipHop als der Sesperado. Was den Sesperado und mich wohl am meisten verbindet jedoch, ist unser Streben nach Empowerment, das steht für uns beide an erster Stelle.

 Als Autor thematisieren Sie den alltäglichen Rassismus in Deutschland auf humoristische Art. In Ihrer akademischen Arbeit beschäftigen Sie sich mit den Konsequenzen von Diskriminierung für negativ von Rassismus betroffene Menschen. Hat das Schreiben für Sie eine Art kathartische Wirkung?

Kreatives Schreiben hat für mich eine therapeutische Wirkung, auf jedenfall, ich glaube ohne diesen kreativen Ausdruck hätte ich es sehr schwer gehabt meine geistige Gesundheit aufrechtzuerhalten. Meine akademische Arbeit hat einen anderen Zweck. Ich empfinde ein sehr starkes Interesse an diesem Thema und es hilft mir mich als Person weiterzuentwickeln. Außerdem bekomme ich viel positives Feedback, das gibt mir Selbstbewusstsein. Aber ich würde mein akademisches Schreiben nicht zwangsläufig als kathartisch bezeichnen. Mein kreatives Schreiben aber in jedem Fall.

 „Kara Günlük“ ist eine Mischung aus postkolonialer Theorie, Tagebuch und Comedy. Sie selbst sind Pädagoge und u.a. Anti-Rassismus und Empowerment Trainer. Sind die Tagebücher des Sesperado auch als eine Art „Erziehungsmaßnahme“ gedacht? 

„Erziehungsmaßnahme“ klingt so ein bisschen nach Disziplin und Bestrafung. So habe ich mir das „Kara Günlük“ eigentlich nicht vorgestellt. Ich würde schon sagen, die Sesperado-Tagebücher bringen den „Bildungsroman“ auf ein anderes Level. Aber für mich ist es wichtig, dass Leute eine gute Zeit haben beim Lesen, vor allem PoC, aber auch Weiße und wenn dabei noch etwas hängen bleibt oder ein Denkprozess angestoßen wird, find ich das super. Es kommt vor, dass Leute mich ansprechen oder anschreiben und sagen, das Buch hat ihnen Kraft gegeben oder geholfen eine Sprache zu finden für Dinge, die sie vorher nicht ausdrücken konnten. Oder sie schreiben mir, dass das Buch ihnen geholfen hat sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sie vorher verdrängt haben. Aber über ein ernstes Thema wie Rassismus lachen können, sich gleichzeitig selbst dabei zu ertappen und sich auch in manchen Episoden wiederzuentdecken, kann eine gewisse Spannung lösen und helfen sich ehrlich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

 Welche Erfahrungen haben Sie bisher auf Lesungen gemacht? Wer lacht wann? Wird das Buch unterschiedlich aufgenommen von PoCs und Nicht-PoCs?

Ich war letztens auf einer Lesung in der Nähe von Frankfurt, Antifa-Publikum, sehr weiß, es waren nur sehr wenige PoC da. Die Stimmung wirkte auf mich relativ gehalten und als ich ab und zu ins Publikum blickte, dachte ich, die würden mich danach lynchen. Aber nach der Lesung kamen viele zu mir und haben sich ganz brav bei mir bedankt. Die haben sich einfach nicht getraut zu lachen (oder sie fanden mich einfach nicht komisch). Je mehr PoCs zur Lesung kommen, umso lustiger wird es, Lachen ist ja ansteckend. Ich sage VeranstalterInnen immer, dass sie so viele PoCs wie möglich zur Lesung einladen sollen, aber das klappt leider nicht immer. Ich glaube von PoCs wird das Buch eher als eine lustige Kampfansage wahrgenommen, sie sind da relativ entspannt und sie können sich mit vielen der Erfahrungen in dem Buch identifizieren. Da fällt es ihnen auch leichter darüber zu lachen. Aber auch weiße Leute finden Inspiration in meinem Buch, da es auf eine entspannte (nicht hoch akademische) Art und Weise dazu beiträgt, sich kritisch mit sich selbst zu beschäftigen.

 Sie schreiben vorrangig auf Deutsch. Wie wichtig ist Ihnen die Sprache Ihrer Werke? Welche Rolle spielt Code Switching? Oder gibt es Dinge, die auf Deutsch unsagbar sind?  

Sprache ist wichtig, aber am wichtigsten für mich ist Ausdruck und das kann über Sprache hinausgehen. Ich glaube, dass alles gesagt werden kann - in jeder Sprache, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. Ich denke eher, dass wir zu verschiedenen Sprachen verschiedene emotionale Verbindungen haben und das lässt uns Dinge in einer bestimmten Sprache eher ausdrücken als in einer anderen. Vielleicht gibt es ein bestimmtes Wort in einer bestimmten Sprache, welches genau den Punkt trifft, den wir aussprechen wollen oder fühlen. Code Switching spielt für mich nur dann eine Rolle, wenn ich ein bestimmtes Publikum ansprechen will.

 Würden Sie zustimmen, dass Deutschland ein Entwicklungsland in Sachen Rassismuskritik und Mehrfachzugehörigkeiten ist?

„Entwicklungsland“ ist eigentlich schon fast ein Understatement. Ich bezeichne Deutschland ja auch gerne liebevoll als „Neanderthal“, wenn es um das Thema Rassismus und multikulturelle Gesellschaft geht. Was den öffentlichen Diskurs betrifft, glaube ich, dass die Vereinigten Staaten und Großbritannien Deutschland ein bisschen voraus sind. Gerade die Debatte um Sarrazin und seine Wiedereinführung vom biologistischen Rassismus ist ja ein Schritt in Richtung 1933 und nicht Richtung pluralistische Gesellschaft. Was Sarrazin in Deutschland „ausgekotzt“ hat, wäre in England ein Skandal gewesen und nicht als Zivilcourage gefeiert worden. Aber gleichzeitig ist es gut zu wissen, was wirklich in deutschen Köpfen vorgeht. Als dann Merkel auch noch posaunte „Multikulturalismus ist in Deutschland gescheitert“, da hab ich mich gefragt „Wow, hab ich was verpasst? Wann wurde jemals Multikulturalismus als politisches Konzept in Deutschland umgesetzt?“ Trotzdem glaube ich nicht, dass die Staaten oder UK mehr oder weniger rassistisch sind als Deutschland. Vielleicht ist der Rassismus in London etwas raffinierter, ich finde ja den Rassismus in Deutschland eher primitiv – aber Rassismus bleibt Rassismus. Ob ich in London Liverpool Street Station oder in Berlin am Bahnhof Zoo von der Polizei angehalten und nach meinem Ausweis gefragt werde macht für mich keinen Unterschied. Und natürlich gibt es dort auch rassistisch motivierte Gewalt.

Haben Sie (literarische) Vorbilder? Inwiefern haben diese Ihr Schreiben beeinflusst?

Vorbilder habe ich sehr viele: Malcolm X, Angela Davis, MLK (Martin Luther King), bell hooks, Edward Said, Frantz Fanon, Arundathi Roy, Judith Butler, aber auch Grada Kilomba, Aretha Schwarzbach-Apithy, Florence Sissako und natürlich Noah Sow. Mein Schreiben ist beeinflusst von Franz Kafka, Octavia Butler, Junot Diaz, Paul Beatty, Imran Ayata und Hilal Sezgin. Beide Listen könnten noch viel länger werden. All diese Leute haben mein Schreiben insofern beeinflusst, dass sie mir geholfen haben in Zusammenhängen zu denken, kritisch-analytisch zu sein, aber auch, dass kreative Sprache ein starkes Instrument sein kann, positive Veränderungen voranzubringen.

 Wie lange noch bis zur RoC? Und was macht der Sesperado danach?

Hmm, gute Frage. Ich würde sagen, dass hängt ganz von meinen Leser_innen ab, da müssten Sie die Fragen, die müssten eigentlich wissen, wann der richtige Zeitpunkt für die RoC ist. Und was der Sesperado danach machen wird? Weiß nich. Vielleicht Party? Rente? Origami? Oder auch den Green War, dem militanten Flügel von Green Peace beitreten?

 Wenn Sie sich etwas wünschen dürften für Deutschland dann:

Mehr kritisches Bewusstsein zum Thema strukturelle Diskriminierung (und das kann in Bezug zu „Rasse“, Religion, Klasse, Gender, Sexualität, Disability etc. sein). Mehr Chancengleichheit, einen verbesserten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen, vor allem für die, die diskriminiert werden, mehr Pluralismus, mehr Menschlichkeit. Kritischere und demokratischere Medien, in der wirklich alle gesellschaftlichen Gruppen (besonders die, die momentan strukturell benachteiligt sind) selbst repräsentiert sind. Etwas mehr Anarchie. Ich glaube, dass würde eine kulturelle Revolution für Deutschland darstellen. Aber das wünsche ich mir eigentlich nicht nur für Deutschland, sondern global. Und freie Tofu-Cheeseburger für alle!

 

Das Interview führte Julia Brilling im Januar 2011.


Mutlu Ergün

 

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