"Die Köstlichkeit von Wortschöpfungen und Mehrsprachigkeit"

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Interview mit Andrea Karimé 

 

Frau Karimé, sie haben Musik- und Kunsterziehung studiert und leben nun als freie Autorin in Köln. Neben Ihren Kinderbüchern schreiben Sie auch Romane, Krimis und Lyrik sowie eine Wochenkolumne „Blanka Beirut“. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und wie hat sich Ihre Arbeit als Autorin bisher entwickelt?

Das Schreiben war immer mein Lebensbegleiter, Tagebuch, Briefe und Reiseberichte habe ich schon sehr früh geschrieben. Die literarische Arbeit begann aber über den Weg der bildenden Künste, als ich Wörter als zentrales Material für meine Arbeiten im Kunststudium entdeckt hatte.  Daraus hat sich dann in den 90ern meine anfänglich experimentelle Textarbeit entwickelt. Aus der wiederum erste sehr dichte Prosatexte, Lyrik und übergreifende Arbeiten, die viel später, 2006, in dem Textband „Alamat- Wegzeichen“ im Konkursbuchverlag veröffentlicht wurden. Diese experimentelle Arbeit ist für mich immer noch sehr wichtig. Im Experiment Text Tagebuch erforsche ich sozusagen meine poetischen Möglichkeiten und arbeite an meiner Sprachwelt. Das wirkt sich dann auch auf Kinderbuch und Romane aus.

Welche Themenkomplexe bearbeiten Sie in Ihren Kinderbüchern? Gibt es da einen roten Faden, der sich durch alle Geschichten zieht? 

Wenn Sie so wollen gibt es einen roten und einen sehr roten Faden, die beide miteinander  verwirkt sind. Der sehr rote liegt im Verhältnis von Wunder und Wirklichkeit. Der rote sind  allerlei Welt - Kinder - Themen.

In Ihrer Kolumne „Blanka Beirut“ schreiben Sie aus „libanesisch-deutscher Schriftstellerinnensicht“. Ist das ein anderes lyrisches Ich, eine andere Perspektive, als in Ihren Kinderbüchern?

Nein, eigentlich nicht! Auch wenn die Perspektive hier die einer „bihistorischen“ Erwachsenen ist. Einer aus zwei unterschiedlichen Ländern, Religionen und  Kriegsgenerationen stammenden Deutschlibanesin. Blanka Beirut ist sowohl mit dem zweiten Weltkrieg über die deutschen Großeltern, als auch mit dem libanesischen Bürgerkrieg aus erster Hand  aufgewachsen. Mit der Geschichte beider Länder und mit allen unausgesprochenen Verbindungen. Diese in der Gegenwart aufzuspüren, poetisch und subjektiv zu verdichten, ist ihr Anliegen.  Die arabische Gegenwart, oder präziser die Nahostgegenwart auf dem Text- Sprach- Fußboden ihres Stammlandes Deutschland aufzuspüren.  Blanka Beirut schöpft dabei aus einem großen wandelbaren Poesie Kosmos, mit dem sie die von ihr in den Blick genommen  (politischen) Ereignisse in Deutschland mit denen im Nahen Osten in Beziehung setzt.
Im Kinderbuch arbeite ich ähnlich. Es geht explizit um die sprachliche poetische Erforschung von Welt - Verbindungen. Nur habe ich hier die kindliche Perspektive und die viel größere Nähe und Notwendigkeit zum Wunder. Daraus ergeben sich andere Themen und Prioritäten.

„Tee mit Onkel Mustafa“ beschreibt die Reise eines jungen Mädchens, das zum ersten Mal in die Heimat seiner Eltern, den Libanon, fährt und dort den mysteriösen Onkel Mustafa kennen lernt. Was genau bewirkt diese Begegnung in dem Mädchen?

Es ist eigentlich eine Emanzipations- und Erkenntnisgeschichte. Die Liebe zu ihrem Onkel Mustafa bewirkt, dass sich Mina selbst in Frage stellt und eine, von ihrer egoistisch-kindlichen Sichtweise verschiedene Position einnimmt. Sie erkennt darüber hinaus, dass zunächst vernünftige Lösungen nicht immer einer inneren Wahrheit entsprechen, dass es aber Situationen im Leben gibt, in denen man genau dieser folgen muss. Im Zuge dessen, spürt sie auch ihre eigene innere Wahrheit, die sie handeln und sich für den Onkel einsetzen lässt.

Die Protagonistin Mina aus „Tee mit Onkel Mustafa“ schreibt die Geschichte aus ihrer Sicht -aus Kindersicht -  auf Themen wie Krieg, Flucht, Diskriminierung und ihren Blick auf mehrere Kulturen. Wie schaffen Sie es sich in Kinder reinzudenken oder vielmehr Kindern Dinge wie Krieg, Flucht, Heimat begreifbar zu machen?

Ich glaube, dass Kinder sowieso sehr viel von diesen Dingen verstehen. Als Kind habe ich Extremsituationen erlebt, beispielsweise, wie sich Ferien durch den Ausbruch eines Kriegs ändern können. Ich kenne die Einsamkeit meiner Protagonisten, wenn keiner etwas richtig erklärt, aber auch die Vernunft, die sie daran ausbilden. Aber das ist ja nicht alles. Ich gehe dabei von dem aus, was viele Kinder in der heutigen Welt tatsächlich begreifen müssen, die in einer oben genannten Situation stecken. Das Schlimmste ist die Erkenntnis, nichts dagegen tun zu können. Dieses Gefühl, einer für sie schlimmen Situation ohnmächtig gegenüberzustehen, kennen die meisten Kinder, auch welche, die im friedlichen Europa als weiße Nichtmigranten leben, natürlich in unterschiedlicher Ausprägung.  Das allein wäre allerdings eine frustrierende Lektüre und würde nicht zu Empathie auffordern. Und so will ich diese Dinge auch nicht vertexten. Nein, wichtig ist im Dominschen Sinne „dem Wunder leise die Hand“ hinzuhalten. Das können die Kinder tun. Die Hoffnung nicht wegsperren sondern die Tür aufmachen für das Wunder. Beispiele dafür sind Kinder an sich und ihre Lebendigkeit. Aber auch Freundschaft. Die helle Farbe der Fantasie und Geschichten. Die Köstlichkeit von Wortschöpfungen und Mehrsprachigkeit. Die Wärme des Muts. Die Kraft des Humors. Das sind zentrale Themen in meinen Büchern. Und dafür sind Kinder Experten, für die Lebendigkeit im Chaos. Da braucht man fast nichts mehr begreifbar zu machen!

Auf Lesereisen arbeiten Sie mit Kindern und veranstalten Schreibwerkstätten für SchülerInnen. Wie dürfen wir uns die Arbeit als Geschichtenerzählerin vorstellen? Was passiert bei solchen Workshops?

In meinen Workshops wird geschrieben, gedichtet und erfunden. Ich arbeite ganz viel mit dem Schreiben zum eigenen Vergnügen. Es geht dabei weniger um Textkriterien als um den Spaß an Sprache, der die Tür zum Text ist. Auch darum die Verbotsschilder zu ignorieren und im Gegensatz dazu vieles möglich zu machen. Mehrsprachigkeit lasse dabei nicht nur zu, sondern inspiriere die Kinder dazu mit Sprache(n) zu spielen. Darüber hinaus arbeite ich sehr gern mit der Figur des Onkels Mustafa, der ja Experte für das Wunder ist und alle Schlüssel zum Land der Fantasie hat. Er leiht sie den Kindern aus. Und dann können sie sich in seiner Welt umtun und zum Erfinden von Geschichten anregen lassen.
Während meiner Lesungen nutze ich die Möglichkeit, Geschichten frei zu erzählen, um den Kontakt zu den Kindern zu verbessern. Außerdem hat das Erzählen direkte Resonanz in einem Teil meiner Bücher.

Die Geschichten Ihrer Kinderbücher sind immer von Illustrationen begleitet. Wie entwickeln Sie die Bilder zu Ihren Geschichten?

Also das funktioniert so: Ich gebe meinen Text ab und dann erarbeitet die Illustratorin ein Konzept, auf das ich immer total gespannt bin, aus meinem Text und meinen Figuren. Ich habe auch vorher keine großartige bildliche Vorstellung. Es ist eher toll, meinen Text auf ganz eigenständige Weise künstlerisch aufgefasst und interpretiert zu sehen. Anfangs war es auch so, dass ich dann auch bei den Probeillustrationen, die mir freundlicherweise immer vorgelegt werden, nicht eingegriffen habe, wenn mich etwas gestört hat. Das hat sich aber geändert. Besonders wichtig ist mir der kritische Umgang mit Klischeevorstellungen. Wenn ich im Bildkonzept an Hand der Probeillustrationen merke, dass die Illustratorin Klischees bedient, schalte ich mich ein. Bei Mustafa haben wir diesbezüglich sehr lange über das Titelblatt diskutiert. Mit Erfolg, wie ich finde. Umgekehrt bin ich immer höchst erfreut, wenn gleich wunderbare Lösungen da sind, wie bei „Kaugummi und Verflixungen“. Huma, das lebendige weltgereiste Mädchen in Farbe das erste Mal zu sehen, und so großartig gestaltet, war wirklich wie ein Weihnachtsgeschenk.

Haben Sie in naher Zukunft neue Projekte geplant?

Na klar, immer weiter geht’s. Immer brodelt es in der Schublade. Mein nächstes Buch befasst sich mit dem Tod eines Opas und mit der Frage wie das Klavier denn nun in den Himmel kommt. Es wird im Herbst erscheinen. Danach habe ich noch Ideen für vier weitere Bücher. Lyrikprojekte lauern. Auch Blanka Beirut will immer was sagen. Das ist auch für mich eine Beruhigung, so habe ich nie das Gefühl der Leere nach der Veröffentlichung.

Was würden Sie sich wünschen für die deutsche Kinder- und Jugendliteratur?

Mehr Originalität, Authentizität und Einzeltitel, Verlassen ausgetretener Plot- und Sprachpfade, mehr Farben als Blau und Rosa, mehr Mut zum Grenzgang, mehr Bücher von Autoren wie z.B. Steinhöfel.

 

Das Interview führte Julia Brilling im Mai 2011.


Andrea Karimé

 

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"Tee mit Onkel Mustafa"
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