Die zweite Leinwand

Die zweite Leinwand

 

von Amin Farzanefar

Eigentlich gilt ja das deutsch-türkische Kino mit VertreterInnen wie Fatih Akin oder Yasemin Samdereli als der Prüfstein, an dessen Festivalerfolgen man gerne das Gelingen der Integrationsbemühungen abliest. Doch während dieses Kino sein Publikum überwiegend unter deutschstämmmigen BildungsbürgerInnen findet, hat sich mitten in deutschen Großstädten eine Parallelgesellschaft ganz eigener Couleur formiert.

Im Dunkel der Multiplex-Kinosäle, fast unbemerkt von der Medienöffentlichkeit, boomt das türkische Popcorn-Kino, häufig laufen zwei oder drei Titel gleichzeitig. Und hier findet man das begeisterte türkeistämmige Publikum - unter weitgehendem Ausschluss der deutschen Mehrheit: Lediglich 6-8 Prozent deutschstämmige ZuschauerInnen verbuchen die türkischen Titel; mit deutschen Untertiteln laufen sie dennoch, weil die zweite, dritte, vierte Generation hier zwar gerne das türkische Original hört, bei schnellen Leinwanddialogen dann aber doch nicht immer alle mitkommen.

Das Phänomen ist vergleichsweise neu: Zwar hat der türkische Film eine reiche Geschichte voller Stars und Klassiker, doch bis in die 1990er Jahre hinein liefen in deutschen Kinos allenfalls anspruchsvolle, gerne politisch kritische Arthouse-Filme mit dem Prüfsiegel „Hochkultur“.

Osman Normalverbraucher jedoch konnte sich in Almanya die neuesten Kassenknüller der traditionsreichen Yesilcam-Studios erst nach monatelangem Warten auf verrauschten Videos beim Gemischtwarenhändler abholen. Diese Tage sind passé: Inzwischen ist der deutsche Starttermin eng an die Premiere am Bosporus gekoppelt und wird mit eigenen Werbekampagnen vorbereitet. Das Publikum schätzt diese Synchronizität, es fühlt sich an die Istanbuler Popkultur angeschlossen und genießt die Wahlmöglichkeit, die seine transnationale Identität ihm bietet: entweder gemeinsam mit den Bio-Deutschen amerikanische Filme anschauen, oder mit anderen Almancis Hausmannskost.

Damit können auch diese Filme als Beispiel erfolgreicher Integration gelten – der Einpassung einer einst fremden Filmkultur in den deutschen Kinobetrieb: 1,1 Millionen Tickets sind in Deutschland drin, Tendenz leicht steigend, schätzt Anil Sahin, der Geschäftsführer des Maxximum-Filmverleihs. Zwar hatten die Verleihfirmen der Warner und Constantin bereits in den 1990er Jahren türkischen Mainstream ins Programm genommen, doch erst Sahin setzte 2001 die Erkenntnis, dass man das türkische Publikum separat bewerben muss, in klingende Münze um. Erfolgreich verkaufte er Kino als Gruppenerlebnis, das mit der Clique oder dem Familienverband geteilt wird: Inzwischen gehören TürkInnen hinsichtlich Popcorn-, Nachos- und Cola-Konsum zu den umsatzstärksten KinokundInnen. Ein solventes Publikum, das seit 2008 auch von einem zweiten Verleih umworben wird: Die Kinostar begann als Partnerin des türkischen Produzenten Özenfilm und hatte bereits 2010 mehr Titel in den Top Ten platziert als Maxximum. Und mit Panafilm, der bislang vor allem die „Tal der Wölfe“-Reihe produziert, ist demnächst ein weiterer Verleih am Start.

Dass es eng wird auf dem Markt, liegt aber weniger an der Konkurrenz, sondern vielmehr am gegenwärtigen Boom des türkischen Kinos: War die einst ansehnliche Jahresproduktion zur Millenniumswende auf ein trübes Dutzend zusammengeschrumpft, sind es heute über siebzig Produktionen, Tendenz steigend. Statt zehn Filmen, die früher pro Jahr auf deutsche Leinwände gelangten, müssen sich nun 20 bis 25 Titel in der „heißen Phase“ von Oktober bis Mitte April das Publikum aufteilen. Die VerleiherInnen setzt das unter Stress, weil die Auswertungsspanne pro Film dadurch zwar kürzer ist, die Werbekampagnen aber trotzdem für jeden einzelnen Film geschaltet werden müssen.

Inhalte: Fernsehen im Kino

Soweit also die imposante Faktenlage - doch was wird da im Kinosaal nebenan eigentlich gesehen? Die Wahrnehmungsschwelle des Feuilletonbetriebes überschritt allenfalls der chauvinistische Film „Tal der Wölfe“: 2006 krempelte Regisseur Serdar Aker die Stoßrichtung amerikanischer Kriegs- und Actionfilme um und schickte einen aufrechten türkischen Agenten gegen die finsteren, nach Weltherrschaft strebenden US-Truppen im Irak. Das war skandalträchtig genug, um eine Debatte darüber anzuzetteln, ob der Kampf der Kulturen nun auch unsere Kinos erreicht hat.

Der Blick in die Jahresbilanzen offenbart allerdings, dass es weniger Furcht und Schrecken, als vielmehr Lachen und Weinen sind, die das türkeistämmige Publikum derart an die Filme binden, dass diese regelmäßig mit „Bogeys“ ausgezeichnet werden -  der "Box Office Germany Award“ geht an Kinofilme, die am Startwochenende einen Schnitt von 1.000 ZuschauerInnen pro Kopie erreichen.

Eine allzeit sichere Bank ist Cem Yilmaz, einer der erfolgreichsten Standup Comedians der Türkei, der immer aufs Neue vormacht, wie der türkische Film- und Fernsehbetrieb – gänzlich unbeeindruckt von stockenden EU-Beitrittsverhandlungen – mit orientalischem Temperament und westlichen Formaten eine Popkultur von eigenen Gna-den zusammenzimmert. Schon 2004 brach er mit G.O.R.A. einer Science-Fiction-Persiflage, die von „Star Wars“ über „Matrix“ bis zu „Das fünfte Element“ das Genre plünderte, mehrere Kassenrekorde. Der Regisseur Ömer Faruk Sorak ließ den Teppichhändler Arif per Fangstrahl ins All entführen und dort unfreiwillig am Kampf um die Rettung der Welt teilnehmen. 2008 teleportierte der (schwächere) Nachfolger A.R.O.G den erneut von Yilmaz gespielten Arif diesmal in die Steinzeit - und erneut in die Top Ten. 2010 schließlich schlug „Yahsi Bati - Die osmanischen Cowboys“  ein, eine ähnlich seltene Blüte wie „Der Schuh des Manitu“: Hier schickte Sorak zwei Gesandte (Cem Yilmaz, Ozan Güven) des Sultans durch den Wilden Westen. Der Ritt in ein zutiefst westliches Genre, eine nonchalante Replik auf die Orientphantasien Hollywoods und auf westliche Überfremdungsängste, hatte durchaus Kultfilm-Potenzial. Leider versandet der anarchische Impetus jedoch im Episodischen zahlloser Witzeleien – und die amüsante Erfindung eines klebrig süßen Tee-Ersatz-Getränkes für Cowboys durch die Osmanen etwa wird allzu breit ausgetreten, weil Coca Cola an der Filmfinanzierung beteiligt war.

Ohne solch massives Sponsoring und entsprechende Produktplatzierung (respektive Schleichwerbung) ist Mainstream-Kino in der Türkei, wo es kaum größere staatliche Fördertöpfe gibt, kaum möglich. Ebenso wichtig für das fernsehaffine Publikum ist die Einbindung von TV-Stars, die Kinoproduktionen oft weniger als Einkommensquelle denn als Prestigeprojekte ansehen.

Die zentrale Bedeutung des türkischen Fernsehens thematisiert „KanaliZasyon“ (Regie: Alper Mestci) der die Welt des türkischen TV-Trash erkundet: Ein vom Rauswurf bedrohter Produzent stellt Imdat ein, einen Fensterputzer und Vielgucker, der über einen ultimativ schlechten Geschmack verfügt, mit dem er die Quoten erhöhen soll. Tatsächlich erfindet das publikumsnahe Naturtalent aus dem Stehgreif neue Kult-Formate: etwa eine Quizshow, bei der es für falsche Antworten Watschen setzt. Oder die Live-Übertragung von Nachbarschafts-Tratsch. Auch „KanaliZasyon“ hatte ein amerikanisches Vorbild - die Hollywood-Blödelsatire “The Average Man”.

Das Landei als zentrale Konstante

Dem Fernsehen entstammt auch der Protagonist des Kino-Überraschungserfolges 2010: In Hakan Algüls „Eyvah Eyvah" spielt der dickleibige Stand-Up-Comedian und Seriendarsteller Ata Demirer den bei seinen Großeltern in Thrakien aufgewachsenen Hüseyin. Gerade hat dieser zu seiner Traumfrau zarte Bande geknüpft, da erfährt er, dass sein leiblicher Vater noch lebt, und reist ins ferne Istanbul. In der großen Stadt freundet sich der begnadete Klarinettist mit der schrägen Club-Sängerin Firuzan an, rührt mit seinem Spiel einen stadtbekannten Mafioso und findet nach mancherlei Abenteuern seinen Vater. Am Ende fahren alle gemeinsam zurück ans Meer: Landeier und Städter, Väter und Söhne, Popsternchen und Folklore-Musiker.

„Eyvah Eyvah“ variiert geschickt eine zentrale Konstante, die seit Jahrzehnten Dynamik und Charakter des türkischen Kinos bestimmt: die Aussöhnung des einfachen Landeis mit der urbanen Kultur. In der Türkei, einem großen Land mit starker Binnenmigration und einem gewaltigen wirtschaftlichen und sozialen Gefälle zwischen Stadt und Provinz, fürchtet man permanent die kulturelle Abkoppelung der urbanen Zentren von der Peripherie. „Eyvah Eyvah“ kittet diesen Riss mit viel Herz; das gefällt den Kindern der ZuwanderInnen in den Istanbuler Kinos ebenso wie hier den Almancis. Auch eine Fortsetzung „Eyvah Eyvah 2“ platzierte sich mit 146.000 ZuschauerInnen in Deutschland weit oben.

In dieselbe Kerbe haut auch ein denkbar grober Keil, der es gleich dreimal auf Platz eins der Kinocharts geschafft hat: Sahan Gökbahar, ein 31-jähriger Kunsthochschul-Absolvent, hatte erst im Fernsehen mehreren Talkshows zu Kultstatus verholfen, bevor er seine vollschlanke Kunstfigur „Recep Ivedik“ ins Kino wuchtete. Ivedik, ein ausgemachter unübersehbarer Proll, stolpert rülpsend und furzend durch Istanbul, mal auf der Suche nach einer passenden Frau, mal nach einem Heilmittel gegen seine Depressionen. Maxximum-Chef Sahin meint, „Ivedik“ – vom Konkurrenten Kinostar ausgewertet - hätte das Publikum verhunzt, das er vor allem der Arbeiterklasse zurechnet, der man ohnehin nur vorsichtig anspruchsvollere Genrekost nahe bringen könne.

Doch diese Gargantua-Figur, die vielleicht nicht ohne Berechnung den Vornamen mit Premier Erdogan teilt, ist gar nicht so geschichts- und kulturlos, steht sie doch in der Traditionslinie des populären burlesken Bauerntheaters oder auch des Karagöz-Schattenspiels. In ihrem flapsigen, oft fäkalen Humor offenbart sich eine Karikatur des neuen konsumorientierten Zuwanderers, dessen traditionalistische Einstellung permanent mit dem High-Tech-Environment der Stadt und dem Klassenbewusstsein der Alteingesessenen wie auch Neureichen kollidiert.

Der neue Anspruch: Problemkino für alle

Überhaupt ist es um den Anspruch der Massen gar nicht so schlecht bestellt. Konnten kritische Themen lange Zeit nur vom Independent- und Autorenkino, unter ständiger Beobachtung durch die Zensur, umgesetzt werden, so sind Menschenrechte, Minderheitenpolitik, Geschichtsaufarbeitung und Demokratiedefizite inzwischen Stoffe für den Mainstream. Dabei wird auch vor dem Allerheiligsten nicht halt gemacht - dem Militär: Levent Semercis „Nefes – Vatan Sagolsun“ zeigte 2009 anhand einer in den kurdischen Bergen verbarrikadierten Einheit die Sinnlosigkeit des vermeintlich heroischen Krieges gegen den PKK-„Terrorismus“. Doch trotz einer beeindruckenden Inszenierung der Gefechtsszenen wie auch der klaustrophobischen Enge in dem von Heckenschützen umstellten Stützpunkt, beklagte er ähnlich wie der US-amerikanische Antikriegsfilm vor allem eines: nur die eigenen Opfer.

Ein anderer Erfolgsfilm, „Günesi Gördüm - Ich habe die Sonne gesehen“, ging in der Durchleuchtung des Kurden-Krieges und seiner sozialen Auswirkungen weiter; was als Dorfkomödie mit kritischen Untertönen beginnt, bekommt schnell dramatischen Tiefgang: Als Anti-Terror-Maßnahme wird ein kurdischer Clan aus seiner Heimat in Südostanatolien vertrieben, und in Istanbul unterwerfen die neuen Arbeits- und Wohnverhältnisse den Familienzusammenhalt einer harten Belastungsprobe. Andere Familienmitglieder finden sich als Asylsuchende in Norwegen wieder. „Günesi Gördüm“ zerfranst zwar gegen Ende in allzu vielen Parallelmontagen zwischen Oslo und Istanbul, balanciert aber geschickt zwischen Anteilnahme und Kritik an seinen Charakteren. Zwar sichern die traditionellen Bande das Überleben der Sippe, doch gibt es auch Polygamie, Kinderheirat und Homophobie: Der schwule Bruder bleibt ein Außenseiter, der als Stricher im Transenviertel endet. Regisseur Mahsun Kirmizgül ist ein aus den Musikkanälen bekannter Neuinterpret des Arabesk – eben jener populären Musikrichtung, die jahrzehntelang das Leid der entwurzelten Landbevölkerung durch Selbststilisierung, Heroisierung und Verklärung linderte.

Ein weiteres prekäres Thema greift „Güz sancisi - Herbstleid“ auf. Im Umfeld der Zypernkrise kam es im September 1955 zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen orthodoxe GriechInnen, aber auch JüdInnen und ArmenierInnen. Während des Istanbuler Pogroms zog ein Hunderttausende zählender Mob durch die Strassen, der nicht nur 4.000 bis 5.000 Geschäfte plünderte, sondern auch Kirchen, christliche Schulen, und Friedhöfe verwüstete. Im Zuge dieser „türkischen Reichskristallnacht“ verließen zehntausende GriechInnen die Stadt. Diese kaum aufgearbeitete Tragödie erzählt Tomas Giritlioglu’s Film aus der Sicht eines halbherzigen Intellektuellen, der sich zusehends mehr von nationalistischen Parolen beeinflussen lässt. Das Drehbuch stammt interessanterweise aus der Feder von Etyen Mehcupian, dem Mitherausgeber der von Hrant Dink – dem 2007 ermordeten armenischstämmigen Friedensaktivisten - gegründeten armenischen Zeitschrift AGOS.

Atatürk und Fethullah Gülen machen den Unterschied

Insgesamt also scheint die Abarbeitung der EU-Aufnahmekriterien zumindest im Kino in vollem Gange. Ohnehin ist der Unterschied zwischen den Vorlieben des Kinopublikums in der Türkei und in Europa minimal: In Deutschland dominieren dieselben Titel die türkischen Jahrescharts wie in der Türkei – allerdings mit einigen kleinen, aber signifikanten Unterschieden. So erzielte der monumental angelegte, epochal gemeinte „Veda – Der Abschied“ in der Türkei über 5 Millionen Dollar Einspielergebnis. Auch dieser Film erschien lange Zeit unmöglich - Curd Jürgens und Yul Brynner, Antonio Banderas und Joseph Fiennes waren im Gespräch, Atatürk, den „Mann des Jahrhunderts“, zu verkörpern, und doch erschien keiner würdig genug. Das Biopic (wie man in der Branche eine Filmbiografie nennt), das Zülfü Livanelli – ein gefeierter Chansonier und Schriftsteller - nun vorlegte, war eine ausgemachte, aber vorhersehbare Enttäuschung: die in Respekt erstarrte Fortschreibung der Legende.

Neben dem Durchexerzieren des allen türkischen ABC-SchützInnen eingetrichterten titanischen Reformprogramms, das die Türkei näher an die Moderne rücken sollte, bleibt Mustafa Kemals exzessiver Rakikonsum ebenso unerwähnt, wie seine außenpolitische Weitsicht, die ihn schon frühzeitig vor Hitler warnen ließ. Dies fleckfreie Herrscherlob des vormaligen Bürgermeisterkandidaten Livanelli zielt wohl darauf, die Türkei – die er zerrissen wähnt zwischen NationalistInnen und IslamistInnen - wieder an ihre kemalistischen Wurzeln zu erinnern. Ob dies die Kur ist oder noch die Krankheit, sei hier dahingestellt.

Unter den türkeistämmigen ZuschauerInnen Deutschlands erzielte „Veda“ (in der Türkei immerhin auf Platz Sieben!) gerade einmal 17.000 verkaufte Tickets. Wer nun gleich folgert, dass das laizistische Türkentum in Almanya auf dem Rückmarsch sei, dem seien die Zahlen der religiösen Erbauungskomödie „Esrefpasalilar“ entgegenhalten. Der unorthodoxe legere Imam, der da das kriminelle Prekariat in einem Problemviertel von Izmir mit Sprachkursen und weisen Sprüchen aufmöbelt, erinnert an den auch in Deutschland populären Islamprediger Fethullah Gülen; diesem werden regelmäßig islamistische Tendenzen und eine umstürzlerische Agenda nachgesagt. Doch „Esrefpasalilar“ – am Startwochenende in Istanbul auf Platz zwei - konnte in Deutschland lediglich 20.000 Tickets verbuchen.

Bei beiden Filmen traf die bewährte Faustregel, dass hier jeder große Film zehn Prozent des türkischen Umsatzes macht, nicht zu. Die dritte Abweichung erklärt diese Unregelmäßigkeiten: Sermiyan Midyats Debütfilm „Ay lav yu“ erzielte in der Türkei mit 200.000 ZuschauerInnen ein achtbares Ergebnis, war hier aber ein regelrechter Überraschungserfolg. Die in Ostanatolien spielende Farce mit Culture-Clash-Elementen um einen Studenten, dem unangemeldet die amerikanische Braut samt Schwiegereltern ins Heimatdorf nachfolgt, fand immerhin 46.000 Interessierte. Eine Dorfkomödie also! Nicht etwa IslamistInnen und nicht KemalistInnen – nein, die Landbevölkerung und ihre Nachfahren sind der Faktor, mit dem man hier Publikum mobilisieren kann. Dazu passt ein weiterer signifikanter Unterschied: Vergleicht man die mitgelieferten Werbetrailer mancher Filme, stellt man überrascht fest, dass allzu derbe Flüche oder auch Szenen mit nackter Haut aus den Istanbuler Originalen herausgeschnitten werden. Das Zielpublikum in Deutschland ist also immer noch wertkonservativer als das am Bosporus.

…und Action

Das türkische Kino legt weiterhin zu - nicht nur qualitativ im Arthouse-Bereich (Goldener Bär 2010 für „Bal“) sondern auch quantitativ: Für 2010/11 waren über 130 Projekte in Planung. Der 2004 erfolgte Einstieg des türkischen Kulturministeriums in die Filmförderung bleibt mit 100.000 bis 150.000 Lira pro Film (ca. 50.000 bis 75.000 Euro) zwar bescheiden, ermuntert als Startinvestition aber weitere InvestorInnen. Also werden weiterhin Rekorde purzeln, technisch wie inhaltlich neue Maßstäbe gesetzt werden. Gerade hat Kinostar mit dem Horrorfilm „Cehennem - Inferno“ den ersten türkischen 3D-Film gestartet, ein weiterer wird folgen.

Dabei sei nicht unterschlagen, dass neben süffigen Provinzpossen und nostalgischen Dorffilmen, in denen die Türkei als im Kern harmoniebedürftige, multiethnische Großfamilie erscheint, neben den Vergangenheitsbewältigungsfilmen und Komödien auch der Kriegsfilm seinen festen Platz hat. Gerne pflegt dieses Genre die heroische Selbstinszenierung des aufrechten Türken, der sich durch ein Heer von inneren und äußeren Feinden und ein Netz von Verschwörungen haut, um das Wohl der Nation und nebenbei noch Witwen und Waisen zu retten. Bereits einer der ersten in Deutschland erfolgreichen Popcornfilme - Osman Sinavs „Deli Yürek“ – lieferte 2001 eine Art Blaupause für die kommenden Jahre. Der furiose Actionstreifen greift den Konflikt in Kurdistan („Mesopotamien“) auf, um ihn verschwörungstheoretisch als Komplott zwischen CIA und Hisbollah zu deuten, das nur durch einen türkischen Rambo zu lösen ist.

In heiklem Fahrwasser schiffte jüngst der dritte Kino-Ableger der erfolgreichen Fernsehserie „Kurtlar Vadisi“: „Tal der Wölfe – Palästina“ (Achtung: nicht jugendfrei!) setzt bei dem israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte im Mai 2010 an, und erneut macht sich Geheimagent Polat Alemdar daran, das Böse – israelische Soldaten - zu töten, um das Gute – palästinensische ZivilistInnen - zu schützen bzw. zu rächen. Regisseur Zübeyr Şaşmaz arbeitet in gewohnt einseitiger, gezielt provokativer Sicht, aber stärker noch als im ersten Teil mit allen Mitteln des Propagandafilmes. Häufig werden Bilder des Davidsterns als Flaggenemblem und des blutrünstigen Israelis zusammen geschnitten. Und es gibt zwar eine sympathische, weil schöne und ahnungslose amerikanische Jüdin, diese wird aber erst von den Filmtürken gelobt, als sie sich endlich das züchtige Kopftuch umlegt und ihre Ehe- und Kinderlosigkeit bedauert. Die krude Mischung aus Nationalismus und islamistischer Gesinnung erklärt sich auch daraus, dass zu den Verwandten der als Hauptdarsteller, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor tätigen Brüder Necati, Zübeyr und Raci Sasmaz sowohl Mitglieder der nationalistischen MHP als auch der islamistischen BBP zählen. „Tal der Wölfe – Palästina“ war mit 20 Millionen Dollar Produktionskosten einer der teuersten türkischen Filme aller Zeiten und steht auf Platz drei der Hitliste 2011.

Ende 2011 stehen drei weitere Actionspektakel ins Haus: „Bendeyar“ ist ein Thriller von Joel Leang mit parapsychologischen Einsprengseln über einen unschuldig des Staatsverrates beschuldigten CIA-Agenten. In Serdar Akars „Behzat Ç.“ deckt der gleichnamige Mordspezialist das Komplott einer Gruppe korrupter hochrangiger Polizeibeamter auf. Und Ömer Vargı’s „Anadolu Kartallari“ - "Die Anatolischer Adler" – zeigt, wie fünf angehende Kampfpiloten im Ernstfall zu einem Team zusammen geschweißt werden können. Tatsächlich beobachtet man aktuell im türkischen Actionfilm eine filmtechnische Generalmobilmachung, die auf Biegen und Brechen Hollywood nacheifert. Man will „großes Kino“ machen: teuer, laut und spannend. Neben den kollektivpsychologischen Implikationen der auffallend häufigen Stilisierung des Türken zum Weltretter ist auch interessant, wie sich die Filme gegenüber der komplexen innen- und außenpolitischen Situation der Türkei positionieren. Häufig finden sich Anspielungen auf wichtige, als explosiv empfundene Konstellationen und Organisationen: AKP und CHP, CIA und PKK; Islamismus und Kemalismus, Religiöse und Militaristen, Irak und USA.

Dabei sind allerdings verschiedenste Wertungen und Perspektiven anzutreffen: Ende 2010 erzählte Mahsun Kirmizigül’s neuer Film “Fünf Minarette in New York“ die Geschichte der problematischen Überführung eines in den USA verhafteten religiösen Extremisten in die Türkei, und dekliniert dabei von CIA bis Waterboarding alle Gründe für antiamerikanische Ressentiments durch. Kirmizgül findet aber zu einem überraschend nachdenklichen und privaten Ende, das viele der aufgeworfenen Verdächtigungen und Verschwörungstheorien als übersteigerte Fantasien entlarvt.

Mit über 270.000 Zuschauern war „Fünf Minarette“ einer der erfolgreichsten auf deutschen Leinwänden gezeigten türkischen Filme. Im Gegensatz zum „Tal der Wölfe – Palästina“ wurde er aber von der deutschen Filmkritik faktisch nicht wahrgenommen, wie überhaupt das ganze Mainstreamkino keine Relevanz für die Kinomagazine aufweist – trotz zunehmender Qualität, ansprechender Themenwahl und der teilweise herausragenden türkischen SchauspielerInnen. Es scheint, dass Deutschland schon wieder etwas verpasst.

 

November 2011

 

Amin Farzanefar, Islamwissenschaftler, Filmjournalist und Kurator, widmet sich der Filmkultur des Nahen und Mittleren Ostens und dem Kino der Migration. In Berlin und Köln betreut er regelmäßig Filmreihen.