Editorial Zuhause in Almanya – Türkisch-deutsche Geschichten & Lebenswelten

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Fünfzig Jahre nach dem Abschluss des deutsch-türkischen Abkommens zur „Anwerbung und Vermittlung ausländischer Arbeitnehmer“ ist eine Bilanz der Integration der EinwanderInnen aus der Türkei ein aussichtsloses Unterfangen. Zu vielfältig sind die Lebenswelten und -geschichten der AkteurInnen, zu sehr entziehen sich die Kinder der Migration einer trennscharfen Einordnung in Schubladen. Politisch und medial bleibt die Debatte über die Versäumnisse der Vergangenheit indes in vollem Gange: über die Verantwortung des Entsendelandes, das von der Auswanderung seiner BürgerInnen profitiert, und vor allem über die des Aufnahmelandes, das zunächst keine Vorstellung von den Auswirkungen der Arbeitsmigration hatte und erst spät, viel zu spät, die Einwanderungsrealität akzeptiert hat.

So wird über die Probleme und Konflikte des Zusammenlebens heftig und kontrovers debattiert - oft auf dem gleichen Niveau wie vor dreißig Jahren. Es dominiert die Fixierung auf Probleme und Prekarität in den Debatten um die Bildungsintegration von Kindern aus sogenannten „bildungsfernen“ Einwanderfamilien, die Gleichstellung muslimischer Gemeinschaften und den Islamunterricht in den Schulen, die Geschlechterrollen oder die gleichberechtigte Teilhabe und Partizipation der DeutschtürkInnen.

Die Debatten kreisen immer um dieselben neuralgischen Punkte, die letztendlich das Bewusstsein der Öffentlichkeit mehr prägen als der angestrebte oder schon alltäglich gelebte Pluralismus. Immer wieder werden überkommen geglaubte Vorstellungen vom „Anderen“, vom „Fremden“ pauschalisierend


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aufgerufen und lenken den Blick von der Vielfalt der deutsch-türkischen Lebenswelten ab.
Aber neben den eingeforderten Frauenrechten, Deutschkursen und Jugendprojekten, so wichtig und unverzichtbar sie auch sind, gehört zum Gesamtbild auch der Blick auf wirtschaftliche und kulturelle Leistungen und Erfolge der EinwanderInnen, die im Zentrum, im Herzen der Einwanderungsgesellschaft stattgefunden haben und stattfinden.

Auch dort, wo explizit der Erfolg wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Wanderungs- und Wandlungsprozesse hervorgehoben wird – etwa mit Blick auf das deutsch-türkische Kino - bleibt die Beschäftigung allzu oft noch an der Oberfläche. „Almanya“ etwa, eine vergnüglich-nostalgische Komödie, die aus unseren Tagen in die Zeit der ersten türkischen Gastarbeitergeneration zurückschaut, mag mit seinem breiten Publikumszuspruch auch den Bedarf nach einer neuen Sicht auf die gemeinsame türkisch-deutsche Geschichte anzeigen – stellvertretend für die Geschichte, die Deutschland mit den anderen Anwerbeländern teilt. Doch noch stehen weitere Versuche aus, die deutsche Nachkriegsgeschichte auch als Geschichte der Arbeitsmigration zu betrachten. Es bleibt zu hoffen, dass das Jubiläum mit seiner Fülle von Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Ausstellungen und Sondersendungen nun einen neuerlichen Anstoß zu einer nachhaltigeren, auf die Zukunft gerichteten Rückschau gibt.

Dieses Dossier nutzt das Jubiläum des türkisch-deutschen Anwerbeabkommens als Anlass, um Blicke in ganz alltägliche Phänomene wie Essen, Fernsehen, ins Kino gehen, Musikhören und Reisen zu werfen und neue Einsichten in die Lebenswelten der deutsch-türkischen Einwanderungsgesellschaft zu gewinnen.


Es verzichtet auf Beiträge zu den üblichen Problemfeldern, nicht, weil die Probleme marginal sind, aber weil sie zu oft den Blick für das verstellen, was es sonst noch Wertvolles zu entdecken gibt. Und das soll hier im Mittelpunkt stehen.

Das Dossier wurde von  Amin Farzanefar und Lale Konuk konzipiert und redigiert.
Endredaktion: Olga Drossou, Heinrich Böll Stiftung

November 2011

 

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