Zara Zandieh

Zara Zandieh


Dieser Ausschnitt aus dem Clip „Preparation“ ist eine dokumentarische Bilderzählung zu dem im Sommer diesen Jahres gedrehten Kurzfilm „Fragments of Ava“ (AT). Er zeigt eine Frau, die sich auf ihre Arbeit vorbereitet. Den ganzen Clip hier anschauen.

"Fragments of Ava" (AT) erzählt von einem (fast) ganz gewöhnlichen Arbeitstag einer jungen Frau, die sich ihren Unterhalt durch Sexarbeit verdient. Es ist ein Film über Arbeit, Liebe und Respekt, über Zufälle und Begegnungen. Der Film erzählt eine Geschichte in der eine Prostituierte die Hauptfigur ist und dennoch als Sexarbeiterin keine tragische Vorgeschichte braucht oder sich aus irgendeinem Zwang heraus für die Prostitution entscheiden musste. Es ist eine Geschichte, die von einem gewöhnlichen Alltag erzählt, in der das älteste Gewerbe der Welt den Platz in der Gesellschaft einnimmt, an den es gehört: einer alltäglichen Lebensrealität.


Über ihre Arbeit

Für mich ist das Medium Film eine Möglichkeit, abseitige Geschichte(n) zu erzählen, die im Mainstream wenig bis kein Gehör finden, die keinen Platz haben und entsprechend selten wahrgenommen werden. Ich möchte Geschichten einen Raum geben, in denen die Protagonist_innen von ihren Wahrheiten und Normalitäten erzählen können, ohne diese in herkömmliche Sichtweisen pressen zu müssen.

Meine Filme erzählen von den Widersprüchlichkeiten des Lebens, der Vielschichtigkeit und Unvorhersehbarkeit des Lebens selbst, aber auch der Widersprüche eines jeden Einzelnen von uns. Ich meine hier, die Zufälle, die das Leben birgt und die uns manchmal widersprüchlich reagieren lassen oder die Existenz völlig unerwarteter Augenblicke, die zu scheinbar absurden Konstellationen führen.

Vor einigen Jahren saß ich in einem New Yorker Park. Neben mir zwei alte Leute. Die beiden fütterten Tauben, naschten Gummibärchen und zogen über die neuen Hairstyles der Basketball-Nationalmannschaft her. Ich musste mitlachen, und so kamen wir ins Gespräch. Die Frau, eine lesbische Palästinenserin, teilte diesen schönen Sommertag mit ihrem jüdisch-amerikanischen Freund, der drei Enkel hatte und dessen Ehefrau kürzlich verstorben war. Die Beiden waren langjährige gute Freunde. Es sind diese Unwahrscheinlichkeiten, diese scheinbaren Unvereinbarkeiten – mit anderen, mit uns selbst, unseren Identitäten und Persönlichkeiten, unseren Vorlieben und Routinen – die uns interessant, kantig, menschlich und schön machen. Sie zeigen, wie vielschichtig und verdichtet die Kontexte sind, in denen wir uns bewegen und wie sehr wir vom Leben selbst überrascht werden können. Sie lassen Irritationsmomente entstehen, die etwas in den Blick rücken, das vorher nicht gesehen werden konnte. Dies alles zuzulassen, zugleich auf eine bestimmte unverschnörkelte und direkte Art davon zu erzählen und damit einen neuen/anderen Raum zu eröffnen, durchzieht meine Arbeit.

Daraus ergibt sich, dass in meinen Filmen "Normalität" und das, was als "Wahrheit" bezeichnet wird, einer anders gelebten Normalität oder Wahrheit weicht. Dadurch verwandelt sich der Normalitätsbegriff in etwas, bei dem alles möglich ist, schlicht weil es bereits gelebt wird und da ist. Normalität existiert so jenseits irgendwelcher Diskurse oder allgemein anerkannter Meinungen. In diesem Sinne gibt es unzählige Normalitäten und unzählige Wahrheiten.

Ein weiteres Thema das meine Filme durchzieht ist die Aufgabe eines universellen Wahrheitsanspruchs. So denken beispielsweise in dem Film „Such a strange time it is, my dear ...“ sechs Frauen über die Iranische Revolution nach und bewerten diese aufgrund ihrer jeweiligen Erfahrungen sehr unterschiedlich. Dadurch wird deutlich, dass es weder die Masse gab, die eine Revolution herbeiführte, noch die Revolution.

Für mich ist ein Film wie ein Lied, ein Theaterstück oder ein Gedicht, das seiner eigenen Komposition folgt. Diese kann sich erst durch die Verbindung verschiedener Ebenen im Zusammenspiel von Rhythmus, Bildebene und Musik zu einem Gesamtwerk entfalten. Was die Musik angeht, habe ich das große Glück, mit meiner Schwester Azadeh Zandieh zusammenarbeiten zu können. Unsere künstlerische Sprache ähnelt sich sehr, ihre Musik trägt auf wundervolle Weise die Bilder.

Auch wenn die Themen in meinen Filmen oft keine "leichte Kost" sind, arbeite ich gerne mit verspielten Elementen, die als Symbole für sich stehend gelesen werden können und gleichzeitig den Erzählstrang der Geschichte aufgreifen. So war bei dem Dokumentarfilm „Such a strange time it is, my dear...“, für den ich mit dem Animateur Shai Eliezer Zvi zusammen arbeitete, eine Pusteblume das tragende Symbol. Am Anfang des Filmes nimmt eine junge Frau, die zur gleichen Generation wie die Protagonistinnen gehört, eine Pusteblume in die Hand und pustet in sie hinein. Die kleinen Schirmchen verteilen sich und begleiten, die sich entfaltenden Erinnerungen der Protagonistinnen. Sie fliegen davon und erreichen ein kleines Kind, das sie auffängt und beobachtet, bevor sie wieder vom Wind weggetragen werden...
 

Über Zara Zandieh

Zara Zandieh ist unabhängige Filmemacherin. Sie lebt in Berlin und studiert derzeit Kamera an der filmArche, einer selbst organisierten Filmschule im Herzen Berlins. Zu ihren Filmen gehören unter anderem: close-distance (2006), "Such a strange time it is, my dear…" (2007) und Meine Geschwister und Ich (2008). Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten kurzen Spielfilm Fragments of Ava (AT).
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