Deutsch-türkisches Ensemble - Sie wollen spielen

Deutsch-türkisches Ensemble - Sie wollen spielen

Vier Männer, elf Instrumente, eine Leidenschaft: Sie nennen es Oriental Jazz. Das Ensemble LebiDerya aus Mannheim macht grenzüberschreitende Musik.

Muhittin Temel ist hochkonzentriert. Er beugt sich über sein Instrument. Es ist ein Kanun – eine türkische Harfe, die er sich zum Spielen flach auf den Schoß gelegt hat. Er beginnt, sie zu streicheln - so sieht es zumindest aus. Zarte Töne erklingen, begleitet von einem leisen Trommelrhythmus. Eine Trompete setzt ein, dann ein Saxophon. Die vier Musiker auf der Bühne wirken versunken und zugleich sensibel füreinander, reagieren auf ihre Mitspieler. Die Musik klingt fremd und vertraut zugleich. Es ist ein Abend im Dezember 2011, in einer Kirche in Ludwigshafen gibt die Gruppe „LebiDerya“ ein Benefizkonzert. Damit unterstützen sie ein Bildungsprojekt für Frauen in Afghanistan.

LebiDerya, das sind Kanunspieler Muhittin Temel, 31, Percussionist Joss Turnbull, 26, Jazztrompeter Johannes Stange, 24, und Saxophonist Stefan Baumann, 28. Sie machen seit drei Jahren zusammen Musik, die eine Mischung ist aus persischer und türkischer Tradition und westlicher Harmonik, vermengt in Jazz-Manier. Mal klingt sie ein wenig nach Balkanbeat, mal wie experimentelle Weltmusik. Auf ihrem ersten Album, „Orientation“, sind die verschiedenen Einflüsse ineinander gewebt, fügen sich zusammen. Die neun Titel hören sich stimmig, verspielt, unverbraucht an. Mit dieser Musik sind sie auf Jazzfestivals und kleineren Bühnen in der Republik zu Gast. Letztes Jahr haben sie den südwestdeutschen Vorentscheid des Weltmusikwettbewerbs „creole“ gewonnen.

Proberaum und Wohlfühlort der vier Musiker ist die Orientalische Musikakademie Mannheim (OMM). Muhittin Temel hat die OMM 2008 mit gegründet, eine Musikschule und ein Zentrum für türkische und mittelöstliche Kultur – Kanun spielen kann man dort lernen, selbst eine arabische Laute bauen, Kurse in indischem Tanz nehmen oder an spirituellen Sufi-Sitzungen teilnehmen.

Durch die OMM haben sich Muhittin und Joss kennengelernt – Muhittin lehrt dort das Kanunspiel, Joss gibt Unterricht auf der Rahmentrommel, einer mit Fell bespannten Handtrommel. Joss lernte an der Musikhochschule in Mannheim, wo er Percussion studiert, den Jazztrompeter Johannes kennen. Der wiederum hat den gleichen Privatlehrer wie Stefan, der Saxophonist; die beiden kennen sich seit fünf Jahren.

 


LebiDerya Bild: Felicitas Cárdenas Carbajal


Zuerst zusammen „gejammed“


„Ich habe Joss gefragt, ob er Lust hat, zusammen Musik zu machen“, erzählt Johannes. Die beiden seien sich sympathisch gewesen und interessiert an der Arbeit des anderen. Stefan kam hinzu, dann Muhittin. Alle vier hatten Erfahrung mit improvisierter Musik und Lust, gemeinsam zu spielen. Darüber hinaus konnten sie die Kombination mehrerer Instrumente ausprobieren: Joss besitzt verschiedene Trommeln, experimentiert gerne. Johannes beherrscht neben der Trompete das Flügelhorn, Stefan spielt auch Bassklarinette. „Also haben wir erst mal gejammed“, sagt Johannes und grinst. Sie haben als Gruppe improvisiert und geschaut, was passiert, was sich entwickelt. Das erste Mal gemeinsam aufgetreten sind sie im Dezember 2009.

Wenn die vier zusammen spielen, klingt es nach einem zärtlichen Gespräch – sie stimmen sich ein, loten aus, lassen einander Raum. Ihre Musik sei „nicht fertig“, sagt Stefan: „Wir bewegen uns vorsichtig aufeinander zu, tasten.“ Ein eher technischer Grund, der die Musik fragil klingen lässt: Das Kanun ist anders gestimmt als die übrigen Instrumente, außerdem fehlt dem Ensemble nach westlichem Harmonieverständnis ein richtiges Bassinstrument. „Aus dieser vermeintlichen Unzulänglichkeit haben wir etwas Neues entstehen lassen“, sagt Stefan.

Musikalisch hat es von Beginn an gefunkt. Wenn das Zusammenspiel greife, könne man sich dem kaum erwehren, so versucht es Stefan zu erklären. Andererseits: Jeder muss von den eigenen Ideen abweichen können. „Es geht darum, Verständnis füreinander zu entwickeln“, sagt Muhittin. Musizieren und kommunizieren: „Wie man Musik macht, sagt viel über einen Menschen aus.“

Verschiedene Länder, verschiedene Einflüsse

Alle vier seien stur, darin würden sie sich gleichen, sagt Stefan. „Aber wir haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe – nicht nur, weil er Deutscher ist und ich Türke bin“, sagt Muhittin, deutet auf Johannes und lacht. Jeder der Musiker hat einen starken Charakter, bestimmte menschliche Eigenheiten. Muhittin, in Izmir geboren und in Karlsruhe aufgewachsen, lernte durch die türkische Community in Deutschland die türkische Musikkultur kennen und lieben. Er ist der Älteste der Gruppe, manchmal eine Art Papa, und ein politischer Kopf. Stefan, der Musikbusiness studiert hat, analysiert gern, kümmert sich um die Vermarktung von LebiDerya, übernimmt einen Großteil der Organisationsarbeit. Stefan und Johannes wurden in ihrer musikalischen Entwicklung durch den gemeinsamen Privatlehrer ähnlich geprägt. „Johannes hat die Gabe, völlig in einer Sache zu versinken und sich extrem zu fokussieren“, sagt Stefan. Er sei sehr geduldig, außerdem harmoniebedürftig. Joss, der das Trommelspiel von seinem Vater gelernt hat, sei ein Schöngeist – sehr feinfühlig, detailversessen, experimentierfreudig.

Der Name „LebiDerya“ würde das Ensemble und dessen Musik erklären, sagt Muhittin Temel. Derya sei das osmanische Wort für Ozean. LebiDerya könne Strand bedeuten, „am Rand des Ozeans“, aber auch Kuss, Berührung, Sehnsucht, der Ort, wo sich zwei Welten treffen. Und wie im Ozean verschiedene Flüsse zusammenkommen, so kämen bei LebiDerya verschiedene Denkweisen und Musikverständnisse zusammen, um sich neu zu vermischen.

LebiDerya sei ein Raum, in dem jeder ein bisschen was abgeben müsse, sagt Stefan. Die vier haben mit der Zeit sehr viel Respekt füreinander entwickelt. „Es ist eine menschliche Schule“, sagt Johannes. Sie haben gelernt, mit den Schwächen der anderen umzugehen, zu streiten, sich zu versöhnen. Mittlerweile seien sie wie eine Familie, sagt Muhittin: „Wie vier Cousins, die zueinander gefunden haben.“ Der musikalische Kern der vier jungen Männer passt zusammen, sitzt tiefer als die Unterschiede zwischen ihnen. Und weil LebiDerya eine gemeinsame Richtung gefunden haben, machen ihre Unterschiede die Arbeit noch fruchtbarer.

Die Musikschule als Anlaufstelle

Die verbindende Kraft der Musik erlebt Muhittin auch bei seiner Arbeit in der OMM. Die Musikakademie liegt im Mannheimer Jungbusch, einem Viertel, in dem überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund, Arbeiter, Studenten und Künstler leben. Als Beispiel nimmt Muhittin die bulgarischen Kinder, die mit ihren Familien im Zuge der EU-Erweiterung nach Deutschland gekommen sind. Sie seien „planlos und irritiert“, würden nur unregelmäßig die Schule besuchen. „Wir können einige von den Kindern mit der Musik auffangen.“ In der Orientalischen Musikakademie bekommen sie Unterricht, so wie auch die rumänischen und türkischen Jugendlichen. Die Eltern zahlen dafür nur so viel, wie sie können. Manche Kinder werden umsonst unterrichtet. „Mit der Musik können wir die Kinder erden“, erzählt Muhittin. Sie sei für sie ein Stückchen Heimat.

Mit dem Begriff „Integration“, so wie er in den Medien meist verwendet wird, kann Muhittin allerdings nichts anfangen – er hält die öffentliche Diskussion für „sinnlos“. Es gehe um gegenseitige Akzeptanz, nicht darum, sich einer Leitkultur unterzuordnen. Die Frage, so Muhittin, sei vielmehr: „Was habe ich dieser Kultur geschenkt, und was habe ich von ihr bekommen?“

Um so eine Wechselseitigkeit geht es bei LebiDerya. „Wie kann ich mich, ohne stur zu sein, einbringen? So, dass es fruchtbar wird?“, beschreibt Johannes die Herausforderung. Wo zwei Welten aufeinander treffen, will LebiDerya Brücken schlagen.

 

Faktkasten

Das Kanun ähnelt im Aussehen einer Zither. Das Instrument ist aus Holz gebaut, trapezförmig und mit 63 bis 84 Saiten bespannt. In Klang und Spieltechnik ist das Kanun der Harfe vergleichbar. Beim Spielen liegt es auf dem Schoß des Musikers oder vor ihm auf einem Tisch. Die Saiten des Kanuns werden mit den Zeigefingern gezupft; oftmals mit Hilfe von Plektren (kleine dreieckige Plättchen). In der türkischen und arabischen Musik hat das Kanun eine ähnliche Funktion wie das Klavier in der klassischen europäischen Musik. Das Instrument kann an verschiedene Tonarten angepasst werden.

 

Alexandra Duong studiert in Mannheim Geschichte und Volkswirtschaftslehre. Sie findet LebiDerya spannend, weil sich in diesem Ensemble menschliches und musikalisches Zusammenspiel so fantastisch ergänzen.

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