„Das Wort 'Integration' wird in Deutschland missbraucht und ist überflüssig.”

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Safiye Can im Gespräch mit Şinasi Dikmen

 

 Lieber Şinasi, Du bist Schriftsteller und Kabarettist. Du hast u.a. vier satirische Werke publiziert und neun Solo-Programme aufgeführt. 1972 kamst Du nach Deutschland und hast in den Folgejahren das erste deutsch-türkische Kabarett gegründet. Du bist der erste türkischsprachige Mitbürger, der Kabarett in Deutschland gemacht hat. Wie interessant war das damals für die Deutschen?

Die allererste Vorstellung fand mit dem Programm "Vorsicht, frisch integriert!" statt. Ich erinnere mich noch genau, es war am Samstag, den 29.03.1985 in Ulm und sie kam großartig an. Journalisten aus Deutschland, der Schweiz und der Türkei erwarteten mit großer Spannung unserer Premiere. Dieter Hildebrandt spielte an diesem Tag extra für uns. Unser Programm dauerte zwar nur 53 Minuten, bekam aber viel Anerkennung und Beifall. Die Kritiken in den Zeitungen waren auch dementsprechend positiv. Wir haben danach viele Vorstellungsangebote aus ganz Deutschland und der Schweiz erhalten.
 
 Das Publikum war sichtlich beeindruckt von Deinen beiden letzten Aufführungen "Islam für Anfänger" und "Integriert und intrigiert". Ich war insbesondere davon beeindruckt, dass Du im "Islam für Anfänger" sehr viele Religionen erwähntest, ohne auch nur eine anzugreifen. Es ist sicherlich ein Akt auf dem Drahtseil, Menschen nicht auf Kosten anderer zum Lachen zu bringen. Was hat Dich zu diesem Stück bewegt?
 
Meine Eltern waren gute, anständige, friedvolle Moslems. Ich fand es nicht gerecht, dass die Religion, an die meine Eltern mit großer Hingabe glaubten, in Deutschland, ja, in der ganzen Welt, diskreditiert wurde und es nach wie vor auch wird, weil ein paar Wahnsinnige meinen, den Glauben mit dem Morden verwechseln zu müssen.
 
 Es wäre sicher einfacher, ein Thema auf der Bühne darzustellen, das weniger Gefahr läuft kritisiert und missverstanden zu werden, wie das sensible Thema der Religion. Du könntest über Eheprobleme sprechen, das scheint generell gut anzukommen und bedarf weniger Fingerspitzengefühl.

Die Aufgabe des Künstlers ist nicht die, mit allen auf einer Welle zu schwimmen. Nein, der Künstler muss gegen die Welle schwimmen. Er muss zeigen, wo der Schuh drückt. 
 
 Wie viele Menschen von Deinem Publikum hast Du bereits zum Islam bekehrt?

(Lacht) Bisher ist mir keiner bekannt, der zum Islam gewechselt ist, weil er mein Programm gesehen hat.
 


Şinasi Dikmen bei einem Auftritt (Foto: Safiye Can)


 Du bist nicht nur Schriftsteller und Kabarettist, sondern Du hast aus dem Nichts heraus das Frankfurter Kabaretthaus "Die KÄS" ins Leben gerufen, in der deutschlandweit zahlreiche Kabarettisten und Comedians, bekannte sowie Newcomer, ein Zuhause finden. Man kann getrost sagen, dass jedem Frankfurter »Die KÄS« ein Begriff ist. Wie ist man Dir zur Gründerzeit entgegen getreten? War man Dir gegenüber skeptisch oder hat Dich die Stadt Frankfurt in deinem Projekt unterstützt? Hattest Du mit Hindernissen und Vorurteilen zu kämpfen?

Die Stadt Frankfurt war am Anfang überhaupt nicht bereit uns aufzunehmen. Ganz im Gegenteil. Insbesondere ist uns das Ordnungsamt sehr skeptisch entgegengetreten und hat uns viele Steine in den Weg gelegt. Bürokratisch wie auch menschlich wurde uns nichts einfach gemacht. Ein Zuständiger hat mir damals gesagt: "Warum wollen Sie ein Kabarett aufmachen, in der Kaiserstraße haben wir genug davon?" (Anmerkung von Safiye Can: Die Kaiserstraße ist ein Synonym für das Frankfurter Rotlichtviertel.) Meine Antwort war: "Wir wollen kein Cabaret eröffnen, sondern ein Kabarett, mit K am Anfang und doppel T am Ende." Daraufhin sagte er: "Mir egal, wie Sie es schreiben."
Sie verlangten von uns ein tägliches Protokoll darüber, was wir am Abend spielen wollten. Dann haben sie gesehen, was wir auf der kleinen Bühne angeboten haben, nämlich gutes Kabarett in der Muttersprache der Mitarbeiter des Ordnungsamts.

 Du sagtest einmal, ich zitiere: "Seit vierzig Jahren kämpfe ich gegen eine Diskriminierung der Minderheiten in Deutschland. In meinen Werken und auf der Bühne stand ich immer an der Seite der Minderheiten. Ich bin ein Muslim in Deutschland, ein Jude in Ägypten, ein Christ in der Türkei, ein Tscherkesse in der Türkei, ein Türke in Deutschland. Ich dulde niemanden, der den Anderen aufgrund seines Glaubens und seiner Gedanken beschimpft."
Ist es nicht einfacher und stressfreier, stets Teil einer Mehrheit zu sein, die sich ab und zu kopfnickend aus allem heraushält? Wieso machst Du dir das Leben so schwer?

Ich weiß, ich bin ein enttäuschter Liebhaber der Menschheit. (Kurt) Tucholsky nannte meinesgleichen »gekränkter Idealist«. Ich kann mich nicht beherrschen, wenn einem Menschen Unrecht widerfährt.

 Wie beurteilst Du die unermüdliche Integrationsdebatte in Deutschland? Ist diese Debatte förderlich für ein friedliches Miteinander?

Ich fühle mich in Deutschland nicht integriert, obwohl ich mich seit 1972 in Deutschland befinde, seit 1979 mich intensiv mit den Besonderheiten der deutschen Sprache und den Eigenheiten der Deutschen beschäftige, viele Redewendungen, emotionale Ausdrücke und Lebensgewohnheiten der Deutschen übernommen habe. Ich gehe nach einer deutschsprachigen Vorstellung in eine türkische Kneipe, höre mir dort schwülstige, weinerliche türkische Lieder an, die ich mir in der Türkei nie angetan hätte. Das Wort "Integration" wird in Deutschland missbraucht und ist überflüssig. Die Diskussionen darüber laufen unredlich, parteiisch und manchmal idiotisch. Alle sind für die Integration, keiner weiß, was Integration ist.

 Du schreibst auch politische Artikel für eine türkischsprachige Zeitung. Glaubst Du, dass unter Erdoğan eine zunehmende Islamisierung der türkischen Gesellschaft stattfindet, wie in der deutschen Medienlandschaft oft beschworen?

Sagen wir es so: Die Gläubigen zeigen sich öfter und rabiater in der Gesellschaft, als es zuvor der Fall war. Die Regierung unterstützt diese Bestrebung der neuen Klasse, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Bürokratie und ebenso in den Universitäten.

 Aus privater Quelle erfuhr ich, dass Dir seit geraumer Zeit eine Romanidee vorschwebt, in der – darf man das sagen? –, eine Reihe von absurden Protagonisten zur Sprache kommen, die ihr Leben in Frankfurt verbringen. Wann können wir mit diesem Werk rechnen?

Das weiß nicht einmal Gott, vielleicht weiß Allah mehr. (Lacht)

 Du bewegst Dich von jeher in Künstlerkreisen. Kannst Du unseren Lesern zum Beispiel eine Anekdote über Aziz Nesin, dem Meister der türkischen Satire erzählen?

Aziz Nesin, der große Satiriker-Humorist der türkischen Sprache war in seinem Privatleben sehr geizig. Er hatte aber eine Stiftung gegründet, deren finanzielles Fundament aus den Einnahmen seiner Werke bestand und nach wie vor auch besteht. Als Aziz wieder einmal bei mir in Ulm war, suchte er kleine, teure Glaskugeln für seine Kinder aus. Ich wusste nicht, dass er kleine Kinder hatte, die mit diesen mit Tieren und Blumen bebilderten Kugeln hätten spielen können. Er antwortete: "Die sind für meine Kinder, die ich in meiner Stiftung aufgenommen habe, denen macht es sicher Spaß mit Kugeln zu spielen."
(Die Nesin-Stiftung nimmt seit 1973 bedürftige und verwaiste Kinder auf.)

 Was unsere Leser nicht wissen, ist, dass uns beide dieselbe Muttersprache verbindet. Wir sind beide Tscherkessen. Was für ein Gefühl ist es für Dich, einem Menschen gleicher Muttersprache gegenüber zu sitzen, ohne in dieser Sprache sprechen zu können?

Wenn eine Sprache nicht gesprochen werden kann, stirbt die Kultur dieser Sprache aus. Eine Sprache wächst nicht von heute auf morgen. Sie braucht hunderte, ja, tausende von Jahren um sich entwickeln zu können. Ein Menschenleben dauert freundlich geschätzt 80 Jahre. Jede Sprache, auch die mit geringem Wortschatz, beinhaltet die Geschichte, die Tradition, die Wünsche, die Träume eines Volkes…
Mir tut es weh, dass ich nicht tscherkessisch sprechen kann. Ich werde aber alles dagegen unternehmen, dass wenigstens der türkischen Sprache in Deutschland und der kurdischen Sprache in der Türkei nicht so etwas passiert.

 Was wäre die eine Sache, die Du nicht mitnehmen würdest, wenn Du gezwungen wärst, auf einer einsamen Insel zu leben?

Geld.

 

Das Interview führte Safiye Can im April 2013

 

 
Foto: Lisa Farkas

 

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