„Nicht die letzte bunte Nationalmannschaft“

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Interview mit Omid Nouripour


Odonkor (Vater Ghanaer) flankt auf Neuville (Mutter Italienerin, geboren in der Schweiz), Tor für Deutschland gegen Polen. Die in Polen geborenen Klose und Podolski bilden den erfolgreichen Sturm der Nationalmannschaft. Ist das nicht auch ein Erfolg der Einwanderungsgesellschaft Deutschland?
 
Nouripour: Es ist natürlich ein großer Erfolg für Deutschland und dieser Erfolg wird dadurch ermöglicht, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind. Es sind ja nicht nur Spieler wie Odonkor und Neuville, sondern auch weitere Spieler mit Migrationshintergrund, die hier aufgewachsen sind und nicht bei der WM dabei sind, die ganze Mannschaften in den Ligen tragen. Auf der anderen Seite wurde das Herzstück der kroatischen Nationalmannschaft von Nico und Robert Kovac gebildet, beide in Berlin geboren und aufgewachsen. Das sind z.B. Spieler, bei denen ich mir sicher bin, dass sie ein Gewinn für die deutsche Mannschaft wären, vor allem Robert Kovac in der Innenverteidigung.

Das deutsche Team ist multikultureller denn je, Klinsmann gibt vielen jungen Spielern wie Odonkor eine Chance. Ist das auch ein positives Zeichen an junge Kicker mit Migrationshintergrund?
 
Nouripour: Selbstverständlich ist es ein positives Zeichen. Bisher war das so: man hatte z.B. türkische Eltern, hatte in einem Verein gespielt, war Leistungsträger und hat am Ende davon geträumt irgendwann für die Türkei zu spielen. Und das, obwohl man das Land kaum kannte und auch den türkischen Fußball nur aus dem Fernsehen kannte. Dieser Traum wird jetzt ausgeweitet auf Deutschland. Man hat früher nicht von Deutschland geträumt, weil man keine Chance gesehen hat,  jemals für Deutschland zu spielen. Das ist jetzt anders und das ist gut so. Das wird nicht nur dem deutschen Fußball helfen, sondern wird auch helfen, dass es viel mehr Menschen geben wird, die sich mit diesen jungen Kickern identifizieren können und damit auch mit dem Land. Ich habe sehr stark das Gefühl, dass diese Bewußtseinskluft, die existiert zwischen „uns“ und „denen“, die auf beiden Seiten besteht, auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft, aber vor allem auf Seite der Minderheitsgesellschaft, immer kleiner wird.

Kann die Nationalmannschaft ein role model für erfolgreiche Integration und erfolgreiche multikulturelle Teams sein?

Nouripour: Die Nationalmannschaft ist immer ein Vorbild und die Nationalmannschaft ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. In dem Augenblick, in dem der gesamte deutsche Sturm mit Menschen besetzt ist, die nicht unbedingt deutsch klingende Namen haben, ist das auch ein klares Zeichen für die Gesellschaft. In dem Augenblick, wo diese Mannschaft auch noch erfolgreich ist und Tore um Tore schießt, ist es klar, dass diese Gesellschaft bereit sein muß und dann auch Erfolg hat, wenn sie die Potentiale der Einwanderungsgesellschaft nutzt.

Es gibt eine lange Traditionslinie polnischstämmiger Spieler in der Nationalmannschaft bis zu Podolski und Klose. Warum führt hier die Integration durch Fußball bis in die Nationalmannschaft und bei anderen wie Nuri Sahin oder den Altintop-Brüdern nicht?

Nouripour: Der DFB hat viel zu lange geschlafen und das ganze Land hat viel zu lange geschlafen. Ich bin dafür, dass wir uns jetzt freuen, dass es jetzt besser funktioniert und etwas wehmütig auf die schauen, die wir verpaßt haben, die Kovac-Brüder, Nuri Sahin und viele andere. Wir sollten jetzt bereit sein, die Potentiale der Einwanderung anzunehmen und zu nutzen. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht die letzte Nationalmannschaft sein wird, die richtig bunt ist und dass dies in der Zukunft eher mehr als weniger so sein wird. Was das auch heißt, sieht man an den Reaktionen der Rechtsradikalen, z.B. der NPD, die offen mit Mannschaften sympathisieren, die auf den ersten Blick nicht gemischt sind. So z.B. mit dem Iran, weil das eine „national homogene“ Mannschaft sei. Das ist aber absurd, weil das die bunteste iranische Mannschaft aller Zeiten ist. Da spielen Aserbaidschaner, Araber, Armenier, usw. Dass die Neonazis so etwas nicht wissen, verwundert nicht. Die Provokation, die sie durch die bunte deutsche Mannschaft empfinden, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Vor der WM hatten wir eine heftige defizitorientierte Integrationsdebatte. Wirkt sich das auch auf die Lage der Spieler mit Migrationshintergrund im Fußball aus?

Nouripour: Selbstverständlich ist es so, dass ein Spieler wie ein Owomoyela merkt, dass er hier nicht 100%ig die Norm ist. Allerspätestens dann, wenn er auf einem NPD-Kalender rassistisch diskriminiert wird... Ich glaube, auf der einen Seite, dass der negative Druck der defizitorientierten Debatte die Spieler negativ beeinflußt und auf der anderen Seite die Spieler aber auch ganz genau wissen, dass sie einen großen Beitrag dazu leisten können, dass sich die Integrationsdebatte dreht und wir mehr über Potentiale reden.

Johann Cruyff hat die niederländische Einwanderungs-Ministerin für das frühe WM-Aus der Nationalmannschaft mitverantwortlich gemacht, da sie die Einbürgerung des Spitzenspielers Kalou aus der Elfenbeinküste verhindert hat. Werden die verschärften Einbürgerungsregelungen in Deutschland auch dem deutschen Fußball schaden?

Nouripour: Als es die ganze Debatte um die deutsche Innenverteidigung gab, hat ja Valerien Ismael von Bayern München angeboten, für Deutschland zu spielen und Klinsmann hat das abgelehnt. Ich finde das, wenn ich ehrlich bin, richtig. Ich finde nicht, dass eine Nationalmannschaft eine Söldnertruppe sein sollte. Wenn man sich etwa anschaut, dass bei den Vereinigten Arabischen Emiraten zwei Brasilianer spielen, die da erst vor zwei Jahren hingegangen sind. Ich finde, dass eine Nationalmannschaft einen anderen Charakter hat, und das eine Identifikation auch vorhanden sein muß. Aber genau so wie es richtig war Ismael nicht mitzunehmen, ist es falsch, Kinder, Jugendliche und später erwachsene Männer auszuschließen, die hier im Land geboren und aufgewachsen sind und die mit diesem Land etwas zu tun haben. Deshalb hat Cruyff in diesem Punkt definitiv Recht. Kalou ist keiner der letztes Jahr nach Holland gegangen ist, sondern Kalou ist eines dieser vielen Kinder, die in den Vorstädten von Amsterdam aufgewachsen sind. Deshalb ist es aus holländischer Sicht absurd, wenn man ihn aussperrt und sagt, du bist zwar ein großartiger Kicker, aber hilf doch einer anderen Nationalmannschaft.

In Frankreich hat man die äußerst multikulturelle Mannschaft, die den WM-Titel 1998 holte gefeiert, die Probleme in den Banlieues sind geblieben. Inwieweit kann Fußball überhaupt zu mehr gesellschaftlicher Integration beitragen?

Nouripour: Fußball kann im Endeffekt, wenn es um Konflikte geht, wenn die Situation brüchig ist, die Gesellschaft nur spiegeln. Fußball kann nicht die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Fußball kann keine Arbeitsplätze schaffen, die Wohnsituation der jungen Menschen verbessern oder die Konflikte mit der Polizei lösen. Aber Fußball kann Hoffnung geben, Fußball kann Brücken bauen. Genau diese Bewußtseinskluft, die ich vorhin für Deutschland beschrieben habe, die gibt es in Frankreich nicht. Das wird dann aber auch zum Problem, weil die jungen Leute das Gefühl haben, ich bin zwar Franzose, aber ich habe nicht die gleichen Rechte. Dementsprechend kommt dort eine ganz besondere Art Wut dazu, die es in Deutschland in dieser Form nicht gibt. Aber sich mit dem Land dadurch zu identifizieren, dass Zidane der Kapitän der Nationalmannschaft ist, ist etwas, was auch in Deutschland möglich ist und was Fußball definitiv bewerkstelligen kann. Aber die zentralen Felder der Auseinandersetzung liegen nicht im Fußball, sondern in den sozialen Fragen.

Wie kann die ethnisch-kulturelle Vielfalt Deutschlands noch besser für den Fußball genutzt werden?

Nouripour: Die Nachwuchsförderung muß farbenblind sein. Mein Eindruck ist, dass es mittlerweile zumindest in den großen Metropolen Westdeutschlands überhaupt keine Rolle mehr spielt, welche Herkunft die Kinder und Jugendlichen haben, sondern, dass es wirklich darum geht, wer die Besten sind. Und deshalb glaube ich, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

Türkische Kinder tragen Ballack oder Klose-Trikots und schwenken die Deutschlandfahne. Deutsch-türkisch-arabische Autokorsos fahren nach Siegen der Nationalmannschaft durch Kreuzberg und Neukölln. Eine Momentaufnahme zur WM oder ändert sich hier wirklich etwas in Fragen des Zugehörigkeitsgefühls zu Deutschland und zur Nation?

Nouripour: Ich glaube, da ändert sich etwas, wobei man das nicht in Ausschließlichkeit vergehen lassen darf. Wenn man sagt, dass sich die Menschen mit Migrationshintergrund jetzt für Deutschland freuen, dann ist das authentisch. Wenn man aber gleichzeitig die Frage stellen würde, und ich warne vor dieser Frage, was wäre wenn die Türkei dabei wäre, und sie würden gegen Deutschland spielen und man dann sehen würde, dass die Loyalitäten nicht stimmen, dann macht man sich das alles kaputt. Zwar nicht deswegen, weil dann die Loyalitäten definitiv weg sind und man darüber nicht reden darf, sondern weil die Frage der doppelten bzw. hybriden Identität auch etwas ist, was so problematisch nicht ist. Es ist nichts, was die Menschen dazu bringt Scheiben einzuwerfen, wenn die Türkei gegen Deutschland verloren hat. Deshalb ist es auch keine Momentaufnahme, was wir hier haben, sondern es ist ein weiterer Schritt in einem sehr guten Prozess, in dem wir uns befinden.

Im Moment verbindet Fußball die Menschen, die Partys auf den Fanmeilen und beim Public Viewing sind multikulturell und fröhlich. Es ist vom „neuen unverkrampften Patriotismus“ die Rede. Was wird bleiben von der euphorischen Stimmung im Land nach dem Mega-Event Fußball-WM?

Nouripour: Ich habe da schon ein bißchen Sorge. Ich glaube eher, dass dieser „unverkrampfte Patriotismus“ etwas Positives ist und auch so bleiben wird, aber ich kann nicht ausschließen, dass Rattenfänger von rechts diesen Patriotismus für sich werden nutzen können. Zumal dieser sog. „unverkrampfte Patriotismus“ eben davon lebt, dass die Welt wirklich nur zu Gast ist und die ganze Welt eben gemeinsam mit den Deutschen feiert. Dementsprechend ist das auch ohne Probleme möglich. Trotzdem stellt sich mir die Frage, was ist, wenn die alle weg sind. Ich will jetzt nicht in Defätismus verfallen, ich freue mich wirklich, dass das alles so ist, wie es bisher ist, das ist eine riesengroße Party, viele werden auch nach dem Finale ihre Deutschlandflagge nicht abhängen. Aber man muß mit dieser Euphorie aufpassen, dass sie nicht Wasser auf den Mühlen der falschen Leute wird. Der momentane Patriotismus hat das Potential, einen riesen Beitrag zur Integration in Deutschland zu leisten und Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft näher zusammenzubringen, aber es gibt eben auch Nebeneffekte und da muß man genauer hinschauen.

Die Bundesregierung hat gerade zwei Straßenfußballmannschaften aus Ghana und Nigeria, die am antirassistischen Streetsoccerworldcup in Kreuzberg teilnehmen wollten die Einreise verweigert. Gilt das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ nur wenn die Gäste zahlungskräftig sind und in teuren Hotels übernachten, nicht aber für Strassenfußballer?

Nouripour: Das sieht so aus. Das Vorgehen der Bundesregierung ist ein riesen Skandal. Ich habe selbst schon einmal in Brandenburg bei einem Streetsoccercup mitgespielt. Da war es erstaunlich zu sehen, dass rechte Skinheads mit Punks gespielt haben und das richtig gut gegangen ist. Das Projekt ist wirklich ein Phänomen, ein wunderbar bewährtes Projekt, bei dem junge Menschen zivilisatorisches Verhalten für sich neu entdecken können. Gerade ein solches Projekt zu verstümmeln, indem man bestimmten Leuten die Einreise nicht erlaubt, ist einfach skandalös. Die Begründung der Bundesregierung dazu ist albern. Die Bundesregierung hat bei der Bewerbung für diese WM versprochen, alle Unterstützung für diese Fußball-WM zu gewährleisten. Das war zwar eine andere Regierung, aber ich glaube, dass die jetzige Bundesregierung diesem Versprechen verpflichtet ist, aber dieses Versprechen bricht sie gerade.

Kann Deutschland Weltmeister werden?

Nouripour: Ja. Sie können es, weil die Mannschaft eine unglaublich stabile Psyche hat und weil es eine Mannschaft ist. Das sind die Brasilianer nicht und die Argentinier sind es nicht, wenn Riquelme keine Lust hat.

Was ist Ihr Tipp für den weiteren Verlauf des Turniers? Wer wird Weltmeister?

Nouripour: Ich glaube, es gibt ein Halbfinale Deutschland gegen Italien und ein Halbfinale England gegen, ich hoffe, Frankreich, befürchte Brasilien. Die Engländer können alles bei dieser WM, werden aber nichts. Ich glaube, dasselbe gilt auch für die Deutschen. Ich befürchte, Italien wird Weltmeister. Das ist die Mannschaft, die die beste Abwehr hat, die sich die Kraft am besten eingeteilt hat und von den übrig gebliebenen Teams den besten Trainer hat. Mein Tipp ist seit einem Jahr Italien. Und das bestätigt sich von Spiel zu Spiel.


Das Interview führte Andreas Merx am 29. Juni 2006.

Omid Nouripour ist Mitglied des Bundesvorstandes Bündnis 90 / Die Grünen und wird im September 2006 für Joschka Fischer in den Deutschen Bundestag nachrücken.

   

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