Dahoam ist dahoam! Der Alltag in einem Münchner Flüchtlingslager

Dahoam ist dahoam! Der Alltag in einem Münchner Flüchtlingslager

Asyl-Flüchtlinge
Asyl-Flüchtlinge

 

von Uche Akpulu

Unsanftes Erwachen

Ich bin an der Bushaltestelle in Mile 2 und warte auf den Bus Richtung CMS Haltestelle. Wie immer sprudelt Mile 2 mit Menschen über, die sich lärmend in verschiedene Richtungen bewegen. Mein Hemd ist wegen der Hitze mit Schweiß durchnässt. Ich schaue auf meine Armbanduhr und wundere mich, ob ich meinen Termin in Victoria Island überhaupt schaffen werde. Plötzlich torkelt ein „Molue“ Bus vor mir und es fängt die verrückte Rempelei an, um in den Bus reinzukommen. Ich werde von hinten gewaltig geschubst!...

Ich wache aufgerüttelt auf, von meiner Decke voll bedeckt und leicht schwitzend. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass ich auf meinem oberen Teil des Stockbetts in meinem Zimmer im Flüchtlingslager in München bin. Es ist 7 Uhr und ein neuer Tag in meinem Leben als Asylbewerber. Ich bin bedrückt, aber nach nochmaliger Überlegung bin ich dankbar, dass ich noch frei bin, dass die Polizei mich nicht mitten in der Nacht abgeholt hat, um mich abzuschieben. Ich erinnere mich an einige Freunde, die ich hier kennengelernt habe, die aber abgeschoben wurden und die ich vielleicht nie wieder sehen werde. Ich stehe auf oder springe eher runter vom Bett und gehe zum Dusch- und Toilettenraum. Wie gewöhnlich ist der Raum schmutzig und stinkt. Eigentlich sollte ich dankbar sein, dass er überhaupt noch nutzbar ist, da es ein Gemeinschaftsraum ist, der von über 30 Menschen benutzt wird.

Ich sollte vielleicht meine Unterkunft genauer beschreiben. In dem Flüchtlingslager, wo ich wohne, besteht meine bescheidene Unterkunft aus einem 13-Quadratmeter großen Zimmer, welches ich mit drei weiteren Männern teilen muss. Das entspricht weniger als vier Quadratmetern pro Person. Wir haben im Zimmer zwei Stockbetten und vier Spinde. Dieses Zimmer befindet sich in einem Wohnblock mit 11 weiteren ebenfalls 13-Quadratmeter großen Zimmern. Sechs von diesen Zimmern werden von Familien mit Kindern bewohnt. Insgesamt leben um die 40 Menschen in meiner Baracke. Diese 12-Zimmer-Baracke hat zwei gemeinsame Toiletten- und Duschräume, je einen für Männer und einen für Frauen.

In dem etwa 20 Quadratmeter großen Männer-Dusch- und Toilettenraum gibt es zwei Duschen, drei Pissoirs und fünf Toilettenkabinen. In den vier Jahren, die ich im Lager wohne, hat nur eine von den beiden Duschen richtig funktioniert. Die andere Dusche funktioniert nur sporadisch, wobei manchmal, wenn sie überhaupt funktioniert, nur kaltes Wasser rauskommt. Diese beliebig-funktionierende Dusche ist im Winter nicht besonders beliebt! Mit ungefähr 30 Männern im Haus müssen wir manchmal Schlange stehen, um zu duschen. Eins von den drei Pissoirs und zwei Toilettenkabinen sind unbenutzbar. Dann gibt es noch eine 13 Quadratmeter große Küche mit vier Doppel-Kochplatten und 2 Spülen für alle Leute im Block. In dem Lager sind insgesamt 6 Wohnblocks, die genau so aussehen wie der, den ich beschrieben habe. Es wohnen im Lager über 250 Menschen.

Es ist 10 Uhr und ich muss ins Verwaltungsbüro vom Lager gehen, um mein Essenspaket zu holen. Wie gewöhnlich ist der größte Teil des Inhalts seltsam und kaum essbar. Um 11 Uhr gehe ich zurück zum Verwaltungsbüro, um zu schauen, ob ich Post habe. Auf dem Weg bete ich, dass ich keine Post von Behörden bekomme, was dann wieder einen Besuch bei meinem Anwalt bedeuten wird. Solche Besuche erweisen sich immer als sehr teuer für mich! Wenn ich es mir recht überlege, will ich überhaupt keine Post haben. Als ich erfahre, dass ich keine Post habe, atme ich erleichtert auf.

Als ich ins Zimmer zurückkomme, gibt es unter meinen Zimmergenossen einen heftigen Streit, weil irgendjemand irgendetwas, das irgendeinem gehört, aus dem einzigen Kühlschrank im Zimmer genommen hat. Während der Streiterei setze ich mich hin und überlege, wie ich hier gelandet bin. Ich erinnere mich an die hastige Flucht vor den Dingen, Menschen und Orten, die ich für über 30 Jahre kannte. Ich erinnere mich an mein Leben als Berater und die riesige Freude am Entwerfen und Durchführen von Projekten und Einhalten von Fristen. Ich erinnere mich an die Befragung für meinen Asylantrag und wie der Beamte viel mehr interessiert war daran, wie ich nach Deutschland kam, die Farbe des Zuges, den ich vom Flughafen genommen hatte und wie lang die Zugfahrt dauerte, statt an den Gründen, warum ich mein Land verlassen habe. Ich erinnere mich, wie ich mir dachte, ob er mich für einen Tourist hielt.

Um 13 Uhr werde ich von dem Lärm im Zimmer aus meinen Tagträumen geholt und ich wünschte, dass ich wenigstens einen Job hätte, aber erinnere mich auch sofort daran, dass mein Aufenthaltspapier mir auch jegliche produktive Tätigkeit verbietet. Ich fühle plötzlich den Drang rauszugehen, um Freunde in einem anderen Stadtteil zu besuchen. Als ich meine Jacke anziehe, erinnere ich mich, dass ich keine Fahrkarte habe. Die Benutzung von Öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Fahrkarten kann zu einer Strafe von 40 Euro führen, was genau meinem monatlichen Taschengeld vom Staat entspricht. Ich ziehe meine Jacke wieder aus, lege mich auf mein Bett und schlafe ein!

...Der „Molue“ Bus wurde dampfend heiß, aber er hat gerade die CMS Haltestelle erreicht. Als ich vom Bus runterspringe, kommt eine kühle Brise von der Lagos Lagune und ich fühle mich glücklich, dass ich die Busfahrt überlebt habe. Ich habe noch 30 Minuten, um meinen Termin beim Projektmanager von Chevron in Victoria Island wahrzunehmen...

Das Telefonat

Das Klingeln von meinem Handy weckt mich aus meinem Traum auf. “Hallo Uche, kannst du mich hören?” „Ja, ich höre dich, aber wer ist am Telefon?“, antworte ich. Die Verbindung ist schlecht und daher weiß ich, dass es kein Deutschland-Anruf ist. „Es ist dein Cousin Emeka, kannst du mich bitte zurückrufen?“ Die Telefonverbindung ist abgebrochen. Wie ich vermutet habe, ist es ein Anruf aus Nigeria.

Ich glaube, ich muss das erklären. Anrufe aus Nigeria haben einen besonderen Charakter. Die Verbindung ist meist schlecht, was den Anrufer häufig unhörbar macht. Das führt wiederum dazu, dass der Anruf-Empfänger lauter spricht und manchmal sogar schreit, um gehört zu werden. Schreien macht die Verbindung natürlich nicht besser, aber ich glaube, dies ist eine natürliche menschliche Reaktion auf die schlechte Verbindung. Der resultierende Effekt ist der typische Nigerianer, den man gewöhnlich auf manchen europäischen Straßen sieht, der in sein Handy schreit. Dieses Bild mag für die Uneingeweihten, in diesem Fall die Durchschnitts-Europäer, merkwürdig und manchmal irritierend sein, vor allem, wenn man gerade neben so einem sitzt bzw. steht.

Eine andere Besonderheit von Anrufen aus Nigeria ist, dass sie meistens sehr kurz sind, ungefähr eine Minute lang. Dies ist normalerweise zu kurz, um irgendeine bedeutsame Kommunikation zu ermöglichen und deswegen wird man fast immer um Rückruf gebeten. Die Kürze der Anrufe und die Bitte um Rückruf sind, im Gegensatz zur der schlechten Verbindung, absichtlich. Ich glaube, ich muss das wieder erklären. Bis 2001 war Fernsprechen in Nigeria nur über Festnetz möglich, das wiederum nur für ca. 10 Prozent der Bevölkerung verfügbar war. Mit Einführung von GSM-Telefonie in 2001 war Fernsprechen durch Mobiltelefon dann für ca. 80 Prozent der Bevölkerung verfügbar. Dennoch sind für die meisten Menschen Auslandstelefonate immer noch unbezahlbar.

Zweitens glaubt der Durchschnitts-Nigerianer, dass Europa ein „Eldorado“ ist, wo Milch und Honig fließt. Manche Nigerianer glauben tatsächlich, dass Europa so „zivilisiert“ und technisch fortgeschritten ist, dass solche lebensnotwendigen Bedürfnisse wie Telefone-überall-zu-benutzen für jeden verfügbar seien, und zwar kostenlos! Dementsprechend ist die Erwartung, dass der „glückliche“ Verwandte, der in Europa lebt, kurzfristig und zu jeder Tageszeit anrufen kann.

Jedenfalls, da ich in meinem Geldbeutel noch 10 Euro habe, entscheide ich mich, um meinen Cousin anrufen zu können, eine Telefonkarte im Wert von 4 Euro zu kaufen. Ich habe noch eine Woche bis zu meinem nächsten Termin beim Sozialamt, um meine monatlichen 40 Euro Taschengeld zu holen, aber mein Cousin klang verzweifelt am Telefon. Außerdem bin ich schon an die Aussichten, eine Woche lang mit nur 6 Euro auszukommen, gewohnt. Zum Glück, da meine Nachbarin im angrenzenden Zimmer Telefonkarten verkauft, muss ich nicht zum Hauptbahnhof „reisen“, um eine Telefonkarte zu kaufen.

Nachdem ich die Karte gekauft habe, fange ich den zweiten Teil meines Telefonate-Prozesses an, indem ich von Zimmer zu Zimmer gehe, um irgendjemand zu suchen, der einen Telefonhandapparat hat. Beim sechsten Versuch schaffe ich es, einen Telefonhandapparat von jemand in einer angrenzenden Baracke zu leihen.

Ich gehe dann vor den Eingang zu meiner Baracke, um den dritten Teil meines Telefonate-Prozesses zu beginnen. Beim Eingang zu meiner Baracke gibt es eine Art „Telefonkabine“, die an die Wand angebaut ist und mit nur einem Holzdachanbau zum Schutz vor Naturgewalten. Das heißt, von dieser „Telefonkabine“ aus zu telefonieren setzt einen Wind, Sonne, Sturm, Regen oder Schnee, je nachdem, welche Jahreszeit es gerade ist, aus! Es ist gerade Winter und es schneit gewaltig, aber mein Cousin hat am Telefon verzweifelt geklungen und ich muss diesen Anruf machen. Wie ich vorher schon erwähnt habe, wohnen in den sechs Baracken in unserem Lager über 250 Menschen. Die „Telefonkabine“ ist übrigens die einzige im ganzen Lager! Von der „Telefonkabine“ hängt ein kurzes Kabel mit einer Telefonbuchse am Ende.

Um telefonieren zu können, muss ich diese Telefonbuchse an meinen geliehenen Telefonapparat anschließen. Als ich einen Ton bekomme, fische ich Telefonkarte und Handy heraus. Während ich den geliehenen Telefonapparat mit meiner rechten Hand halte, suche ich mit meiner linken Hand die Nummer meines Cousins in meinem Handy. Währenddessen ist der Hörer vom Telefonapparat zwischen meinem Kopf und meiner Schulter verkeilt. Mit beiden Händen völlig beschäftigt und meinen Kopf an meine Schulter angewinkelt, um den Hörer zu halten, fange ich an, die Nummer meines Cousins anzuwählen.

Nach fünf Minuten erreiche ich meinen Cousin am Telefon. Nach einer kurzen Diskussion erfahre ich, dass er etwas Geld von mir braucht, um seine Schulgebühren bezahlen zu können. Er ist eigentlich ein intelligenter Junge, der immer gute Noten in der Schule hat. Seine Eltern sind aber ärmliche Bauern und sie können sich seine Schulgebühren nicht leisten. In 2 Wochen besteht die Gefahr, dass er aus der Schule rausfliegt, wenn er seine Schulgebühr nicht bezahlt. In 2 Monaten soll er seine Abschlussprüfung schreiben. Seine Schulgebühr beträgt etwa 100 Euro. 

Plötzlich fühle ich mich hilflos. Wie erkläre ich ihm, dass ich nach 3 Jahren in Deutschland immer noch keine Arbeitserlaubnis habe? Wie erkläre ich ihm, dass ich nach 3 Jahren in Deutschland immer noch ein 13-Quadratmeter-Zimmer mit 3 Männern in einem Flüchtlingslager teile? Wie erkläre ich ihm, dass sogar mein Ausweispapier in Deutschland mir jederzeit mit der Abschiebung droht? Meine Hände fangen zu frieren an und ich merke, dass ich seit etwa 15 Minuten im Schnee stehe, mit beiden Händen mein Handy, Telefonkarte und Telefonapparat halte und mit meinem Kopf an meine Schulter gewinkelt, um den Hörer zu halten. Ich merke, dass ich ein komisches Bild darstellen muss und lächele. Ich verspreche meinem Cousin, ihn in einer Woche zurückzurufen und beende schnell den Anruf.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer fühlen sich meine Hände wegen der Kälte wie Eis an. Plötzlich stelle ich fest, dass ich nach 3 Jahren Aufenthalt in Deutschland nicht einmal einen einfachen Telefonanruf in Würde machen kann!

Der Hausmeister

Als ich ins Zimmer reinkomme, bin ich immer noch in Gedanken wegen meiner Telefon-Aktion und wie ich etwas Geld für meinen Cousin auftreiben könnte. “Hey Kollege, hast du den Typ gesehen, der gerade aus dem Zimmer rausging?”, fragt mich mein Zimmermitbewohner, als ich rein ins Zimmer komme. „Nein, ich habe niemand gesehen“ antworte ich, ein bisschen irritiert von der Unterbrechung meines Gedankens, aber gleichzeitig dankbar für die augenblickliche Gelegenheit, meinen letztendlich fruchtlosen Gedanken aufzugeben. „Wer war das?“ frage ich. „Der Hausmeister hat uns gerade einen neuen Mitbewohner geschickt“ antwortet er lächelnd. „Du machst jetzt einen Witz, oder?“ „Nein, das ist kein Witz“ antwortet er ziemlich ernst, „ich habe ihm gesagt, dass wir keinen Platz mehr im Zimmer haben und dass er dem Hausmeister das auch sagen soll“. „Das ist gut so“ sage ich, „aber warum schickt uns der Hausmeister einen Mitbewohner, wenn er weiß, dass wir schon zu dritt im Zimmer sind?

Mein Mitbewohner antwortet nur mit einem Schulterzucken und einem unausgesprochenen Blick in seinem Gesicht, das mich fragt, wie er wohl das Motiv des allmächtigen Hausmeisters erahnen soll, wenn er genauso wie ich auch ein Asylbewerber ist. Obwohl wir zurzeit nur zu dritt im Zimmer sind, ist unser 13-Quadratmeter-Zimmer eigentlich offiziell für vier alleinstehende erwachsene Menschen gemeint. Allerdings wissen meine Mitbewohner und ich, dass es andere Zimmer im Lager gibt, die nur zwei Bewohner haben. Das Zimmer direkt gegenüber unserem Zimmer hat sogar seit fast einem Jahr nur einen alleinstehenden Bewohner. Wir wissen auch, dass er mit unserem normalerweise unfreundlichen Hausmeister ein sehr freundschaftliches Verhältnis hat. Dieses kuriose Verhältnis führte unter den Lager-Bewohnern schon zu dem Verdacht, dass der in einem Zimmer allein wohnende Bewohner sicherlich ein „Informant“ für den Hausmeister sein muss. Der Besitz von einem 13 Quadratmeter Wohnraum in einem Flüchtlingslager ist ein seltener Luxus, der manchmal zu exotischen Verschwörungstheorien führen kann, egal ob sie begründet sind oder nicht! Aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Nachdem wir diese „Tatbestände“ bewertet haben und die Tatsache, dass unser Zimmer mit drei Mitbewohnern schon zu eng ist, ziehen mein Mitbewohner und ich zum Büro vom Hausmeister, um wenigstens zu bestätigen, dass die Sache irgendwie ein Missverständnis ist. Als wir sein Büro betreten, ruft er uns zu „Ah, ich habe diesen Besuch erwartet!

Ich muss unseren Hausmeister ein bisschen beschreiben. Unser Hausmeister ist jemand, der offenbar eine sehr hohe Auffassung von sich und seiner Position hat. Üblicherweise schreitet er den größten Teil des Tages mit einer schweren und fürchterlichen Miene um das Lager herum. Währenddessen schaut er in die Zimmer herein, um eine Bestandsaufnahme von Gegenständen zu machen und schaut auch in seltsame Ecken des Geländes, anscheinend auf der Suche nach Sachen, von denen keiner weiß. Trotz der Tatsache, dass er selber nicht im Lager wohnt, ist unser Hausmeister gewöhnlich dabei, wenn die Polizei eine allgemeine Kontrolle im Lager macht, auch wenn es um 3 Uhr morgens ist. Dieser scheinbare Eifer vermittelt den Eindruck, dass unser Hausmeister ein Mann ist, der wegen der gewaltigen Verantwortlichkeiten, die verbunden sind mit der Verwaltung eines Lagers, nicht schläft.

Trotz dieser fleißigen und seriösen Einstellung ist unser Hausmeister allerdings berüchtigt, weil er meistens Sachen nicht erledigt. Vor einem Jahr z.B. wurde unser Fenster von spielenden Kindern zerbrochen und trotz wiederholter Appelle an den Hausmeister, das Fenster zu reparieren, hat er immer die gleiche Antwort gegeben, dass die Regierung kein Geld habe. Das Resultat war, dass meine Zimmergenossen und ich 8 Monate lang einschließlich des ganzen Winters mit einem zerbrochenen Fenster aushalten mussten.

Die Toilette und Dusche sind erbärmlich, aber der Hausmeister merkt das während seinem täglichen Umherstreifen durch das Lager scheinbar nicht und wiederholte Beschwerden entlocken nur dieselbe Antwort, dass die Regierung kein Geld hat. Letzten Winter gab es kein heißes Wasser in der Männer-Dusche mit der Folge, dass die Bewohner in meiner Baracke, um duschen zu können, zur benachbarten Baracke gehen mussten, manchmal nur im Badeanzug. Nachdem er diesen Zustand ein paar Wochen dulden musste, ging ein älterer Zimmergenosse von mir, der weniger Kälte-Widerstand hatte, zum Hausmeister und sagte ihm, dass er eine Anzeige bei der Polizei wegen Körperverletzung gegen ihn erstatten wird, falls er, während er zur Nachbar-Baracke zum Duschen geht, im Schnee stürzt. Am Tag nach diese Drohung fängt heißes Wasser in der Männer-Dusche bei uns wieder zu fließen an. Es ist eigentlich kein Wunder, dass unser Hausmeister bei fast allen Bewohnern im Lager als unfreundlich wahrgenommen wird.

Aus diesem Grund habe ich keine Lust auf Witze mit dem Hausmeister, als er uns im Scherz sagt, dass er auf unseren Besuch schon gewartet hat. Deshalb komme ich schnell zur Sache. „Warum haben Sie uns einen neuen Mitbewohner geschickt?“ „Ja, nach dem Gesetz der Regierung ist euer Zimmer für vier alleinstehende Personen gemeint, und es wohnen momentan nur drei Leute drin“ antwortet er schmunzelnd. Ich fühle, dass der Mann wirklich sehr stolz sein muss auf die Regierung und die Tatsache, dass er für die Regierung arbeitet. Es muss der Grund sein, warum er sich immer auf die Regierung beruft, sowohl wenn er etwas tut, wie in diesem Fall mit dem neuen Mitbewohner, als auch wenn er nichts tut, wie gewöhnlich bei ihm.

Da ich kein Interesse an seinem psychologischen Zustand habe, wenigstens heute nicht, habe ich ihm meine Gedanken nicht wiedergegeben. „Ja ich weiß, dass unser Zimmer für vier Personen ist, aber wir sind hier, um Ihnen zu sagen dass wir keinen neuen Mitbewohner bei uns zulassen wollen, weil wie Sie schon wissen, unser Zimmer einfach zu eng geworden ist; zweitens, wie Sie auch schon wissen, gibt es im Lager andere Zimmer mit nur zwei Bewohnern. Im Zimmer gegenüber unserem ist sogar seit fast einem Jahr nur ein Bewohner!“ antworte ich verärgert.

Der Hausmeister schaut mich ein bisschen überrascht an. Ich denke mir, glaubt er wirklich, dass wir keine Ahnung haben, wer wo wohnt und wie viele Leute in einem Zimmer innerhalb der Lager wohnen? Wenn, dann muss er uns für sehr blöde Menschen halten! „Nun gut, es ist meine Arbeit, Leute in Zimmer zu verteilen und dementsprechend habe ich einen neuen Mitbewohner in euer Zimmer verteilt“ sagt er abweisend. „Nun gut, wir sind nicht hier, um Ihre Arbeit zu verhindern, wir wollen Sie nur informieren, dass wir keinen neuen Mitbewohner wollen und dass es andere Zimmer gibt, die mehr Platz haben als unseres, wo Sie neue Leute hinschicken können“ antworte ich.

Als er begreift, dass mein Mitbewohner und ich sehr ernst sind und gute Argumente haben, wechselt er seine Taktik. „Hör zu“ sagt er, „die Tatsache ist, der neue Mann wurde schon seit ein paar Wochen vom Verwaltungsleiter in euer Zimmer verteilt, aber konnte bis heute, aus welchem Grund auch immer, nicht einziehen. Der Verwaltungsleiter ist aber momentan im Urlaub, wird aber am Montag wieder da sein. Lass bitte den Neuen einfach seine Matratze auf den Boden werfen, damit er schlafen kann. Sobald der Verwaltungsleiter am Montag wieder da ist, werden wir den Neuen in ein anderes Zimmer verteilen.“

Mit seiner Aussage wird mir und meinem Mitbewohner klar, dass der Hausmeister uns für hirnlose Idioten hält. Das verärgert uns natürlich noch mehr. „Hören Sie gut zu“ sage ich ihm, „es gibt bei uns im Zimmer keinen Platz mehr, wo irgendjemand noch seine Matratze auf den Boden tun kann und das wissen Sie genau. Wenn Sie ein Zimmer brauchen, wo der Neue seine Matratze bis Montag auf den Boden tun kann, dann schickt ihn doch zu den Zimmern, wo nur zwei Menschen drin sind oder noch besser zu dem Zimmer uns gegenüber, wo nur ein Mensch drin wohnt“. Schließlich scheint er zu begreifen, dass mein Mitbewohner und ich nicht so blöd sind, wie er dachte, und sagt „Ok, wenn der neue Mann bei euch wieder auftaucht, sagt ihm, dass er bei mir im Büro vorbeikommen soll“. „Dankeschön!“ sagen mein Mitbewohner und ich gleichzeitig beim Verlassen seines Büros, ohne das geringste Gefühl von Dankbarkeit.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer diskutieren wir unsere Begegnung mit dem Hausmeister und kommen zu dem Schluss, dass er eigentlich kein Interesse an der Annehmlichkeit bzw. dem Wohlbefinden der Flüchtlinge im Lager hat. In Wirklichkeit ist seine Arbeit scheinbar, das Leben so schwer wie möglich für die Bewohner zu machen.

 

Uche Akpulu ist Biochemiker, Umweltechniker und Mitbegründer des Arbeitskreises Panafrikanismus München e.V. Er ist Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats und Mitglied des Ausländerbeirates der Landeshauptstadt München.

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