Islamische Verbände in verbandsökonomischer Perspektive

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von Andreas Blätte

Politik auf Ansprechpartnersuche

Ein einheitlicher Ansprechpartner, der in der Lage wäre, „den Islam“ in Deutschland zu repräsentieren, ist ein Wunsch, der in der Politik regelmäßig artikuliert wird. An Stelle des ersehnten einheitlichen Ansprechpartners findet „der Staat“ allerdings ein von Heterogenität und Pluralität gekennzeichnetes Verbändefeld vor. Es existieren sechs größere islamische Dach- und Spitzenverbänden: der Dachverband Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB), der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) der Islamrat (IR) und der Zentralrat der Muslime (ZMD). Das Feld ist nicht nur fragmentiert: Zwischen diesen Verbänden gibt es auch Konkurrenz und Polarisierung.

Mit der seit September 2006 tagenden Deutschen Islamkonferenz (DIK) war zumindest anfangs die Hoffnung verbunden, dass von jener Impulse zu einer Neustrukturierung des islamischen Verbändefeldes ausgehen könnten. In der Tat wurde schon kurz nach dem Auftakt der DIK mit dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) ein Zusammenschluss der größten islamischen Verbände gegründet. Manche sahen darin eine Bestätigung der Gestaltungsfähigkeit der Politik. Aufgrund der zeitlichen Nähe des Auftakts der DIK und der Gründung des KRM – die Planungen zur Gründung des KRM waren tatsächlich schon vor der Ankündigung der DIK in Angriff genommen worden – wurde die KRM-Gründung zum Teil als Zeichen gewertet, dass eine aktive Islampolitik das Feld der islamischen Verbände modellieren könne.

Die Divergenzen im Feld der islamischen Verbände bestehen allerdings fort, die Prozesse verlaufen nicht linear in Richtung einer Konzentration des Verbändefelds. Von einer starken Tendenz zur Einheit der MuslimInnen in Deutschland kann kaum gesprochen werden. Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen einer gestaltenden staatlichen Islampolitik ist also weiter aktuell. Inwieweit können staatliche Maßnahmen die Struktur des Feldes der islamischen Verbände beeinflussen? Kann die Politik eine Veränderung der Beziehungen der Verbände zueinander oder sogar einen Konzentrationsprozess hervorrufen? Ist eine „Formung“ des Feldes der islamischen Verbände möglich?

Hier soll argumentiert werden, dass eine Beachtung der Ökonomie der islamischen Verbände Skepsis gegenüber staatlichen Formungsmöglichkeiten weckt. Mit einer Verbandsökonomie, welche die islamischen Verbände unabhängig von einer staatlichen Förderung macht, gewinnen diese Freiheitsgrade, die sie von staatlichen Strukturierungsversuchen unabhängig machen. Ein fragmentiertes und pluralistisches Feld der islamischen Verbände ist demnach als politische Ausgangslage zu akzeptieren.

Das Problem der Organisation: Organisationsdilemma, Patronage und Formung

Die Ressourcen eines Verbandes sind verschiedener Art, und im politischen Prozess haben nicht zuletzt symbolische Ressourcen erhebliche Bedeutung. Aber ohne materielle Ressourcen werden die Handlungsmöglichkeiten eines Verbandes im politischen Prozess stets beschränkt sein. Eine hauptamtliche Verbandsbürokratie ist von entscheidender Bedeutung. Um diese aufzubauen und um darüber hinaus gehende Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen, bedarf es finanzieller Mittel.

Die Gründung und Aufrechterhaltung eines Verbandes erfordert dafür allerdings die Lösung des Problems der Ressourcenbildung, was in keiner Weise trivial ist. Die Theorie des kollektiven Handelns (Olson 1965) weist dabei auf das „Organisationsdilemma“ hin, mit dem Interessengruppen konfrontiert sind. Es stellt sich das Problem des Trittbrettfahrertums: Politische Erfolge eines Verbandes kommen in vielen Fällen auch jenen zugute, die nicht durch Mitgliedschaft und Beiträge zu einem Verband die Voraussetzungen dafür geschaffen haben. Wenn ein Umweltverband mehr Luftreinhaltung erreicht, kann die bessere Luft von allen geatmet werden. Doch wenn ein Vorteil genossen werden kann, auch ohne zu diesem (finanziell) beizutragen, so entfällt für nutzenmaximierende Individuen der Anreiz, Mitgliedsbeiträge zu entrichten. Olson argumentiert daher, dass Verbände nur in zwei Varianten tragfähig organisiert werden könnten: Im ersten Modell wird ein Verband von einer umgrenzten Gruppe mit klar definierten materiellen Interessen gebildet.

Ein zweites Modell beschreibt hingegen die Verbandsbildung bei großen Gruppen. Ein Verband kann in dieser Situation dann tragfähig organisiert werden, wenn durch ein Angebot „selektiver Anreize“, d.h. durch Angebote, die ausschließlich der eigenen Mitgliedschaft zur Verfügung stehen, eine Mobilisierung von Ressourcen erreicht werden kann, die dann zum Aufbau einer Verbandsbürokratie genutzt werden können. Die Verbandsbürokratie hat primär den eigenen Mitgliedern Dienstleistungen anzubieten, sie kann aber auch eine ergänzende Außenvertretung des Verbandes leisten. Die Organisation kann auch für politisches Lobbying eingesetzt werden. Lobbying entsteht hier aber als Nebenprodukt – die Außenvertretung ist nicht der ursprüngliche Grund für die Mobilisierung von Spenden und Beiträgen. Die Nebenproduktthese der Theorie des kollektiven Handelns besagt, dass interne Dienstleistungsangebote bei der Mobilisierung von Ressourcen entscheidende Bedeutung haben.

Die Möglichkeiten der Bildung politisch effektiver Verbände sind damit ungleich verteilt, weil nicht in jedem Fall selektive Anreize angeboten werden können. Nicht alle Gruppen finden ein Organisationsmodell, das den genannten Anforderungen entspricht. Ein oft genanntes Beispiel ist die Gruppe der Arbeitslosen. Diese Gruppe ist groß und in sich heterogen. Es gibt bislang für die Arbeitslosen kein Organisationsmodell mit attraktiven selektiven Anreizen, das zum Aufbau einer effektiven Organisation geführt hätte, die nach innen hinreichend attraktive Dienstleistungen anbietet und nach außen effektives Lobbying betreibt.

Die Theorie des kollektiven Handelns hat jedoch in ihrer ursprünglichen Form den Test anhand der Empirie nicht bestanden. Es gibt viele Verbände mit gemeinwohlorientiertem Charakter, bei denen nicht erkennbar ist, dass sie ihren Mitgliedern die von Olson als so entscheidend angesehenen selektiven Anreize anbieten können. Einen Ausweg bietet aber das theoretische Konzept der „Patronage“ (Walker 1991). Patronage bedeutet dabei, dass Verbände in ihrer Gründungsphase oder im regulären operativen Betrieb von Einzelpersonen oder kollektiven Akteuren, zum Beispiel von Ministerien, materielle Ressourcen oder operative Fähigkeiten erhalten. Die Patronagethese modifiziert und erweitert so die Theorie der Verbände: Wo eine endogene Ressourcenbildung aus strukturellen Gründen nicht gelingt, springen wohlhabende Einzelpersonen oder institutionelle Förderer ein, die ausreichend Mittel zur Verfügung stellen, die einem Verband operative Fähigkeiten verleihen.

Die Nebenprodukt- und die Patronagethese führen zu unterschiedlichen Einschätzungen staatlicher Einflussmöglichkeiten. Wenn Verbände ihre Ressourcen endogen bilden können, gewinnen sie eine relative Autonomie von staatlichen Formungsversuchen. Ein Verband hingegen, der von Patronage abhängig ist - sei dies ein Einzelförderer, ein anderer Verband oder eine Form der ministeriellen Patronage - befindet sich gegenüber diesem Förderer in einem Abhängigkeitsverhältnis. Dies erfordert eine Adaption des Organisationsverhaltens. In der folgenden Analyse des Verbändefeldes der Einwandererverbände wird deutlich werden, dass insbesondere ministerielle Patronage für die Organisationsbildung bei nicht-religiösen Verbänden von Einwandernden von Bedeutung ist. Formungsmöglichkeiten des Staates sind umso größer, je bedeutsamer ministerielle Patronage für die ökonomischen Grundlagen eines Verbandes ist. Umgekehrt bedeutet die Unabhängigkeit von ministerieller Patronage relative Autonomie. Letzteres ist die Situation der islamischen Verbände.

Islamische Verbände zwischen Formung und Autonomie

Islamische Verbände sind eine Teilmenge des Feldes der Einwandererverbände (Blätte im Erscheinen). Der Vergleich der Ressourcenbildung bei den religiösen und den nicht-religiösen Verbänden macht deutlich, dass islamische Verbände ihre Ressourcen aus ihrer eigenen Mitgliedschaft  („endogen“) bilden können. Dieses Argument soll im Folgenden anhand der wichtigsten religiösen und nicht-religiösen Verbände von türkeistämmigen Einwandernden entwickelt werden. Es ließe sich auf weitere religiöse Organisationen übertragen.

Die islamischen Verbände, die heute im Feld der Einwandererverbände eine zentrale Stellung einnehmen, waren in der Anfangsphase der Herausbildung von Einwandererverbänden weniger prominent. Eine intensivierte Herausbildung islamischer Organisationen setzte in den 1970er Jahren ein und stand im Zusammenhang mit dem verstärkten Familiennachzug und dem Bemühen Eingewanderter, auch über islamische Organisationen ihren Kindern kulturell-religiöse Traditionen zu vermitteln (Sezer/Thränhardt 1983). In diesem Prozess kam es zu erheblichen Spannungen gerade zwischen den Organisationen von türkischen Einwandernden. Bruchlinien verliefen zwischen linken, säkular orientierten Gruppen, nationalistischen und religiösen Gruppierungen. Sukzessive bildete sich das Verbändefeld heraus, wie es sich heute darstellt.

Die islamischen Verbände der ersten Stunde waren der VIKZ und Vorläuferorganisationen der heutigen IGMG. Der VIKZ ging im Juni 1980 aus dem am 1973 gegründeten „Islamischen Kulturzentrum e.V.“ in Köln (IKZ) hervor. Die Gründung der IGMG-Vorgängerorganisation der „Türkischen Union in Deutschland“ erfolgte bereits im Jahre 1972. Aus ihr ging 1995 im Zuge einer Reorganisation die IGMG hervor. Die 1984 erfolgte Gründung des bundesweiten Dachverbands der DITIB als Auslandsorganisation der türkischen Religionsbehörde spiegelte die Sorge wider, dass sich unter den Türkeistämmigen in Deutschland die Süleymanci-Gemeinschaft und die Bewegung Necmettin Erbakans ausbreitete. Die DITIB sollte die türkischen StaatsbürgerInnen in Deutschland wieder an die vom türkischen Staat akzeptierte und geförderte Fassung des sunnitischen Islam binden (Seufert 2004: 18).

Vergleicht man unter dem Gesichtspunkt der Ressourcenbildung diese religiösen Verbände der Türkeistämmigen mit nicht-religiösen Verbänden dieser Einwanderergruppe, so zeigen sich erhebliche Unterschiede im Hinblick auf den Stand der Ressourcenentwicklung. Es ist erstens festzuhalten, dass die religiösen Verbände insgesamt deutlich ressourcenstärkere Organisationen entwickelt haben, als die nicht-religiösen Verbände. Unterstrichen wird dies zweitens durch die Beobachtung, dass jene nicht-religiös ausgerichteten Verbände Eingewanderter, die als ressourcenreiche Organisationen gelten können, dies weitgehend durch eine Strategie der Ressourcenbildung durch Projektarbeit bewerkstelligt haben. Projektarbeit heißt dabei, dass diese öffentlich geförderte Projekte durchführen. Man kann hier von Quasi-Patronage sprechen. Die Abhängigkeit ressourcenreicher nicht-religiöser Verbände von öffentlichen Mitteln verdeutlicht wiederum, dass die islamischen Verbände tragfähige Modelle zur endogenen Ressourcenbildung gefunden haben.

Die Darstellung der Unterschiede des Stands der Ressourcenentwicklung kann hier nicht in großer Tiefenschärfe erfolgen. Eine Darstellung im Umriss mag genügen, um Dimensionen erkenntlich zu machen. Jenseits der Auseinandersetzungen um die Frage, welcher islamische Verband wie viele Mitglieder repräsentiert, ist erstens festzustellen, dass die islamischen Verbände flächendeckende Organisationen entwickelt haben. Mit dem Eigentum an Räumlichkeiten vor allem für Moscheen verfügen sie zweitens über ein erhebliches Immobilienvermögen. Drittens haben sie eine Verbandsbürokratie, die hauptamtlich Verbandsarbeit leistet. Dem VIKZ gehören deutschlandweit 300 Vereine an. Der VIKZ gibt in der Selbstdarstellung an, 160 Einrichtungen stünden im Eigentum des Verbandes. Der Immobilienbesitz des VIKZ beläuft sich Medienberichten von 2005 zufolge auf über 100 Millionen Euro (Senyurt/Stoll 2005). In den Gemeinden des VIKZ seien „größtenteils hauptamtliche islamische Gelehrte“ angestellt (VIKZ 2007).

In der IGMG sind nach eigenen Angaben in Deutschland 323 Moscheevereine organisiert. Der IGMG gehören neben Moscheevereinen auch Frauen-, Jugend-, StudentInnen- und Sportvereine an; die IGMG gibt in der Selbstdarstellung eine Gesamtzahl von 1833 lokalen Einrichtungen an. Die „Europäische Moscheebau und -unterstützungs Gemeinschaft“ (EMUG), welche die Immobilien der IGMG-Zentrale und der lokalen Milli-Görüş-Gemeinden verwaltet, verfügt nach Schätzungen über einen Immobilienbesitz von 50 Millionen Euro. Als ressourcenreich kann schließlich vor allem auch die DITIB gelten: Der DITIB gehören nach eigenen Angaben 896 Mitgliedsvereine an (Stand: Nov. 2010). Die DITIB-Projekte zum Bau repräsentativer Moscheen zeugen von erheblichen mobilisierbaren Ressourcen, bei der Zentrale der DITIB in Köln hat sich eine zentrale Verbandsbürokratie herausgebildet.

Der Entwicklungsstand der Verbände ist vor allem deswegen bemerkenswert, weil diese Verbände ihre Organisationen ohne Zugriff auf öffentliche Mittel entwickeln. Dies ist bei IGMG und VIKZ durchgängig der Fall, bei der DITIB erhalten zwar die Vorbeter ihr Gehalt vom türkischen Staat, doch Räumlichkeiten und Vereine werden ansonsten durch private Beiträge und Spenden finanziert. Die Mobilisierung von Ressourcen erfolgt aus der Mitgliederbasis heraus. Einzelspenden spielen bei Moscheebauprojekten eine Rolle, aber insgesamt gibt es jenseits von Spekulationen keine belastbaren Informationen, dass „reiche saudische Scheichs“ hinter der Organisationsentwicklung der islamischen Verbände stecken. Hingegen kann man leicht überschlagen, dass mit moderaten monatlichen Beiträgen, z.B. von hundert Familien in einer Moscheegemeinde, Miete und Unterhaltskosten für die Räumlichkeiten einer Moschee - auch wenn es vielleicht kein repräsentativer, sondern ein in einem Hinterhof gelegener Raum ist - und auch das Gehalt eines Vorbeters durchaus bestritten werden können. Die DITIB erfährt freilich mit der Bezahlung der Imame durch den türkischen Staat eine erhebliche finanzielle Entlastung. Diese Entlastung ermöglicht der DITIB die repräsentativen Moscheebauten in Deutschland. Gerade diese unterstreichen wiederum die Fähigkeit der Mobilisierung der Spendenbereitschaft in den Gemeinden.

Der Vergleich mit nicht-religiös orientierten Verbänden verdeutlicht dies. Hier gibt es eine große Anzahl von Migrantenselbsthilfeorganisationen oder von parteinahen Verbänden, die rein ehrenamtlich organisiert sind und die von der Möglichkeit der Beschäftigung einer professionalisierten Verbandsbürokratie weit entfernt sind. Gerade jene wenigen Verbände, die ressourcenstärkere Organisationen hervorgebracht haben, lassen dies deutlich werden. Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) zeigt dies etwa. Der Vorsitz der TGD wird seit 2005 von Kenan Kolat geführt, der zugleich Vorsitzender des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB) ist. Der TBB konnte in einer Sondersituation des Stadtstaates Berlin einen organisatorischen Grundstock durch eine institutionelle Förderung durch die Stadt Berlin entwickeln, die von der ehemaligen Ausländerbeauftragten Berlins Barbara John eingeführt worden war. Darauf aufbauend hat der TBB eine große Zahl von Projekten akquiriert, etwa zum Kampf gegen Diskriminierung oder Drogenmissbrauch, oder für Jugendliche auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz (Yurdakul 2009). Damit entstand für den TBB und die TGD ein Apparat, der eine Expertise herausbildet, die für die Beratung im politischen Prozess und politische Einflussnahme relevant ist.

Die institutionelle Förderung des TBB kann im Sinne der Begrifflichkeit der verbandsökonomischen Perspektive als Patronage bezeichnet werden, die gewährten öffentlichen Mittel zur Projektdurchführung durch den TBB als Quasi-Patronage. Zu beobachten ist insgesamt, dass ressourcenstarke nicht-religiöse Verbände ihre Ressourcen durch Formen der Patronage bzw. eine Strategie der Ressourcenbildung durch Projektarbeit bilden. Hingegen erfolgt die Ressourcenbildung bei den islamischen Verbänden endogen. Sie sind auf Patronage nicht angewiesen.

Wie ist diese endogene Ressourcenbildung möglich? Werner Schiffauer erläutert in einer Studie zur IGMG: „Es ist eine Frage der Anständigkeit, den Moscheeverein auch finanziell zu unterstützen, dessen Leistungen man in Anspruch nimmt. Schließlich tragen sich die Vereine – anders als Kirchen – selbst“ (Schiffauer 2006: 128). Die verbandsökonomische Perspektive kann durchaus im Sinne dieses Zitats begreifbar machen, dass die endogene Ressourcenbildung den islamischen Verbänden gelingt, weil sie ihren Mitgliedern relevante selektive Anreize anbieten können. Der Mitgliedsbeitrag oder die Spende für die Moscheegemeinde gehört zu den Pflichten religiöser MuslimInnen. Aber man kann auch einen verbandsökonomischen Zusammenhang sehen. Vereins- und Gemeindemitglieder erhalten bei den islamischen Vereinen und Verbänden einen konkreten Gegenwert für ihre Mitgliedsbeiträge und Spenden. Die oft festgestellte „Multifunktionalität“ islamischer Verbände bedeutet, dass diese ihren Mitgliedern nicht nur ein religiöses Angebot machen, sondern ihnen auch als Knotenpunkt sozialer Netzwerke dienen. Im Angebotsprofil einer Moschee gibt es oftmals vielfältige kulturelle Angebote. Zentrale Verbandsbürokratien bieten konkrete Serviceleistungen an, die von der einzelnen lokalen Moschee nur schwer organisiert werden können, etwa Unterstützung bei der Organisation von Pilgerfahrten, Rechtsberatung oder Hilfen bei Bestattungen.

Hier zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen den religiösen und den nicht-religiösen allgemeinpolitischen Verbänden: Die nicht-religiösen Verbände haben große Schwierigkeiten, ihrer Mitgliedschaft selektive Anreize anzubieten. Sie vollziehen ihre Organisationsentwicklung durch die Inanspruchnahme von Patronage. Religiöse Verbände sind hingegen hinsichtlich der Ressourcenbildung in der Lage, mit religiösen und auch mit sozialen und kulturellen Angeboten selektive Anreize anbieten zu können. Die Folge: Religiöse Verbände haben es geschafft, aus sich heraus – „endogen“ – erhebliche organisatorische Ressourcen aufzubauen. Den allgemeinpolitischen Verbänden ist dies nicht erkennbar gelungen, sie bleiben bei der Ressourcenbildung auf externe Finanzierungsquellen angewiesen.

Ein Modell, das auf einer endogenen Ressourcenbildung beruht, steht einem verbandsökonomischen Modell gegenüber, das ohne Formen der Patronage nicht auskommt. Dies hat Folgen für das Organisationsverhalten der Verbände. Insofern diesen, wie bei den islamischen Verbänden, eine endogene Ressourcenbildung gelingt, verfügen sie über eine größere Autonomie gegenüber dem Staat. Das verschafft ihnen Freiräume. Die Mitgliedschaft ist zugleich für die Verbände essentiell: Ihre bisherigen verbandsökonomischen Bedingungen machen es erforderlich, dass die islamischen Verbände bei einer Spannung von Mitgliederinteressen und Möglichkeiten der politischen Einflussnahme zugunsten der Mitgliedschaft entscheiden. Denn schließlich ist die Aussicht auf sprudelnde öffentliche Mittel beispielsweise durch eine Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts nur vage, hingegen die Erfordernis, die finanzielle Unterstützung der Mitgliedschaftsbasis zu mobilisieren, ständig konkret.

Der Zusammenhang, auf den die verbandsökonomische Perspektive verweist, erlaubt also eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der staatliche Strukturierungsversuche zu einer Defragmentierung und Konzentration oder zumindest zu einer Depolarisierung unter den islamischen Verbände führen. Nachdem die islamischen Verbände bislang ein stabiles Modell der selektiven Anreize und der Ressourcenbildung haben, müsste ein mit den Verbänden ausgehandeltes Modell, das eine Neuorientierung des Organisationsverhaltens herbeiführen könnte, aus Sicht der Verbände (d.h. der Verbandseliten) den status quo der Ressourcenbildung erkennbar verbessern.

Zivilgesellschaftliche Autonomie und Akzeptanz des Pluralismus

Abschätzungen möglicher Entwicklungsdynamiken bei den islamischen Verbänden erfordern ein Verständnis ihrer politischen Ökonomie. Ein Verbändefeld nach Wunsch hervorzubringen – dies liegt nicht ausschließlich in der Hand der Aufnahmegesellschaft, jedenfalls nicht in einer liberal-demokratischen politischen Ordnung, die Religionsfreiheit gewährleistet. Die verbandsökonomische Perspektive, die hier hervorgehoben wurde, bedeutet, dass es in einer freiheitlichen Gesellschaft bei Verbänden organisatorische Zusammenhänge gibt, die sich der Verfügungsgewalt des Staates entziehen. Diese gewiss sehr technische Überlegung findet eine normative Flankierung in der Idee einer Zivilgesellschaft als Sphäre relativer Autonomie, die sich dem bedingungslosen Zugriff des Staates entzieht.

Für das eingangs angesprochene Bestreben staatlicher Stellen, seitens der MuslimInnen einen „einheitlichen Ansprechpartner“ zu gewinnen, hat die verbandsökonomische Analyse allerdings Folgen. Das Argument dieses Beitrags begründet Skepsis gegenüber der oft angenommenen Gestaltungsfähigkeit, einen einheitlichen Ansprechpartner bei den MuslimInnen durch staatliches Handeln und auch durch bewusst gestaltete Anreizsysteme hervorrufen zu können. Aus Gründen der Religionsfreiheit verbieten sich Drohungen mit Statusverschlechterungen. Aus der Reflektion verbandsökonomischer Zusammenhänge und einer Besinnung auf die Idee der Zivilgesellschaft folgt vielmehr, dass Politik selbstkritisch ihre Möglichkeiten der Formung des Verbändefeldes nicht überschätzen sollte. Es ist bei den islamischen Verbänden von einem fortbestehenden Pluralismus auszugehen. Der Koordinationsrat  der Muslime ist eine wichtige Plattform zur Koordination der islamischen Verbände untereinander, aber es ist unwahrscheinlich, dass dieser die bestehenden Verbände vollständig überwölben wird.

Die Pluralität des Islam in Deutschland ist nicht allein aus religiösen und kulturellen Gründen schwer überwindbar. Unter einem verbandsökonomischen Gesichtspunkt betrachtet gibt es mehrere Organisationen mit jeweils tragfähigen Geschäftsmodellen. Die Annahme, ein einheitlicher Ansprechpartner würde entstehen, wenn man nur hartnäckig genug insistiert, heroisiert und überschätzt bei dieser Ausgangslage staatliche Gestaltungsfähigkeit. Die Islampolitik in Deutschland sollte sich auf fortbestehenden Pluralismus einstellen – auch wenn dies eine Abkehr von der Tradition des Wunsches nach einem „einheitlichen Ansprechpartner“ bedeutet. Tatsächliche wechselseitige Anpassung ist erforderlich, die verbandsökonomische Analyse islamischer Verbände und die Beachtung ihrer politischen Ökonomie verdeutlicht dies.

 

Literatur

  • Blätte, Andreas, im Erscheinen: Zugang, Normen und Tausch. Einwandererverbände und politische Planungs- und Entscheidungsprozesse. Wiesbaden.

  • Olson, Mancur, 1965: The Logic of Collective Action. Public Goods and the Theory of Groups, Cambridge.

  • Pries, Ludger/Sezgin, Zeynep (Hg.), 2010: Jenseits von Identität oder Integration. Grenzen überspannende Migrantenorganisationen. Wiesbaden.

  • Schiffauer, Werner, 2006: Verwaltete Sicherheit - Präventionspolitik und Integration, in: Bommes, Michael/ Schiffauer, Werner (Hg.): Migrationsreport 2006. Fakten - Analysen – Perspektiven, Frankfurt am Main, 113–160.

  • Senyurt, Ahmet/Stoll, Ulrich, 2005: Nachwuchs für die Parallelgesellschaft. Geheime Koranschulen eines finanzstarken Moschee-Vereins. Beitrag für Frontal 21 vom 12.07.2005 (ZDF).

  • Seufert, Günter, 2004: Staat und Islam in der Türkei. Stiftung Wissenschaft und Politik,  Berlin.

  • Sezer, Ahmet/Thränhardt, Dietrich (1983): Türkische Organisationen in der Bundesrepublik, in: Meier-Braun, Karl-Heinz/Pazarkaya, Yüksel (Hg.): Die Türken. Berichte und Informationen zum besseren Verständnis der Türken in Deutschland, Frankfurt a.M., 119–168.

  • Verband der Islamischen Kulturzentren (2007): Selbstdarstellung des Verbandes der Islamischen Kulturzentren und dessen Gemeinden.

  • Walker, Jack L., 1991: Mobilizing Interest Groups in America. Patrons, Professions, and Social Movements, Ann Arbor.

  • Yurdakul, Gökçe, 2009: From Guest Workers into Muslims. The Transformation of Turkish Immigrant Associations in Germany,Newcastle.

 

 

Andreas Blätte ist Juniorprofessor für Politikwissenschaft der WestLB-Stiftung „Zukunft NRW“ an der Universität Duisburg-Essen.

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