Kunst für Menschenrechte - "Kurdistan, oh Kurdistan!"

Kunst für Menschenrechte - "Kurdistan, oh Kurdistan!"

Wirya Budaghi
Der politische Flüchtling und Künstler Wirya Budaghi in seinem Zimmer in einem bayerischen Asylheim — Bildnachweise

Es riecht nach Fisch. Gebratenem Fisch. Der Geruch zieht sich durch alle Stockwerke des Asylheims, kriecht durch die Zimmertüren, setzt sich in den Matratzen und Bettbezügen der Heimbewohner fest und fliegt durch die offenen Fenster auf den großen Parkplatz, auf dem kein Auto steht. Ein Asylheim in einem entlegenen Ort in Bayern.

Wirya Budaghi gab Schleusern insgesamt fünfzehntausend Dollar, um hier zu landen, im sicheren Europa. Wohin die Reise ging, sagten sie ihm bis zuletzt nicht. Auf fünfundfünfzig Kilo abgemagert sitzt der kurdische Künstler aus dem Iran auf seinem drahtigen Bett, daneben eine Plastiktüte mit der Aufschrift „Patienteneigentum“ und Antibiotikaschachteln darin.

Die letzten zehn Tage lag Wirya wegen einer Erkältung im Krankenhaus nebenan. Das Asylheim, in dem seit 2012 etwa 150 Menschen leben, ist das ehemalige Schwestern- und Pflegeheim. Weil der medizinische Sektor auf dem Land wegrationalisiert wurde und auch die Zivildienstleistenden seit 2011 wegfielen, schrumpfte das Pflegepersonal. Irgendwann stand das Heim einfach leer. Leer für Asylsuchende wie Wirya.


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net

Kurdistan verließ er in doppelter Hinsicht

„Ich bin nicht okay“, sagt er immer wieder. Viel mehr Worte kann der 32-jährige nicht auf Englisch. Seit er hier ist, stimme etwas mit seinem Kopf nicht. Er fasst sich an die Stirn und verzieht symbolisch das Gesicht. Dabei meint er nicht nur die Migräne und die Panikattacken, die ihm seine Ärzte bescheinigten. Obwohl er nicht mehr wie im Iran um sein Leben fürchten muss, fürchtet er das seiner Frau. Sie heißt Kurdistan Zrar. Eine politisch motivierte Flucht sei zu gefährlich gewesen, sagt er, deswegen ging er alleine. Er verließ Kurdistan – in doppelter Hinsicht.


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net

Rückblickend bereut er die Entscheidung. Jeden Tag chattet er mit ihr, ein Telefonat oder gar ein Videogespräch ertragen sie nicht. Vier Monate nach seiner Ankunft in Deutschland ist der Optimismus, dass alles gut werden würde, abgeklungen. Sie machen einander nicht mehr vor, dass sie ihren Alltag im Griff hätten.


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net


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Wirya fährt über seine unrasierten Wangen und zeigt auf seinen Körper, als müsste er beweisen, dass er keinen Appetit mehr hat und sich oft selbst vergisst. Obwohl die Temperaturen um den Gefrierpunkt pendeln, trägt er keine Socken, sondern nur Kunststoffsandalen. Das Fenster ist gekippt.

Kunst wie Wasser

An der Tür klopft es. Ein Mädchen mit Zahnlücke und bunten Perlen im Haar bringt ihm einen Teller mit dampfender Bohnensuppe. Weil Wirya noch krank ist, kochen die anderen Heimbewohner für ihn. Verlegen rührt er in seinem Brei und pustet, um ihn abzukühlen. „Die anderen sind sehr nett zu mir“, erzählt er. „Aber das können sie nicht für immer machen, und ich kann nicht kochen.“ Mit seiner Frau hatte er gerne gekocht, aber alleine bringe er nichts Genießbares zustande. Nicht nur deswegen hofft er, dass sie bald nachkommen kann. In der Heimat könnte ihr jederzeit etwas zustoßen.

Wirya wuchs im kurdischen Teil Irans in einer politisch aktiven und linksliberalen Familie auf. Er war es gewohnt, verfolgt und bedroht zu werden. Er erlebte den Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha 1988 mit über 5.000 Todesopfern mit; außerdem ethnische Repressionen und Hinrichtungen von Gleichgesinnten wie der des kurdischen Lehrers und Menschenrechtsaktivisten Farzad Kamangar. Dennoch hielt Wirya seine politische Meinung als Künstler nie zurück. Am liebsten trat er mit Installationen oder Performances an die Öffentlichkeit. „So wie andere Menschen Wasser brauchen, brauche ich Kunst. Kunst für Menschenrechte.“

Eines der letzten Projekte Wiryas fand in Mauwnan an der Grenze zwischen Iran und Irak statt. Es brachte ihn, wie schon so oft, in das Visier des iranischen Staates. Im September 2011 fuhr er mit seiner Frau, die ihn bei den meisten seiner Projekte unterstützt, und einem Fernsehteam in ein Dorf, das leicht abseits vom Krisenherd liegt. Der Krieg, sagt Wirya, ist dort Alltag, weil die Menschen jederzeit von Bomben getroffen werden können. Während die Erde gelegentlich von Angriffen auf die umliegenden Dörfer bebte, bemalte er mit den Kindern aus dem Dorf nach dem Motto „Art against War“ die Mauerreste. „Do not kill our children“ und „No war“ schrieben sie mit dicken Pinseln darauf, verziert mit Tauben und anderen Friedenssymbolen. Die Eltern waren froh, dass jemand ihre Kinder beschäftigte. Viele Nachbardörfer wurden bereits dem Erdboden gleich gemacht, und Abwechslung von der Angst tue allen Bewohnern gut. Die Kinder leben noch.

Wirya hat eine Schwäche für Schwache. Wie ein Scheinwerfer wollte er mit seiner Kunst auf Missstände deuten, damit alle Welt sie sieht. Immer wieder kamen aber Staatsbeamte aus dem Schatten und setzten ihn unter Druck. Schon lange führten sie über ihn Akte und befragten Personen aus seinem Bekanntenkreis nach seinen Aktivitäten und seinem Aufenthaltsort. Die letzte Befragung dauerte zwei Wochen, ohne dass man währenddessen von der Person hörte, geschweige denn wusste, wo sie war. Was in dieser Zeit geschah, traute sich Wirya nicht zu fragen. Er konnte es sich denken – und floh, um das Schicksal weiteren Leuten zu ersparen. Wirya ist vorsichtig, Namen zu kennen. Aber ihm ist wichtig, dass hier sein richtiger Name steht, auch der seiner Frau. Er stehe zu seiner Arbeit und will nun vom Ausland aus für die Freiheitsrechte seines Volkes kämpfen.

 

Im Asylheim fühlt er sich isoliert und zerstreut

Jetzt, aber könne er nicht denken. Zwar hat er sich von den Fesseln der Zensur befreit, „aber ich bin nicht okay“. Im Asylheim fühlt er sich unfähig zu arbeiten. Zu sehr sorgt er sich um seine Frau. Zu verzweifelt wartet er auf eine Aufenthaltsgenehmigung vom bayerischen Staat. Zu wenig kann er sich mit seinem Arabisch sprechenden Zimmernachbarn austauschen. Zu langsam ist sein mobiles Internet, um sich mit Youtube-Clips abzulenken.

Das Leben in Europa hatte er sich anders vorgestellt. Wirya kramt sein kleines, schwarzes Notizbuch heraus: „Das ist ein bayerischer Mann“, lacht er und zeigt auf ein grimmiges, beleibtes Gesicht. Es ist eine selbst gezeichnete Karikatur. Er blättert um. „Und das ist eine bayerische Frau“. Zu sehen ist eine ebenso grimmige, faltige Frau mit hängenden Backen. Er schüttelt grinsend den Kopf, so wie es Menschen tun, wenn sie von alten Zeiten sprechen.

Er hat viele weitere Skizzen in seinem Buch. Skizzen und kleine, abgerissene Zettel mit Telefonnummern und Adressen. Sorgfältig verstaut er das Buch wieder in einer Notebooktasche, zusammen mit seinem Stift, den er nochmal kurz hochhebt. „Das ist ein Problem“, sagt er. Immer, wenn er sich einen Stift kauft, verschwindet er aus unerfindlichen Gründen. „Das ist ein großes Problem.“


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net

Mit seiner Kunst brachte er Menschen zum Weinen

Dabei zeichnet er nicht mal besonders gerne. „Meine Professoren haben mich immer gezwungen, Gesichter zu zeichnen. Ganz präzise. Aber das ist keine Kunst“, glaubt er. Kunst ist für ihn ein Dialog, ein Experiment, eine Ausdrucksform. Eine Möglichkeit, Menschen außerhalb von Politikerphrasen zu erreichen und zu berühren. Einmal besuchte er mit Kurdistan ein Frauengefängnis im kurdisch-irakischen Erbil. Frauengefängnisse sind, anders als Frauenschutzhäuser, hochbewachte Gelände, in welchen aus verschiedensten Gründen verurteile Frauen ihre Strafen absitzen. Viele Frauen sind jedoch freiwillig hier, weil das Gefängnis der letzte Ort ist, an dem sie nicht um ihr Leben fürchten müssen.

Das Künstlerpaar ließ die verstoßenen Frauen auf einen Zettel ihre Gedanken für die Außenwelt aufschreiben. Die Zettel verteilte das Künstlerpaar dann auf dem Marktplatz an Passant_innen. Das Video der Aktion zeigt die Ergriffenheit der Leute beim Lesen. Schließlich sollten die Passant_innen Antworten schreiben oder malen, und zwar auf ein Zelt, das Schutz symbolisieren soll. Sie schrieben, dass sie mit den Frauen weinen würden und dass sie sich wünschen, dass diese Frauen mit ihnen in der Mitte der Gesellschaft verweilen könnten. Die Botschaften brachte er zurück in das Gefängnis.

Ob die Polizei bei der Aktion Ärger machte? „Nein, die Polizei ist nicht das Problem im Irak. Im Iran schon, aber im Irak sind es die konservativen Bürger, die solche Aktionen boykottieren und einen auf offener Straße angreifen“, erklärt Wirya. Während er die Fotos von seinen Aktionen zeigt, schwelgen seine Augen in Erinnerungen und er lächelt stumm in sich hinein. „Das ist mir sehr, sehr wichtig“, ergänzt er dann, „man kann die Menschen durch nichts weiter öffnen, als durch Kunst.“

Ein Zurück gibt es nicht mehr

Ein halbes Jahr lebt Wirya mittlerweile in Deutschland. Jeden Nachmittag geht er seitdem in die örtliche Bücherei, um Kinderbücher durchzublättern und deutsche Worte zu verinnerlichen. Manchmal leiht er sich DVDs, um die Sprache in seinen Kopf zu bekommen. Seit einer Woche gibt es sogar einen Deutschkurs für die Asylanten, außerdem fand sich eine hilfsbereite Schülerin, die ihm einmal pro Woche kostenlosen Deutschunterricht gibt.

Sein Wunsch ist es, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen, sich mit politischen Künstler_innen in Deutschland zu vernetzen und vielleicht nach München zu ziehen. Dort hat er ein paar Freunde bei Amnesty International und könnte wieder Kunst studieren. Wie in Erbil, wo er zuletzt mit seiner Frau lebte, könnte er sich freien Projekten widmen und unterrichten. Fuß fassen. Vom Niemand zum Jemand werden. Ein Zurück gibt es schließlich für politisch Geächtete wie ihn nicht mehr – vorausgesetzt, der bayerische Staat erteilt ihm den Status eines politischen Asylberechtigten. Eine Abschiebung, sagt er, wäre sein sicherer Tod.

Wirya isst einen letzten Löffel Suppe, dann schiebt er den noch halb vollen Teller zur Seite. „Ich kann das nicht. Das ist nicht so einfach für mich“, sagt er. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass er diese Sätze spricht. Die Sonne geht langsam unter. Wieder wird er einen einsamen Abend verbringen, sich von Sorgen über Kurdistan zerfressen lassen und warten. Auf sie, auf eine Aufenthaltsgenehmigung, auf das Ende des Fischgeruchs, auf eine lebenswerte Zukunft. Vielleicht werden es Tage sein, vielleicht Wochen, vielleicht auch Jahre. Niemand kann es ihm sagen.


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net


Bild: © Kaveh Rostamkhani / www.kaveh-rk.net

 

Kurden im Iran und Irak

Im Iran leben etwa 12 Millionen Kurdinnen und Kurden. Das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung. Sie stellen eine ungewünschte Minderheit dar und wohnen überwiegend in der nördlichen Provinz Kurdistan und angrenzenden Gebieten im Irak und in der Türkei. Bei der Wahrnehmung ihrer religiösen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte werden Kurd_innen seit Jahrzehnten diskriminiert. Die schlimmsten Massaker haben der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein und sein Cousin Ali Hassan al-Madschid, auch bekannt als "Chemie-Ali" zu verantworten: Sie wurden 2006 mehrfach wegen Völkermords an nordirakischen Kurd_innen verurteilt. Insgesamt wurden etwa 180.000 Kurd_innen getötet und 4500 Dörfer zerstört. Insbesondere der Giftgasangriff am 16. März 1988 auf die Stadt Halabdscha ging in die Geschichte ein. Etwa 5.000 Bewohner_innen starben qualvoll, tausende erlitten schwerste Verletzungen, die den späteren Tod oder dauerhafte Schäden verursachten. Mit dem Angriff wollte das irakische Regime die Stadt für ihre Sympathie mit dem Kriegsgegner Iran bestrafen.

 

Vanessa Vu studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität Ethnologie und Völkerrecht. Wirya Budaghi traf sie bei einer Ausstellung für zeitgenössische Kunst und plant mit ihm eine Live Performance für eine Amnesty International Kunstauktion.

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