Multilingualität einer Flüchtlingsfrau - Zwei Welten durch die Sprachbrille

Multilingualität einer Flüchtlingsfrau - Zwei Welten durch die Sprachbrille

Demonstrations-Plakat
Meist ist die Ausgangslage von AusländerInnen oder AsylantInnen ohne Arbeitserlaubnis oder Aufenthaltserlaubnis beschwerlich. Doch es gibt auch gute Beispiele

Als sie ihrem einstigen Land Sri Lanka entkam, konnte sie schon drei Sprachen. Shanthi eignete sich zudem Deutsch und Französisch in Deutschland an. Wie sieht die sprachliche Wirklichkeit dieser Frau aus? Woher schöpft sie Kraft für ihr gesellschaftliches Engagement?

Mit knapp 18 Jahren ist Shanthi über Indien nach Deutschland geflohen. Die Halbwaise hat ihre Mutter und drei Geschwister in Sri Lanka zurückgelassen; sie sind in den letzten 25 Jahren alle nach Kanada ausgewandert. Zunächst ist Shanthi zu Verwandten nach Norddeutschland gekommen und hat einen Antrag auf Asyl gestellt. Der Antrag wurde zwar abgelehnt, doch Unterschlupf konnte sie finden und dann Fuß fassen. „Ich glaube, mein Lebenslauf ist etwas ungewöhnlich für normale Migranten. Ich bin dann auch von den Verwandten weggezogen.“

Glück im Unglück

Als Volljährige eingereist, bestand anfangs die Gefahr für Shanthi, in einem Flüchtlingsheim untergebracht zu werden. Mit Hilfe eines Anwalts ist es nicht so weit gekommen. Stattdessen kam sie zu einer Pflegefamilie. „Ich hatte Glück, dass ich bei denen wohnen konnte.“ Bei der Familie hat sie dann „durch das Sprechen im Haushalt“ Deutsch gelernt und medial vermittelt vom Fernsehen, aber auch aus Prospekten und Stadtteilzeitungen kleinere Texte entschlüsselt und ihren Wortschatz erweitert. Zusätzlich hat sie auf den Rat eines Ausländerbeauftragten Kurse an der Volkshochschule besucht.

Shanthi sagt, sie empfinde ihre Ausgangslage als bedauerlich. „Als Ausländer oder Asylant hat man weder eine Arbeitserlaubnis noch eine richtige Aufenthaltserlaubnis.“ Es sei sehr schwierig, Zugang zur Schule oder zur Ausbildung zu bekommen. Dennoch wurden die spärlich vorhandenen Zeugnisse anerkannt, und sie durfte mit der Schule anfangen. Auch deshalb, weil sich „eine deutsche Frau für mich eingesetzt hat, und überall diskutiert, angerufen hat.“ Shanthi hat zunächst den Realschulabschluss bekommen, für den Besuch auf dem Gymnasium war sie nach Einschätzung der Behörden zu alt. Den Sekundarschulabschluss musste sie über andere Wege schaffen – am Ende hat sie das Abitur mit guten Noten bestanden.

Optimistisch gesinnt betont Shanthi, dass sie immerhin Glück hatte. Glück hatte sie nach der Schule, weil sie trotz allem einen Ausbildungsplatz bekommen hat. Das hat zwar lange gedauert, weil sie den Platz erst dann bekam, als sich keine Einheimischen dafür interessierten. Nur musste sie dafür den Wunsch aufgeben, zu studieren. Bei ihrer ersten Stelle wollte der Arbeitgeber nicht, dass sie sich durch Abendveranstaltungen weiterqualifiziert. Dadurch hätte sie, statt sich zu erholen, „dann abends studiert und die Urlaubstage zum Lernen für die Prüfung genutzt.“

Sie hat einen starken Willen – und Hilfe von außen. „Wenn ich den Weg gegangen wäre, den mir die Gesellschaft vorgegeben hätte, dann wäre ich wahrscheinlich heute irgendwo eine Reinigungsfrau - oder krankgeschrieben, weil ich durch die Arbeit und die Situation psychisch so mitgenommen wäre, dass ich nicht mehr in der Lage wäre, ganz normal zu leben.“ Das ist leider die Situation von etlichen Flüchtlingsfrauen, die entweder aus finanziellen Zwängen weniger qualifizierten Erwerbstätigkeiten nachgehen oder das Gefühl haben, aus der entstehenden Kluft und der empfundenen Ausweglosigkeit heraus, ganz und gar handlungsunfähig zu sein. Shanthi hat sich jedoch berufsbegleitend als Baufachwirtin weiter qualifiziert.

Sprachliche Dreifaltigkeit

Im Norden Sri Lankas wurde Shanthi in eine „gesellschaftlich angesehene Familie mit Bildungshintergrund“ geboren, wie sie sagt. Die Familiensprache war Tamil. Die dienstliche Versetzung ihres verbeamteten Vaters verschlug sie dann aber in den Süden des Landes. Hier verbrachte sie die ersten acht Jahre ihres Lebens, die Menschen um sie herum sprachen Singhalesisch. In ihrer mehrsprachigen Wirklichkeit wuchs sie Anfang der 70er Jahre mit den Sprachen Tamil, Singhalesisch und Englisch auf. Eingeschult wurde Shanthi auf Wunsch des zukunftsbedachten Vaters in einer singhalesischen Schule, dort lernte sie noch Englisch. Die Tür zu einer universitären Bildung sollte ihr nicht verschlossen bleiben. Tamil blieb zunächst bloß die innerfamiliäre Sprache.

Um diese sprachliche Dreifaltigkeit zu verstehen, muss man einen kleinen Blick in die Geschichte werfen. Sri Lanka ist sprachlich geteilt: während die Mehrheitssprache Singhalesisch in weiten Teilen des Landes - außer im Norden und im Osten - gesprochen wird, beherrscht etwa ein Fünftel der Bevölkerung die Minderheitensprache Tamil als Erstsprache und wohnt in erster Linie im Norden und Osten Sri Lankas. Die sprachliche Trennlinie fällt grob mit den zwei großen Glaubensrichtungen zusammen: Buddhismus stimmt mit der Sprache Singhalesisch überein, und Hinduismus ist mit der Sprache Tamil verwoben. Die Anhänger_innen der zwei kleineren Religionen dieses Landes, nämlich die Christ_innen und Muslim_innen, können – ihrer Erstsprache nach – einer der zwei größeren Sprachgemeinschaften zugeordnet werden.

Die politische Auseinandersetzung der zwei Sprachgemeinschaften schlug sich nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht im Jahr 1948 augenfällig in der Sprachpolitik nieder. Mit dem Gesetz „Sinhala Only“ wurde ab 1956 die Mehrheitssprache bevorzugt. Der Hochschulzugang für tamilische Studienaspirant_innen wurde 1971 erschwert. Die Begründung dafür war unter anderem das Entgegenwirken der einstigen Privilegierung der Tamil_innen in dem kolonialen Beamtenapparat

Als Shanthi in der zweiten Klasse war, verstarb ihr Vater. Mit seinem frühen Tod fiel „die Grundlage“ weg, weiterhin im Südwesten des Landes zu wohnen, sagt sie. Mit ihrer Mutter und ihren drei Geschwistern zog Shanthi daher in den Norden zu ihren Großeltern. Zunächst wurde sie in die singhalesische Militärschule geschickt. „Schon in der Heimat war ich tagsüber auf einer fremden Schule mit fremder Kultur, habe aber nachmittags eben in der Nachbarschaft hinduistisch gelebt“, erzählt Shanthi. Nach etwa zwei Jahren wurde sie aber wegen des bürgerkriegsähnlichen Zustands abgemeldet und in eine tamilische Schule geschickt. Erst in der fünften Klasse lernte sie Tamil als Schriftsprache kennen.

Neben ihren besten Freunden, „die ja alle Singhalesen und buddhistisch waren“ und die sie überwiegend im Süden zurücklassen musste, begleitete sie zwar Singhalesisch eine Weile. Aber wegen der verfeindeten Lage und des sprachnationalistisch ausgetragenen Bürgerkriegs geriet die Sprache einige Jahre in Vergessenheit. Die Funken dieser Feindseligkeit konnten jedoch auf sie nicht überspringen, denn wenn Alltag, Erfahrung und Freundeskreis von Kindheit an unentwegt mit mehreren Sprachen und Religionen verflochten sind, dann ist wohl Aufgeschlossenheit die Folge.

Angekommen in Deutschland hatte sie andere Sorgen. Ihre Hoffnung, dass die englische Sprache als Brücke dienen würde und dass die Erfahrung der britischen Kolonialgeschichte Sri Lankas ihr in der Fremde weiter helfen würde, wurden beide gleichermaßen zerschlagen. „Die Leute haben mich angeguckt und sind einfach weggegangen, wenn ich Englisch mit ihnen gesprochen habe“, erzählt sie. „Alt und jung, alle sind sauer geworden. Ich habe mich irgendwann nicht mehr getraut, offen Englisch zu sprechen.“ Das war mit ein Grund, warum sie in der Schule dann Französisch als Fremdsprache lernte.

Schuld der Überlebenden

Shanthi bedauert jedoch, dass sie ihren Verpflichtungen der Familie und den im Krieg Zurückgebliebenen gegenüber nicht nachkommen konnte. Ihre eigene Lage war in den ersten Jahren unsicher und sie hatte zwar eine befristete Aufenthaltserlaubnis, doch keine Arbeitserlaubnis. In ihrem Versuch, Normalität für sich selbst als nicht anerkannter Flüchtling in einer neuen Umgebung zu verschaffen, „wollte ich einfach den regulären Weg gehen“, sagt sie. Also: nicht illegal arbeiten und erstmal zusehen, dass sie selbst über die Runden kommt. Dieses Schuldgefühl und das Gefühl der Hilflosigkeit zehren an ihr. „Weil ich einfach den Spagat nicht geschafft habe, mit der Schule aufzuhören und irgendwo arbeiten zu gehen, um für die Familie oder für Leute aus der Heimat da zu sein.“ 

Zudem konnte sie sich den Wünschen ihrer Familie nicht beugen und sie erfüllen, indem sie einen passenden Mann gefunden und eine Familie gegründet hätte. Trotz ihres beruflichen Werdegangs – zunächst Baufachwirtin, dann Erfahrung in einer Baufirma, danach in einer Bank und letztlich bei der Stadtverwaltung – hat Shanthi ein Gefühl des Versagens, weil sie keine Anerkennung bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern erfahren hat. Statt Stolz zu empfinden auf den Berufsweg Shantis – dass sie unabhängig von jeglicher Hilfe ist und selbständig ihr Leben gestaltet hat – ist die Mutter eher traurig. Shanthi empfindet sich daher als das schwarze Schaf der Familie.

Bringschuld: kompensatorische Funktion

Um diesem Schuldgefühl und dem Gefühl des Versagens entgegenzuwirken, hat Shanthi ihre Erfahrung zur Verfügung gestellt. „Was ich aber gemacht habe, in meinem Leben hier: dass ich aber den Leuten, die ich hier kannte, sprachlich unterstützt habe.“ Sie berät ihre Landsleute bei den zahlreichen Behördengängen und rechtlichen Angelegenheiten. „Und es gab einen Fall, wo ich einen fast todeskranken Menschen begleitet habe, da musste ich kurzfristig eine Urkunde übersetzen.“ Zu dem Zeitpunkt hat sie sich vereidigen lassen, sodass das Dolmetschen, das sie ohnehin machte, auch amtlich anerkannt wurde. Sie ist mehr als 10 Jahre vereidigte Dolmetscherin und begleitet fortwährend Menschen je nach Bedarf.

Mit dem Aufwachsen der zweiten Generation sri-lankisch tamilischer Flüchtlinge sind allmählich mehrere Familien imstande, sprachliche Unterstützung innerhalb der eigenen Familie zu erfahren. Es war Zeit, Shantis Engagement auf andere Migrantengruppen zu erweitern. Da hörte sie von dem Lokalen Integrationsplan, der von jedem Bundesland unterstützt wurde und entschied sich mitzumachen.

Zunächst hatte Shanthi Bedenken, denn sie konnte aufgrund ihres straffen Zeitplans nicht zu jederzeit ehrenamtlich tätig sein. Aber dann erfuhr sie von der Besonderheit: „wir sind ja auch nur ansprechbar für Behörden, keine Privatleute.“ Über die Volkshochschule, die nicht nur die Ausbildung zur Integrationslotsin durchführt, sondern auch als Koordinationsstelle fungiert, hat sie Zugang zu verschiedenen Menschen aus etlichen Ländern. Darüber hinaus ist sie aktiv beteiligt an einem umweltpolitischen Verein, „bei dem Energieberatung, Energiesparen und Nachhaltigkeit besonders an Migranten orientiert angeboten wird.“ Viel Zeit hat sie nicht für ihre ehrenamtliche Aufgabe, aber die nimmt sich Shanthi trotz Vollzeitbeschäftigung, so oft sie kann. 

Nicht unbedingt auf die Wörter fixiert“

Shanthis Biographie zeugt von der Überkreuzung der persönlichen, institutionellen und der gesellschaftlichen Ebenen. Sie zeigt, wie in mancher Hinsicht Sprachnationalismus Menschen zur Flucht zwingen kann - und zugleich Sprachkenntnisse und Aufgeschlossenheit anderer gegenüber als Brücke und Linderung fungieren können.

„Ich fand es immer schön, wenn eine Gruppe von Menschen zusammensaß, Deutsche und Menschen aus anderen Ländern; und alle unterhielten sich“, erzählt Shanthi. Wenn man „nicht unbedingt auf die Wörter fixiert“ war, dann hat man „komplett und genau verstanden, was der Mensch sagen will“ meint sie. „Das war dieses sprachliche Denken, Mitdenken und Zuhören.“

 

 

Radhika Natarajan ist Doktorandin und Lehrbeauftragte am Deutschen Seminar an der Leibniz Universität Hannover. Sie promoviert interdisziplinär zur Schnittstelle Sprache, Fluchtmigration und Gender.

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