Wenn ich jetzt bleibe, dann weiß jeder, ich habe keine Angst.

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Interview mit Adebowale Ogungbure

 Was ist ihnen kurz bevor sie den sogenannten „Hitlergruß“ gemacht haben, durch den Kopf gegangen? Was hat sie motiviert, auf diese Weise zu reagieren?

Ogungbure: Als der erste Zuschauer mich angegriffen hat, wollte ich zuerst zurückschlagen. Aber dann habe ich gedacht, wenn ich zurückschlage, dann ist das Körperverletzung. Dann bin ich einfach nur weiter gelaufen. Auf einmal habe ich einen totalen Blackout gehabt. Ich weiß nicht, wie ich auf das gekommen bin. Ich habe das nicht geplant, sondern einfach spontan so reagiert.

  Haben sie den „Hitlergruß“ gemacht, weil sie wussten, dass die Fans sich davon provoziert fühlen würden?

Ogungbure: Ich habe das gemacht, weil ich die ganze Zeit als „Nigger“ und „Bimbo“ beschimpft wurde und geprügelt wurde. Als ich in die Kabine gegangen bin ist ein Mitspieler zu mir gekommen und hat gesagt, Ade, du darfst so etwas nicht machen, dagegen gibt es ein Gesetz. Aber wenn es dafür ein Gesetz gibt, muss es doch auch ein Gesetz gegen diese Leute geben, die mich provoziert und beleidigt haben.

  Es gab nach diesem Vorfall weitere Ausschreitungen. Nach ihrer Gegenreaktion stürmten einige Zuschauer den Rasen und sie wurden angegriffen. Hatten sie in diesem Moment Angst, dass nun etwas schlimmeres passieren würde?

Ogungbure: Ich habe keine Angst, mich zu schlagen. Die können mich nicht stoppen. Ich habe versucht zu kämpfen, aber sie waren in der Überzahl. Ich habe schon immer gesagt, wenn ein Neonazi mich angreift, könnte ich schnell ein paar Leute finden, die mir helfen würden. Aber ich will keine Probleme, es gibt schon genügend Probleme in der Welt. Ich bin kein Anhänger der Black Panther oder sowas. Ich bin ein Profi-Fußballer und ich weiß, was gut und was schlecht ist. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass ich mich wie ein Profi-Fußballer verhalten muss. Ich finde, diese Leute haben keine Ahnung, wovon sie reden. Solche Beleidigungen sind gegen meine Würde als Mensch.

  Wie hat sich ihr Verein Sachsen Leipzig verhalten?

Ogungbure: Bevor ich nach Leipzig gegangen bin, habe ich gewusst, dass der Verein  gegen Rassismus ist. Ich habe das Plakat „Leipzig gegen Rassismus“ gesehen. Aber vorher war die Erwartungshaltung nicht so hoch. Jetzt bin ich dabei und wir arbeiten auf jeden Fall zusammen.

  Gab es andere Spieler, die mit ihnen solidarisch waren?

Ogungbure:  Im Prinzip schon. Aber alle sagen, dass sei nur eine Provokation gewesen. Aber wir sind zweiundzwanzig Spieler auf dem Platz und ich bin der einzige der provoziert wurde. Wenn mich jemand als „Nigger“ bezeichnet, hat das nichts mit Fußball zu tun, sondern ist purer Rassismus. Ich bin ja nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern lebe hier. Man muss etwas verändern, nicht mit den Fäusten, sondern mit Worten. Vorher habe ich nicht vorgehabt, irgendetwas zu unternehmen. Aber nachdem ich angegriffen worden bin, habe ich mich dazu entschlossen, etwas zu tun. Jetzt bin ich die Stimme für die Leute, die Angst haben, etwas zu sagen.

  Gab es auch Reaktionen aus Nigeria zu diesem Vorfall?

Ogungbure: Ich habe viele E-mails und ein paar Anfragen für Interviews bekommen. BBC oder Skynews haben z.B. darüber berichtet. Es war ein großes Thema in Nigeria, weil ich dort als Nationalspieler bekannt bin.  

  Was für ein Bild haben die Leute in Nigeria im allgemeinen von Deutschland?

Ogungbure: Ich werde oft gefragt, warum ich in Deutschland bleibe. In Nigeria gibt es eine ganz andere Mentalität. Viele Leute kennen nur das, was sie in den Geschichtsbüchern gelesen haben. Deshalb denken viele in Deutschland ist es gefährlich. Aber nicht nur die Leute in Nigeria denken so. Ich habe z.B. auch Freunde in Lateinamerika oder Nordamerika, die nicht nach Deutschland kommen wollen, weil sie glauben, dass sie dann getötet werden. Wenn wir reden, fragen sie, Ade, lebst du noch? Ich habe immer versucht, diesen Leuten zu erklären, dass nicht alle Deutschen so sind. Ich habe hier viel gelernt.

  Warum haben sie sich entschieden, nach Deutschland zu gehen?

Ogungbure: Ich hatte auch Angebote aus Südkorea, Frankreich oder von Ajax Amsterdam. Aber ich habe gedacht, wenn ich in Deutschland spielen kann, kann ich in ganz Europa oder in der ganzen Welt spielen. Der deutsche Fußball ist sehr respektiert. Hier kann ich mein Fußballspiel verbessern.

  Was sollten die Verbände oder ein Verein machen, wenn so etwas in einem Spiel passiert?

Ogungbure: Ich habe gehört, die FIFA will bei so etwas mit Punktabzug strafen. Aber ich denke, das ist nur Blabla. Die Leute sehen nicht was passiert. Als ich beschimpft wurde, bin ich zum Schiri gegangen. Der hat zu mir gesagt, ich soll die Klappe halten. Ich habe versucht, mit den anderen aus der Mannschaft etwas zu machen, aber niemand wollte etwas machen. In einem anderen Spiel bin ich mit dem Ball vom Platz gelaufen und habe gesagt, ich gebe ihn erst wieder her wenn das aufhört. Der FIFA-Präsident Blatter sagt, er kann die Fans nicht stoppen. So ein Wort zu sagen, ist ein großer Fehler. Als FIFA-Präsident darf er so etwas nicht sagen. Es kann nicht sein, dass so etwas in einem demokratischen Land, in Europa passiert. Wenn ich jetzt ruhig bleibe, dann passiert einfach nichts.

  Wie gehen sie mit dem Umstand um, auf der einen Seite auf dem Spielfeld beschimpft zu werden und auf der anderen Seite hier zu leben?

Ogungbure: Als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich ganz alleine und musste Verantwortung für mich übernehmen. Ich habe viele Erfahrungen in Afrika gehabt. Es ist sehr schwer, dort zu leben. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass man niemanden braucht, um glücklich zu sein. Man muss nur selbst wissen, wenn man runterfällt, wie man wieder hochkommt.

 Gab es Reaktionen seitens der Stadt Leipzig?

Ogungbure: Nein, niemals. Alles was ich gehört habe ist, ich soll mich wie ein Profi-Fußballer verhalten. Aber sie sehen nur die eine Seite der Medaille. Alle reden nur von dem, was ich gemacht habe. Sie sagen, ein Profi muss tolerant sein. Warum können sie dann nicht tolerant sein. Ok, ich kann verstehen, dass sie keine Farbigen Menschen mögen. Aber dann müssen sie auch verstehen, dass ich keine Neonazi-Deutschen mag.

 Von wem haben sie denn die meiste Unterstützung bekommen?

Ogungbure: Von den Fans. Der ganze Verein hat sich hinter mich gestellt. Sie haben das Plakat „Wir sind Ade“ gemacht und sich schwarz angemalt.

Egal wo ich hingehe wenn die Gegner „Neger“ rufen, hört man von der anderen Seite „Ade, komm mach weiter!“. Deshalb habe ich noch einmal für ein Jahr unterschrieben. 

  Was ist die Idee des Projekts „Wir sind Ade“ und wie sind die Reaktionen darauf?

Ogungbure: Die Leute sind begeistert. Ich habe das Projekt im Internet gesehen. Als das passiert ist, habe ich gedacht, die Leute wollen mich hier nicht haben. Jetzt denke ich, ok, es gibt auch Leute, die mich akzeptieren, wie ich bin. Jetzt versuche ich, selbst eine Website zu machen, auf der ich viele afro-deutsche Projekte vorstellen möchte.

  Gibt es unter den Schwarzen Spielern eine Art „Black Consciousness“? Haben sie von der Seite Zuspruch oder Unterstützung bekommen?

Ogungbure: Eigentlich nicht. Aber ich versuche gerade ein paar Leute für eine Kampagne zusammenzubringen. Ich habe ein paar Spieler angerufen, Gerald Asamoah, Patrick Owomoyela z.B., mit denen ich zusammenarbeiten will. Ich denke, wenn wir jetzt nicht etwas machen, dann passiert das auch anderen Spielern, z.B. türkischen Spielern.

 Sie planen neben dieser antirassistischen Kampagne mit den Spielern noch ein antirassistisches Festival.

Ogungbure: Ich plane gerade ein Afrika-Festival in Leipzig und versuche Prominenz, Samuel Eto´o vom FC Barcelona, dafür zu gewinnen. Das Festival dauert zwei bis drei Tage, und es kommen afrikanische und afro-deutsche Musiker. Es gibt jeden Tag verschiedene Themen. Wir wollen z.B. über Asyl diskutieren oder wie man in Afrika etwas besser machen kann oder über No-Go-Areas. Wir möchten den Leuten zeigen, dass wir die deutsche Kultur respektieren. Aber dass wir auch unsere eigene Kultur haben. Unser Motto ist, dass alle Menschen gleich sind.

  Was wird im nächsten Spiel in Halle passieren? Was sind ihre Erwartungen?

Ogungbure: Es muss für solche Fälle bessere Regel geben. Ich hoffe, dass der DFB etwas machen wird. Es muss doch ein Gesetz dagegen geben, wenn jemand einen Ausländer beschimpft. Solche Leute müssen eine Strafe zahlen und dürfen erst gar nicht ins Stadion reinkommen.

  Haben sie wegen diesem Fall darüber nachgedacht, nicht mehr in Deutschland zu spielen?

Ogungbure: Ich würde nur für meine Karriere aus Deutschland weggehen. Ich habe schon Angebote aus England gehabt. Ich will noch warten bis nächstes Jahr, bis ich meinen EU-Pass bekomme. Aber ich kann nicht einfach weggehen, weil ich beschimpft wurde. Wenn ich weggehe, bin ich der Arsch. Für manche Leute bin ich ein Vorbild. Wenn ich jetzt bleibe, dann weiß jeder, ich habe keine Angst.

Das Interview führten Asli-Juliya Weheliye und Andreas Merx am 6. Juni 2006

Der nigerianische Fußballspieler Adebowale Ogungbure (re) wurde mehrfach Opfer rassistischer Anfeindungen auf dem Spielfeld, auf die er z.T. provokativ reagierte. Daraufhin gründete sich die Initiative "Wir sind Ade! Aktion gegen Rassismus".

   

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