Eigentlich stellte ich mir alles einfacher vor

Eigentlich stellte ich mir alles einfacher vor

Community: Miteinander wachsen und Gefahren trotzen. Urheber: Kien Nghi Ha. All rights reserved.

von Trang Thu Tran

 

Das Schreiben dieses Textes stellte ich mir einfacher vor. Ich hatte mir überlegt, Interviews mit etwa gleichaltrigen Menschen aus der vietnamesischen Community zu führen. Ich wollte in Erfahrung bringen, wo sie Reibungspunkte sahen, ob sie in ihrem Leben in Deutschland Konflikte ausmachen konnten, die unmittelbar mit ihrer komplexen Geschichte zu tun haben. Ich erhoffte mir, zumindest leise Töne der Unzufriedenheit herausfiltern zu können. Dieselbe Unzufriedenheit, die ich verspüre, wenn ich zu „politisch unkorrekten“ Witzen schweige, weil ich keine Lust habe, erneut Spielverderberin zu sein. Die Wut, die mich packt, wenn ich an die Schikanen denke, die meine Eltern bei jedem Behördengang über sich ergehen lassen mussten. Die Fassungslosigkeit, wenn ich von menschengemachten Desastern wie Rostock-Lichtenhagen höre, welche bereits zwanzig Jahre zurückliegen und nie von meinem Umfeld erwähnt wurden. Von alledem bekam ich nichts zu hören.

Als Anlass bot sich mir im September eine Tagung, bei der die „Zweite Generation“ Gelegenheit finden sollte, sich mittels Workshops und Vorträgen auszutauschen. Etwa sechzig junge Menschen, größtenteils mit Boat-People-Vergangenheit, trafen aufeinander und hatten die Veranstaltung mitorganisiert. Für mich eine vollkommen neue Situation.

„Eigentlich habe ich gar keine Probleme. Ich fühle mich nicht wie ein Ausländer.“ Dies war die allgemeine Reaktion auf meine Fragen. Sie erschien mir wie eine Verleumdung unserer Lebensrealität. Ich versuchte, diese Phrasen auseinander zu nehmen und kam nicht umhin, mich selbst immer und immer wieder zu hinterfragen. Vielleicht war ich diejenige, die ständig irgendwelche Probleme vor sich hin konstruierte. Alle anderen schienen sich in der Bundesrepublik pudelwohl zu fühlen. Wir seien die beliebteste Einwanderer_innengruppe Deutschlands, wurde mir gesagt. Nicht so wie türkische oder arabische Menschen, die würden den ganzen Stress verursachen. Vietnamesische Jugendliche hingegen hätten die besten Schulnoten, eine hohe Studierendenquote. Machte uns dies etwa zu Nicht-Ausländer_innen? Ich verstand nicht. Ich stempelte derartige Aussagen als oberflächlich und verklärend ab, reagierte genervt, wenn die Gegenfrage aufkam, ob ich denn jemals Diskriminierungen erlebt hätte und ob ich dies anhand konkreter Beispiele belegen könne. Ich hatte nicht vorausgesehen, wie problematisch meine Situation sein könnte. Plötzlich befand ich mich in einem Rechtfertigungszwang vor Menschen, die ich in diesem Text zu Wort kommen lassen wollte. Aber nun gefiel mir deren Sprache nicht. Sie gefiel mir nicht, weil sie deckungsgleich war mit jener der deutschen Integrationsdebatte. Weil alle irgendwie zufrieden waren mit ihrem Leben in Deutschland und die gestellten Forderungen an Menschen mit Migrationshintergrund gut nachvollziehen konnten, schließlich hätten sie jene auch selbst erfüllen können.

Ich brauchte dringend eine andere Strategie. Sobald ich bei Themen wie Rassismus, insbesondere struktureller Natur, ansetzte, wurde abgewunken. Bitte nicht so politisch sein. Es war zunächst nicht leicht nachvollziehbar, wie auf einer Tagungsveranstaltung mit lauter politischen Inputs, welche unser Bezugsland Vietnam betrafen, ausgerechnet das „Politische“ in unserem eigenen Leben ausgeblendet werden sollte. Aber erstaunlicherweise funktionierte es recht gut. Und ich verstand bald auch warum. Wir hatten nämlich etwas, was jene Deutschen, die das Recht des Blutes genießen, nicht besitzen. Wir hatten die Migrant_innenkarte. Die ermöglichte es uns, zwischen guten und schlechten Migrant_innen zu unterscheiden. Letztere haben sich das Gefühl, Ausländer_in zu sein, bestimmt selbst zuschulden kommen lassen. Denn um sich so zu fühlen, muss man sich auch dementsprechend verhalten. Negativschlagzeilen, die vietnamesische Namen enthalten, werden allgemein als peinlich angesehen, verzerren das Bild der Vietnames_innen. Wir wissen schließlich, dass in Deutschland vom negativen Einzelnen negativ auf die Allgemeinheit geschlossen wird. Zumindest, wenn es sich um Nicht-Deutsche handelt. Aber anstatt dagegen laut Einspruch zu erheben, haben wir uns diese Logik selbst angeeignet und üben uns nun meisterlich in der Selbstzensur.

Die andere Seite unserer Zauberkarte erlaubt es uns zudem, unsere Aufmerksamkeit von der deutschen Tagespolitik abzuwenden und stattdessen lieber die Missstände innerhalb unseres eigenen Bezugslandes zu kritisieren. Diese liegen so fern, dass keine unmittelbare Gefahr für uns vorliegt, sollten wir uns doch einmal dazu entscheiden aktiv zu werden. So erkläre ich mir auch die überraschenderweise höchst erfolgreiche Mobilisierung der vietnamesischen Community zu einer Demo bezüglich des chinesisch-vietnamesischen Territorialkonflikts um die Spratly- und Paracel-Inseln, bei dem China vietnamesische Fischer_innen inhaftierte und Rohstoffexplorationen sabotierte. Frauen und Männer meiner Elterngeneration haben gemeinsam mit ihren Kindern Banner und Kopfbändchen gebastelt und riefen ihre Wut in Form von Sprechchören in die Welt hinaus. Sogar mein Vater ging zu solch einer Demo. Auch während der Tagung wurde dieses Thema angesprochen und darüber hinaus noch weitere Umweltprobleme in Vietnam, die von der Regierung nahezu forciert wurden. Überhaupt war die Regierung hier der idealisierte Feind schlechthin.

Von da an verlor ich die Lust am inhaltlichen Programm. Ich begann nach und nach eine gewisse Anti-Haltung einzunehmen. Unter anderem, indem ich gezielt nach Menschen suchte, die von den gebotenen Inputs nicht ganz überzeugt zu sein schienen. Beim legeren Kaffeetrinken bot sich mir die Gelegenheit, Unzufriedenheiten offenzulegen. Es stellte sich heraus, dass viele ebenso wenig wie ich alles Übel in Vietnam als zentrales Thema dieser Veranstaltung diskutieren wollten. Es gab Bedarf, über uns selbst zu reden. Und dabei war das Thema „Eltern“ unvermeidlich. Stetig wurde nachgehakt, wie dieses und jenes von unseren Eltern gehandhabt werde. Gemeinsamkeiten wurden gefunden und ich konnte anhand der sich abzeichnenden Erleichterung in den Gesichtern ablesen, dass viele in solchen Momenten des persönlichen Austauschs wohl Halt gefunden haben. „Ich weiß, dass sie dies tun, weil sie das Beste für mich wollen“, war ein sehr gängiger Satz in unseren Gesprächen. Ich fragte viele, ob sie nicht mal Wut verspürten, weil sie nicht dieselben Freiheiten wie die deutschen Kinder genießen durften. Dies wurde einstimmig bejaht und wir witzelten über das augenscheinlich typische Nicht-woanders-übernachten-Dürfen, welches oft zu innerfamiliären Auseinandersetzungen führte. Die Frage nach nicht-vietnamesischen Beziehungspartner_innen erzeugte ebenfalls reges Interesse. „Was sagen deine Eltern dazu?“ Es war interessant zu sehen, wie wir Nicht-Ausländer_innen uns nicht als Deutsche bezeichnen konnten. Es schien einfach nicht möglich zu sein, wir bedienten uns selbst ständig eines Vokabulars, das in nationalstaatliche Denkmuster eingebettet war, gepaart mit einem Abstammungsdenken, dass sich in Begriffen wie „halbvietnamesisch“ widerspiegelte.

Wir waren bestens über die Klischees innerhalb unserer Community aufgeklärt. Dass ein Großteil naturwissenschaftliche, technische oder wirtschaftslastige Fächer studieren würde, wobei Jura und Medizin den Höhepunkt des familiären Prestiges bedeuten würden. Ironischerweise waren dies tatsächlich die Fächerkombinationen, die auch auf dieser Tagung vertreten waren. Dass Vietnames_innen wohl alle aufs Äußerliche fixiert und sehr konsumorientiert seien, war für einige Grund genug, um kaum bis gar keinen Kontakt mit Vietnames_innen zu unterhalten. Es war spannend und verwirrend zugleich zu sehen, wie wir uns während Unterhaltungen augenscheinlich mit Leichtigkeit von einer Gesprächsebene auf die nächste manövrieren konnten. Mal redeten wir vom „Innen“ der Community, in der recht heterogene Standpunkte vertreten werden. Parallel dazu gingen wir fast unmerklich, dafür aber immer häufiger, auf die Ebene des „Außen“ über, in der es plötzlich die Vietnames_innen doch gab, welche diese und jene Eigenschaften innehätten, von denen wir uns abgrenzen könnten. Im Ganzen wirkte alles sehr diffus, doch während des Redens beherrschte ich alle benötigten Codes. Den anderen ging es wohl ebenso. Die Frage „Fühlst du dich mehr deutsch oder vietnamesisch?“ reflektierte unsere Gespaltenheit. Sie wirkte so inhaltsleer auf uns und doch war sie von ungemeiner Relevanz. Wir sahen uns immer der Erwartung ausgesetzt, diese Frage beantworten zu können.

Nicht-ausländisch-Sein.

Vietnamesisch-Sein.

Kind-Sein.

Erwachsen-Sein.

Dankbar-Sein.

Fordernd-Sein.

Normal-Sein.

Anders-Sein.

Wir verloren uns in konstruierten Dualismen, deren Grenzen wir ständig überschreiten und zugleich immer wieder erneut setzen mussten. Die Frage nach dem Deutsch-Sein verschloss uns den Weg zu so vielen Gedanken und Gefühlen, die wir ohne sie hätten äußern können. Sie beraubte uns einer Sprache, die nötig war, um zu uns zu finden und uns nicht oberflächliche Ideen der deutschen Mehrheitsgesellschaft aneignen zu müssen. Sie machte uns zu schizophrenen Grenzgänger_innen.

Inmitten verschiedenster Lebenswelten versuchen wir Balance zu halten. Dass dies eben nicht immer gelingen kann, liegt wohl auf der Hand. Weniger offensichtlich erscheinen allerdings die Möglichkeiten, die sich uns bieten, sollten wir es endlich schaffen, uns von jenen Fragen loszulösen, die uns tagtäglich in den Mund gelegt werden. Etwa der nach nationaler oder ethnischer Identität. Unser Dasein muss nämlich nicht gerechtfertigt werden. Viel eher können wir es als eine dem deutschen Nationalstaat mittlerweile immanente Opposition begreifen und danach handeln, indem wir Denken in Grenzen als Begrenztes entlarven. Identitätszwang wird von Menschen gesetzt und kann von ihnen auch aufgehoben werden, sofern er erkannt und kritisiert wird. Dies kann nur durch uns selbst erfolgen. Dem vorangehen tut zunächst das Unbehagen. Und davon habe ich reichlich.

 

Dieser Text erschien erstmalig im Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext, Nr. 21, April 2013, S. 14-16. Die Ausgabe „auftauchen – Empowering Asian Germany“ wurde gemeinsam mit dem asiatisch-deutschen Kulturnetzwerk korientation herausgegeben.

 

Trang Thu Tran, 21 Jahre alt, studiert Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin.

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