Spiegel im Spiegel

Spiegel im Spiegel

Vietnamesisches Leben im Berliner Dong Xuan Center. Foto: © Kien Hoang LeVietnamesisches Leben im Berliner Dong Xuan Center. Urheber: © Kien Hoang Le. All rights reserved.

von Hanna Hoa Anh Mai

 

Ich heiße Olivia Pham und bin 22 Jahre alt. Etwas für ein Buch schreiben, in dem es um die vietnamesische Diaspora in Deutschland geht? Ich weiß nicht ... im ersten Moment erinnert mich der Gedanke an die Frage: Was an deiner Erziehung war deutsch, was vietnamesisch, wie kocht ihr zu Hause? Welche „Deutsch-Deutsche“ kann denn beantworten, welcher Teil ihrer Erziehung von welchem Elternteil stammt? Wenn mein Vater, der als Student aus Vietnam nach Deutschland kam, Essen aus dem Chinarestaurant nachkocht, wie ist das dann national zuzuordnen? Besonders wenn man bedenkt, dass das Chinarestaurant von Vietnamesen betrieben wird, die für „deutsche“ Gäste kochen?

Aber andererseits, nachdem es in letzter Zeit so unglaublich schlechte Zeitungsberichte über „uns“ und unsere diktatorischen Eltern gegeben hat, nachdem „vietnamesische Musterschüler_innen“ gegen „Türk_innen“ und „Araber_innen“ ausgespielt wurden, ist es vielleicht an der Zeit, mal selber etwas zu schreiben. Dabei werde ich nie für irgendein „wir“ sprechen können, sondern immer nur für mich.

How to write about a place I’ve never been before? This is not about Vietnam or being Vietnamese. Darüber weiß ich zu wenig und darüber weiß ich sehr viel.

Ich weiß nur wenig über Vietnam und ich bin nicht zweisprachig aufgewachsen, höchstens Hochdeutsch-Schwäbisch. Und doch spiegeln sich in meinen Erfahrungen Bilder einer vietnamesischen Diaspora in Deutschland, hier also ein paar davon:
 

Dialog der Generationen: Kriegskinder-Eltern in Deutschland

Harald ist 51 und war lange mein Gitarrenlehrer. Dieses Gespräch fand in einer Stunde statt, für die ich zu wenig geübt hatte und wir über andere Dinge sprachen:

Harald: „Meine Eltern sind im Krieg aufgewachsen. Essen wird nicht weggeworfen und wir bekamen immer gesagt, wie gut es uns ginge.“

Ich: „Ja, kenne ich von meinen auch.“

Harald: „Meine erzählen auch immer wieder von der Flucht.“

Ich: „Fluchterfahrungen in der Familie prägen irgendwie. Mein Vater bestand darauf, dass ich meinen Reisepass nachmachen lasse, als er abgelaufen war. Ein gültiger Pass kann lebenswichtig sein. Ich konnte das lange nicht nachvollziehen im heute sicheren Deutschland. Inzwischen verstehe ich es besser.“

Harald: „Ansonsten haben sie nicht viel darüber gesprochen und wenn ich nachfragte, erzählten sie kaum etwas. Ich habe daher auch nicht viel gefragt.“

Ich: „Mhm.“
 

Informationssplitter

... also sucht man sich selber Informationen.

Bei meinem jüngerer Bruder liegen die gleichen Bücher im Zimmer, die ich vor drei Jahren gelesen habe. Es sind ungefähr die fünf, die man findet, wenn man in der Stadtbücherei in unserer Kleinstadt „Vietnam“ in den Suchkatalog eingibt, und die nicht nur Reiseführer sind. Irgendwann will man auch was sagen können, wenn man gefragt wird, oder selber mehr wissen.

Neulich beim Googeln gefunden:

„Bis zur Wiedervereinigung von Nord- und Süd-Vietnam im April 1975 lebten nur einige hundert Vietnamesen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Sie stammten überwiegend aus der jeweiligen Oberschicht Süd- bzw. Nordvietnams und waren zum Studium oder zur Ausbildung in einen der beiden Teile Deutschlands gekommen. Die Vietnamesen, die in der DDR studierten, gingen nach Abschluss ihrer Ausbildung zum größten Teil zurück nach Vietnam, während die vietnamesischen Studenten in der BRD als Asylanten anerkannt wurden und sich meist gut in die westdeutsche Gesellschaft integrierten.“ (Quelle: GTZ)

Mein Vater muss also zu dieser Gruppe gehört haben. Aus diesem Abschnitt lese ich Privilegien heraus. Und frage mich: Sind wir integriert? Wir haben nie Ärger gemacht und wir haben uns nur heimlich über unsere schwäbischen Mitbürger lustig gemacht, ja, aber sonst? Wir waren nie Skifahren, aber das lässt sich mit Unsportlichkeit erklären oder dass es halt scheißteuer ist ...

Integriert sein heißt, sich wohl zu fühlen und heißt dazuzugehören.

Die Eltern meiner Klassenkamerad_innen sind Bildungsbürger_innen oder waren mal Hippies oder beides. Auf jeden Fall fühlen sie sich so was von zugehörig zu dieser Gesellschaft, dass sie nie Angst haben müssen, rauszufallen, egal wie bescheuert sie sich verhalten. Das merkt man ihnen an.

Das ist anders, wenn man erstmal reinkommen musste. Diese Angst, aus der Gesellschaft rauszufallen, weil man sich nicht richtig verhält oder arbeitslos wird, die haben ich und meine Geschwister so mitbekommen und die tragen wir mit uns rum. Auch wenn ich mich ziemlich zugehörig fühle, gerade jetzt mit dem Abi in der Tasche, und auch wenn ich keine Angst habe, wenn mein Pass abgelaufen ist, ist dieses Bewusstsein ein Teil von mir.
 

Unstimmigkeiten

„Deine Tante Susan heißt eigentlich nicht Susan. Als sie mit deinen Großeltern nach Kanada kam, hieß es in der Schule: Und du heißt Susan, weil sie ihren richtigen Namen dort zu schwierig auszusprechen fanden“. Als Fünfjährige fand ich das schrecklich ungerecht. Wenn mir einfach irgendjemand einen anderen Namen geben würde? Ich malte mir tausend Arten aus, wie ich dann rebellieren würde.

Beim Kindergeburtstag in der Grundschule wurden wir vom Vater meiner Freundin gefilmt. Mir fällt auf, dass ich das dunkelste Kind auf dem Video bin. Mit zehn ist das keine Tatsache, sondern fühlt sich an wie ein Problem.

Später in der Schule wird es dann konkreter. Wir diskutieren über unsere Haarfarben. Megumi sagt, sie habe dunkelbraune Haare, alle anderen bestehen darauf, sie habe schwarze. Warum fühlt sich braun besser an als schwarz und warum halte ich die Klappe, damit meine Haarfarbe nicht Thema wird?

Meine Mitschülerin meinte mal, wenn sie so aussehen würde wie ich, würde sie sich einen schicken roten Punkt auf die Stirn machen ... Würdest du nicht, glaub mir.
 

Privilegien

Im Kindergarten fielen mir Sprachvariationen auf. „Lauf zu“ hieß zum Beispiel „lauf schneller“, „beeil dich“. Irgendwie schien es nötig zu sein, gängige schwäbische Ausdrucksweisen zu lernen oder sich zumindest einen schwäbischen Tonfall anzueignen, um nicht aufzufallen und manchmal auch, um einfach verstanden zu werden.

Später, nach den ersten Schulpraktika, gaben Klassenkamerad_innen sich alle Mühe, ihr Schwäbisch abzulegen und Hochdeutsch zu sprechen, um bundesweit karrieretauglich zu werden. Hey, auf einmal war Kein-Schwäbisch-Sprechen kein Makel mehr, im Gegenteil. „Ich sehe zwar nicht so aus, aber ich spreche besser Deutsch als ihr“, sagte ich mir. Ja, so ist das, wenn dir ein Privileg vor die Nase gehalten wird, dann greifst du ganz schnell zu und wenn du nicht aufpasst, sagst du dann auch: „Wir sehen zwar beide nicht ›deutsch‹ aus, aber ich spreche wenigstens richtig Deutsch“, und dann wird es fraglich.
 

Sehen und gesehen werden

Bewirb dich bei Germany’s Next Topmodel. Da gab’s noch keine Asiatin. Bewirb dich bei Frauentausch. Hör zu, meine Modelkarriere wurde bereits im Alter von drei Jahren beendet und das kam so: Damals jobbte mein Vater neben dem Studium für eine Designfirma. Die brauchten eines Tages ein „asiatisches“ Kind für ein Spendenplakat für „Brot für die Welt“ oder so was. Der Artdirector sagte zu meinem Vater: „Du hast doch eine Tochter ...“. Meine Eltern konnten das Geld gebrauchen und ich nehm meinem Vater nicht übel, dass er mich am nächsten Tag mitgenommen hat. Als der Artdirector mich gesehen hat, hat er erst rumgedruckst und dann gesagt: „Das geht nicht, die ist zu gut im Futter“. Tja, kein Mensch spendet für dicke Kinder!

Die schönen Frauen in den Soaps sind blond. Als ich kapiere, dass ich nicht blond bin, versuche ich das zu sein, was die BRAVO-Girl brünett nennt. Die Jungs halten mich für das, was ihre Zeitschriften exotisch nennen. Daher gibt es ärgerliche Momente, die meine Weißen Freundinnen nicht nachvollziehen können, auf die sie sogar neidisch sind, was mir nicht weiterhilft.

Sie können auch meine R&B-Leidenschaft nicht teilen. Theoretisch kann ich ihre Kritik an sexistischen Rollenbildern nachvollziehen. Praktisch fahre ich mit Çiğdem zur Black Music Night in die Nachbarstadt, und wir fühlten uns wie die coolen Ladys of Color in den Youtube-Clips.

Guido Westerwelle im Fernsehen. Ich starre die ganze Zeit auf Philipp Rösler, der hinter ihm steht. Mit der FDP hab ich nichts am Hut, mit Gesundheitspolitik auch nicht. Mit Vietnam hat er nichts am Hut. Trotzdem kann ich nicht aufhören zu gucken ... Ich werde gesehen als ..., er wird gesehen als ... Ich sehe ihn als ... Er kann mich nicht sehen, aber naja. In der Zeitung steht, dass die Reisebusse mit Tourist_innen aus Vietnam an seinem Ministerium vorbeifahren. Wenn die Vielfalt der aktuellen Regierung beschrieben wird, ist er das „vietnamesische Waisenkind“. Vielleicht interessiert es ihn, vielleicht auch nicht. Wie auch immer ... indem er sich in der Hinsicht nicht positioniert, wird er wenigstens nicht als Integrationsbambi enden, wie Mesut Özil.
 

Choose your cliché

Wenn ich schon dauernd mit Klischees konfrontiert werde, will ich mir wenigstens selber eines aussuchen. In einem Theaterprojekt hatte ich mal was mit spanischen Liedern zu tun. Wie gesagt, in einer Kleinstadt nimmt man es mit den exotischen Gesichtern nicht so genau, weil die Auswahl nicht so groß ist. Also Spanien – cool, ich hab auch mal Spanisch gelernt. Im Workcamp in Spanien hat mich allerdings niemand für eine Spanierin gehalten und dass ich Deutsche bin, haben sie mir erst geglaubt, nachdem ich sagte, dass ich Vegetarierin sei.
 

She feeds you, she loves you

Meine Oma macht es so, mein Vater macht es so, ich mache es genau so. Liebe zeigen durch Essen zubereiten. Ich mag das Englische „feed“, weil es mich an einen kleinen Vogel im Nest erinnert, der gefüttert wird. Ich kümmere mich um dich, ich gebe dir das Wichtigste, was du brauchst, ohne große Worte. Die einzigen Worte, die ich auf Vietnamesisch kann, haben was mit Essen zu tun.

Wenn es die Sprache oder die Familiengeschichte nicht sind, das Essen ist das einzige an Vietnam, das mir uneingeschränkt zugänglich ist.

Es gibt dieses Buch: „Roman ohne Titel“ von Duong Thu Huong. Es schildert die Perspektive eines Kommandanten im Krieg in Vietnam und endet mit einer Szene, in der ein gefangener Weißer US-amerikanischer Soldat mit einem Blick beschrieben wird, wie er sonst nur auf die „Anderen“ gerichtet wird: Er sieht seltsam aus, unglaublich groß und mit hellen wässrigen Augen ... aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich wollte sagen, dass es auch in diesem Buch, das mitten im Krieg spielt, oft um Essen geht, um die Sehnsucht nach einem guten Essen als Metapher für die Sehnsucht nach einem friedlichen Ort.

Dementsprechend nah geht mir das Thema Essen: Nie (wieder) koche ich für andere Vietnamesisch, oder das, was sie oder ich dafür halten.

Das liegt einerseits daran, dass ich nicht kochen kann. Andererseits, dass ich hoch beleidigt bin, wenn es jemandem nicht schmeckt. Dass Leute Nước Mắm nicht mögen, kann schon mal vorkommen, für mich können dadurch Freundschaften beendet werden. Wenn „Andere“ kochen, muss es immer schmecken, sonst wird Multikulti mal wieder für tot erklärt. Ich finde, Migrant_innen haben ein Recht auf Essen, das Deutschen nicht schmeckt. Kocht selber! Inzwischen ist vietnamesisches Essen hip und das finde ich ziemlich entlastend. Geht ins Restaurant und lasst mich in Ruhe.
 

Studieren

Ich bin jetzt Studentin, nein Studierende. Kulturwissenschaften, Pädagogik, Soziologie, ... was in die Richtung ... und bin noch etwas verwirrt. Ich lerne viel Neues und betrachte dieses Migrations-Thema jetzt mal wissenschaftlich. Manches, das ich schon weiß, wird hier nochmal neu verpackt:

Ich lerne etwas über den westlichen Blick auf die „Anderen“ von einem Weißen Professor. Dass Peter Scholl-Latour ein Rassist ist und in Filmen wie Sieben Jahre in Tibet (Brad Pitt trifft Dalai Lama) oder dem Antikriegsfilm Apocalypse Now Menschen in Asien unglaublich klischeehaft und rassistisch dargestellt werden, das hab ich schon zu Hause gelernt.

Wir lernen auch, dass schon Kindergartenkinder rassistisch sein können. Die beiden, die das Referat halten, präsentieren das als überraschende Erkenntnis. Da ich mich ziemlich gut an meine Kindergartenzeit erinnern kann, finde ich das Ganze nicht wirklich überraschend. Aber gut, irgendjemand hat was gelernt.

In einem Seminar zur Vorbereitung für einen Aufenthalt in einem „Land der Dritten Welt“ lernen wir, dass wir das nur für uns machen, nicht für die Leute da. Als ich nach dem Abi ins Ausland wollte, meinte mein Vater: Was willst du da, du kannst nichts, was da irgendwie nützlich sein könnte. Damit hatte er wohl Recht. Ich war nicht weg und bin in diesem Studiengang gelandet. Irgendwie beneide ich meine Kommiliton_innen aber auch um ihre Selbsterfahrungstrips in der ganzen Welt, da sind so feine Haarrisse im „wir“.
 

Gemeinsamkeiten

Dass Essen wichtig ist, scheint auch in anderen Familien of Color so zu sein, zum Beispiel kann ich mich mit Nasira darüber unterhalten: Ihr Vater brachte riesige Kisten voller Auberginen nach Hause, weil die gerade im Angebot waren und ihre Mutter war nicht sonderlich begeistert, dass sie die kreativ verarbeiten sollte. Und wenn wir zusammen darüber lachen, dann sind wir gleichzeitig auch unglaublich dankbar, denn ohne die Überlebenskünste und die Anstrengungen unserer Eltern würden wir hier nicht zusammen studieren. Wir könnten uns nicht austauschen, die Haarrisse zwischen uns und unseren Kommiliton_innen sehen, Bücher von Theoretiker_innen of Color entdecken und versuchen, uns das Studium so hinzudrehen, dass wir uns darin wiederfinden.
 

PS: Kontaktaufnahmen

Wenn ich mich hier schon öffentlich äußern darf, wende ich mich noch an zwei öffentliche Menschen, die ich nicht persönlich kenne, denen ich aber etwas sagen will:

Mely Kyiak hat in ihrer Kolumne mal gefragt, warum sie keine Leserbriefe von Deutsch-Asiat_innen bekommt, ob es an den Themen läge. Also, ich für meinen Teil finde: Liebe Mely Kyiak, you're cool!

Und dann möchte ich noch Martin Hyun dafür danken, dass er den Satz „Korea im Fernsehen!“ aufgeschrieben hat.

 

Dieser Text erschien erstmalig in Kien Nghi Ha (Hg.): Asiatische Deutsche. Vietnamesische Diaspora and Beyond. Assoziation A: Berlin-Hamburg. 2012. S. 190-196.

 

Hanna Hoa Anh Mai lebt und arbeitet in Berlin. Momentan schreibt sie an ihrer Dissertation, in der sie sich mit dem Wissen von Pädagog_innen of Color über Machtverhältnisse in den eigenen Arbeitsfeldern auseinandersetzt.

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