Kongress: Wie schaffen wir Integration?

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Im Rahmen der Veranstaltung „Baustelle Flucht und Migration" am 24. und 25. Juni 2016 haben wir Podiumsgäste und Teilnehmende gefragt: „Wie schaffen wir Integration?"


Sarah Gaad, Spoken Word Künstlerin

Ich glaube, wir müssen uns zuerst über den Begriff einig werden. Oft wird damit nämlich Anpassung oder Eingliederung in die Gesellschaft gemeint.  Ich glaube aber, dass es um Teilhabe geht. Dass in einer Gesellschaft niemand ausgeschlossen wird und in einer Parallelgesellschaft leben muss oder keinen Zugang zu bestimmten Dingen hat.

 

 

 


Martin Lauterbach, Leiter des Referates Grundsatzangelegenheiten der Integration des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge

Klar ist: Wir brauchen eine breite Koalition von vielen Akteuren, die zusammen helfen müssen! Die offiziellen staatlichen Akteure müssen den politischen Rahmen setzen, wie etwa den Arbeitsmarktzugang für Geflüchtete oder weitere Fördermöglichkeiten. Diese gesetzlichen Änderungen müssen aber auch in der Praxis ankommen. Wir vom Bundesamt sind etwa für die Sprachförderung zuständig und wollen die Menschen schon früh im Asylverfahren mit unseren Kollegen von der Bundesagentur zusammen auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Asyl und Integration müssen auch schon während des laufenden Verfahrens zusammengedacht werden! Aber auch die anderen Akteure, die ehrenamtlich Engagierten, die Wirtschaft und Unternehmen müssen einbezogen werden.
 


Miriam, Ehrenamtlich engagiert in der Flüchtlingshilfe und selbst Flüchtlingstochter

Integration schaffen wir, indem wir sie nicht zum Problem machen!

 

 

 

 

 

 


Ramy al-Asheq, Chefredakteur ABWAB

Ich denke, Integration muss zweiseitig ablaufen. Dazu sind mindestens drei verschiedene Phasen nötig: erstens ist es wichtig, dass sich die beiden Seiten kennenlernen. Die Deutschen sollten die Kultur der Geflüchteten verstehen und umgekehrt. Zweitens ist es wichtig, nicht nur beeinflussen zu wollen, sondern sich auch selbst beeinflussen zu lassen, zu lehren, aber auch zu lernen. Und drittens braucht es Respekt. Und damit meine ich nicht sich gegenseitig zu ignorieren, sondern die Diversität der Menschen zu verteidigen.

 

 

 


Paula Keller, Stipendiatin der Stiftung, Studentin der Philosophie in Cambridge

Möglichst viele Menschen sollten in die Diskussion mit einbezogen werden, auch marginalisierte Gruppen. Ein  runder Tisch müsste geschaffen werden, wo alle beteiligten Parteien zu Wort kommen, es sollte eine Diskussion der breiten Gesellschaft sein!
Die Bezeichnung "Integration" finde ich außerdem nicht ideal, da sie impliziert, dass es diese eine Gesellschaft gibt, diese eine Art und Weise wie man lebt, und alle Menschen sollen da reingedrückt werden.

 

 

 

 


Leonardo Pape, Freiwilliger der Friedensorganisation „Service Civil International“


Die erste Frage dabei ist, wer integriert wen, worein? Ich glaube, für Integration müssen wir alle versuchen, ein Stück weit aufeinander zuzugehen und einander zu verstehen. Im Endeffekt ist jeder Unterschied in einer Gesellschaft nur eine Chance, voneinander zu lernen.

 

 

 

 


Seyran Ateş, Rechtsanwältin und Autorin

Es heißt ja immer: "Fordern und Fördern" und dass Bildung der Schlüssel sei. Nach dem ersten Podium hat sich auch hier gezeigt, dass das tatsächlich der Fall ist: Bildung. Die Frage ist nur: Was für eine Bildung? In Sachen Integration gibt es keine vernünftigen Bildungskonzepte, die auf die interkulturelle, multiethnische Gesellschaft ausgerichtet sind. Als Einwanderungsland brauchen wir ein Konzept!




 

 


Kathrin Göring-Eckart, MdB Bündnis 90/Die Grünen

Wir brauchen genügend Fantasie. Wir brauchen genügend Geld, wir brauchen genügend Personen, die sagen: "Wir sind bereit dazu. Und wir müssen uns klar darüber sein, dass wir eine Gesellschaft sind, die nicht nur eine Einwanderungs- und Migrationsgeschichte hat, sondern die schon in sich total unterschiedlich ist. Und deswegen geht es nicht darum, wie wir Integration schaffen - dass sich also irgendjemand in irgendwas, von dem wir nicht genau wissen was es ist, integriert - sondern es geht darum, was wir gemeinsam schaffen können.

 

 

 


Nadia de Vires, Medizinstudentin und Stipendiatin der Stiftung,


Wichtig ist, dass in einer Gesellschaft jeder und jede gleichberechtigt ist und partizipieren, sich einsetzen aber auch teilhaben kann.

 

 

 

 

 


Yasmine Merei, Journalistin, Linguistin und Menschenrechtsaktivistin

Es sind einige Schritte notwendig, die auf der syrischen aber auch deutschen Seite gemacht werden müssen. Die Deutschen versuchen ihr bestes, die syrische Kultur zu verstehen, aber auch die Syrer müssen offen sein, sich vorstellen, über ihre Kultur und Geschichte reden. Und sie müssen den Menschen klar machen, dass syrische Geflüchtete nicht nur kommen, um zu profitieren, dass sich ihr Land nicht nur durch eine Terrororganisation definiert, sondern dass sie kreative Menschen sind, mit vielen Fähigkeiten und dass sie die deutsche Gemeinschaft stärken können, wenn sie erst einmal richtig angekommen sind.

 

 

 


Alaa Khalil, Moabit Hilft, Geflüchteter aus Damaskus


Als Flüchtling ist es sehr schwer, auf diese Frage zu antworten. Wir müssen auf die Antwort der anderen warten, weil wir nicht entscheiden können. Wünschen würde ich mir allerdings mehr Workshops, um bessere Lösungen zu finden. Außerdem würde ich mir mehr Sprachförderung wünschen, mehr Sprach-Tandems und auch Kurse. Wichtig wär auch, dass in Flüchtlingsheimen mehr auf die Muttersprache der dort lebenden Menschen eingegangen wird, da viele Erklärungen oder Aufforderungen auf Englisch nicht verstehen. Deswegen ist es auch für manche schwierig, Deutsch zu lernen. Außerdem ist wichtig, dass man viel zusammen unternimmt, und dass man den Geflüchteten klar vermittelt, wie wichtig es ist, dass sie sich nicht abschotten.


 


Reka Lörnicz, Agaby Bayern, Projekt „Kommunale Integrationslandschaften“

Integration schaffen wir nur durch Teilhabe, Mitgestaltung und Partizipation!

 

 

 

 


 


Andreas Winter, Fraktionsvorsitzender Grüne Gemeineratsfraktion Stuttgart

Integration schaffen wir, indem wir alle gesellschaftlichen Gruppen, die jetzt mit großem Engagement auf die Aufgabe zugehen, weiterhin davon überzeugen, sie als gemeinsame Aufgabe der mittelfristigen und zukünftigen Zeit zu sehen.

 

 

 

 


Juan Manuel Pons, Student der HTW, Hilfskraft bei „Integration through Education“

Es ist ein komplexer und sehr breiter Prozess, der Teil einer jeden Kultur sein sollte. Allerdings braucht es viel Zeit, mehr als vielen politischen Akteuren lieb ist. Nötig dafür ist auf jeden Fall die Anstrengung der gesamten globalen Gesellschaft.

 

 

 

 


Hameed Khasawnih, Student der HTW, Hilfskraft bei „Integration through Education“

Eine einfache Antwort gibt es auf diese Frage nicht, aber ein paar Ansätze kann ich durchaus nennen: Integration ist ein zweiseitiger Prozess, nicht nur die Geflüchteten müssen sich integrieren, es braucht auch einen inklusiven Prozess von Seiten der Gesellschaft. Wir müssen mehr darüber nachdenken, was die Gemeinschaft des Aufnahmelandes verstehen muss. Integration verändert nicht nur die Geflüchteten, sondern auch die bereits existierenden Gemeinschaften in einem Land. Das muss verstanden und akzeptiert werden. Außerdem müssen wir Integration auf eine menschlichere Art und Weise betrachten und mehr darauf achten, dass die Menschen ein besseres Einfühlungsvermögen entwickeln! Wir müssen die Art und Weise, wie wir die Situation wahrnehmen und welche Sprache wir verwenden, ändern, um ein Gefühl der Gleichheit zwischen uns allen durchzusetzen.

 


Nadine Etzkorn, Studentin Bildungswissenschaften FU Berlin

Ich denke, das wichtigste ist, dass Integration als Gemeinschaftsaufgabe gesehen wird. Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft sollten versuchen, zusammenzuarbeiten um Ansätze zu finden. Ich finde außerdem die Bildungsintegration sehr wichtig. Dabei geht es nicht zwingend darum, sofort auf Sprachkompetenz einzugehen, sondern wirklich zu versuchen, den Geflüchteten einen sozialen Raum zu schaffen um mit anderen in Kontakt zu kommen und sich dadurch ein Stück weit zuhause fühlen zu können.
 

 

 


Diana Henniges, Mitbegründerin „Moabit hilft“

Wir sind eigentlich mittendrin. Der Begriff "Integration" bedeutet ja auch, Menschen ankommen zu lassen, und in einer Situation wie dieser bleibt uns auch nichts anderes übrig, als die Politik der „open Doors“ zu praktizieren und Leute nicht auszuschließen, auszugrenzen, egal ob im kulturellen Bereich oder im Aspekt des Zusammenwohnens. Es gibt ja viel mehr Kommunikationsebenen als etwa die deutsche Sprache, auf denen man mit Geflüchteten zusammentreffen kann. Diese Menschen sollen ja im Endeffekt dann keine Geflüchteten mehr sein, sondern Stadtbewohner oder Teile einer Kommune. Dazu können wir auch Leute ins Boot holen, die hier ankommen und die dann etwa Hilfe zur Selbsthilfe praktizieren.

 

 


Mekonnen Mesghena, Referent Migration&Diversity Heinrich-Böll-Stiftung

Erstens müssen wir Akzeptanz schaffen. Wir sollten Einwanderung als etwas Selbstverständliches nehmen, Migration und Mobilität gehören zur Menschheit dazu. Gleichzeitig wissen wir aber, dass sich Menschen nicht immer aussuchen können, Einzuwandern oder Auszuwandern, sondern dass sie oft dazu gezwungen werden. Die Verantwortung der Aufnahmeländer liegt darin, dass Geflüchtete akzeptiert und Menschenrechte eingehalten werden. Die Menschen kommen zwar, weil sie Schutz brauchen, aber sie haben auch Erwartungen: Sie wollen ein bescheidenes Leben führen und brauchen dafür Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt, ebenso wie Teilhabe am politischen Leben. Die Politik muss dafür die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, umgekehrt müssen Geflüchtete dann auch die Motivation aufbringen, Teil einer Gemeinschaft zu werden, und zu partizipieren.

 


Temye Tesfu, Sprechlyriker


Es gibt kein Patentrezept, aber ein Anfang wäre es, aufzuhören, die Debatte unnötig zu ethnologisieren und zu lernen, unaufgeregt mit den neuen Komponenten im Interessengefüge das wir Gesellschaft nennen, umzugehen.

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