Die Stadt als Lebensraum

Die Stadt als Lebensraum

Bericht

Angelika Drescher ist Projektleiterin für die Areal-Entwicklung "VOLLGUT" auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln. Ziel ist, diese Industriebrache in Neukölln langfristig für soziale, kreative und ökologische Nutzungen zur Verfügung zu stellen, um so einen Ort guter Nachbarschaft und Raum für Begegnung in der vielfältigen Gesellschaft zu schaffen.

Die Stadt ist Lebensraum.

Sowohl den städtischen Wohnraum als auch den öffentlichen Raum nutzen wir, um unsere universellen und individuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Damit das für alle gelten kann, muss eine sozial gerechte Stadtentwicklung dafür sorgen, dass Alle gleichermaßen Zugang zu Wohnraum und zum öffentlichen Raum haben.

Der Druck auf den Wohnungsmarkt führt zunehmend dazu, dass marginalisierte Gruppen Ecken und Nischen im öffentlichen Raum nutzen müssen, um ein Grundbedürfnis befriedigen zu können, in dem Fall nicht weniger als das Grundbedürfnis Wohnen. Jede annähernd heimelige Nische, die im Stadtraum zu lebendiger urbaner Lebensqualität beitragen könnte, muss aus Not als Ersatz für Wohnraum herhalten.

Wie geht die Stadtentwicklung damit um? Aktuelle Praxis ist: sobald andere, privilegierte Bevölkerungsgruppen sich gestört fühlen, werden marginalisierte Bevölkerungsgruppen wie Obdachlose oder Geflüchtete vertrieben – oder es wird versucht, sie an wenigen Orten zu "bündeln". Das kann keine Lösung sein. Weder für bedürftige Menschen, noch für den Stadtraum als solchen, an den wir zu Recht sehr hohe Ansprüche stellen.

Grundversorgung sichern und Bewegungsfreiheit gewährleisten

Stadtraumgestaltung fängt bei der sozialen Grundversorgung an. Erst, wenn wir sicherstellen, dass eine Grundversorgung im Wohn- und Gesundheitsbereich sowie anderen Lebensbereichen allen zur Verfügung steht, kann auch der öffentliche Raum für alle gemeinsam genutzter und geteilter Raum werden.

Des Weiteren liegt die wesentliche Aufgabe bei der Gestaltung des öffentlichen Raums darin, Bewegungsfreiheit für Alle zu gewährleisten. Neben der notwendigerweise durch die öffentliche Hand übergreifend gestalteten Infrastruktur (öffentlicher Nahverkehr, Wegenetz, Straßen, Versorgung, Erschließung) brauchen wir den öffentlichen Raum, um uns frei zu bewegen (große Parks, diverse Nischen im Wohnumfeld).

Alle teilen den öffentlichen Raum miteinander. Je mehr Möglichkeiten der Begegnung, der temporären Aneignung und Identifikation sich bieten, desto wertvoller und sicherer ist der öffentliche Raum für die Bewohner*innen. Die Benutzung darf den Einzelnen nichts kosten, sondern muss durch die Gesamtgesellschaft gemeinsam finanziert werden. Der Aufenthalt muss Allen gleichermaßen möglich sein ohne Eintrittsgelder und Konsumzwang.

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Beispiel VOLLGUT, ehemalige Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln

Stadt gestalten

Das Werksgelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln bietet unter den genannten Aspekten großes Potential, im Rollberg-Kiez öffentlichen Raum zu schaffen, der für Alle nutzbar ist. Die Terra Libra Immobilien GmbH, eine 100%-ige Tochter der gemeinnützigen  Stiftung Edith Maryon, hat das Gelände mit der Intention übernommen, dieses "mit Mehrwert für den Kiez" zu entwickeln. Stadtgestaltung heißt hier zunächst: Durchlässigkeit schaffen, das Gelände allen zugänglich machen.

Auf dem ehemals abgeriegelten Brauereigelände inmitten eines dichten Wohngebiets wurde durch die Eigentümerin und Stadt gemeinsam die "Kindl-Treppe" gebaut. Sie überwindet 8 Meter Höhenunterschied am Rollberg und erlaubt eine nie dagewesene fußläufige Querverbindung im Quartier, die gleichzeitig Flächen freilegt, die bislang als blinder Fleck weiträumig umkreist werden mussten. Diese öffentliche Durchwegung gehört zur Gemeinwohlverpflichtung von Eigentümerschaft an der knappen Ressource Boden. Die öffentliche Hand macht an dieser Stelle ein übergeordnetes Interesse geltend.

Spuren hinterlassen

Der Treppenraum sowie die übermächtig große fensterlose Kachelfassade der ehemaligen Brauereilager, die als Gegenüber für die gründerzeitlichen Wohnhäuser eine Straßenseite flankiert, sind freigegeben für die Gestaltung durch kreative Anwohner*innen.

Jeder kann hier Spuren hinterlassen, die sich selbstverständlich immer wieder überlagern. Die Deutungshoheit liegt bei den Nutzer*innen.

Diese Gelegenheit, sich aktiv an der Gestaltung ihrer direkten Wohnumgebung zu beteiligen, nutzen verschiedenste Menschen und Gruppen mit unglaublich hoher Bereitschaft zum Engagement. Das fördert den sozialen Zusammenhalt, schafft ein wenig Dorfcharakter und hohe Identifikation. Sowohl selbstermächtigte spontane, als auch konzeptionell vorbereitete und untereinander abgesprochene Gestaltungsakte finden hier statt. 

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Beleben statt Abschotten

Der Ort wird über den Tag und die Nacht verteilt sehr vielfältig genutzt: als Kulisse für eigene Inszenierungen, als Treffpunkt, als Abkürzung oder täglicher Schulweg, als Rückzugsraum. Manchmal wird die Kindl-Treppe auch, begünstigt durch den Geländeversprung, ein Ort für aggressive Grenzüberschreitungen durch Personengruppen, die anderswo verdrängt wurden, weil z.B. Brachen wegfallen und Plätze geräumt werden, an denen sie nun nicht mehr sein dürfen oder wollen. Dies kann andere Nutzer*innen und Passant*innen verunsichern.

Doch wichtig ist: dem wird nicht mit Vertreibung und feindseliger Abschottung (gern verwendete Methoden sind Flackerlicht, nervige Soundkulisse, Absperrungen, Dauerkontrollen) entgegengewirkt, sondern mit Präsenz und respektvollen, offenen Angeboten, die versuchen, den vermuteten Geltungsdrang, Langeweile und verschüttete Phantasie in Neugierde und konstruktiven Aktivismus umzulenken, der letzten Endes Anerkennung findet, indem die hinterlassenen Spuren nicht gleich verwischt werden und man sich darin wiedererkennt.

Kinder sind damit gut zu erreichen. Das ist eine aus Sicht der nachhaltigen Stadtentwicklung sehr wesentliche Gruppe der Bevölkerung, die sonst im öffentlichen Raum nur wenig Beachtung findet und noch weniger gar Gelegenheit hat, diesen selbst mitzugestalten.

Jugendliche brauchen fairen, respektvollen Umgang. Wir bemühen uns vor allem um Vermeidung von Urteilen und vorschnellen Feindbildern gegenüber jungen Menschen. Hohe Anziehungskraft haben Orte, deren Funktion und Nutzung zeitweilig außer Kraft (selten angefahrene Bushaltestellen), oder nicht vorbestimmt ist (Brachen, Parks, die Ufer breiter Treppenanlagen). An stärker genutzten offenen Orten soll ein Nebeneinander verschiedenster Nutzer*innen möglich sein, sodass sowohl Jugendliche als auch alle anderen Interessent*innen dort sein können.

Die überall verdrängte Drogenszene erinnert uns an die eingangs erwähnte unabdingbare Voraussetzung für ein gutes Miteinander in der Stadt: sie verweist auf fehlende Grundversorgungsmöglichkeiten für Drogenkonsument*innen, die unbeobachtete Rückzugsräume nutzen müssen, solange es im städtischen Raum nicht ausreichend legale Unterstützungsangebote wie Drogenkonsumräume, Suchthilfe und medizinisch-pflegerische Beratung gibt.

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Mit Offenheit Verantwortung übernehmen

Jetzt, da die Brauerei nicht mehr den Platz beansprucht, gibt es hier neues Terrain zu entdecken, zunächst ein Niemandsland, eine Brache, die noch nicht wieder neu besetzt ist, jedenfalls nicht sichtbar legitim von Einzelnen beansprucht wird. Eher scheinbar wilde Nutzungen finden hier statt, die neugierig machen; drum herum gibt es noch viel ungestalteten Freiraum, der einlädt, selbst einiges auszuprobieren.

Die Freifläche mit darunterliegendem Gärkeller soll zum Übungsfeld werden: Nutzer*innen verwalten selbst den öffentlichen Raum, der Allen zur Verfügung steht. Das muss langsam wachsen können. Zusammen mit den Anwohner*innen wird ein Prozess der Selbstermächtigung in Gang gesetzt. Es gilt: Wir kümmern uns selbst um den Ort und formen und nutzen ihn, wie wir ihn für uns brauchen.

Alle, die ernsthaftes Interesse haben und bereit sind, etwas beizutragen, sollen bei der Gestaltung mitmachen können. Die entstehende Selbstverwaltungsstruktur gibt Grundlage dafür, dass sich Gewohnheiten etablieren können und ein geschützter Raum entsteht. Gleichzeitig besteht der Anspruch an die Allmende, dass der von der Gruppe der Aktiven genutzte und bereitgestellte Raum immer wieder offen ist für Neues und Weiterentwicklung, sofern Bedarf danach entsteht.

Der Kreis der Verantwortlichen und Entscheider*innen darf kein geschlossener sein, denn wir sind nicht im Dorf, sondern mitten in Neukölln. Was Stadt sozialräumlich ausmacht, sind bekanntlich die Begegnungsmöglichkeiten mit dem (vermeintlich) Fremden und Neuen. Lebendige Nutzung und vielfältige Gestaltung von öffentlich zugänglichen Freiflächen fördert und vervielfacht solche Begegnungsmöglichkeiten.

 

Mehr über die Angebote auf dem VOLLGUT-Gelände erfahren Sie hier.

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