Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen - Leseprobe von Tupoka Ogette

Exit Racism: Rassismuskritisch denken lernen - Leseprobe von Tupoka Ogette

Tupoka Ogette. Urheber: Trish P. Schultz. All rights reserved.

„Ich wünsche mir, dass es für meine Kinder und deren Schwarze Freunde und Freundinnen einfacher wird. Aber dazu brauche ich Sie.“ Diversity-Trainerin Tupoka Ogette begleitet Interessierte auf dem Weg in eine rassismuskritische Welt. Wir stellen ihr aktuelles Buch vor.

Das Buch „Exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen“ lädt dazu ein, die Perspektive der Autorin Tupoka Ogette als Schwarze Frau in Deutschland, als Mutter von zwei Schwarzen Söhnen, als Antirassismustrainerin, als Tochter einer weißen Mutter und eines Schwarzen Vaters kennenzulernen. Es begleitet die Leser/innen bei ihrer mitunter ersten Auseinandersetzung mit Rassismus und tut dies ohne erhobenen Zeigefinger. Dabei wird konkretes Wissen über die Geschichte des Rassismus und dessen Wirkungsweisen ebenso vermittelt wie auch Unterstützung in der emotionalen Auseinandersetzung mit dem Thema gewährt. Zu Beginn des Buches erklärt die Autorin, wie das interaktive Konzept funktioniert.

Leseprobe: Tupoka Ogette: Exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen, Unrast-Verlag 2017, Kapitel 2, "Los geht's":

Noch ein Wort, bevor wir starten

Mein Name ist Tupoka Ogette. Ich bin freiberufliche Trainerin, Beraterin und Coach. Ich selbst bezeichne mich als ≫Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung≪. Und, ach ja, ich bin Schwarze Deutsche. 1980 bin ich als Tochter einer weißen deutschen Mathematikstudentin und eines Schwarzen tansanischen Studenten der Agrarwissenschaften in Leipzig geboren. Ich bin quasi das Produkt einer binationalen ›Freundschaft‹ zwischen der damaligen DDR und Tansania. Diese Freundschaft endete damit, dass die Studenten nach Beendigung ihres Studiums umgehend wieder das Land verlassen mussten. Zusammen mit meiner Mutter bin ich 1988 aus der DDR nach Westberlin ›ausgewandert‹. In Berlin Kreuzberg habe ich meine Jugend verbracht, um dann nach dem Abitur wieder nach Leipzig zum Studium zu gehen. Dort habe ich Afrikanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert. Zum Thema Rassismus habe ich 36 Jahre ganz ›praktische Erfahrungen‹ ›gesammelt‹. Ich hatte viele Gelegenheiten, Rassismus am eigenen Leib zu spuren. Dazu kommt eine nun inzwischen fünfzehnjährige theoretische Auseinandersetzung mit diesem Thema. Seit etwa vier Jahren arbeite ich ganz konkret mit Menschen zu den Themen Diskriminierung, Vorurteile, Stereotype, verinnerlichte, bewusste und unbewusste Machtstrukturen in Bezug auf – nicht nur, aber vor allem – Rassismus. Ich arbeite mit großen Gruppen, kleinen Gruppen, berate Einzelpersonen. Ich werde in Schulen, Kitas, Vereine, große und kleine Unternehmen, Behörden und Verwaltungen eingeladen. Ich höre die Geschichten von Lehrerenden, Studierenden, Eltern, Manager*innen, Rettungssanitäter*innen, Polizist*innen, Richter*innen. Männern, Frauen, Erwachsenen und Kindern, Schwarzen, People of Color (PoC)[1] und weißen Menschen.

Warum schreibe ich dieses Buch? Weil ich möchte, dass Sie einen Einblick in meine Arbeit als Antirassismustrainerin bekommen. Weil ich mir wünsche, dass immer mehr Menschen verstehen, wie Rassismus funktioniert und wie tief er in unserer Gesellschaft verankert ist. Und weil ich glaube, dass die meisten Menschen gut sein wollen. Ich glaube daran, dass die meisten Menschen Gerechtigkeit und Fairness als Werte schätzen und nach ihnen leben wollen. Und dass sie anderen Menschen nicht wehtun wollen. Meistens zumindest. Ich weiß aber auch, dass viele Menschen Rassismus jeden Tag reproduzieren. Sowohl bewusst als auch unbewusst. Dass Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland jeden Tag Rassismuserfahrungen machen. In Kitas, in Schulen, in ihren Familien, auf der Arbeit, auf dem Weg zum Supermarkt. Und dass dieser Rassismus oft in Kontexten passiert, in denen sich die Menschen für tolerant, fair und vor allem für ›antirassistisch‹ halten. Oder auch in Räumen, die von (weißen) Menschen als ›rassismusfrei‹ proklamiert werden. Und da liegt das Problem: Rassismus gilt in Deutschland als individueller, bewusster Fehltritt der Anderen. Das heißt, es wird davon ausgegangen, dass Rassismus nur bei Nazis oder anderen ›schlechten‹ Menschen vorkommen kann und dass stets eine entsprechende Absicht vorhanden sein muss. So wird die Illusion geschaffen, dass es tatsachlich rassismusfreie Räume gibt. Es ist schwer, die soziale Brille, mit der auch ich gelernt habe, die Welt zu betrachten, abzunehmen und eine andere Perspektive einzunehmen. Aber es ist nicht unmöglich. Ich unterstütze Menschen auf diesem, mitunter sehr anstrengenden, schmerzhaften und aufwühlenden Weg. Daher erlebe ich auch, wie sehr er sich lohnt – für alle.

Ich hoffe, Sie hier ein Stück mit auf die Reise in eine rassismuskritische Welt mitzunehmen.

Aber, und das will ich Ihnen nicht verhehlen, ich schreibe dieses Buch auch für mich und für die vielen anderen Schwarzen Menschen und People of Color, die täglich unter Alltagsrassismus und institutionellem Rassismus leiden. Denn, ob nun böse gemeint oder nicht: Rassismuserfahrungen sind schmerzhaft. Als Schwarzer Mensch oder Person of Color in einer rassistischen Welt aufzuwachsen, erfordert Kraft und Anstrengung und hat nicht selten traumatisierende Folgen. Ich wünsche mir, dass es für meine Kinder und deren Schwarze Freunde und Freundinnen einfacher wird. Aber dazu brauche ich Sie.

Ich lade Sie mit diesem Buch dazu ein, mich – ähnlich wie in einem meiner Seminare – zu begleiten und dabei andere Perspektiven kennenzulernen: meine Perspektive – als Schwarze Frau in Deutschland, als Mutter von zwei Schwarzen Söhnen, als Antirassismustrainerin, als Tochter einer weißen Mutter und eines Schwarzen Vaters – und die Perspektive von drei ehemaligen weißen Student*innen, die ein Semester lang Logbücher zu ihren Gefühlen und Beobachtungen geschrieben haben, aus denen ich Ihnen – mit deren Einverständnis – Auszüge vorstellen werde.

Es gibt eine traditionsreiche Forschung zum Thema Rassismus. Was es aber auch gibt, ist eine Forschung darüber, was mit Menschen passiert, wenn sie selbst nicht von Rassismus betroffen sind, sich aber damit auseinandersetzen. Diese Forschung ist mindestens so interessant wie die Erkenntnisse über die Wirkungsweisen von Rassismus selbst. Denn sie beschreibt, welche emotionalen Phasen Menschen durchlaufen, wenn sie sich auf den rassismuskritischen Weg begeben. Sie gibt einerseits Aufschluss darüber, wie Rassismus wirkt und welche Strategien sich etabliert haben, um ihn

als Machtsystem aufrechtzuerhalten. Aber sie können auch Ihnen, die Sie sich ja nun auch auf diesen Weg begeben haben, helfen. Denn zu wissen, dass man mit seinen Gefühlen nicht allein ist, ist wirklich viel wert, finde ich. Und vor allem hilft Ihnen das Wissen darum, dass das Gefühl normal ist und Teil eines Prozesses, den so oder zumindest so ähnlich schon viele Menschen vor Ihnen durchlaufen haben oder derzeit mit Ihnen beschreiten.

Ich erlebe diesen Prozess bei jedem meiner Seminare und Workshops.

Immer und immer wieder.

Und ich erlebe auch, wie lohnend und bereichernd dieser Weg ist.

Die Auseinandersetzung mit den bewussten und vor allem unbewussten Wirkmechanismen von Rassismus eröffnen einen neuen Blick auf uns

selbst, auf die Menschen, mit denen wir leben, und auf unsere Welt. Die neu gewonnenen Perspektiven ermöglichen nicht nur neue Wahrnehmungen und echte Begegnungen, sondern geben uns vor allem Handlungsspielraume, unsere Welt aktiv mit- und umzugestalten. Zu einer

gerechteren Welt für uns alle. Der Hauptteil meiner Arbeit – neben der Vermittlung der Inhalte – besteht darin, Menschen möglichst gut durch diesen Prozess zu begleiten.

Ich hoffe, dass Ihnen die Logbucheinträge meiner Student*innen in Ihren verschiedenen Phasen helfen werden.

Einschub

Bevor wir weitermachen, möchte ich Ihnen noch kurz das ›Du‹ anbieten. Wir begeben uns jetzt auf eine mit Sicherheit aufwuhlende, emotionale und spannende Reise, und es ist für mich einfach entspannter und auch netter, wenn wir uns ab jetzt mit ›Du ‹ ansprechen. Ich hoffe, das ist okay.

Disclaimer für Schwarze Menschen und People of Color

Liebe Geschwister,

wie oben beschrieben, schreibe ich dieses Buch mit Fokus auf weiße Leser*innen. Das Ziel ist, sie zu einer rassismuskritischen Perspektive zu ermutigen. Doch natürlich bist auch Du herzlich eingeladen, dieses Buch zu lesen. Wichtig ist mir aber zu sagen, dass es mir durchaus bewusst ist, dass die Auseinandersetzung und Positionierung von Schwarzen Menschen und People of Color im Kontext des Empowerments[2] anders verläuft, andere Räume braucht und sich auch einer anderen – achtsameren – Sprache bedient. Ich möchte Dir daher hiermit eine Triggerwarnung[3] aussprechen. An der einen oder anderen Stelle werden rassistische Szenen, Bilder oder auch rassistische Sprache reproduziert – vor allem im Kapitel 6.3 ≫Die Macht der Sprache – Die Sprache der Macht≪.

Urheber: Unrast-Verlag. All rights reserved.

Warum ein ›Mitmach-Buch‹? & Wie dieses Buch ›funktioniert‹

Die Kapitel dieses Buches sind alle ähnlich strukturiert. Mit Ausnahme des Kapitels ≫Perspektivwechsel≪ sind die Kapitel wie folgt aufgebaut:

Input

Unter ›Input‹ findest Du Informationen, geschichtliche Herleitungen, Erklärungen zu dem jeweiligen Themenabschnitt. Es geht hier vor allem um Informationsvermittlung ganz nach dem Motto: ›Wissen ist Macht‹.

Je mehr faktisches Wissen Du über Rassismus hast, desto gewappneter wirst Du auch im Alltag sein, ihn zu erkennen, mit ihm umzugehen und natürlich bei seiner Dekonstruktion mitzuhelfen.[4] Darüber hinaus werden in diesen Teilen des Buches Fragen aufgeworfen und diskutiert, Bezüge hergestellt, Thesen aufgestellt.

Interaktiver Teil

Ein echter Workshop würde natürlich nicht nur aus reinem Input bestehen. Gerade bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus wird die emotionale Ebene in der Auseinandersetzung oft weggedruckt, ignoriert oder gar als ›subjektiv‹ kritisiert. Doch Rassismus hat gerade auf emotionaler Ebene viel mit uns gemacht. Dafür braucht es Raum.

Die Professorin Grada Kilomba äußerte sich dazu in einem Interview auf die Frage zu den emotionalen Komponenten ihrer Arbeitsweise folgendermaßen: ≫Ein Grund, warum ich das mache, ist, weil ich Emotionalität und Spiritualität in der Wissensproduktion sehr vermisse. Für mich ist das ein sehr wichtiger Teil von ›Decolonizing Knowledge‹[5]. Ich will, dass akademisches Wissen und Diskurs subjektiver und persönlicher wird. Theorie hat mit Biographie zu tun und Biographie mit Theorie. Wissenschaft wird von einer Person produziert, von einer Person geschrieben. Diese Person hat eine Biographie, eine Fragestellung, Emotionen.≪[6]

Die Auseinandersetzung mit Rassismus unter Berücksichtigung der emotionalen Ebene ist in meiner Arbeit neben der reinen Wissensvermittlung auch der wichtigste Teil. Rassismus ist so eng mit unserem Ich und der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen – auch emotional – verbunden, dass ich es für essenziell halte, diese Ebene immer mitzudenken.

Daher wirst Du in diesem Teil Anregungen fur Gesprache mit Menschen in Deinem Umkreis und Tipps für weitere Beobachtungen in Deinem Alltag finden, zu denen ich Dich herzlich einlade. In diesem Sinne ist dieses Buch ein ›Mitmach-Buch‹. Nicht in dem engen Sinne,

dass Du Aufgaben abarbeitest. Aber im Sinne eines neuen Hinschauens, Zuhörens, Ent-Deckens. Ich kann Dir versichern, es macht Spaß und ist hochspannend, einen Perspektivwechsel zu proben und Strukturen neu zu lesen.

Um Deine persönliche Reise auch ruckblickend noch einmal analysieren zu können, ist in diesem Kapitel auch immer Platz für Deine Gedanken und Emotionen. Dies hilft auch in der eigenen Auseinandersetzung und in der Reflexion ungemein.

Logbuch

Wie versprochen, findest Du hier Auszuge aus Logbüchern verschiedener ehemaliger Workshopteilnehmer*innen, die diese dankenswerterweise für dieses Buch freigegeben haben. Zum Schutz der Privatsphäre dieser Personen sind die Eintrage anonymisiert.

Die Idee ist, dass Du anhand der Logbücher die Möglichkeit hast, zu schauen, ob es Dir an der einen oder anderen Stelle vielleicht ähnlich geht. Oder vielleicht denkst Du über ganz andere Fragen nach? In jedem Fall bieten die Logbucheintrage Material für einen selbstreflektierenden Dialog. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass die Teilnehmenden die Thematik nicht eins zu eins in der chronologischen Reihenfolge wie in diesem Buch behandelt haben. Demnach geht es in den Logbüchern nicht immer streng inhaltlich um das jeweils vorangegangene Kapitel, vielmehr wird ein Reflexionsprozess widergespiegelt.

 

Anmerkungen

[1] Sowohl der Begriff People of Color als auch der Begriff Schwarz (in diesem Kontext bewusst großgeschrieben) sind Selbstbezeichnungen und beziehen sich auf die gemachten Rassismuserfahrungen von Menschen. Im Kapitel ≫Die Macht der Sprache≪ werde ich genauer auf den Ursprung und die Bedeutung der Begriffe eingehen.

[2] Empowerment: Selbstbefähigung, Stärkung, Selbststärkung vor allem in dem Prozess, den Schwarze Menschen und People of Color in der Auseinandersetzung mit Rassismus durchleben.

[3] Triggerwarnung: Dies ist ein Warnhinweis, der in diesem Buch Schwarze Menschen und People of Color darauf hinweisen soll, dass im Folgenden Begriffe benutzt werden, die Erinnerung und somit auch negative Gefuhle an schmerzhafte Erfahrungen im Zusammenhang mit diesen Begriffen auslosen können. Im Kontext von Rassismus kann allein das Aussprechen oder Aufschreiben bestimmter rassistischer Worte sehr negative Gefühle auslösen.

[4] dekonstruieren: zerlegen, auflösen.

[5] Decolonizing Knowledge: Dekolonisierung des Wissens. Der Titel einer Performance der Professorin Grade Kilomba.

[6] https://missy-magazine.de/2016/04/22/grada-kilomba-wenn-diskurs-persoenlich wird/ Letzter Zugriff: 7. Juni 2016.


Dieser Text erschien zuerst als Kapitel 2 des Buches "Exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen" beim Unrast-Verlag, 2017.

Am 13.07. wird Tupoka Ogette das Buch gemeinsam mit Stephen Lawson in einer multimedialen und interaktiven Lesung in der Heinrich-Böll-Stiftung erfahrbar machen.

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