Vom Sprechgesang zum Straßenrap

Vom Sprechgesang zum Straßenrap

 

Kontinuitäten und Brüche zwischen Alter und Neuster Schule

Von Hannes Loh

Die Jahre zwischen 1999 und 2002 waren für Rap aus Deutschland eine seltsame Zeit. An allen Ecken und Enden vernahm man ein Stöhnen und Jammern. Man hatte sich nach den großen Erfolgen auf eine sonnige Ära des Deutschrap gefreut, mit dicken Styles, fetten Videos und satten Verkäufen. Aber das Ding rollte nicht mehr so, die Dynamik ging verloren, die rosigen Zeiten waren vorbei. Alle rätselten, woran das liegen könnte. Die einen erinnerten an den Crash des Breakdance-Booms Ende 1984 und machten die Medien verantwortlich, die anderen fühlten sich von den Plattenfirmen verraten, wieder andere machten die rege Downloadpraxis vieler Kids als Grund aus. Smudo von den Fantastischen Vier orakelte auf der Popkomm in Köln 2001, die Kosten für Equipment seien inzwischen so niedrig, dass jeder Newcomer in der Lage sei, Beats zu produzieren. So habe die Anzahl an qualitativ schlechtem Material auf dem Markt drastisch zugenommen und der Hörer wende sich nun enttäuscht ab von der einstmals geliebten Musik.

Dass jene Hörer sich durchaus nicht abwandten, sondern – im Gegenteil – eben jenen dreckigen, billigen Sound liebten und kauften, wussten zu dieser Zeit vor allem Mailorderfirmen, die ein großes Geschäft mit Underground Rap-Tapes aus Berlin machten. Über bis zu 20 000 verkaufte Exemplare konnten sich die Berliner Acts freuen, die mit ihrem harten Battlerap ein bis dato wenig beachtetes Segment bedienten. Diese Verkäufe tauchten allerdings nicht in den Media Control Charts auf und wurden deshalb von kaum jemandem registriert. Jene Rapper und Gruppen, die in den Jahren zuvor vom Erfolg verwöhnt waren und die hauptsächlich aus Stuttgart oder Hamburg stammten, mussten zum Teil verheerende Verkaufseinbrüche hinnehmen.

Tabubruch und Neue Härte

Schon im Juni 2001 deutet sich an, dass sich die Parameter im Rapgeschäft verschieben. Auf dem HipHop-Open in Stuttgart skandieren 15 000 Kids geschlossen den Refrain von Kool Savaş Underground Hit „Alle MCs sind schwul in Deutschland“. Ein gutes Jahr später kletterte Savaş Album „Der beste Tag meines Lebens“ auf Platz sechs der deutschen Top Ten. Kool Savaş, M.O.R. und andere Berliner Rapper präsentierten sich als MCs, die zwar nicht als Reporter des harten Straßenlebens auftraten, aber mit neuen Styles, harten Punchlines und verbalem Tabubruch Aufmerksamkeit erzielten. Ihre Respektlosigkeit den etablierten Szenegrößen gegenüber, aber auch ihre gezielten Ausfälle in Richtung Hamburg und Stuttgart inmitten all der Katerstimmung und Behäbigkeit wirkten auf viele frech und erfrischend.

Gleichzeitig verbreitete sich eine Aufbruchstimmung. Nachdem viele Labels, die im Zuge des Deutschrapbooms gegründet worden waren, Konkurs anmelden mussten, entstanden an anderen Stellen – vor allem in Berlin – neue Independent Plattenfirmen, die mit Hilfe des Internets und über Direktvertrieb Tapes und später auch CDs an eine immer größer werdende Fangemeinde verkauften. Ein alter HipHop-Gedanke fand in die Szene zurück: mach dein eigenes Ding, bleib unabhängig von Major-Plattenfirmen, stay independent. Eine Schattenseite hatte die neue Freiheit: Die Neue Deutsche Battlehärte zielte in ihren Verbalattacken hauptsächlich auf vermeintlich Schwächere und etablierte im deutschen Rap einen sexistischen, homophoben und zum Teil rassistischen Wortschatz. 

Die Zeit des Spaßrap der Neunzigerjahre, des Studentenrap – wie er nun immer öfter verächtlich genannt wurde – schien vorbei. Die Rap-Achse in Deutschland verlagerte sich von der Vertikalen in die Horizontale, von Stuttgart-Hamburg nach Frankfurt-Berlin. Die freundlichen Gesichter des Deutschrap wichen den düsteren Blicken aus der Nordweststadt oder aus Kreuzberg. Mit den neuen Protagonisten wechselten auch die Inhalte der Texte.

Geschichtsloser Straßenrap

In einem Interview wird der Berliner Rapper Bushido gefragt, warum er in seinen Texten immer wieder Ikonen der Old School wie z.B. Torch beleidige. Dieses Phänomen nämlich kann man bei vielen Newcomern beobachten: Neben Verbalinjurien und hemmungslosem Tabubruch finden sich regelmäßig Dissattacken gegen altgediente HipHop-Aktivisten in ihrem Repertoire. Bushido kann sich diese Frage selbst nicht richtig beantworten. Er habe nichts gegen Torch persönlich, wie auch, er kenne ihn ja kaum. Aber Torch stehe für etwas völlig anderes, für eine Idee von Rap, mit der er nichts zu tun haben wolle. Was das genau ist, kann Bushido nicht sagen.

Im Vergleich mit den USA werden aber einige Dinge klar: Dort bekunden die Frischlinge regelmäßig ihren Respekt vor den alten Größen – es wird ein bewusst positiver Bezug gesucht zu Koryphäen wie Kool DJ Herc, Eric B and Rakim oder N.W.A., aber auch zu Vertretern der friedlichen Native Tounges Bewegung. Selbst weiße Superstars wie Eminem beugen ihr Haupt demütig vor diesen Protagonisten und reihen sich bewusst in den Stammbaum der Rap-Geschichte ein.

Im Gegensatz zu Deutschland wirkt in den USA die Identität stiftende Kraft der afroamerikanischen Diaspora, die als große Erzählung über Herkunft, Ursprung und Bestimmung die HipHop-Kultur in die Klammer eines gemeinsamen afroamerikanischen Geschichtsbewusstseins hineinholt. Rap als Black Oral Culture hat nach dieser Idee die Aufgabe, im Geschichtenerzählen die Geschichte zu bewahren. Als Teil der schwarzen Kultur ist HipHop deshalb immer auch Erinnerungsarbeit. Regelmäßig finden sich im amerikanischen Rap mehr oder weniger deutliche Bezüge zum Jazz, Funk, Blues oder Soul Daneben klingen gleichermaßen politische Verweise zur Bürgerrechtsbewegung an, zu Luther King, Malcom X, den Black Panthers, aber auch zu Muhammed Ali und anderen schwarzen Ikonen der amerikanischen Populärkultur.

Machtlos vor dem Wotan-Clan?

In Deutschland konnte sich ein solcher Bezug auf eine gemeinsame Geschichte nicht etablieren. Auch wenn vor allem Migranten in den Achtzigerjahren die Szene prägten, gelang nur eine teilweise Aufarbeitung und Aneignung der Geschichte der so genannten 1. Generation. Der Bruch Anfang der Neunzigerjahre durch den Erfolg von Deutschrap ließ zudem diese Form der Erinnerungsarbeit im Mainstream scheitern und stärkte im Zuge der Wiedervereinigung eine Erzählung, die ihren Mittelpunkt im deutschen, bürgerlichen Leben suchte und fand (1992 gab Thomas D die Parole aus, die für die Ära des Deutschrap programmatisch werden sollte: „We are from the Mittelstand“).

Den Weg zurück in den Mainstream schafften junge „People of Color“ erst Ende der spaßigen Neunzigerjahre, indem sie die Rolle des Bürgerschrecks bedienten. Der Verlust einer gemeinsamen HipHop-Erzählung brachte vor allem im Rap Künstler hervor, die der eigenen Geschichtslosigkeit ausgeliefert sind und sich entsprechend der Erwartungen entwickeln, die die Konsumenten an sie haben. So übernahm z.B. Bushido die Rolle des bedrohlichen „Kanaken“, B-Tight die des verkifften „Negers“, der den blonden Mädchen nachstellt. In den Videos posieren grimmige Schwarzköpfe als kaltblütige Blockarmee mit Baseballschlägern und Messern – stereotype Bilder, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft sie für „Ausländer“ ohnehin schon im Kopf hatte.

Das Fehlen einer gemeinsamen Erzählung, die eine Vorstellung von Widerstand, Überwindung sozialer und politischer Ausgrenzung und Antirassismus in ihren Horizont mit einbezieht, führt zu inhaltlicher Beliebigkeit. Unter diesen Umständen können sogar Erzählungen von Nation, Rasse oder Vaterland, die in Deutschland eine lange Tradition haben, im Rap wichtig werden. Und auch wenn das Auftauchen eines „Wotan –Clans“ mit Top Ten tauglichem Material im Gepäck unwahrscheinlich ist, findet an den Rändern der Szene ein neuer Ton Eingang in die Lyrics mancher Rapper.

Jugendliche, die in Gegenden aufwachsen, in denen eine ausländerfeindliche Stimmung dominiert und wo Rechtsextreme die Jugendzentren beherrschen, übernehmen diese Haltung in ihren Texten. Sich einerseits rassistisch oder nationalistisch zu positionieren und dafür ein afroamerikanisches Kulturelement zu nutzen, ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Der Berliner Rapper Fler hat gezeigt, wie man erfolgreich nationalistische Statements im Mainstream platzieren kann. Fler ist stolz, ein Deutscher zu sein. Er behauptet, es sei ein Problem, als Deutscher in einer Gegend aufzuwachsen, die hauptsächlich von „People of Color“ bewohnt wird. Er sagt auch: Ich habe nichts gegen Ausländer, das sind meine Freunde, ich bin multikulturell, aber ich brauche meine deutsche Identität um zu bestehen. Fler redet noch nicht von Überfremdung. Trotzdem es ist nur ein kleiner Schritt, der seine Argumentation von einer rechtsextremen Position trennt.

Publikationen des Autors

  • 25 Jahre HipHop in Deutschland,  Neuauflage, Hannibal Verlag, 2006)
  • HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap (Hannibal Verlag, 2002)
  • „HipHop – Raplyriker und Reimkrieger. Materialien für die Sekundarstufen“, Verlag An Der Ruhr

Hannes Loh

Hannes Loh ist Freier Autor und Journalist.Er arbeitet als Lehrer für Deutsch und Geschichte. Von 1986 bis 1998 war er als Rapper und Musiker in der HipHop-Szene aktiv und veröffentlichte mit seiner Band Anarchist Academy mehrere Platten und Bücher.