'Streets of Wedding' - ein Musical mit jugendlichen MigrantInnen

'Streets of Wedding' - ein Musical mit jugendlichen MigrantInnen

Interview mit Todd Fletcher

Todd Fletcher kommt aus den USA. Er ist Afroamerikaner und in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen. Hier in Deutschland entwickelt er nun Musicals mit Jugendlichen aus sozialen Randlagen. Da prallen in vielerlei Hinsicht Welten aufeinander. Kann das überhaupt funktionieren? Ist die Macht der Klischees und Vorurteile zu überwinden, wenn beide Seiten so wenig voneinander wissen? Für viele gehört 'Streets of Wedding' in eine Reihe von Projekten, die die Straße auf die Bühne bringen, und die Jugendlichen in dieser Rolle festschreiben. Das ist die Außenwirkung. Wie aber sah die konkrete, alltägliche Zusammenarbeit aus?

Wie kam es zur Idee zu 'Streets of Wedding'?

2004 habe ich einen Preis der Körber-Stiftung in Hamburg gewonnen. Es war ein Wettbewerb um neue Ideen, die die Integration von Minderheiten in Deutschland verbessern sollten. Danach habe ich mit Kindern der Teltow-Grundschule in Schöneberg ein Musical erarbeitet, dort haben 95% der Schüler Migrationshintergrund. Während der Vorbereitungen traf ich den amerikanischen Botschafter in Berlin, William Timken und seine Frau und bat sie, Schirmherren des Projektes zu werden. Sie stimmten zu. Und nachdem sie die Premiere gesehen hatten, baten sie mich, ein neues Projekt mit Mädchen eines Jugendzentrums in Neukölln zu machen. Nach dem Erfolg dieses Projektes entschlossen wir uns dann, ein großes Projekt in Wedding zu machen. Das Projekt wurde "The Streets of Wedding".

Was waren Ihre Ziele bei diesem Projekt?

Meine Ziele für dieses und alle meine anderen Projekte sind folgende: Ich möchte den Kindern zeigen, dass sie mehr können, als sie sich je vorstellen konnten. Auch ihre Freunden, Lehrern, Eltern und ihre Communities sollen mitbekommen, dass sie zu mehr fähig sind, als sie sich je vorstellen konnten Und nicht zuletzt möchte ich, dass die Mehrheitsgesellschaft endlich versteht, dass junge Migranten, Mädchen wie Jungen, hart für ihre Ziele arbeiten und dass sie Großes erreichen können, wenn sie motiviert und unterstützt werden.

Mir geht es mehr darum, die Gesellschaft zu verändern, als ein Musical auf die Beine zu stellen. Dadurch, dass ich ihnen gezeigt habe, zu was sie fähig sind, konnte ich ihren Blick auf andere Herausforderungen in ihrem Leben verändern. Sie entdecken, dass sie, wenn sie schreiben, Regie führen, produzieren und in einem Musical auf Englisch auftreten können, dass sie dann auch andere Dinge können (wie Mathematik oder sogar Naturwissenschaften), was sie davor nicht für möglich gehalten hätten. Außerdem lernen sie wichtige sozial Fähigkeiten, die ihnen in ihrem ganzen Leben helfen werden: wie wichtig und gewinnbringend harte Arbeit, Pünktlichkeit, Teamarbeit, Verantwortung etc. sind.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Jugendlichen?

Meine Erfahrungen waren wunderbar. Die meisten Kinder haben sich bedeutend verbessert im Lauf des Projekts. Durch das Projekt bin ich vielen von ihnen sehr nahe gekommen und jetzt, Monate nach dem offiziellen Ende des Projekts habe ich zu vielen immer noch Kontakt.

Konnten Sie Einblicke bekommen in die Lebenswelten der Jugendlichen außerhalb des Projektes?

Dadurch dass ich jeden Tag in Wedding in die Schule ging, konnte ich auch die Gegend kennenlernen. Ich wurde auch herumgeführt und ich hatte die Gelegenheit, viel Wundervolles zu sehen und auch weniger Wundervolles in Wedding. Während des Projekts war ich auch zu vielen nach Hause eingeladen worden und auch in Moscheen. Zusätzlich sind wir ins Theater, ins Kino und haben andere Sachen zusammen unternommen, die nichts mit dem Projekt zu tun hatten. Die Kinder außerhalb der Schule und mit ihren Familien zu sehen, hat mir wirklich die Augen für ihr Leben geöffnet.

Wie funktionierte die Verständigung? Es ist doch so vieles, was Sie von den Jugendlichen trennt?

Ich bin einer, der in das älteste Internat und in die älteste Universität der USA gegangen ist. Ich habe eine ziemlich privilegierte Position. Außerdem habe ich, bevor ich nach Berlin kam, meistens mit Kindern aus wohlhabenden Familien gearbeitet. In Berlin angekommen, dachte ich, ich könnte dieselbe Art Projekt auch mit benachteiligten Kindern machen. Ich war allerdings nicht sicher, ob wir miteinander klar kämen. Ich war begeistert, als ich merkte, dass wir uns schnell gut verstanden. Was zu diesem Verständnis einen großen Teil beigetragen hat, war, dass ich darauf bestand, ihre Namen am ersten Tag zu lernen. Diese einfache Sache brachte einen bedeutenden Gewinn, denn ich musste ihnen zeigen, dass es mir tatsächlich wichtig war, sie kennenzulernen.

Wichtig war auch die Entwicklungsphase des Projekts. Zwei Monate lang traf ich mich zwei Mal die Woche mit den Schülern. Während dieser zwei Monate hörte ich ihnen immer wieder zu, wenn sie über ihre Erfahrungen sprachen, ihre Hoffungen und Träume. Die einfache Tatsache, dass ihnen jemand zuhörte, genügte, dass sie sich besser fühlten. Und die Tatsache, dass ich hören wollte, was sie zu sagen hatten, brachte uns einander näher.

Die Medienberichte über jugendliche Migranten sind sehr einseitig. Wie haben Sie die Jugendlichen erlebt?

Ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht mit ihnen. Es gab eine Messerstecherei in der Schule während meiner Arbeitszeit, aber das war ein Einzelfall, der keinen betraf, den ich kannte. Es wird immer "böse Jungs" in einer Schule oder in einer Gegend geben, aber ich war wirklich froh, wunderbare Kids zu treffen.

Etwas was wichtig ist, aber in den Medien nie erwähnt wird, ist, dass sie im Grunde dieselben Träume und Ziele haben wie andere Jugendliche auch. Entscheidend ist, ihnen zu zeigen, dass sie mit harter Arbeit ihre Ziele erreichen können. Wenn sie das einmal glauben, verändert das ihr Verhalten und Aggression wird umgelenkt auf produktivere Bereiche.

Bei solchen Projekten besteht ja die Gefahr, ein Klischeebild zu verbreiten, das mit der Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun hat. Wie sind sie damit umgegangen?

Ich nehme an, das Klischee, das Sie ansprechen, ist, dass die Schüler alle Gangster sind und zu nichts taugen. Wenn ich ein Musical darüber hätte machen sollen, wie hart das Leben auf der Straße ist, hätte ich das gefördert. Stattdessen geht es in dem Musical aber um die Träume und Sehnsüchte der Schüler. Die beiden Hauptthemen des Musicals sind Einigkeit und Chancen. Die Schüler haben sie ausgewählt, weil sie ihnen am wichtigsten sind.

Außerdem haben die Schüler das Musical im wesentlichen selbst geschrieben. Jedes Wort und jeder Song ging von den Jugendlichen aus. Weil die Geschichte von ihnen kam, war es authentisch. Wenn ich am ersten Tag der Proben mit einem fertigen Stück gekommen wäre, es wäre ein völlig anderes Musical geworden. Und ich ging auch in das Projekt mit einer gewissen Vorstellung davon, was für ein Musical dabei herauskommen würde. Am Ende war es aber ganz anders als das, was ich mir vorgestellt hatte. Das Musical war vor allem viel positiver als das Musical, von dem ich dachte, dass wir es entwickeln würden.

Die Jugendlichen tragen ja viele der Vorurteile selbst mit sich herum. Wie konnten sie sich davon befreien?

Das wichtigste für mich war, ihren Horizont zu erweitern. Sie mussten andere Welten sehen. Die meisten kannten ja nur den einen Quadratkilometer um ihren Kiez und die Leute, die dort leben. Die lange Diskussions- und Entwicklungs-Zeit war wichtig, damit die Jugendlichen ihre eigene Identität kennenlernen anstatt etwas fortzuführen, was Medien und Freunde auf sie projizierten.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Jugendlichen, auf die gesellschaftliche Situation in Deutschland verändert durch 'Streets of Wedding'?

Meine Sicht änderte sich drastisch. Ich denke, meine Ansichten über junge Leute mit türkischem und arabischem Hintergrund waren ebenso negativ wie die eines Großteils der Gesellschaft. Anfangs dachte ich: "Das sind die Kids aus der U-Bahn, die so viel Lärm machen". Aber in der Zusammenarbeit sind alle Vorurteile verflogen. Ich entdeckte, dass diese Jugendliche wie alle Jugendliche sind. Diese Entdeckung treibt mich voran, das mehr Leuten zu zeigen. Ich bin mir sicher, dass wenn Durchschnittsdeutsche die Gelegenheit haben, sich mit Minderheiten auszutauschen, dann werden sie ihre Haltung so wie ich ändern.

Das Interview führte Sascha Verlan.

Dezember 2008

Todd Fletcher studierte Musik und Literatur an der Harvard University, wo er seinen Abschluss mit Auszeichnung machte. Als Direktor von PluralArts International hat er zahlreiche Musicals für Erwachsene und Kinder komponiert und aufgeführt.