Eine neue kosmopolitische Realpolitik liegt in der Luft

von Ulrich Beck

Die Welt mag untergehen. Das haben wir jetzt zur Genüge gehört. Aber das ist übermorgen oder überübermorgen und damit unsicher.
Heute und (relativ) sicher ist dagegen, dass diese Antizipation möglicher Menschheitskatastrophen (Klimawandel, Finanzkrise, atomare Selbstzerstörung) eine historische Chance eröffnet, die es zu begreifen und zu ergreifen gilt: Eine neue kosmopolitische Realpolitik liegt in der Luft!

Damit allerdings aus dem Begriff des Kosmopolitismus, der spätestens seit Immanuel Kant zur philosophisch-politischen Tradition der westlichen Zivilisation gehört, eine realistische Kritik der herrschenden Verhältnisse gewonnen werden kann, muss er zunächst entrümpelt, einer "rettenden Kritik" (Walter Benjamin) unterzogen werden. Mit "kosmopolitisch" meine ich nicht den idealistisch-elitären Begriff, der imperialen Ansprüchen transnationaler Eliten und Organisationen als ideologische Speerspitze dient.

Was in der Luft liegt, ist etwas gänzlich anderes.

Am Beginn des dritten Jahrtausends muss die Maxime nationaler Realpolitik – nationale Interessen müssen national verfolgt werden – ersetzt werden durch die Maxime kosmopolitischer Realpolitik: Unsere Politik ist um so nationaler und erfolgreicher, je kosmopolitischer sie ist; und sie ist um so mehr zum Scheitern verurteilt, je nationaler sie ist.

Die drohende Weltwirtschaftskrise, wenn es sie nicht gäbe, müsste erfunden werden, damit am Ende vielleicht sogar auch die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, und ihr Finanzminister, Peer Steinbrück, lernen, was ihre Kollegen in London, Paris und Madrid, aber auch das Obama-Team in den USA sich inzwischen auf die Fahnen geschrieben haben: Wer den Weg des ökonomischen Nationalismus wählt, handelt unpatriotisch, schadet nicht nur sich selbst, sondern am Ende allen.

Das ist die schmerzliche Lehre, die die Große Depression und der darauf folgende Zweite Weltkrieg bereithalten. Wer glaubt – wie die deutsche Bundeskanzlerin – zwischen der nationalen Souveränität zum Schutz der deutschen Wirtschaft und der Arbeitsplätze in Deutschland und dem politischen Ausbau der Europäischen Union in Wirtschafts- und Arbeitsmarktfragen wählen zu müssen, sitzt nicht nur einer falschen Alternative auf, sondern begeht, wie die Geschichte der Großen Depression lehrt, einen gefährlichen Irrtum.

Im Zeitalter globaler Krisen und Risiken führt nur die Politik der "goldenen Handschellen", die Schaffung eines dichten Netzes transnationaler Abhängigkeiten und Allianzen zur Rückgewinnung postnationaler nationaler Souveränität und wirtschaftlicher Prosperität. Nur wenn es Europa gutgeht, geht es Deutschland gut. Nur wenn es der Welt gutgeht, kann der Exportweltmeister Deutschland seine Produkte verkaufen.

Es gibt wohl kaum ein Land, bei dem, ganz bieder gedacht, der kosmopolitische Realismus so offensichtlich im wohlverstandenen nationalen Eigeninteresse liegt. Ich begreife schlicht nicht, warum das so schwer zu begreifen ist. Warum beispielsweise weckt das plötzliche, allen Bekenntnissen hohnlachende Ableben der europäischen Antwort auf die Weltwirtschaftskrise ausgerechnet in Deutschland nicht die Kritiklust und Ironieverliebtheit der politischen Kommentatoren? Wo in diesem Moment der Entscheidung ist die Stimme der deutschen Europäer?

Was Friedrich Nietzsche vor mehr als hundert Jahren sagte, ist unsere Lage: Wir leben im Zeitalter der Vergleichung. Widerspruchsvolle kulturelle Strömungen treffen auf engstem Raum aufeinander und gehen – oft konfliktreiche – Verbindungen ein. Doppelsprachigkeit, also die Fähigkeit, sich aus der Fixierung auf das Vertraute zu lösen, mehrörtige Existenzen, die Fähigkeit, über Grenzen hinweg zu interagieren, schaffen ein komplexes Geflecht geteilter Loyalitäten, ohne dass die als ursprünglich erlebten Identitäten preisgegeben würden. Wurzeln und Flügel zu haben, Provinzialismus verbunden mit dem Erfahrungsschatz gelebten, partikularen Weltbürgertums, könnte der gemeinsame zivilisatorische Nenner weltkulturell heterogener Gesellschaften werden und folglich die überall virulente Grundsatzfrage beantworten: Welche Ordnung braucht die Welt?

Eine solche Anerkennung der Differenz – nicht zu verwechseln mit nationalstaatlich verordnetem Multikulturalismus! – öffnet einen vieldimensionalen Möglichkeitsraum, ist aber selbst nicht ohne innere Widersprüche. Es geht nicht nur darum, die wachsenden Klüfte zwischen Reich und Arm, Weltwohlfahrtsnischen und Weltarmutsfallen, zwischen Norden und Süden zu überbrücken. Noch geht es ausschließlich um die Bedingungen eines Lebens in Würde, um die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines Minisozialstaates im globalen Maßstab, eines "globalisierten Keynesianismus", auch wenn dieser auf die minima moralia der Grundbedürfnisse ausgerichtet bleibt.

Es geht um viel mehr. Der kosmopolitische Realismus hat damit zu tun, dass und wie die nationalstaatlichen Basisinstitutionen für die Herausforderungen des globalen Zeitalters von unten und innen geöffnet werden können. Er hat damit zu tun, wie Minoritäten, Fremde, Ausgeschlossene behandelt werden. Er hat aber vor allem auch mit der sich fundamental verändernden und zu gestaltenden Rolle des Staates im Zusammenwirken mit zivilgesellschaftlichen Gruppen in diesen Zusammenhängen zu tun, mit dem Problem, das die Menschenrechte der verschiedenen Gruppen und Parteien bei der Festigung wie dem Umbau der Demokratie im transnationalen Raum aufwerfen. Und er hat vor allem mit der Frage zu tun, wie Gewaltausbrüchen, die aus den Enttäuschungen und Entwürdigungen der Menschen entstehen, begegnet werden kann.

Der kosmopolitische Realismus verbindet also den Respekt vor der Würde der kulturell Anderen mit dem Interesse am Überleben jedes Individuums. Kosmopolitische Realpolitik, so verstanden, ist die nächste große Idee, die nach den historisch verschlissenen Ideen des Nationalismus, Kommunismus, Sozialismus, Neoliberalismus auf den Prüfstand gehört, und diese Idee könnte das Unwahrscheinliche möglich machen, dass die Menschheit, ohne Rückfall in die Barbarei, das 21. Jahrhundert überlebt.

In dieser Situation besteht das Hauptproblem der Sozialwissenschaften darin, dass sie die falschen Fragen stellen. Die Leitfragen der Gesellschaftstheorien sind zumeist auf Stabilität und Ordnungsbildung ausgerichtet und nicht darauf, was wir erfahren und daher begreifen müssen: einen epochalen, diskontinuierlichen Gesellschaftswandel in der Moderne.

Die ganze Ideenwelt nationalstaatlich verfasster Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im Rückblick als Erste Moderne zu bezeichnen und gegen eine noch unscharfe Zweite Moderne – definiert durch globale ökonomische und ökologische Krisen, sich verschärfende transnationale Ungleichheiten, Individualisierung, fragile Erwerbsarbeit und eben die Herausforderungen kultureller, politischer und militärischer Globalisierung – abzugrenzen, dient dem Ziel, den "protektionistischen Reflex" zu überwinden, der nicht nur Europa nach dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung intellektuell und politisch lähmt.

Zu entschlüsseln wäre: Die scheinbar ultrastabilen Leitideen und Koordinaten des Wandels wandeln sich, damit zugleich die Grundlagen und Grundbegriffe von Macht und Herrschaft, Legitimation und Gewalt, Wirtschaft, Staat und Politik.

Bislang gilt: Globalisierung wird von den Mächtigen gegen die Armen gestaltet. Es wird keine die Kulturen übergreifende Interaktion verschiedener Gesellschaften und Religionen vorangetrieben, sondern die Durchsetzung einer besonderen gegen alle anderen. Die kosmopolitische Imagination repräsentiert das universelle Interesse der Humanität an sich selbst. Es ist der Versuch, Interdependenz und Reziprozität jenseits der nationalen Axiomatik und Arroganz neu zu denken, und zwar im Sinne eines kosmopolitischen Realismus, der den Blick öffnet und schärft für die unbekannten, in ihrem Inneren miteinander vernetzten und auf einander angewiesenen Gesellschaften, in denen wir leben und handeln.

Der Beitrag ist erschienen in der Frankfurter Rundschau Online am 28.12.2008. Wir danken dem Autor für die freundliche Publikationsgenehmigung des Beitrags.

Ulrich Beck ist Professor für Soziologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an der London School of Economics and Political Science. Er gibt u.a. die Reihe Edition Zweite Moderne im Suhrkamp-Insel-Verlag heraus.

   

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