„Es ist an der Zeit, dass auch wir zur Start-Elf gehören“

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Biographie

 

Martin Hyun, 1979 in Krefeld geboren, Sohn koreanischer Gastarbeiter, studierte Politik, International Business und International Relations in den USA und Belgien, war der erste koreanischstämmige Bundesligaspieler in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) und Junioren Nationalspieler Deutschlands. Im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialog 2008 engagierte er sich als Botschafter in Deutschland. Er gehörte dem Leadership-Programm der Bertelsmann-Stiftung an für Führungskräfte aus Migrantenselbstorganisationen und nahm als ein Vertreter der Koreaner in Deutschland an der Jahreskonferenz 2008 Forum Demographischer Wandel teil, die von Bundespräsident Horst Köhler initiiert wurde. Seit 2008 promoviert er zum Thema Arbeitsmigration. Sein Debüt-Buch „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“ erschien im Eb-Verlag Hamburg.

 

Interview mit Martin Hyun

 

Warum haben Sie den Titel „Lautlos-Ja Sprachlos-Nein“ gewählt? Was für eine Bedeutung hat dieser Titel für Sie?

Lautlos – weil die erste Generation KoreanerInnen in Deutschland bedingt durch die Sprachbarriere ihre Stimme in der Gesellschaft nicht erheben konnte und auch heute nicht kann. Zwar sind die KoreanerInnen der ersten und zweiten Generation gut organisiert und vernetzt. Trotzdem fehlt der ersten Generation KoreanerInnen in Deutschland eine charismatische Person mit der Eloquenz eines Kenan Kolats. Die erste Generation ist lautlos geblieben. Sie wussten, dass ein negatives Image auf die zweite Generation KoreanerInnen in Deutschland abfärben würde.

Sie kamen nicht nur als GastarbeiterInnen nach Deutschland sondern als BotschafterInnen des Landes. Die zweite Generation Deutsch-KoreanerInnen hingegen hat die Sprachbarriere überwunden. Die meisten sind in Deutschland ausgebildet worden und haben höhere Bildung genossen. Deshalb „Sprachlos-Nein“. Wir sind der deutschen Sprache mächtig und können uns gegebenenfalls mit der Sprache zur Wehr setzen.

Was hat Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben, zumal in der Gesellschaft angenommen wird, dass asiatische Gruppen in Deutschland meist sehr gut integriert sind?

Das Buch habe ich bereits während meiner Uni-Zeit in den USA angefangen zu schreiben. Das war um 2001. Die Integrationsdebatte war zu der Zeit längst kein alltägliches Thema und fern davon Modetrend zu werden. Weil es sich bei den KoreanerInnen in Deutschland um eine lautlose Integration handelt und sie auch sonst in der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden, liegt es sehr nahe anzunehmen, dass es keine Integrationsprobleme in der koreanischen Community gibt. Aber mit dieser Vermutung liegt man falsch.

Kulturell bedingt würde die erste Generation ihre Probleme nie an die Öffentlichkeit bringen. Sie hat es gelernt, mit Problemen selber fertig zu werden. Meine Eltern z.B. haben nie über die Härte ihrer Arbeit oder ihre schwierige Anfangszeit in Deutschland vor uns Kindern erzählt. Damit wollten meine Eltern verhindern, dass wir Kinder uns Sorgen machen. Wir sollten uns auf unsere, eine bessere Zukunft konzentrieren. In der zweiten Generation, die jetzt auf dem Arbeitsmarkt ist, gibt es sehr wohl Probleme.

Viele machen die Erfahrung, dass höhere Bildung und Sprachkompetenz keine Garantie sind, einen entsprechenden Job, gemäß ihrer Qualifikation zu bekommen. Während der Uni-Zeit, wo man mit Prüfungsstress und anderen Dingen beschäftigt ist, lebt man in der rosaroten Welt, dass höhere Bildung und Sprachkompetenz einen höher qualifizierten Job garantieren, egal welcher Ethnie man angehört. Deshalb denke ich, dass man bei der zweiten Generation VietnamesInnen, die ähnlich wie die Deutsch-KoreanerInnen eine höhere Bildung aufweisen, abwarten muss mit der Behauptung „erfolgreiche Integration“, weil viele von ihnen noch nicht auf dem Arbeitsmarkt sind, sondern noch im „sicheren“ Bildungssystem. Erst auf dem Arbeitsmarkt wird sich zeigen, ob die VietnamesInnen erfolgreich sind.

Von dem Autor Wladimir Kaminer gab es Lob für Ihr Buch. Was war das für ein Gefühl, von diesem erfolgreichen Schriftsteller gelobt zu werden?

Ein Lob von Wladimir Kaminer ist natürlich etwas ganz Besonderes. Ich schätze seine Person sehr und ziehe meinen asiatischen Hut davor, dass er sich die deutsche Sprache so angeeignet hat, dass er damit Bestseller schreiben kann. Das ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte.

Was bedeutet Integration für Sie?

Integration bedeutet für mich vor allem politische Teilhabe. Gerade in der Politik, wo über die Integration am hitzigsten diskutiert wird, ist die bunte Vielfalt nicht zu sehen. Von den etwa 3.000 MitarbeiterInnen im Bundestag, glaube ich nicht, dass eine handvoll einen Migrationshintergrund hat. Im Büro der Staatsministerin Maria Böhmer ist es nicht anders. Dort ist die Vielfalt auch nicht zu sehen. Gerade die Staatsministerin sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Sie kann somit ihre Stellung als Integrationsbeauftragte des Landes unterstreichen und der Gesellschaft zeigen, dass es ihr wirklich wichtig ist.

Für mich bedeutet das, dass wir zwar in den nicht-repräsentativen Stellen wie z.B. als HandwerkerInnen oder BauarbeiterInnen, ohne diese Jobs zu denunzieren, willkommen sind, aber nicht bei den repräsentativen Stellen wie z.B. als Aufsichtsratsvorsitzende(r) eines DAX-Unternehmens oder in der Politik. Seit der OECD-Studie von 2007 wissen wir nun faktisch, dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte gegenüber einheimischen Deutschen bei gleicher Qualifikation viermal länger auf der Suche sind und sich viermal mehr bewerben müssen.

Zudem finde ich es bedauerlich, dass keine Partei im Bundestag eine feste Arbeitsgruppe für Integration hat, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Die Politik hat zwar erkannt, dass bedingt durch den demographischen Wandel das Land vielfältiger wird, aber sich parteipolitisch intensiv damit auseinandersetzen möchte man dann doch nicht. Der Integrationsgipfel verkommt so zu einer reinen kulturellen Veranstaltung, fast schon wie der Karneval der Kulturen. Aufgrund der Tatsache, dass die politischen Organisationen in Deutschland Stellen eher abbauen, als neu MitarbeiterInnen einzustellen, sehe ich für weitere Jahrzehnte einfach keine sich abzeichnende Änderung, die ein Abbild der Gesellschaft auch in repräsentativen Stellen schafft.

Wenn man sich einmal das Organigramm des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ansieht, speziell das Referat Integration, dann wird einem schnell klar, dass Entscheidungen über Projekte von Menschen getroffen, denen es an Authentizität fehlt. Gerade dort müssen Personen eingestellt werden, die sich im Thema auskennen und mit „authentischer“ Stimme sprechen können – denen man das abnimmt, dass sie mit den Projekten etwas bewirken wollen. Die politischen Parteien, gerade die großen Volksparteien müssen endlich begreifen, MigrantInnenmitglieder nicht nur als Wahlplakatkleber willkommen zu heißen, sondern auch Funktionen anzuvertrauen. Das Argument, dass es zu wenige von denen gibt, ist nur eine billige Ausrede.

Ich bin enttäuscht darüber, dass bei der kommenden Bundestagswahl die meisten Landeslisten der aufgestellten BewerberInnen für das Mandat eines/-er Bundestagsabgeordneten migrationsfrei sind. Auch bei der Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten fehlen MigrantInnen, die sich mit diesem Land identifizieren und die Wahl mitbestimmen. Außer Feridun Zaimoglu ist mir keine andere Person bekannt, die bei der Wahl am 23. Mai dabei ist. Wenn man bedenkt, dass die rechtsextremen mit ca. vier Mitgliedern auch bei der Wahl beteiligt sind, finde ich das sehr bedauerlich.

Zudem stelle ich mir auch die Frage, warum wir trotz kompetenter Leute die Hauptnachrichten im öffentlich-rechtlichen zur Hauptsendezeit nicht sprechen dürfen. Fehlt es uns an Seriosität? Dürfen Menschen mit Zuwanderungsgeschichichte nur exotische Sendungen, wie Wissenssendungen, Journals oder Musik auf MTV moderieren?

In Ihrem Buch schreiben Sie über eine ganz besondere Erfahrung, die Sie mit Staatsministerin Böhmer gemacht haben. Beschreiben Sie dieses Erlebnis doch kurz.

Vor einigen Jahren habe ich Staatsministerin Böhmer einen Brief geschrieben mit der Anfrage, warum koreanische Organisationen nicht zum Integrationsgipfel eingeladen worden sind. Die Staatsministerin antwortete, dass die Anzahl der KoreanerInnen so unbedeutend ist und man deshalb die ChinesInnen und VietnamesInnen bevorzugt habe. Das Positive daran, ich konnte somit einen Appell losschlagen an die koreanische Community, dass sie sich gefälligst beim demographischen Wandel beteiligen sollten und anfangen sich zu vermehren, notfalls experimentieren sollten. Hauptsache die Anzahl der Koreanischstämmigen in Deutschland steigert sich dramatisch.

Der Brief gab mir aber auch die traurige Erkenntnis, dass am Ende des Tages die Wählerstimmen zählen. Die Staatsministerin ist da nicht anders. Sie denkt und kalkuliert politisch. Für sie und wie für jede(n) Politiker/-in zählen nur Wählerstimmen. Aber im Leben ist es immer so, dass man sich immer zwei- oder dreimal wiedersieht. Das war auch bei mir der Fall mit Staatsministerin Böhmer. Wir sahen uns beim Forum Demographischer Wandel 2008 bei Bundespräsident Köhler wieder. Es war nicht meine Absicht, die Staatsministerin bloßzustellen. Aber ich stellte Ihr die Frage, warum sie eine Einladung zum Integrationsgipfel an der Anzahl der Minderheit ausmacht und unterrichtete Sie von dem koreanischen Ziel der Vermehrung der Community, damit man 2050 auf Augenhöhe und tammgast beim Gipfel sein könne. Das hat der Staatsministerin wohl Angst gemacht. Prompt wurden koreanische Vertreterinnen zum dritten Integrationsgipfel und anderen Veranstaltungen eingeladen.

In Ihrem Buch gehen Sie auch auf Erfahrungen ein, die Sie im Ausland erworben haben. Wie hat sich diese Auslandserfahrung auf Sie ausgewirkt? Was würden Sie im Integrationsdiskurs ändern wollen?

In Amerika habe ich fast ein Jahr lang mit Arabern zusammengelebt. Später habe ich in einer internationalen Männer-WG gelebt mit einem Japaner, Amerikaner, Russen und Venezolaner. Auf dem Campus war unser Haus als UNO-Haus berühmt-berüchtigt für ihre politischen Diskussionen. Unseren amerikanischen Freund Danny haben wir in den politischen Debatten immer von vornherein ausgegrenzt. Eine Männer-WG, ob national oder international kann ich dennoch keinem empfehlen – der Müll, das Chaos, die dreckige Toiletten... (lacht). Diese Zeit hat mich natürlich sehr geprägt und die Freundschaften bestehen heute noch.

Während meiner Uni-Zeit in Amerika war es ein Pflichtfach den „Race and Ethnicity“-Kurs zu belegen. Dort lernte man über die Geschichte der AfroamerikanerInnen, der ChinesInnen, sozusagen die Einwanderungsgeschichte des Landes. Auch wenn man sich nicht für solche Themen interessierte, wurde man mit dieser Geschichte konfrontiert. Ich glaube, dass dieser Pflichtkurs eine stärkere Sensibilität für die Einwanderungsgeschichte hervorgerufen und ein Bewusstsein über die Gründe, weshalb die einstigen MigrantInnen einwanderten, geschaffen hat.

Das vermisse ich in Deutschland. Dort ist man bis zum Abitur fast ausschließlich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Zweifelsfrei ist das ein sehr wichtiges Thema, aber die Geschichte der MigrantInnen in Deutschland gehört zum 21. Jahrhundert, in Zeiten der Globalisierung auch zum Allgemeinwissen. Ich glaube nicht, dass man sich nach der Schulzeit das Thema noch aneignet. Ich glaube aber auch, dass man eine neue Debatte darüber führen muss, was einen Deutschen im 21. Jahrhundert überhaupt ausmacht.

In Ihren Lesungen vergleichen Sie indirekt die Migrationsbewegung mit der Frauenbewegung. Warum?

Wenn man sich die Frauenbewegung anschaut und die MigrantInnenbewegung, dann haben beide doch vieles gemeinsam. Denn trotz so vieler Jahrzehnte der Frauenförderung sind sie immer noch unterrepräsentiert in deutschen DAX-Unternehmen, in Aufsichtsräten und in führenden repräsentativen Stellen. Deshalb sehe ich die Zukunft der MigrantInnenbewegung etwas düster, wenn es keine Quotenregelung gibt.

Uns sind die Fakten aus PISA, IGLU und OECD-Studien bekannt. Jetzt müssen wir handeln. Chancengleichheit können wir nur dadurch erzwingen, wenn wir auch Quoten für MigrantInnen einführen. Die Chance zu bekommen, sich zu behaupten oder die Chance nicht zu bekommen, macht den Unterschied. Wenn man sich statistisch gesehen viermal mehr und viermal länger bewerben muss als einheimische bei gleicher Qualifikation, dann geht auf diesem Weg viel Talent und vor allem das schwer erkämpfte Wissen verloren. Die Bundesregierung nimmt da immer sehr gerne das Beispiel des Fußballs. Wenn man auf der Bank sitzt und immer ErsatzspielerIn sein muss, wird man nichts lernen und sein Talent nie entfalten können.

Es ist an der Zeit, dass auch wir zur Start-Elf gehören und auf dem Feld die Spiele mitentscheiden. Je schneller wir das verstehen, desto schneller werden die nachkommenden Generationen davon profitieren, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass etwa eine afrodeutsche Botschafterin Deutschland repräsentiert.

Sie schreiben gerade an Ihrem zweiten Buch mit dem Arbeitstitel „Machtlos-Ja Wahllos-Nein“. Worum geht es in Ihrem zweiten Buch?

In diesem Buch schreibe ich über Gedankengänge von KoreanerInnen in Deutschland im Superwahljahr 2009. Da die Politik KoreanerInnen als Wahlvolk kaum Beachtung schenkt, habe ich mir gedacht, dies auf literarische Art und Weise zu verarbeiten. Vielleicht wird es eines Tages so sein, dass die KoreanerInnen in Deutschland, ähnlich wie die Hispanics in den USA, aus den Wahlen nicht mehr wegzudenken sind. Zumindest arbeiten wir daran!

 

Das Interview führte Gerd Hahn im Mai 2009.

 

Literatur
Hyun, Martin: Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea, Eb-Verlag Hamburg, 2008


Martin Hyun

 

„Lautlos-Ja Sprachlos-Nein: Grenzgänger zwischen Deutschland und Korea“
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