„Ich bin ein mehrkultureller Dichter.“

 

Interview mit José F. A. Oliver

 

Sie sind als Sohn spanischer Gastarbieter in Hausach/Deutschland geboren. Inwieweit hat Ihr Migrationshintergrund Ihr Schreiben geprägt?

Oliver: Da ich davon überzeugt bin, dass jegliches Schreiben immer auch biographisch geprägt ist, kann ich sagen, dass ich heute so schreibe wie ich schreibe, weil ich mit mindestens zwei Kulturen und Sprachen aufgewachsen bin. 

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen und warum schreiben Sie auf Deutsch?

Oliver: Es war mir schon immer ein Bedürfnis und eine Notwendigkeit, Dinge und Verhältnisse zu begreifen. Wenn ich schreibe, nehme ich die Welt wahr. Indem ich sie wahrnehme, erkenne ich mich in diesem Gefüge. Ich habe schon als Jugendlicher das Schreiben als Rückzugsort empfunden, um nachzudenken und nachwirken zu lassen, was mir begegnete.

Sehen Sie sich als „Dichter zwischen den Kulturen“?

Oliver: Nein, ich bin Dichter mit mindestens zwei Kulturen, wenn nicht gar mehr. Ich bin ein mehrkultureller Dichter.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Oliver: Es gibt eine Menschenheimat und eine Schollenheimat. Erstere habe ich an vielen Orten dieser Welt, zweitere erlebe ich im Schwarzwald und in Andalusien.

Sie haben 1997 den Adalbert-Chamisso-Preis erhalten, der deutsch schreibende AutorInnen nicht deutscher Muttersprache auszeichnet. Wie sind seither Ihre Erfahrungen mit dem Literaturbetrieb?

Oliver: Der „Literaturbetrieb“ wird von Menschen gemacht, und Menschen verändern sich. Insofern ist eine „mehrkulturelle“ Wahrnehmung der deutsch-sprachigen Literatur heute kein Fremdwort mehr. Also insgesamt eine positive Entwicklung.

2007 haben Sie die Chamisso-Poetikdozentur an der TU Dresden übernommen. Was halten Sie von dem Begriff „Migrationsliteratur“?

Oliver: All diese Begrifflichkeiten sind äußerst fragwürdig. Und das ist gut und wichtig so. Ich  spreche im Augenblick – wenn überhaupt in diesen Kategorien denkend oder mich beteiligen „müssend“ – von einer „mehrkulturellen Literatur“.  Diese Bezeichnung scheint mir offener, weil sie der Wirklichkeit von Literatur und ihren gegenseitigen Einflüssen am nächsten kommt. 

In dem Essayband „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ schildern Sie Erinnerungen an Ihre Jugend und die Erfahrungen als „Gastarbeiterkind“ im Schwarzwald, wo sie aufgewachsen sind. Welche Rolle spielt die Zweisprachigkeit für Sie?

Oliver: Sie ist ein Geschenk. Gott sei Dank gibt es mindestens zwei Sprachen in denen ich meine Gedanken und Gefühle betrachten kann.

In dem uns zur Verfügung gestellten Gedicht „morgenhabitus einer möwe“ beschreiben Sie eine „möwendame“, „querschwimmend“ im Wasser, die plötzlich „heimweh nach flug“ bekommt. Was ist das bemerkenswerte an einem „wunderfitz“?

Oliver: Wunderfitz ist ein sehr schönes alemannisches Wort. Ich liebe es, da die Neugier bei einem Wunderfitz immer auch etwas „wundersames“ und „wundervolles“ oder besser „wunderbares“ hat. „heimweh nach flug“ – bedeutet für mich die Gabe sich immer wieder verlassen zu können. Das ist eine Grundvoraussetzung ins Leben.

Gibt es AutorInnen, die Sie in besonderer Weise beeinflußt haben?

Oliver: Da gibt es einige. Allen voran Federico García Lorca, Octavio Paz, Pablo Neruda, Friederike Mayröcker, Rose Ausländer, Hilde Domin, Paul Celan. Ich könnte noch einige nennen. Schreiben bedeutet ja immer auch ein Dialog mit denen, die vor mir geschrieben haben und denjenigen, die heute schreiben.

Wie geht Ihre künstlerische Reise weiter?

Oliver: Ich bin in neuen Gedichten, weiteren Essays und versuche mich an einer Erzählung. Aber auch die Literaturvermittlung ist mir sehr wichtig. Meine Lesungen und Werkstätten an Schulen in Kooperation mit dem Literaturhaus Stuttgart und natürlich die Literaturtage in Hausach, der „Hausacher LeseLenz“.

Gibt es Situationen in denen Sie sich besonders „spanisch“ fühlen?

Oliver: Nie. Ich fühle weder „spanisch“ noch „deutsch“. Ich weiß nicht, was das ist.

Wie geht dieser Satz für Sie weiter?: „Mein Deutschland ist...

Oliver: ... in mir ein spannendes Land, das ich immer wieder von neuem entdecke.

 

Das Interview führte Sibel Kara im August 2010.


José F. A. Oliver (Foto: Yves Noir)

 

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„finnischer wintervorrat“
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