Marginale Urbanität oder: wie gehören Migration, Diversität und Stadtentwicklung zusammen?

Kottbusser Tor BerlinKottbusser Tor Berlin. Foto: urbanartcore.eu. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Seit den Anfängen der Stadtforschung wird dem „Fremden“ eine besondere Bedeutung für die Herstellung des Städtischen und des öffentlichen Raumes beigemessen. Von Anbeginn an waren auch der “Fremde“ und der Umgang mit „dem Fremden“ Merkmale, denen in der soziologischen Forschung besondere Beachtung geschenkt wurde. Gerne nutzte man die „Außenseiterposition“ des Fremden für Rückschlüsse auf die eigene Gesellschaftsformation. Für viele Jahre wurde die Außenseiterposition der migrantischen Bevölkerung in den Sozialwissenschaften als Marginalität im städtischen Raum interpretiert. Dies ließ sich durch die vorliegenden statistischen Daten eindeutig nachweisen: bis heute ist die migrantische Bevölkerung insgesamt anders, in der Regel weniger umfassend, in alle gesellschaftlichen Teilbereiche (Arbeiten, Wohnen, Organisation in Verbänden, Wahlbeteiligung) eingebunden. Trotz dieser strukturell vorhandenen Ungleichheit, hat sich auch eine Milieufizierung, eine stärkere Ausdifferenzierung in Milieus, entwickelt.

Doch was heißt die zunehmende Diversität und Heterogenität der Stadtbevölkerung eigentlich für die Stadtplanung und –entwicklung? Inwiefern sind die Städte in der Bundesrepublik durch Migration geprägt? Und welche Rolle spielt hierbei das migrantische Unternehmertum? Der hier präsentierte Sammelband befasst sich mit diesen Fragen. Im Editorial wird argumentiert, dass sich diesbezüglich ein Trend weg von einer „urbanen Marginalität“ hin zu „marginaler Urbanität“ vollzieht. Es folgt ein Abschnitt, der sich mit den theoretischen Grundlagen von migrantischem Unternehmertum befasst und deren Bedeutung für die Stadtentwicklung thematisiert. Dann folgen Fallbeispiele, die sich mit der Rolle des migrantischen Unternehmers bzw. der migrantischen Unternehmerin befassen. Die präsentierten Fallbespiele beziehen sich allesamt auf das Unternehmertum von Migrantinnen und Migranten nicht-europäischer Nationalität in den deutschen Städten (mit der Ausnahme eines Beitrages, der sich auf die Niederlande bezieht)

Der „Fremde“ in der Stadtsoziologie: Simmel, Park & Co
Für den Soziologen und Philosophen Georg Simmel nahm der „Fremde“ eine ambivalente Stellung im sozialen Gefüge ein. In seinem „Exkurs über den Fremden“ (1908) beschreibt er die Position des Fremden als den Wandernden, „der heute kommt und morgen bleibt“ und nicht „morgen geht“. Bei Simmel ist der Fremde der „potentiell Wandernde“. Durch seinen Aufenthalt wird der Fremde zu einem Teil der Gruppe selbst und repräsentiert die Einheit von Nähe und Entferntheit. Die Fremden werden nicht als Individuen, sondern als „Fremde eines bestimmten Typus überhaupt empfunden“ (Simmel 1908: 512). Simmel bezog sich in seiner Argumentation auf das historische Beispiel der Juden und deren Funktion als Zwischenhändler. In einer Gesellschaft, in der alle Positionen schon besetzt sind, kann der Fremde nur als Händler auftreten, als Kaufmann aktiv werden. Der oder die Fremde besaß durch seine herausgehobene Stellung gegenüber den Sesshaften am Rande der Gesellschaft eine weitere Qualität: Ihm oder ihr wurde Objektivität zugeschrieben, weil sie genau außerhalb der Gruppe stehen, von der sie doch ein Teil sind.

Auch in der sich in den 1920er Jahren in Chicago herausbildenden Chicago School, einem Zweig der sich gerade erst etablierenden wissenschaftlichen Disziplin „Soziologie“, wurden erstmals Beobachtungen in einzelnen Stadtquartieren zur Grundlage der wissenschaftlichen Darstellung. Die Forscher um Robert Ezra Park herum wollten die sozialräumlichen Muster in der Stadt verstehen. In ihrem „Laboratorium“, der Stadt Chicago, entstehen in dieser Zeit durch die starke Zuwanderung aus den Südstaaten und durch die Einwanderung von Asiat_innen und Europäer_innen neue soziale Formationen und veränderte Viertel.

Die Wissenschaftler experimentieren am Beispiel des Einwanderers bzw. der Migration gleichzeitig mit neuartigen soziologischen Methodiken und Theorien. Ähnlich wie in dem 1918 von Thomas und Znaniecki herausgegebenen Werk „The Polish Peasant in Europe and America“ wurde die Betrachtung von Wanderungsprozessen und der Community-Bildung zu einem zentralen Gegenstand der soziologischen Betrachtung. Das, was sich im Chicago der Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts abspielte, war eine komplett neue Situation für die Städte: Eine solche sozialräumliche Ausdifferenzierung, eine solche Vielfalt an Lebenswelten und Kulturen kannte man bis dahin in den USA noch nicht. Die unterschiedlichen Herkunftsgruppen in der Stadt wurden nun dezidiert zum Gegenstand der Forschung. „Schreib nur auf, was du siehst, hörst und weißt“, lautete die einzige Anweisung von Park an seinen Schüler Anderson (Anderson 1998: 25). Es blieb dann die Herausforderung für den Beobachter, das Material anzuordnen und aus den Aufzeichnungen ein Muster zu destillieren.

Für Park sind es auch gerade die arbeitsteiligen Städte, die durch die Akkommodation und Assimilation der Migranten eine ganz neue Mischung ergeben. Sie sind das Laboratorium von Erneuerungsprozessen. Die sozialökologische Schule mit ihren Studien zur mehrfachen kulturellen Identifikation der Migrant_innen (gefasst als Bikulturalität) betrieb zugleich auch Stadtforschung: Wo wohnten die Migrant_innen und warum wohnten sie dort?

„Assimilation“ wurde in dieser Sichtweise als natürlicher Prozess verstanden, d.h. es wurde davon ausgegangen, dass der einzelne Migrant verschiedene Phasen der Anpassung an den Aufnahmekontext zwangsläufig und in einer bestimmten Abfolge durchläuft. Park und Burgess gehen davon aus, dass Wettbewerb das strukturierende Prinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens sei. Im Verlauf der Anpassung käme es zu Konflikten, die mit der vollständigen Assilimilation der Migrant_innen jedoch bereinigt seien. Zunächst beginne die Anpassung mit einem friedlichen Kontakt, dann folge ein Wettbewerb um berufliche Positionen, dann komme es zu Konflikten, die als Problemlösung eine Segregation der Wohnsituation, die sogenannte residentielle Segregation, nach sich zögen und in der sich die Einwanderer mit unteren und Nischenpositionen auf dem Arbeitsmarkt begnügten. Dies wird als Akkommodation bezeichnet. Park und Burgess gehen davon aus, dass sich die Migranten mit ihrer unterlegenen Position zufrieden geben und dass es zu einer wirklichen Verschmelzung, die auch eine kulturelle Dimension besitzt, meist erst in der zweiten und dritten Generation kommen kann. Das gesamtgesellschaftliche Ergebnis dieses Prozesses, so nehmen sie an, ist der „melting pot“ – ein Schmelztiegel der Kulturen.
Auch Burgess, ein Vertreter der Chicago School, hat in seinem Ringmodell über die Stadtentwicklung eine Struktur der Anhäufungen von sozialen und ethnischen Statusgruppen im Stadtraum festgehalten. Diese Existenz von Chinatown, Bohèmevierteln und Hobohemias hat die Stadtgeographie von Anfang an fasziniert und durch die Beschäftigung mit diesen Gebieten eine besondere Nähe zur Soziologie verschafft (Anderson 1998: 256).

Ein weiterer Schüler der Chicago School, Nels Anderson, befasste sich speziell mit der gesellschaftlichen Randgruppe der Hobos, einer Gruppe ungebildeter, aber kultur- und sportinteressierter Gelegenheits- und Wanderarbeiter. Er betonte in seiner Beschreibung insbesondere den Zusammenhang zwischen der in dieser Zeit ablaufenden Amerikanisierung und dem Auftreten der nomadisch lebenden Gelegenheitsarbeiter. Obdachlosigkeit, so Anderson, wird in einer Gesellschaft, die annimmt, dass jedes Lebewesen irgendwo hin gehören müsse, eine Familie haben und eine ökonomische Basis benötige, zwangsläufig zu etwas Pathologischem (vgl. Rauty 1998: 3ff). Die Unterwelt der Hobos war in seiner Interpretation lediglich eine der kapitalistischen Entwicklung und Arbeitsmarktsstruktur eingewobene Variante der Armut.
Die Hobos bildeten eine eigene, der aufkommenden Mittelklassenordnung ferne, Kultur aus, die eine eigene Sprache und eigene Organisationsmuster, sogar eine Tageszeitung aufwies. Der Hobo nahm an, dass er beim nächsten Job, anfangen würde zu sparen – was allerdings meist nicht funktionierte. Die Hobos verbrachten ihre Freizeit in „jungles“ mit eigenen Regeln. Hobohemische Restaurants servierten warme Mahlzeiten für die Hälfte oder ein Drittel des regulären Preises, den man im restlichen Chicago für ein solches Essen bezahlen musste. Mit der Durchsetzung der Industrialisierung verschwand auch dieser Typus des Wanderarbeiters wieder.

Migration ins Nachkriegs(West)Deutschland: die Entstehung urbaner Marginalität
Mit dem Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit wurden massenhaft Arbeitskräfte angeworben. Nur auf den ersten Blick handelte es sich um eine rein wirtschaftliche Aktion. Relativ bald gab es kritische Stimmen, die darauf hinwiesen, dass die Zuwanderung die Bundesrepublik in ihrer Sozialstruktur selbst umkrempelte. Denn nach Innen wirkten sich die zugewanderten Arbeitskräfte auf die Position der einheimischen Arbeitskräfte aus. Diese erfuhren dadurch, dass nun die Gastarbeiter_innen die „3-D-Jobs“ übernahmen (Dirty, Dreadful, Dangerous) soziale Aufwärtsmobilität. Die körperlich mühsamen und familienfeindlichen Schichtdienste wurden überwiegend von den Gastarbeiter_innen übernommen, genauso die Akkordarbeit sowie schwere und schmutzige Arbeit.

 

In den Betrieben wurden Mechanisierung und Rationalisierung vorangetrieben und führten zu monotoneren Arbeitsabläufen. Heckmann hat für diese soziale Umwälzung den Begriff der „Unterschichtung“ geprägt und brachte damit zum Ausdruck, dass eine Arbeiterschicht, die sonst keine Hoffnung auf Beförderung gehabt hätte, durch die Besetzung der unteren Ränge des Arbeitsmarktes überhaupt erst sozial und ökonomisch aufsteigen konnte. Auch gingen die Unternehmen davon aus, dass die eingewanderten Arbeitskräfte finanzielle Vorteile brachten: Sie nahmen nicht an der betrieblichen Altersvorsorge teil, sie feierten keine Arbeitsjubiläen, brauchten noch keine Erholungskuren, da sie im besten Arbeitsalter waren (90 % der ausländischen Arbeiter_innen waren im Alter zwischen 18 und 45 Jahren) (vgl. Herbert 2003: 210). Die höchsten Ausländerquoten gab es 1963 im Baugewerbe, in der Eisen- und Metallindustrie und im Bergbau (Herbert 2003: 212). Die Beschäftigung von Ausländern wirkte in einigen Unternehmen systemerhaltend und modernisierungsverzögernd: Eigentlich rationalisierbare Arbeitsplätze wurden nicht abgebaut, sondern gehalten. Die Strukturkrise der 1980er traf dann genau diese Arbeitsplätze am stärksten.

Schon mit der ersten Rezession 1966/67 kehrten viele Gastarbeiter zurück in ihre Herkunftsländer. Das war von Seiten der Industrie und teilweise auch der Politik so gewünscht, da auf diesem Wege sowohl „Heranbildungskosten“ wie Schule und Kindergarten als auch Alterskosten (Pflege und Heimaufenthalte im Alter) entfielen. Die Arbeitgeberverbände schlugen das „Rotationsprinzip“ vor, damit man die allgemeinen Infrastrukturkosten für die ausländischen Arbeitnehmer_innen möglichst gering halten könnte und einen Daueraufenthalt derselben sich ausschließen ließe. Doch dies hätte auch den Nachteil mit sich gebracht, dass gut eingearbeitete Arbeitskräfte wieder hätten gehen müssen. Auch die Gewerkschaften, Kirchen und Parteien widersprachen aus ethischen Gründen. Die Arbeitsmigranten und Migrantinnen, die dageblieben waren, lebten auf Abruf in Deutschland, schickten ihre Ersparnisse in die Heimat zurück, verzichteten auf Konsum und Freizeit und organisierten sich meist nicht gewerkschaftlich. Zeitgleich mit dem Anwerbestopp hatte man den Familiennachzug zugelassen. Viele „Gastarbeiter“, so war die offizielle Bezeichnung, fürchteten, dass sie – einmal für eine Weile aus der Bundesrepublik ausgereist – nicht mehr in die Bundesrepublik würden zurückkehren können. Dies bewirkte, dass viele, die vielleicht zurück in ihr Herkunftsland gegangen wären, nun lieber in Deutschland blieben und ihre Familie nachholten. Sie wollten ihr provisorisches Leben verändern, sie wollten sich einrichten: Sie zogen aus den Wohnheimen aus, suchten Mietwohnungen, hatten sinkende Sparquoten und die Verbindungen nach Hause wurden loser (Herbert 2003: 233).

Wo konnten sie hinziehen? Sie zogen in billige, fabriksnahe Wohnungen oder in Sanierungsgebiete in der Innenstadt. Viele Vermieter nutzten die Situation aus: Sie vermieteten ihre Wohnungen an die „Ausländer“, ließen die Wohnungen jedoch verfallen und bekamen so die angestrebte Abbruchgenehmigung, mit der sie rentablere Bürogebäude errichten konnten. Es entstanden so etwas wie „Einwandererkolonien“, denen eine doppelte Funktion zukam: Für Neuankömmlinge wirkten sie als Integrationsschleuse in die neue Gesellschaft und gleichzeitig als Ort der Orientierung und des Haltes in der Herkunftskultur. Als Reaktion auf die regionalen Konzentrationen wurden 1975 bis 1977 in einigen deutschen Städten Zuzugssperren eingerichtet, die einen weiteren Zuzug ausländischer Bevölkerung in bestimmte Stadtteile verhindert sollten.

Die ausländerpolitische Leitlinie der Bundesregierung im Jahre 1974 lautete: „Integration auf Widerruf“, was vor allem für die heranwachsende zweite Generation, die Kinder der Gastarbeiter_innen, einen kaum zu erfüllenden Spagat bedeutete. Die Kinder sollten im deutschen Schulsystem bestehen, sie sollten aber sprachlich, emotional und sozial an die (häufig nie erlebte) Heimat gebunden bleiben. Viele Kinder, die erst später von ihren Verwandten nachgeholt wurden, erlebten einen Schock, da ihre Biographie in keinster Weise mit derjenigen der einheimischen Jugendlichen vergleichbar war.

Man blieb politisch lange bei der Prämisse, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und auch nicht werden dürfe. Man versuchte, eine weitere Einwanderung, die zwangsweise nur als Familiennachzug stattfinden konnte, weiter zu unterbinden. Doch dies war nicht einfach mit dem besonderen Schutz der Familie, der im Grundgesetz festgeschrieben ist, vereinbar. War unter Integration Einbürgerung zu verstehen? Wie sollte man mit den Kindern der Einwander_innen bei der Beschulung verfahren? Der Kern der Debatte richtete sich nun auf die türkischen Einwander_innen, die die numerisch größte Gruppe stellten.

Pointiert könnte man formulieren: In der fordistischen Arbeitsgesellschaft waren diese Migrant_innen funktional für die Arbeitswelt, in der städtischen Entwicklung wurden die Migrantinnen und Migranten erst wahrgenommen, als Defizite bezüglich ihrer Integration in die Stadtgesellschaft offensichtlich wurden ober aber als die Zuwanderinnen begannen, öffentlichen Raum mit eigenen Symbolen wie beispielsweise Moscheen zu besetzen. Jeweils dann kam es zu offenen Auseinandersetzungen.

Die unübersehbaren Probleme der Exklusion manifestierten sich auch im Stadtraum. Es blieb kein Platz für eine Wahrnehmung des Migranten als einem eigenständigen Akteur, er oder sie blieben auf die Zuschauerränge am Rande der Tribüne der Stadtgesellschaft verwiesen, wurden in ihren Ansprüchen als Appendix des ‚einheimischen‘ Arbeitnehmers gesehen. Mit dem ökonomischen Strukturwandel entstand auch ein Sockel struktureller Arbeitslosigkeit bei den ehemaligen Industriearbeitern und diese waren nun häufig auf kontinuierliche staatliche Transferleistungen angewiesen. Was im angelsächischen stadtsoziologischen Jargon als „urban marginality“ betitelt wurde, die zunehmende Peripherisierung und Stigmatisierung armer Nachbarschaften, die zunehmende kontrollierende Verwaltung von Segregation und Integration als Instrument sozialer Kontrolle mit dem Ziel des Schutzes der wohlhabenden Klassen (vgl. hierzu Waquant 1999), wurde in Deutschland nicht in diesem Maße geführt.

Doch in der bundesrepublikanischen sozialwissenschaftlichen Literatur wurde anerkannt, dass es starke Veränderungen gegeben hatte: Aus den „Unterschichteten“ wurden nun „Überflüssige“ (Bude 2006:11), die in ausgrenzenden Quartieren lebten. Soziale Exklusion bezeichnete die andere Seite verstärkter Anstrengungen zur sozialen Inklusion durch eine veränderte Grammatik unserer wohlfahrtsstaatlichen Versorgung und auf die nun mit sozialen Maßnahmen und Programmen wie der „Sozialen Stadt“ reagiert wurde. Strukturelle Ungleichheiten produzierten „soziale Folgen“ und stellten damit die Städte insgesamt vor die Frage der Ressourcenverteilung. Das Quartier als „kollektive soziale Ressource“ wurde nun zum Ausgangspunkt zur Beeinflussung von Ausgrenzung (Kronauer 2002). Die anhaltende sozialräumliche Polarisierung in vielen Städten deutete in Richtung einer urbanen Marginalisierung. In dem 2004 erschienenen Buch  „An den Rändern der Städte“ (Kronauer 2004, S. 9) heißt es:
„Die Parallelität von Unterschichtszugehörigkeit und Herkunft aus einer ethnischen Minderheit bedingt eine Kumulation von struktureller Benachteiligung und Diskriminierung auf den Wohnungs- und Arbeitsmärkten, wodurch kaum überwindbare Barrieren der Integration entstehen können“.

Die kritische Stadtsoziologie analysierte eine Peripherisierung und Marginalisierung der migrantischen Bevölkerung in den Städten – so wie diese über die verfügbaren Statistiken bis heute abgebildet wird. Die Migrant_innen waren im urbanen Raum marginalisiert, sie spielten im öffentlichen Leben jedoch keine aktive Rolle bzw. wurden noch nicht als „städtische Akteure“ wahrgenommen.

Die Perforierung der üblichen Erwerbsformen und die Zunahme beruflicher Selbständigkeit
Die allmähliche Perforierung der industriellen Gesellschaft seit den späten 1980er Jahren und die damit einhergehende Verflüssigung der segmentierten Arbeitsmärkte brachte insgesamt stärker risikobehaftete Arbeitsformen für sehr viele Arbeitnehmer_innen mit sich. Während große Teile der von den Arbeitgeber_innen nicht länger gebrauchten Arbeitnehmer_innen von abfedernden Sozialprogrammen profitierten, stellte sich für die Jüngeren immer deutlicher die Frage, in welche Formen der Erwerbstätigkeit sich angesichts der rasch verlaufenden Flexibilisierung sie sich eigentlich integrieren sollten. Ob Solo-Selbständige oder Scheinselbständige: Die Zunahme aller möglichen Formen der Selbständigkeit deutete darauf hin, dass das Normalarbeitsverhältnis nach und nach in neue Formen der Beschäftigung ausfranste. Migrantische Selbständigkeit in den Städten war bis dahin die Ausnahme gewesen – und wurde auch nicht durch Maßnahmen und Programme unterstützt. Die verfügbaren Daten zur räumlichen Verteilung der migrantischen Unternehmen in Deutschland zeigen bis heute, dass migrantische Unternehmen fast immer städtische Projekte sind, allein schon deshalb, weil sie meistens in Städten angesiedelt sind. Hier nehmen sie heute eine besondere Position ein, die sich vielfach auch auf den umgebenden Stadtteil auswirkt. Immer noch belegen die statistischen Daten über die Arbeitsmarktintegration jedoch auch die strukturelle Benachteiligung der migrantischen Bevölkerung am Arbeitsmarkt: Sie ist doppelt so häufig arbeitslos, Armutsrisiken stärker ausgesetzt und verdient nach wie vor weniger gut als die einheimische Bevölkerung.

Doch es hat sich etwas verändert in den bundesdeutschen Städten. Natürlich gibt es weiterhin eine Sockelarbeitslosigkeit, gibt es Formen der Marginalisierung. Die Sinus-Studie von 2008 hat es zum ersten Mal quantitativ und qualitativ auf den Punkt gebracht: Es sind neue Milieus entstanden und damit auch ganz neue Ansatzpunkte für die Stadtentwicklungspraxis denkbar. Auch findet man heute, zumindest in Berlin, beispielsweise Events wie den „Karneval der Kulturen“, der mittlerweile Millionen von Menschen auf die Straße lockt. Selbstverständlich handelt es sich hier um Events, die nicht Teil des Alltagshandelns sind. Die Besonderheit liegt auf der symbolischen Ebene: Die Stadt ist jetzt gelegentlich auch eine Bühne für das „Migrantische“, aber nicht das „Exotische“, und die Mehrheit der Stadtbevölkerung nimmt als Zuschauerinnen und Zuschauer teil. Alle sind eingeladen, an den Vorbereitungen zu dem Event teilzunehmen und die Beteiligung von Migrantinnen und Migranten erhält eine Form der Wertschätzung, die es sonst nicht in dem Maße gibt

Wahrscheinlich macht es daher heute mehr Sinn, von einer entstandenen „marginalen Urbanität“ anstatt von „urbaner Marginalität“ in den Städten ausgehen – ohne damit vorhandene Ungleichgewichte zu beschönigen wollen. Gemeint ist, dass die Migrantinnen und Migranten einen viel stärkeren Stellenwert für die städtische Entwicklung besitzen und verkörpern, als dies noch vor einigen Jahren angenommen wurde. Migration und Migrant_innen sind damit zentral für die Stadtentwicklung geworden. Nicht nur weil die „Menschen mit Migrationshintergrund“ in einigen Städten in den jungen Alterskohorten bereits heute die Mehrheit stellen, sondern auch weil die gesamtgesellschaftliche Wahrnehmung sich allmählich verändert: Es lässt sich kaum noch bestreiten, dass es viele sehr erfolgreiche Migrantinnen und Migranten gibt.

Die Präsenz von migrantischen Kulturen im Stadtraum wird immer öfter als „normal“ wahrgenommen und es wird nicht mehr nur mit „Exotik“ oder „Problemen“ assoziiert.
Bislang sind die Reaktionen der Stadtentwicklung noch weitgehend an den gängigen Stereotypen orientiert: Wo möglich, wird vermarktet. So bewerben Städte mit traditionell starken Einwanderervierteln wie London und Amsterdam ihre „ethnischen Distrikte“, sie konzentrieren Teile ihres Stadtmarketings auf diese Gruppe. Berlin hat dies zaghaft auch für Neukölln versucht, wie sich an der starken Beteiligung von Migrantinnen und Migranten am Kulturfestival „48-Stunden Neukölln“ ablesen lässt. In zahlreichen Migrationsmuseen wird „Migrationsgeschichte“ heute ausgestellt. Doch wie sich eine Stadtentwicklung unter Einbeziehung migrantischer Bewohner__innen erreichen lässt, dies ist bislang noch kaum erforscht und – aufgrund der vorhandenen strukturellen Ungleichheiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen – auch sehr viel schwieriger zu realisieren. Eine aktuelle Studie zu Bremen-Gröpelingen zeigt beispielsweise, dass gerade die erfolgreichen Migrantinnen und Migranten besonders mobil sind und den angestammten (migrantischen) Stadtteil am ehesten verlassen möchten.

Das hier vorgestellte Buch geht davon aus, dass die Entstehung dieser „marginalen Urbanität“ in einem ersten Schritt am besten über eine Analyse des migrantischen Entrepreneurships verstanden werden kann. An der Position und  der Bedeutung migrantischer Ökonomien für die europäischen Städte kann man sehen, wie sich die Inanspruchnahme des öffentlichen Raumes in den großen Städten wandelt. Ohne eine Einbettung in den städtischen Kontext können migrantische Ökonomien nicht funktionieren. Sie bieten dem städtischen Kontext zugleich etwas an, das zu deren innerster Eigenschaft beiträgt: zu deren Urbanität. Die Be- und Verarbeitung des Fremden in der Stadt, der Umgang mit „Differenz“, ist ein Kernelement des Städtischen.

 

 


"Marginale Urbanität" erschienen 2011 im
transcript Verlag.

Die Beiträge des Buches
Das Buch befasst sich dezidiert mit den Ausprägungen der migrantischen Ökonomien in den Städten. Die überwiegende Zahl der Beiträge beschäftigt sich mit der bislang kaum empirisch untersuchten Gruppe der Migrant_innen aus so genannten Entwicklungs- bzw. Schwellenländern. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Frage, wie sich Transnationalität in die Prozesse der Stadtentwicklung übersetzt sowie die Wechselwirkung, in der sich Migration und Stadtentwicklung befinden.

Allen hier präsentierten Originalbeiträgen liegen empirische Untersuchungen zu Grund. Eine Ausnahme bildet der ins Deutsche übersetzte Beitrag von Jan Rath und Robert Kloosterman, der 2010 in einem OECD-Bericht erschienen ist. Der Sammelband ist inhaltlich so strukturiert, dass zunächst drei konzeptionelle Beiträge in die Diskussion einführen. Es folgen drei Beiträge, die sich mit der beruflichen Selbständigkeit von Migrantinnen und Migranten aus osteuropäischen, asiatischen und südamerikanischen Ländern in verschiedenen deutschen Städten befassen. Der dritte Abschnitt umfasst zwei Beiträge zu den afrikanischen Unternehmer_innen und Unternehmern bzw. dem Einfluss afrikanischer Entrepreneurs in zwei Städten in Ostdeutschland: in Berlin und in Chemnitz. Allein die regionale Gliederung der nationalitätenspezifischen Analyse spricht für sich: russischsprachige Migranten und Migrant_innen wurden in Düsseldorf befragt, Philippinos/as und Inder/Inderinnen in Frankfurt am Main und in Berlin, Vietnames_innen und Afrikaner_innen in Berlin und Chemnitz. Damit sind die präsentierten städtischen Wirklichkeiten allesamt großstädtischen Charakters und sie zeigen, dass ‚marginale Urbanität‘ für Migrant__innen und städtische Gesellschaften bedeutet, auf einer Grenze zu balancieren: einerseits das krisenhaft Produktive zu nutzen, andererseits die Gefahr der Ausgrenzung anzuerkennen.

Der erste Beitrag von Felicitas Hillmann und Elena Sommer bietet eine konzeptionelle Zusammenfassung der aktuellen Diskussion zur beruflichen Selbständigkeit von Migranten und Migrantinnen – was gibt es Neues? Außerdem wird erstmals die detaillierte Auswertung vorhandener Daten zur beruflichen Selbständigkeit von Migrantinnen und Migranten vorgestellt. Die Autorinnen greifen daher auf die Daten zu den Gewerbeanmeldungen zurück: so gibt es einen klaren Trend zu zunehmenden Gewerbemeldungen von ausländischen Staatsbürger_innen in den meisten deutschen Städten, eine Persistenz des West-Ostgefälles, sowie geschlechts- und nationalitätenspezifische Unterschiede. Es sind längst nicht mehr Döner & Bulette und auch nicht das Klischee vom italienischen Pizzabäcker, sondern es zeigt sich eine breite Palette von ausgeübten Tätigkeiten, ein breites Spektrum an engagierten Nationalitäten. Vorausgesagt wird eine zukünftig noch stärkere Diversifizierung der migrantischen Ökonomien und es wird ein notwendiger Fokus auf die Aktivitäten der zweiten Generation als Forschungsdesiderat unterstrichen.

Der zweite Beitrag von Kloosterman und Rath öffnet den Blick für die europäische Diskussion. In diesem Beitrag wird zunächst das Konzept der „mixed embeddedness“, eines der meist diskutierten Konzepte in der Forschung zu migrantischem Unternehmertum, vorgestellt. Es folgt eine Übersicht über die politischen Strategien und Maßnahmen, die in 32 europäischen Ländern zur Stärkung migrantischen Unternehmertums zur Anwendung kamen. Die Autoren belegen, dass sich die Strategien und Maßnahmen ganz überwiegend auf die Akteure selbst, aber jeweils nur in der Phase der Unternehmenseröffnung, beziehen, nicht aber auf die strukturell gegebenen „Ermöglichungsstrukturen“. h

Der dritte Beitrag stammt von Yildiz  und bietet einen konzeptionellen Zugang zum Spannungsfeld „Stadt und migrantische Ökonomien“. Migration wird als integraler Bestandteil des städtischen Lebens aufgefasst, die Betonung von migrantischen Ökonomien sogar als Leitbild einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung eingefordert. Der Beitrag weist auf eine entstandene Kultur der Selbständigkeit hin, auf die Übernahme von Risiken, u.a. durch die Nutzung informeller Ressourcen, die von den Migrant_innen eingegangen werden.

Der von Sommer verfasste vierte Beitrag widmet sich den russischsprachigen Migrantinnen und Migranten. Sie zeigt, wie wenig verallgemeinerbar die Strategien der Migrant_innen sind, wie stark es ihnen vielmehr um „Unauffälligkeit“ geht und wie man als Außenstehender auch kaum eine eigenständige russischsprachige migrantische Ökonomie ausmachen kann. Ein Exkurs über den Arztberuf und die erzwungene „Vorlaufzeit“ vieler Ärzt_innen als Assistent_innen oder Hilfspersonal macht nicht nur die Grenzen der formellen Regulierung (Anerkennung des Berufsabschlusses), sondern auch die viel tiefer liegenden kulturellen und sozialisationsbedingten Determinanten des Unternehmertums deutlich.

Im fünften Beitrag widmet sich Schmiz den Handlungsstrategien vietnamesischer Großhändler_innen in Berlin. In Anspielung auf die ‚marginale Urbanität‘ spricht sie von ‚marginalen Ökonomien‘ und untersucht die transnationale Einbindung der vietnamesischen Großhändler in globale Liefer- und Produktionsbeziehungen. Die Einbindung in transnationale Netzwerke stellt für die Großhändler_innen eine berufliche Expansionsstrategie dar.

Der sechste Beitrag von Hillmann und Bröring fasst die Ergebnisse eines DFG-Forschungsprojektes zur Arbeitsmarktintegration von Migrant_innen aus sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern zusammen. Während die quantitative Analyse der vorliegenden Mikrozensusdaten und der verfügbaren Arbeitsmarktdaten sich auf die Gesamtgruppe dieser Nicht-EU-Einwanderer bezieht, beschränkt sich die qualitative Analyse auf Migrant_innen aus den Philippinen, Indien und Brasilien. Auch in diesem Beitrag zeigt sich, dass die Arbeitsmarktintegration für den Großteil der Migrant_innen unspektakulär, d.h. in der erwartbaren Art und Weise verläuft. Dennoch haben die betrachteten Nationalitätengruppen besondere Strategien des Arbeitsmarktzuganges entwickelt. Diese sind: Internationalisierung, Dequalifizierung und Selektivität sowie die Akzeptanz von Prekarität.

Kapitel sieben und acht beschäftigen sich mit der Situation afrikanischer Migrant_innen bzw. Entrepreneurs in deutschen Städten. Das Kapitel von Taube beschäftigt sich mit den in den letzten zehn Jahren entstandenen Afroshops in Berlin. Aus den Gesprächen mit den Unternehmer_innen wird deutlich, dass häufig die ökonomische Funktion des eigenen Unternehmens in den Hintergrund tritt, während die soziale Funktion als öffentlicher Ort zur Ausbildung neuer Geschäftsideen führen kann. Sie zeigt, wie viele Unternehmen sich nur kurze Zeit am Markt halten können. Auch weist Taube auf die noch weithin noch unerforschte Rolle der Migrant_innen der zweiten Generation für migrantisches Unternehmertum und Stadtentwicklung hin.

Das neunte, von Carstensen Egwuom verfasste, Kapitel interessiert sich weniger für das migrantische Unternehmertum an sich und für den ‚Integrationserfolg‘ dieser Zuwanderungsgruppe, sondern es geht um ein Verständnis darüber, wie Migrant_innen ihre Positionen in sozialräumlichen Beziehungsgefügen finden und gestalten. Sie zeigt, wie sich erstens die Kompetenzen der Stadtverwaltung Chemnitz in Sachen Migration im Sozialamt bündelten und damit auf eine relativ beschränkte Wahrnehmung von Migration in der Stadt hindeuten. Am Beispiel eines in Chemnitz lebenden Afrikaners arbeitet die Autorin dann heraus, wie die Figur des „lokalen öffentlichen Ausländers“ entsteht und wie die anderswo erprobte Vermarktung von multikulturellen Stadtimages scheitert, weil diese Stratege an City-scales gebunden ist.

Literatur
Heinz Bude und Andreas Willisch (Hg.) (2006): Das Problem der Exklusion. Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige.Hamburger Edition (2006).

Hillmann, Felicitas (2007): Migration als räumliche Definitionsmacht? Beiträge zu einer neuen Geographie der Migration in Europa. Reihe „Erdkundliches Wissen“, Band 141, Steiner Verlag, Stuttgart, 321 S.

Hillmann, Felicitas und Doris Wastl-Walter (Hg) (2011): Geschlechtsspezifische Geographien der Migration, Schwerpunktheft der „Beiträge zur deutschen Landeskunde“, Institut für Länderkunde, Leipzig.

Hillmann, Felicitas (2010):  „Internationalisierung von unten“: Migration in der Stadtentwicklungspraxis in Deutschland. In: Architektur und Baukultur - Reflexionen aus Praxis und Wissenschaft. Hg. Von Johannes N. Müller, DOM Verlag Berlin, 2010, S.112-117

Hillmann, Felicitas (2011): Grosse Schiffe am Horizont und Fragmentierung zu Hause. Stadtentwicklung in Genua. Reihe: Forum IFL, Institut für Länderkunde Leipzig, 63 S.

Hillmann, Felicitas (Hg.) (2010):New geographies of migration, Schwerpunktheft „Die Erde“, Berlin.

Hillmann, Felicitas und Michael Windzio (Hg.) (2008): Migration und städtischer Raum, Chancen und Risiken der Segregation und der Integration. Verlag Barbara Budrich, 330 S.
 

 

PD Dr. Felicitas Hillmann lehrt und forscht an der Freien Universität Berlin, Institut für Geographische Wissenschaften. Sie forscht seit vielen Jahren zu den Themen Migration, Integration und Stadtentwicklung.

   

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