Care Crisis: Welche Auswirkungen haben Migrationspolitiken auf Geschlechtergerechtigkeit?

Care Crisis: Welche Auswirkungen haben Migrationspolitiken auf Geschlechtergerechtigkeit?

von
Emilia Roig
Heinrich-Böll-Stiftung
Veröffentlichungsort: Berlin
Veröffentlichungsdatum: März 2014
Seitenzahl: 31
Sprache der Veröffentlichung: deutsch
Lizenz: CC-BY-NC-ND
Alle Ausgaben: E-Paper

Neben der Schaffung von Arbeitsplätzen als Reaktion auf den bestehenden Pflegebedarf, ist ein zentrales Argument zur Rechtfertigung der Förderung häuslicher Pflege[1] die Gleichstellung der Geschlechter. Emilia Roig argumentiert in diesem Paper, dass das benannte Politikziel, das produktive Potenzial besser qualifizierter Frauen zu “befreien”, den Gender Gap, also den Unterschied zwischen den Geschlechtern, vergrößert anstatt Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsplatz zu begünstigen. Offizielle Berichte zur Geschlechtergerechtigkeit in Deutschland besagen, dass einer der Hauptgründe der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt die Geschlechtersegregation der Berufe ist (BMFSFJ 2011).

Politiken, die Dienstleistungen für Hausarbeit und häusliche Pflege fördern, tragen zur Entwicklung eines stark feminisierten, prekären und gering qualifizierten Arbeitssektors und damit indirekt zum Anstieg des Lohngefälles zwischen Männern und Frauen bei. Dieser Artikel analysiert die kombinierten Effekte der Familien-, Arbeitsmarkt-, Gleichstellungs- und Zuwanderungspolitik auf die Situation von rassifizierten[3] Frauen in der Pflegebranche. Welche Ziele verfolgen die unterschiedlichen Politiken und, was am wichtigsten ist, wie werden sie artikuliert? Wie lassen sich das Politikziel und die verfassungsmäßige Pflicht zur Verbesserung der Geschlechtergleichstellung mit dem Wachstum eines höchst prekären, geschlechtergetrennten, durch die Überrepräsentation von rassifizierten Frauen gekennzeichneten Arbeitssektors in Einklang bringen? Besondere Aufmerksamkeit wird auf die Auswirkungen von gender- und „farbenblinden“ öffentlichen Politiken und Gesetze gelegt. Wie wirken scheinbar neutrale Gesetze spezifisch auf Frauen und/oder rassifizierte Minderheiten? Durch welchen Prozessen werden solche (un)beabsichtigten Effekte erzeugt?

Der erste Teil des Papers verbindet Migrationspolitik mit dem Pflegemarkt; im zweiten Abschnitt werden die geschlechts- und ethnizitätsbezogenen Effekte der Flexibilisierung des Arbeitsmarkt auf Pflegekräfte analysiert; und schließlich wird das Zusammenspiel von Heteronormativität, struktureller Geschlechterungleichheit, und genderblinden Gesetzen und Politiken untersucht.

 

Über die Autorin

Emilia Roig studierte Betriebswirtschaftslehre, Jura und Public Policy in Lyon, London und Berlin. Nachdem Sie mit einem Master of Business Administration in Internationalem Recht an der Universität Lyon 3 sowie mit einem Master of Public Policy an der Berliner Hertie School of Governance abgeschlossen hatte, arbeitete sie für die Internationale Arbeitsorganisation ILO und verschiedene auf Frauenrechte und Geschlechtergleichheit spezialisierte NGOs in Ecuador, Tansania, Kenia und Kambodscha. Sie war außerdem für zwei Jahre in der Interessenvertretung von Amnesty International tätig. Emilia Roig promoviert aktuell an der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Sciences Po in Lyon, Frankreich, in Politikwissenschaften. Sie ist Stipendiatin am Marc Bloch Zentrum in Berlin und bei der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Herbst 2012 war sie als Gastdozentin an der Columbia University in New York City, zusammen mit Professor Kimberlé Crenshaw. In den vergangenen drei Jahren hat Emilia Roig zahlreiche Bachelor- und Masterseminare zu Europäischem und Internationalem Recht an der Universität Lyon 3 in Frankreich gehalten und postkoloniale Studien und Theorien zur Intersektionalität an der Humboldt Universität zu Berlin sowie der Freien Universität Berlin gelehrt. Ihre Forschungsinteressen beinhalten feministische Theorie, kritische Rassismustheorie, Intersektionalität, postkoloniale Theorien sowie Epistemologien im Zusammenhang mit Rassismus und Geschlecht.

 

 

 

[1] Die in diesem Paper verwendete Begriffe von ‘Sorgearbeit’ oder ‘Pflege’ verweisen auf alle Tätigkeiten, die mit “reproduktive Arbeit” in private Haushalten verbunden sind, wie z.B. putzen, kochen, und die Pflege anderer Menschen. Wir werden später sehen, dass die Differenzierung zwischen “Hausarbeit” und “Pflegearbeit”, die in Gesetzestexten betrieben wird, die Hierarchisierung zwischen Arbeiterinnen aufgrund von Einwanderungsstatus, ethnische Herkunft und Rasse verstärkt, oder diese überhaupt erst konstruiert. Aus diesem Grund, und weil reproduktive Aufgaben meistens schwer differenzierbar sind, werde ich die allgemeine Bezeichnungen “Sorgearbeit” oder “Pflege” verwenden, um sowohl Hausarbeit, als auch Pflege zu bezeichnen.

[2] Brunet, S. & Dumas, M., 2012. Bilan de l’application des dispositifs promouvant l'égalité professionnelle entre femmes et hommes. Les Editions des Journeaux Officiels, Conseil Economique, Social et Environnemental, March.

[3] Gemeint sind hier Frauen, die als Migrantinnen, mit Migrationshintergrund und/oder als Frau of Color im bundesdeutschen kontext „migrantisiert“ werden.

[4] Die Kategorie “Rasse” verweist auf ein sozialpolitisches und analytisches Konzept. Es wird nicht als biologische Kategorie verstanden, sondern als soziales und historisches Konstrukt, das soziale Realitäten in Europa, darunter auch Deutschland, zu widerspiegeln gibt. Die Verwendung des Begriffs “Rasse” trägt zur Anerkennung von Rassifizierungsprozesse im europäischen Kontext bei, die auf Religion, Kultur, Hautfarbe, ethnische Herkunft und Sprache basieren. See Roig, E. & Barskanmaz C. 2013. La Republique gegen Rasse. Verfassungsblog: on Matters Constitutional. http://www.verfassungsblog.de/de/la-republique-against-race/ [Accessed 21.11.13]