Dossier Schule mit Migrationshintergrund

Dossier Schule mit Migrationshintergrund

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Was braucht die Schule in der Einwanderungsgesellschaft? Das Dossier stellt theoretische Konzepte und erfolgreiche Projekte vor.

Interkulturelle Schule

Margary Martin zeigt an Beispielen aus Schweden und den USA, wie erfolgreich Schulen die besonderen Lebensumstände von Migrantenkinder, insbesondere gesellschaftliche Barrieren, denen sie im Alltag begegnen, in den Unterricht einbeziehen können. 

Teresa Aguado und Margarita del Olmo stellen den INTERguide vor, einen Ratgeber, mit dessen Hilfe Schulen und LehrerInnen ihre Vorstellungen von Diversität, Ziel und Anliegen der Schule sowie ihre Unterrichtsmethoden kritisch hinterfragen lernen und an die Einwanderungsrealität anpassen können. 

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Im Nationalstaat diente die allgemeinbildende Schule der Erziehung zum Bürger durch kulturelle Vereinheitlichung. Angesichts des Bekenntnisses zu einer modernen pluralen Gesellschaft öffnet sich die interkulturelle Schule heute den vielfältigen kulturellen Hintergründen ihrer SchülerInnen. Die Anerkennung von Differenz ohne die ethnische Zu- und Festschreibung sowie die Gewährleistung von Chancengleichheit sollen Kennzeichen einer interkulturellen Schulkultur sein, die Vielfalt mit demokratischen Spielregeln verbindet. 

Mit QUIMS stellt Stefan Mächler ein beispielhaftes Programm zur Schulentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft vor. Ausgehend von den Einzelschulen wird ein schulübergreifendes Programm entwickelt, mit dessen Hilfe sich Chancengleichheit und hohe Qualität vereinen lassen. Ziel ist die Veränderung des Gesamtsystems zugunsten gleicher Bildungschancen für SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund.

Diskriminierung in der Schule

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Diskriminierung findet statt, wenn Gleiche ungleich behandelt werden, oder wenn Ungleiche am selben Maßstab gemessen werden. Beide Formen der Diskriminierung sind in Bezug auf Migranten im deutschen Bildungssystem festzustellen. Diskriminierung geschieht durch Vorurteile und unzureichende Verantwortungsübernahme von EntscheidungsträgerInnen, durch bildungspolitische Rahmenbedingungen oder schulspezifische Organisationsprozesse und -strukturen. Diskriminierung tritt nicht systemspezifisch auf, sondern ist mit anderen Gesellschaftsbereichen verwoben.

Mechthild Gomolla erklärt das Konzept der institutionellen Diskriminierung und wie sich diese auf Übergangsempfehlungen an Übergangsschwellen im Schulsystem auswirken. Insbesondere mit dem Blick auf Großbritannien macht sie deutlich, wie darüber hinaus die Selektion durch die Tendenz der Autonomisierung und die Einführung von Marktprinzipien verschärft wird.

Der Ruf nach mehr Lehrkräften mit Migrationshintergrund an Schulen und Hochschulen versperrt den Blick darauf, dass auch diese täglichen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Magdalena Tartakowska und Lisanne Ackermann berichten von Erfahrungen solcher Lehrkräfte insbesondere aus dem Ausland - ein Thema, das in Deutschland bislang kaum erforscht ist.

 

Im Gegensatz zu Deutschland verfügt Großbritannien über eine Tradition antirassistischer und Antidiskriminierungs-Gesetzgebung und Bildungspolitik, die bis in die 70er bzw. 80er Jahre zurückführt. Wie Schulen diese umsetzen, hängt häufig davon ab, wie heterogen ihre Schülerschaft ist. Dennoch bleiben Fragen fortwährender ungleicher Bildungsbeteiligung und rassistischer Übergriffe an Schulen ungeklärt, stellt Vini Lander fest.

 

Borris Diederichs diskutiert das Konzept affirmative action für das deutsche Bildungssystem und zeigt Probleme und Grenzen dieses Konzepts auf. Notwendig seien multidimensionale Strategien, die alle Akteure des Erziehungs- und Bildungsprozesses einbeziehen.

Elternbeteiligung

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Das Elternhaus ist neben der Schule ein bedeutender Einflussfaktor auf den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen, wie PISA für Deutschland zeigt. Eltern bestimmen aufgrund ihrer eigenen Bildungs- und Einkommenshintergrunds die Schullaufbahn ihrer Kinder, sie signalisieren Leistungserwartungen, beeinflussen durch ihre Förderung die kindliche Entwicklung und durch ihre Kontrolle, insbesondere der Hausaufgaben, den schulischen Erfolg. Unter anderem dadurch entsteht die enge Kopplung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Ein gängiges Vorurteil richtet sich auf die mangelnde Bildungsorientierung und schulische Unterstützung von und durch Migranteneltern. Tatsächlich muss sich auch die Elternarbeit von Schule interkulturell öffnen, um die Eltern in die schulischen Prozesse zu integrieren. Des Weiteren bedarf es starker Elternvertretungen, die den Rechten und Forderungen von Eltern mit Migrationshintergrund Verhör verschaffen.

Türkische wie deutsche Eltern erstreben für ihre Kinder die höchsten Bildungsabschlüsse. Unterschiede liegen darin, was mit Bildung erreicht werden soll, sowie wer für die Bildung der Kinder verantwortlich ist - die Schule oder das Elternhaus? Die Erkenntnisse über die elterlichen Vorstellungen von Bildung, die Birgit Leyendecker aufzeigt, geben Hinweise darauf, was in der Kommunikation zwischen Schule und Eltern bedacht werden muss.

Adolfo Fernández führt am Beispiel des spanischen Elternvereins vor, welche große Bedeutung Elternselbstorganisationen haben und wie mit Hilfe von Elternvereinen die Bildungsergebnisse verbessert werden können.

Annette Spieler, Schulleiterin der Fichtelgebirge-Grundschule, berichtet von alternativer und interkultureller Elternarbeit an ihrer Schule mit Hilfe der Einrichtung eines Elterncafés. Das Café bietet einen Rahmen, in dem Eltern und Schule sich austauschen können und der Eltern dazu anregt, sich aktiv ins Schulgeschehen einzumischen.

Sabine Kümmerle, Alexei Medevedev und Toralf Gonzales beschreiben, wie die Hamburger Beratungs- und Koordinierungsstelle zur beruflichen Qualifizierung von jungen Migrantinnen und Migranten (BQM) gezielt die verschiedenen Migrantengruppen zu erreichen versucht. Ziel ist die Optimierung von Information und Beratung von Migranteneltern zur besseren Unterstützung ihrer Kinder beim Übergang von der Schule in den Beruf.

Mentoring und Förderung in Schule und Beruf

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Fördermaßnahmen für SchülerInnen mit Migrationshintergrund müssen an deren besondere Bildungsvoraussetzungen anknüpfen. Diese liegen insbesondere in einem Alltag, der von mehr als nur einer Sprache bestimmt ist. Schul- und bildungssprachliche Kompetenzen stehen wiederum in einem engen Zusammenhang mit Schulerfolg. Ein Schwerpunkt der Fördermaßnahmen wird entsprechend auf die sprachliche Förderung gelegt, die den besonderen sprachlichen Voraussetzungen Rechnung trägt.

Neben diesen Fördermöglichkeiten, die sich auf die kognitive Entwicklung konzentrieren, geht es aber auch um sozio-emotionale Unterstützung. Jugendliche sollen in ihren Potentialen und Kompetenzen, ihrer Motivation und Handlungsfähigkeit gestärkt werden. Als Ergänzung zur familiären Unterstützung ist dies unter anderem in Mentorenprogrammen der Fall.

Im Projekt wisniña sind Muliplikatorinnen mit Migrationshintergrund in Schulen und Berufsinformationszentren im Einsatz, um von ihren Erfahrungen in Ausbildung und Beruf, sowie der allgemeinen Ausbildungslage junger Migrantinnen zu berichten. Theodora Leite Stampfli zeigt wie mit Hilfe des Empowerment-Ansatzes junge Migrantinnen beim Übergang zwischen Schule und Beruf unterstützt werden.

Camilla Grupen stellt das vom Bundespräsidenten ausgezeichnete „Mercator-FörMig-Treff“-Projekt vor, das auf die Verbesserung dér sprachlichen und fachlichen Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund der Grundschulen und Sekundarstufen durch systematischen, außerschulischen Förderunterricht zielt.

Deniz Akpinar stellt das Mentoring Projekt „Junge Vorbilder“vor, das sich an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund der 9. bis 11. Klasse richtet und das Ziel verfolgt, diese SchülerInnen beim Wechsel auf eine weiterführende Schule bzw. Oberstufe mit Hilfe von MentorInnen zu unterstützen.

Bildungspolitische Herausforderungen

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Die Politik hat sich lange schwer getan mit entschiedenen Schritten zur Bildungsintegration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Es war neben dem PISA-Schock nicht zuletzt der Druck, den Wirtschaft und Stiftungsinitiativen, gestützt auf wissenschaftliche Expertise, erzeugt haben, der die Politik heute erklären lässt, dass Bildung der Schlüssel zur sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Integration ist. Noch sind die Schritte, die dieser Einsicht folgen müssen, nicht getan; noch ist vielfach unklar, in welche Richtung sie gehen sollten. Um Einsichten, gute Praxis und Engagement für eine kluge Politik zusammen zu bringen, wird es entschieden auf das Zusammenspiel zwischen Politik, wissenschaftlicher Expertise und den verschiedenen Akteuren aus Zivilgesellschaft, Schulen und Familien ankommen. Welche bildungs- und forschungspolitischen Herausforderungen sich daraus ergeben, erläuterten auf der Konferenz "Schule mit Migrationshintergrund":

 

Maurice Crul von der Universität Amsterdam unterstreicht die Wichtigkeit einer intensiveren europaweiten Zusammenarbeit der Forschungsinstutionen bei empirischen Vergleichsstudien, die den Wissenstransfer über erfolgreiche Projekte und Instrumente fördern.

Ursula Neumann, Mitorganisatorin der Konferenz, fasst die wichtigsten Konferenzergebnisse zusammen: erfolgreiche Bildungs- integration wird von den Schulen erzielt, die Verantwortung übernehmen. Ihre Schulleitungen geben klare Ziele vor, das Kollegium zieht mit; es herrscht ein Schulethos, das von Respekt geprägt ist und gegen Rassismus vorgeht. Gute Schulen kooperieren mit Menschen und Einrichtungen ihrer unmittelbaren Umwelt: mit Eltern, der Jugend- und Sozialarbeit, mit MigrantInnenorganisationen... Schließlich sichert der Staat durch Schulinspektionen die Qualität. 

Andreas Poltermann von der Heinrich-Böll-Stiftung stellt dar, dass die grüne politische Stiftung ihre Aufgabe vor allem in der Beratung der Politik und der Organisation öffentlicher Diskurse über Good Governance der Bildungsintegration sieht. Sein konkreter Vorschlag: Kommunalisierung der Schulpolitik in der Erwartung, dass sich viele deutsche wie Migranteneltern für eine leistungsstarke Gemeinschaftschule aussprechen werden.

Ekkehard Thümler von der Vodafone Stiftung betont Interesse und Verantwortung der Wirtschaft für Bildungsintegration und sieht Public-Private-Partnerships als erfolgversprechenden Weg. Dabei umreißt er mit der Gemeinschaftsschule auch den anzustrebenden institutionellen Rahmen für gelingende Bildungsintegration.