Dossier Politics of Diversity

Dossier Politics of Diversity

Diversity-Mask

Dieses Dossier möchte einen Beitrag dazu leisten, die Chancen von Politiken der Vielfalt zu erkennen und die Übertragung des Diversity-Ansatzes in den gesellschaftspolitischen Bereich vorzustellen.

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Dossier Politics of Diversity

Ein Dossier über den sich allmählich vollziehenden Perspektivwechsel bei der Gestaltung der gesellschaftlichen Vielfalt.

 

STÄDTISCHE DIVERSITÄTSPOLITIKEN

Städte sind Orte der Vielfalt. Kein Wunder also, dass der Diversity-Ansatz insbesondere im Bereich städtischer Integrations- und Gleichstellungspolitiken aufgegriffen wird. Forciert wird dieser Übergang zu städtischen Politiken der Vielfalt durch die wachsende ethnisch-kulturelle Vielfalt und den demographischen Wandel. Frühere „Minderheiten“ bestimmen immer mehr das Stadtbild. Damit verbunden ist der Übergang zu einer zielgruppenübergreifenden, ressourcen- und potentialorientierten städtischen Diversitätspolitik.

Nordamerikanische Städte wie Toronto oder San José sind Vorreiter von chancenorientierten Diversitätspolitiken. Mittlerweile sind aber auch europäische Städte wie Basel, Bern, Birmingham, Manchester, Rotterdam, Stockholm oder Wien auf dem Weg zu einer „Politik der Verschiedenheit“. Auch in einigen deutschen Städten ist die Entwicklung einer an Diversity orientierten Politik der Vielfalt zu beobachten.

Junge mit Plakat und der Aufschrift "My Toronto inculdes everyone"

Der Politikwissenschaftler Ahmed Allahwala analysiert die Politics of Diversity der als Vorreiter geltenden kanadischen Stadt Toronto vor dem Hintergrund gewandelter Rahmenbedingungen und beschreibt die mit einem Wechsel von Gleichstellung zu Diversity verbundenen substanziellen Verschiebungen in der städtischen Integrationspolitik.

Beiträge

MigrantInnen in der Wiener Favoritenstrasse

Die Stadt Wien gilt im deutschsprachigen Raum als Pionierstadt bei der Entwicklung einer Diversitätspolitik und wird international für ihren Ansatz ausgezeichnet. Der Beitrag von Dr. Ursula Struppe, Leiterin der Magistratsabteilung Integrations- und Diversitätsangelegenheiten der Stadt Wien, zeichnet den Weg der Stadt von einer Integrationspolitik zu einer städtischen Politik der Vielfalt mit ihren verschiedenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteilen nach.

Frankfurter Strassenszene

Helga Nagel, Leiterin des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt am Main, beleuchtet die komplexen Rahmenbedingungen, unter denen eine Frankfurter Diversitätspolitik entwickelt werden kann. Sie verdeutlicht, dass ein nachhaltiges und erfolgreiches Umsteuern nur unter der Beteiligung vieler AkteurInnen gelingen kann und Diversity Management, Gleichbehandlungs- und Antidiskriminierungsansätze auf sinnvolle Weise in einer Diversitätspolitik verbunden werden müssen.

Ankunft in der Schweiz – am Züricher Flughafen

Thomas Kessler, Delegierter für Migrations- und Integrationsfragen des Kantons Basel-Stadt, beschreibt die Schweiz als einen globalisierten Raum, in dem die von wachsender Vielfalt geprägten schweizerischen Städte gesellschaftliche Diversity, ein tolerantes Umfeld, den Schutz von Bio-Diversity und die Förderung von Hochtechnologien zu entscheidenden Faktoren der Gestaltung von zukunftsfähigen sozialen und ökonomischen Räumen machen.

Logo CLIP

Ayse Özbabacan, Mitarbeiterin der Stabsstelle für Integrationspolitik der Landeshauptstadt Stadt Stuttgart, stellt das Europäische Städtenetzwerk „Cities for Local Integration Policies for Migrants“ (CLIP) vor. Das CLIP-Netzwerk besteht derzeit aus etwa 30 Städten aus 18 Ländern und erarbeitet gemeinsam mit einem wissenschaftlichen Beirat international vergleichend Strategien für den erfolgreichen Übergang von Integrations- zu Diversitätspolitiken.

Stuttgart Straßenszene

Gari Pavkovic, Leiter der Stabsabteilung für Integrationspolitik der Stadt Stuttgart diskutiert in seinem Beitrag, wie ein Übergang von einer Integrationspolitik zu einer Diversitätspolitik in Stuttgart gestaltet werden könnte. Er beleuchtet sowohl die Chancen und Vorteile, die er mit diesem Perspektivwechsel verbindet, als auch die Schwierigkeiten und Hindernisse bei der konkreten Umsetzung.

Züricher Strassenzene

Die Stadt Zürich erlebte in den beiden letzten Jahrzehnten eine stark gewandelte "neue" Zuwanderung. Christof Meier, Leiter der Integrationsförderung der Stadt Zürich beschreibt, warum Zürich auf diesen Wandel mit einem Übergang von klassischer Integrationspolitik zu einer potenzialorientierten Diversitätspolitik reagiert hat.

POLITIK DER VIELFALT IM NON-PROFIT BEREICH

Diversity wird in Deutschland bisher insbesondere mit dem Personal- und Organisationsentwicklungsansatz Diversity Management in Verbindung gebracht und rezipiert. Die wirtschaftlichen Vorteile von Diversity Management für Groß- und mittelständische Unternehmen sowie die angesichts von demographischem Wandel und Fachkräftemangel offensichtliche ökonomische Zweckmäßigkeit von Diversity Management zur Stärkung der Konkurrenzfähigkeit des Standorts Deutschland stehen im Mittelpunkt der Wahrnehmung in der breiteren Öffentlichkeit.

Inzwischen entdecken aber auch immer mehr Organisationen im non-Profit-Bereich den Diversity-Ansatz. Sie verbinden dabei Diversity-Maßnahmen im internen Personalmanagement mit auf die Unterschiedlichkeit ihrer Klientel und KundInnen ausgerichteten Politiken der Vielfalt nach außen. Wie sieht der konkrete Nutzen von Diversity in diesen Politiken der Vielfalt aus? Welche Vorteile bringt Diversity in Bereichen mit sich, die den schönen bunten Bilderwelten aus der PR-Arbeit für Diversity Units von Großunternehmen weniger nahe kommen?

Beiträge

Canadian protester for diversity

Der Diversity-Berater Christian Schenk stellt Ansätze zu einer Übertragung des Diversity-Ansatzes in den non-profit-Bereich am Beispiel von Nichtregierungsorganisationen vor und zeigt, wo die Unterschiede zum Diversity Management in Unternehmen liegen.

Grafik von Tanja Föhr

Alexander von Dippel plädiert dafür, das Konzept der Intersektoralität in den Diversity Strategien von öffentlichen Verwaltungen und lokaler Politik einzubeziehen, um den Bedürfnissen der vielfältigen Bürgerschaft zu entsprechen.

Grafik Mehrwert durch Diversity Management

Die Politikwissenschaftlerin und Diversity-Beraterin Karin Schuster analysiert die Anwendbarkeit von Diversity- und Antidiskriminierungskonzepten in der Arbeit von ARGEn und Jobcentern, die letztendlich ebenso mit einer zunehmend vielfältigen Kundschaft mit unterschiedlichen Talenten, Identitäten und Lebensstilen konfrontiert sind.

Hörsaal, Universität

Der Beitrag von Dr. Ute Zimmermann analysiert warum Diversity Management ein immer bedeutsameres Thema für deutsche Hochschulen geworden ist. Sie stellt unterschiedliche Engagements der Hochschulen zur Förderung der personalen Viefalt und der Vielfalt der Studierenden sowie zu Diversity als wissenschaftliches Zukunfstthema vor.

DIVERSITY MANAGEMENT ZWISCHEN ETHIK UND PROFIT

War Diversity noch vor wenigen Jahren ein exotisches Modethema am Rande des politischen Diskurses, so hat seine Bedeutung dank der Debatte um das Antidiskriminierungsgesetz, der Verbreitung des Ansatzes in den Medien und der Kampagne „Vielfalt als Chance“ zur Begleitung der Unternehmensinitiative „Charta der Vielfalt“ sprunghaft zugenommen. Mehr als 350 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen haben inzwischen die Charta unterzeichnet und sich somit der Förderung personaler Vielfalt verpflichtet.

Die Kommunikation der unbestreitbaren wirtschaftlichen Vorteile von Diversity Management dominiert den Diskurs über Diversity, ist dabei aber zum Teil auch recht unkritisch und endet bisweilen in einer oberflächlichen aber marketinggerechten Feier der „bunten Vielfalt“, die breit „gewertschätzt“ wird und in der alle ihre „Potentiale und Talente frei einbringen“ können. Diversity Management wird von vielen Unternehmen auch als Bestandteil ihrer sozialen Unternehmensverantwortung (Corporate Social Responsibility, CSR) kommuniziert und in der Außendarstellung mit der Umsetzung ethischer Werte wie Toleranz, Anerkennung oder Antidiskriminierung begründet.

Diese ethische Glaubwürdigkeit der Argumente für Diversity Management wird zunehmend hinterfragt und insbesondere KritikerInnen von Diversity Management wollen wissen, wie ernst es die Unternehmen tatsächlich mit der Wertschätzung von Vielfalt meinen. Da sich immer mehr Organisationen aus dem non-Profit-Bereich dem Diversity-Ansatz zuwenden, für die ethische Argumente schon immer zu den zentralen Beweggründen ihrer Arbeit gehören, verstärkt sich die Diskussion über das Wechselspiel von ökonomischen und gesellschaftspolitisch-ethisch begründeten Motivationen für Diversity.

Die hier versammelten Beiträge beleuchten Chancen und Grenzen von Diversity Management und zeigen die gewachsende Vielstimmigkeit im sich differenzierenden Diskurs um Diversity auf.

Hörsaal an einer deutschen Universität

Der Beitrag von Dr. Ute Zimmermann analysiert warum Diversity Management ein immer bedeutsameres Thema für deutsche Hochschulen geworden ist. Sie stellt unterschiedliche Engagements der Hochschulen zur Förderung der personalen Viefalt und der Vielfalt der Studierenden sowie zu Diversity als wissenschaftliches Zukunfstthema vor.

Weitere Beiträge

Michaela Dälken vom Bildungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbundes beleuchtet die derzeitige Anwendung der Charta in vielen Unternehmen kritisch und gibt aufgrund ihrer Erfahrung in der Begleitung von Betriebsvereinbarungen wertvolle Hinweise für eine effektive Umsetzung.

Grafik von Tanja Föhr

Maria Böhmer, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration weist in ihrem Beitrag darauf hin, dass die Förderung von Vielfalt und die Umsetzung von Diversity Management in Unternehmen, öffentlichen Verwaltungen und Organisationen ein wichtiges Element einer aktivierenden und nachhaltigen Integrationspolitik ist.

Stencil an Hauswand "all different – all equal"

Paul Mecheril, Professor für Pädagogik in Innsbruck fragt, ob das grundlegende theoretische Diversity-Konzept nur ein weiterer Differenzierungsvorschlag zur Verortung letztendlich hybrider Identitäten ist, dessen politische Implikationen noch geklärt werden müssen.

Grafik von Jurgen Appelo

Die Diversity-Beraterinnen Lale Otyakmaz und Trina E. Roach gehen der Frage nach, ob die gängige Praxis von Diversity Management in Deutschland nicht doch mit dem Gleichheitsversprechen des Zauberworts „Diversity“ informelle Hierarchien der verschiedenen Diversity-Dimensionen verdeckt.