„diagonal“ Leseprobe von Yoko Tawada

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diagonal

Entlegene Ähnlichkeiten
Von einer Hand getragen durch Jahre
Ohne Einschreibung

Die Schlange sagt:

Was

Gebärdensprache der Initiale
Aus Deinem Namen herausgeschnitten

Wann

Gestutzte Fragen
Kurzschluß in meiner Vokabel
Busch der Reibung

Millionenfache
Überlagerung von Sternbildern
Hungrig unermüdlich tanzsüchtig

Keine Absprache
Über die Tetrapackung für die Milchstraße
Ungeteilter Alltag
Bei mir und zwischen uns

Bin in dieser windigen Stadt
Zurückgeblieben
Habe Sterne beobachtet
Im Bildschirm
Vielleicht ein Versuch
Das verlorene Netz mit einem Fisch zu fangen

Vom Stammbaum hinuntergefallen
Die Bauchkabel zerrissen
Jede gebärt jede
Mutterschaft als Übertreibung

Wohin

Schlaflose Fenster
In einem Spiel wird jedes Rätsel streng gelöst
Bügeleisenförmig

Ortsnamen sind seßhaft
Wohnen im Nirgendwo-Papier

Es funkt
Sendezeit erfüllt meine Ohren
Verschiebt aber den Augenblick der Adressierung

Nach der Wiedergeburt als erstes
In den Briefkasten hineingeschaut
Dann schnell zurück
Ins Mischwesen des Buches

Ein geschriebener Garten
Ein Verstummen auf der Brücke der Aufzählung
Abwesenheit der Gänse
Ihre Füße sind Wunderkerzen
Autoren stehen hinter den Gittern
der Autogramme
Von Dir her eine heitere Stufe - hellsichtig

Unser seltsamer Spaziergang
Durch einen augenlosen Fleck
Kein Denkmal steht dort
Flüchtig erscheint es
In einem Blitz
Die Einzige
Bis jetzt

Schreiben
In die Arme der Wiederholung
Deiner Worte
 


Yoko Tawada ist in Japan aufgewachsen und lebt seit 1982 in Deutschland. Sie schreibt auf Japanisch und Deutsch und hat mehrere wichtige Literaturpreise erhalten, unter anderem den Chamisso-Preis.

 

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"Fremd sein ist eine Kunst"
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