„Die klassische Migration gibt es nicht mehr“ - Interview mit Zafer Şenocak

„Die klassische Migration gibt es nicht mehr“ - Interview mit Zafer Şenocak

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Zafer Şenocak wurde 1961 in Ankara als Sohn eines Journalisten und Verlegers und einer Lehrerin geboren, wuchs in Istanbul auf und kam im Alter von neun Jahren mit seinen Eltern nach München, wo er später Politik, Geschichte und Philosophie studierte. Seit 1989 lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Er veröffentlichte mehrere Gedichtbände, Erzählungen und Romane in deutscher und türkischer Sprache. Seine Bücher erscheinen im Babel Verlag und im Dağyeli Verlag.

Zafer Senocak hat insbesondere durch sein 1986 erschienenes Plädoyer den Begriff der „Brückenliteratur“ geprägt. Als Sohn eingewanderter Eltern wird er zu den AutorInnen der Zweiten Generation gezählt und schreibt sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache. Im Interview diskutiert er die Frage, inwieweit die „doppelte Identität“ und Zweisprachigkeit sein Schreiben prägen und welche Rolle Biografie und Hybridität für die Topographie und Geschichte in seinem Werk spielen.

 

Interview

Sind Sie ein "türkischer Autor"? Welche Rolle spielt das Deutschsein oder Türkischsein für Ihr Schreiben?

Identität spielt überhaupt keine Rolle für mein Schreiben, für das Schreiben überhaupt. Ein Autor schreibt aus seiner Biografie heraus, und je nachdem, wie diese Biografie geformt ist, ist auch sein Schreiben geprägt. In meinem Fall gibt es in meiner Biografie natürlich deutsche und türkische Kindheitsspuren, die sich in meinem Schreiben reflektieren. Aber auch meine ausgedehnten USA-Aufenthalte und die Diskussionen, die ich dort hatte, haben mein Schreiben mitgeprägt. In meinem Fall ist die Sprache doppelt angelegt, denn ich schreibe sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch. Daher bin ich beides, ein deutschsprachiger und ein türkischsprachiger Autor.

Unterscheidet sich der deutschsprachige und der türkischsprachige Autor?

Eigentlich nicht. Leser meiner Bücher, die in beiden Sprachen zuhause sind, sagen mir, dass sie keine Unterschiede wahrnehmen, dass sich mein Stil gleich bleibt. Ich bin der gleiche Schriftsteller in beiden Sprachen. Thematisch mag es da vielleicht einige Unterschiede geben. So habe ich auf Türkisch keine Großstadtgedichte geschrieben, sondern nur auf Deutsch. Es gibt auf Türkisch eine andere Kindheits-Erinnerungsebene als auf Deutsch, weil es unterschiedliche Erinnerungen gibt. In der Prosa jedoch bleibt sich das thematisch gleich. Meine Themen sind ja Biografien als solche, bruchstückhafte Biografien, die verschiedene Lebensmomente widerspiegeln, die aus mehreren widersprüchlichen Teilen zusammengesetzt sind. Und ich versuche, diese bruchstückhaften Biografien in einer Puzzle-artigen literarischen Form umzusetzen, wie das etwa in Gefährliche Verwandtschaft geschehen ist, oder auch in den Erzählungen in Der Mann im Unterhemd. Jedes Buch hat dabei aber seinen eigenen Rhythmus, seine eigenen Figuren, seine eigene Sprache. Dabei ist es völlig unabhängig, in welcher Sprache das geschrieben ist.

In Ihrem Essay "Zwischen Koran und Sexpistols" beschreiben Sie die Bedeutung der literarischen Übersetzung von Yunus Emre für Ihr Schreiben in den 1980er Jahren. Gilt das auch noch für Ihr heutiges Schreiben?

Die Beschäftigung mit der türkischen Poesie, speziell  mit der islamischen Mystik war damals eine Erdung für mich. Die Arbeit an der Emre Übersetzung gab mir einen Rückhalt aus der Kindheitskultur. Das war zu Beginn meines Schreibens sicherlich sehr von Belang; es gibt ja auch deutliche Einflüsse osmanischer Poesie in meiner Lyrik. Heute mag das unbewusst auch weiterhin wirken. Es gibt ja weiterhin noch oder immer wieder Spuren islamischer Mystik in meiner Poesie. Die kritische Beschäftigung mit der islamischen Religion spielt ja auch in meiner essayistischen Arbeit eine wichtige Rolle. Mich interessiert vor allem die ästhetische Dimension der islamischen Religion, die wegen der Politisierung in den letzten Jahren sehr in den Hintergrund geraten ist. Religion, die ihre ästhetische Dimension verloren hat, verliert immer ihren menschlichen Kern. Ohne diesen menschlichen Kern hat Gott keinen Ansprechpartner mehr. Es bleiben nur Rituale und Dogmen ohne Seele übrig.

Wie würden Sie in dem Zusammenhang den Begriff der Hybridität, der häufig in Bezug auf Ihre Texte verwendet wird, für sich definieren?

Das ist für mich keine Kategorie, denn es ist eine wissenschaftliche Betrachtungsweise, die ich nicht habe, da ich meine Texte selbst nicht wissenschaftlich reflektiere. Mein Schreiben passiert fieberschubähnlich, das sind Phasen des intensiven Schreibens, in denen ich nicht über irgendwelche Kategorien reflektiere. Vielmehr ist es ein Hineinversetzen in die Figuren, aus dem heraus ich schreibe, die Geschichte entwickle. Nun habe ich beim Abfassen des Romans Deutsche Erziehung (türk. Titel: Alman Terbiyesi), in dem ein osmanischer Offizier Hauptfigur ist,  nicht etwa Uniform getragen, aber ich habe ausführlich über die Zeit, in der dieser Roman spielt, recherchiert, Biografien historischer Zeitgenossen gelesen, und dabei eine Figur geschaffen, mit der ich fühle, aus der heraus ich diese Geschichte erzählen will. Meine Figuren sind immer wieder Immigranten in Istanbul, Leute, die es irgendwie dorthin verschlagen hat, die dort eine Geschichte haben und dorthin eine Geschichte mitbringen, wie etwa dieser Offizier. Es sind aber Figuren jenseits der Arbeitsmigration, die in meinem Schreiben kaum eine Rolle spielt, da ich ja selbst kein Teil der Arbeitsmigration bin: Mein Vater kam als Journalist und Verleger nach München.

Mich interessiert das Bruchstückhafte der Biografien: Wie kommt es, dass ein Mensch von Berlin nach Istanbul geht, was hat er dort erlebt, was hat ihn dazu gebracht? Die Übertragung dieser bruchstückhaften Biografien in die literarische Form geschieht bei mir entgegen dem derzeitigen Trend, der zurück zum großen Erzählen in einem Wurf geht, der eigentlich ein regressiver Trend ist. Eine Schreibweise, die an den Realismus des 19. Jahrhunderts angelehnt ist, kann unser Leben, die Zusammenhänge in denen wir stecken, nicht abbilden. Mein Schreiben hat dagegen eher Reminiszenzen an die Moderne, in dem Sinne, dass es die Zersplitterung des modernen Menschen thematisiert und dafür entsprechende Formen sucht.

Über den Mythos Ihres eigenen Schreibens sagten Sie einmal, er entstünde "am Hauptbahnhof des Eros"1 – welche Rolle spielen Religion und Sexualität in Ihrem Schreiben?

Religion und Sexualität kreuzen sich in dem Begriff der Hingabe, die beide Bereiche zusammenbringt. Besonders in der islamischen Mystik wird die Hingabe zu Gott erotisiert, das ist ein sehr spannendes Thema. Diesen Bezug herauszuarbeiten, war für mein Schreiben von Bedeutung: Was ist das für eine Hingabe? Wie äußert sie sich? Wo sind die Grenzen zwischen Sexualität und mystischer Gottesnähe? Dabei geht es nicht etwa um so eine Art "Blümchenhingabe", keine naive Gottesliebe, sondern darin steckt auch sehr viel Gewalt, darin kommt ein Machtverhältnis zum Ausdruck. Das hat mich interessiert. Sexualität spiegelt Gewalt, und letztendlich geht es um die Macht Gottes auf der Erde, und wie sie überwunden wird in der Mystik, bei der es ja um die Aufgabe des Ich in dem Geliebten geht. Das ist also ein Gegenmodell zur Gesetzesreligion, aber auch zu einem ausschließlich auf Rationalität bezogenen Menschenbild.

In Der Erottomane etwa geht es auch um den sadomasochistischen Charakter der Religion. Das ist aber nicht allein auf den Islam beschränkt, sondern auch im Christentum zu finden. Man nehme nur mal Oberbayern und die ganzen Heiligen- und Christusdarstellungen in den barocken Kirchen zum Beispiel: Diese Heilanddarstellungen am Kreuz haben mich als Kind sehr geprägt. Diese bluttriefenden Nägel im Körper haben mich als Kind in Angst und Schrecken versetzt! Diese Schaulust, aber insgesamt diese Art der Darstellung ist aus islamischer Sicht völlig undenkbar. Das hat mich sehr geprägt, und besonders diese Widersprüche haben mein Schreiben seit jeher inspiriert.

Einige Figuren in Ihrem Werk sind zwischengeschlechtlich; welche Bedeutung hat der Hermaphrodismus in diesem Kontext?

Diese zwischengeschlechtlichen Figuren lassen sich sicherlich wieder im Kontext der Hybridität deuten. Besonders in Der Erottomane ging es mir dabei darum, festgesetzte Grenzen aufzulösen, also auch Gegensatzpaare wie Mehrheit – Minderheit, Norm – Abnorm, männliche und weibliche Identität zu verschieben. Es geht da um Entgrenzung schlechthin: Wie sind die Geschlechter jenseits ihrer Grenzen zu verstehen? Auch da geht es wieder um bruchstückhafte Identitäten, ohne das jedoch in den sozio-politischen Dimensionen zu sehen. Diese Identitäten sind nach innen versetzt, wie überhaupt Sexualität als innerbiografische Angelegenheit zu sehen ist. Man kann Migration auch entlang einer inneren Biografie deuten, entlang von Sexualität, von inneren Anschauungen, von Sehnsucht, Träumen. Darum geht es häufig in meinen Texten.

Istanbul und Berlin spielen in Ihrer Metropolen-Literatur (die Poeme und die Romane) eine große Rolle, aber auch die USA. Welche Bedeutung haben die Topographien in Ihrer Literatur?

Die USA, also Nordamerika, sind in Die Prärie eher symbolhaft als Fluchtpunkt gestaltet, da geht es ja weniger um Orte wie New York. Die Prärie ist in den 1990ern entstanden und ähnelt etwas dem, was Italien für die 1968er war. Insgesamt sind Großstädte wie Berlin und Istanbul für mich hochinteressante Laboratorien, Orte, an denen etwas passiert, wo eine ständige Transformation im Gange ist. Das Laborartige von Berlin hat mich schon immer sehr gereizt, das habe ich auch in meinem längeren Essay Die Hauptstadt des Fragments beschrieben: Eine Stadt, in der sich Vergangenheit und Gegenwart so widersprüchlich miteinander verbinden, die nach dem Fall der Mauer zum Kreuzungspunkt zwischen Ost und West wurde, aber auch zur neuen alten deutschen Hauptstadt. Istanbul wiederum ist eine sehr symbolhafte Stadt, auf zwei Kontinenten gelegen, mit ihren historischen Ablagerungen, den Kulturen der Römer, Griechen, Türken. Istanbul ist im Sinne des Wortes eine Weltstadt, ein Kreuzungspunkt der Welt.

Solche Topographien reflektieren meine eigene weltanschauliche Annäherung an diese Orte, wobei die Annäherung an Istanbul als Metropole und Weltstadt erst im Erwachsenenalter kam. Als Kind, das dort einige Jahre gelebt hatte, war ich eher vom Meer geprägt, von den Schiffen – von der Kindheitsstadt Istanbul also, und nicht von der Großstadt.

Neuere Texte von Ihnen gehen jedoch weiter nach Osten: Schon in "Der Erottomane" geht es imaginativ die Seidenstraße entlang.  Ist das eine geographische oder eine historische Topographie?

Eine interessante Betrachtungsweise, über die ich noch gar nicht nachgedacht habe! In Der Erottomane ist das sicherlich eher eine innere Topographie, denn da geht es ja um Reisen, die nur in der Phantasie stattfinden. Es werden ja recht seltsame Reisen dort erwähnt, die gar keine Reisen sind, sondern nur Phantasien einer Reise. Die Orte dort sind sprichwörtlich ver-rückt, aufgelöst. Besonders in der Episode mit dem Antiquar wird deutlich, dass es hier nicht um den Ort selbst geht, sondern um Begriffe wie Ort und Zeit: Hier ist die Zeit in Unordnung geraten. Auch da geht es wieder um die Beschäftigung mit einer in Unordnung gekommenen Welt, mit einem Phänomen der Moderne schlechthin. In dieser in Unordnung geratenen Welt verlieren die klassischen Konstanten wie zum Beispiel "Heimat" ihre Bedeutung, obwohl sie weiterhin noch wirken. Ich schreibe durchaus über Heimat, verwende den Begriff. Und doch sind diese klassischen Konstanten in der Welt, wie sie jetzt funktioniert, nicht mehr wichtig. Das führt zu einer Verunsicherung, zu einer Ver-rückung. Um genau diese Diskrepanz geht es mir, weil sie Spannung erzeugt, und mein Schreiben bezieht das ein.

Das erinnert auch an die Trümmerlandschaft in "Jenseits der Landessprache", nicht? Spielt Geschichte in Ihren Texten eine Rolle?

Oh ja! Das hat auch mit dem Mauerfall zu tun: Die Welt ist größer geworden, jenseits der Mauer. Westdeutschland ist nicht mehr auf sich bezogen, sondern hat eine große geopolitische Veränderung erfahren, und neue Bezüge zu den Regionen im Osten aufgebaut. Das reflektiert sich in den Texten seit den 1990er Jahren natürlich sehr stark. Der zusammen mit Berkan Karpat geschriebene Futuristen-Epilog wiederum versammelt große Figuren der Geschichte, Nâzım Hikmet, Atatürk, Rumi, wie in einer großen Erbschau: Welche Figuren der Geschichte haben uns geprägt, welche haben unsere Vergangenheit bestimmt? Übrigens bündelt Der Mann im Unterhemd alle diese Themen, da ist schon sehr viel von dem angelegt, was sich in den späteren Romanen wiederfindet.

Welches Verhältnis haben die Figuren zur Geschichte?

Speziell natürlich zur deutschen und türkischen Geschichte, die einen Schwerpunkt bei mir bildet. Meine jüngst entstandenen türkischen Romane  sind die Fortsetzung der Linie, die in Gefährliche Verwandtschaft angefangen hat. Da geht es ja um zwei Zeitabschnitte zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, anhand zweier unterschiedlicher Familiengeschichten, nämlich einer deutsch-jüdischen und einer türkischen. Wobei die türkische Familiengeschichte, das heißt die Verstrickung des Großvaters in die Deportation und Ermordung der Armenier im Dunkeln bleiben. Das alles geschieht in einem Rückblick aus dem Berlin der 1990er Jahre. In Alman Terbiyesi geht es um einen jungen osmanischen Offizier, der vom Balkan stammt und um 1900 herum nach Deutschland geht, um sich dort zum Offizier ausbilden zu lassen, dann in Berlin hängen bleibt. Dort übernimmt er die nationalistischen Ideen der Zeit: Er wird also zum deutschen Nationalisten, bleibt aber zugleich ein türkischer Nationalist, und das widerspricht sich gar nicht für ihn. Während des Zweiten Weltkriegs ist er dann in Istanbul und schreibt dort seine Memoiren während des deutschen Russlandfeldzugs (das Buch behandelt die Zeit vom Barbarossa-Feldzug bis zur Schlacht um Stalingrad, also 1941-1943) vertritt er deutsche und türkische Interessen. Das Buch entsteht aus seinem Tagebuch heraus und beschreibt, wie um ihn herum die Welt zerbricht. Anders als die sehr fragmentarische Gefährliche Verwandtschaft hat Alman Terbiyesi  lange, geschlossene erzählerische Passagen; die Erzählform ist hier durch das Tagebuch bestimmt.

"Alman Terbiyesi" erschien zuerst auf Türkisch 2007 in der Türkei. Wie wurde der Roman dort aufgenommen?

Der Roman gilt dort als das, was er ist, nämlich ein Buch zwischen Kriegen und Welten, eine zeithistorische Erzählung also. Er wurde recht breit rezipiert und positiv aufgenommen.

Gibt es Unterschiede in der Rezeption Ihrer Literatur in Deutschland und in der Türkei?

Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht! In der Türkei bin ich einfach nur ein Autor, der Bücher schreibt, ein Autor also, der seinen Job macht. Dementsprechend werden die Bücher aufgenommen und bewertet: Wie ist der Stil?, Wie funktioniert die Geschichte?, Ist es eine gute Geschichte?, usw. Da kann auch mal ein schlechtes Buch dabei sein, aber die Kritik an den Büchern betrifft immer nur den Autor, ganz ohne jegliches Label. In Deutschland bin ich dagegen der türkische Autor, "der auf Deutsch schreibt". Nur stimmt das Bild ja nicht mehr, denn ich schreibe auch auf Türkisch. Schon vor einiger Zeit erschien türkische Lyrik von mir,  jetzt sind zwei Romane dazugekommen. Das Bild der deutschen Kritik von mir ist unvollständig. Ich schreibe auf Deutsch und auf Türkisch.

Einerseits ist es ja durchaus löblich, wenn die eingewanderte Literatur wahrgenommen wird, wie es etwa die Akademie für deutsche Sprache und Dichtung im Herbst auf ihrer Tagung formulierte: »Eingezogen in die Sprache, angekommen in der Literatur« hieß es da. Andererseits ist der Blick zu sehr verengt; Deutschland und die deutsche Kultur sind nicht nur die einzige Welt. Es gibt auch eine andere Welt. Die Vorstellung vom "Einziehen in die Sprache" suggeriert eine Homogenität, die es so gar nicht gibt. Statt dessen gibt es Unterschiede, Fragmente, Zersplitterungen, Diversität. Das ist eine Kernthematik meines Schreibens. Mein Schreiben richtet sich bewusst gegen die Vorstellung, alles sei konform und gleich.

Dabei hat die deutsche Sprache durchaus eine große Bedeutung für mein Schreiben: Ich liebe diese Sprache und schreibe auch in ihr, lebe in ihr. Aber ich schreibe eben auch auf Türkisch. Auch das ist eine literarische Sprache für mich, in der ich Bilder finde, Geschichten erzähle. Entsprechend gibt es kein Hier oder Dort für mich, auch in der Sprache nicht, das wechselt je nach Umständen. Genauso wenig gibt es ein Hier oder Dort für die heutige Welt: Es gibt nicht mehr die klassische Migration, denn heute ist man hier und dort, an verschiedenen Orten, manchmal gleichzeitig, man ist in Bewegung, ist auf Achse. Und das ist nicht nur ein Jugendphänomen, nein, so leben auch die Rentner. Man denke nur an die Tausenden von Rentnern, die zwischen Deutschland und der Türkei unterwegs sind, auf Achse sind. Diese Bewegung zu beschreiben, ist die literarische Herausforderung für einen Autor.

 

Das Interview führte Karin Yesilada im Februar 2009.

Endnoten

1  "Mein Schreibmythos war geboren. Er entstand an der Bruchstelle zwischen Ratio und Mystik, am Hauptbahnhof des Eros, wo Kommen und Gehen das Lebenselixier aller ist, die schon lange nicht mehr auf die Ankunft der Engel warten." Zafer Şenocak: Welcher Mythos schreibt mich? In: Zungentfernung. Bericht aus der Quarantänestation. München (Babel) 2001, S. 97-103; Zitat S. 101.

 

Auf folgende Essays wird im Interview Bezug genommen:

  • Zwischen Koran und Sexpistols. In: das land hinter den buchstaben, 2006, S. 29-33
  • Welcher Mythos schreibt mich? In: Zungentfernung, 2001, S. 97-103
  • Jenseits der Landessprache. In: Zungentfernung, 2001, S. 87-90

 

Werk (Auswahl)

Wo nicht anders angegeben, erscheinen Zafer Şenocaks Bücher beim Babel Verlag (bis 1994 Berlin, dann München. Ausführliche Werkangaben unter Yeşilada in KLG 2006, S. A)

  • Atlas des tropischen Deutschland. Essays. Berlin 1992
  • Fernwehanstalten. Gedichte. Berlin 1994
  • War Hitler Araber? IrreFührungen an den Rand Europas. Berlin 1994
  • Der Mann im Unterhemd. Erzählungen. Berlin 1995
  • Die Prärie. Hamburg (Rotbuch) 1997
  • Gefährliche Verwandtschaft. Roman. München 1998. (Neuauflage broschiert 2009)
  • Der Erottomane. Ein Findelbuch. München 1999
  • Zungentfernung. Bericht aus der Quarantänestation. Essays. München 2001
  • Kara Kutu. Şiirler. Istanbul (Yapi Kredi) 2004
  • Übergang. Gedichte 1980-2005. München 2005
  • das land hinter den buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch. Essays. München 2006
  • Alman Terbiyesi. Roman. Istanbul (Alef Yayınevi) 2007 (Deutsche Übersetzung voraussichtlich 2010 unter dem Titel Deutsche Erziehung bei Dağyeli, Berlin
  • Yolculuk Nereye? Istanbul (Alef Yayınevi) 2007
  • Köşk. Istanbul (Alef Yayınevi) 2008 (Deutsche Übersetzung unter dem Titel Pavillon voraussichtlich Juni 2009 bei Dağyeli, Berlin) Futuristen-Epilog. Poeme. Zusammen mit Berkan Karpat München 2008
  • Landstimmung. Neue Gedichte. Zusammen mit Berkan Karpat München 2008.

Eine Aufstellung seiner Türkei-Publikationen siehe hier

 

Literatur zum Autor

  • Yeşilada, Karin: Zafer Şenocak. Autorenartikel in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG). 84. Nlg. 10/06, 1-15, A-G
  • Hofmann, Michael: Die Vielfalt des Hybriden: Zafer Şenocak als Lyriker, Essayist und Romancier. In: M. H.: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn (W. Fink) 2006, S. 200-213
  • Cheesman, Tom / Yeşilada, K. (Hg.): Zafer Şenocak. Cardiff (University of Wales  Press) 2003 (Contemporary German Writers Series). (Studienband)



Zafer Şenocak im Gespräch mit Karin Yesilada im Januar 2009

 

„In diesem Gedicht sind keine Tiere“
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