Von hier nach dort - per Fernbedienung und Mausklick. Über den Wandel türkischsprachiger Medienangebote in Deutschland

Von hier nach dort - per Fernbedienung und Mausklick. Über den Wandel türkischsprachiger Medienangebote in Deutschland

Treffpunkt Steindamm: Zweite Heimat der ersten Türken in Hamburg, 1973. Hier im Savoy-Kino

von Canan Topçu

Aktuellen Schätzungen zufolge gehört die Türkei mit ca. 260 regionalen und überregionalen TV-Kanälen zu den größten FernsehanbieterInnen Europas. Türkeistämmigen in Deutschland stehen darüber hinaus auch eigene, eigens auf sie zugeschnittene Sendungen und Zeitschriften zur Verfügung. Die Ausweitung des Medienangebots für Almancis ist nicht nur allgemeiner Effekt der Globalisierung, die Veränderungen der letzten Jahrzehnte sind auch Anzeichen einer fortschreitenden mediengesellschaftlichen Integration.

„Fatmagül“ hat im vergangenen Jahr das Gemüt vieler TürkInnen erregt. Die Aufregung um die junge Frau aus der Provinz ist mittlerweile abgeklungen, doch noch immer nehmen unzählige Menschen Anteil an ihren Erlebnissen - vor dem Bildschirm. „Fatmagül“ heißt nämlich die Hauptfigur einer TV-Serie, die seit September 2010 auf dem Privatsender "Kanal D" läuft und hohe Einschaltquoten erzielt. „Fatmagül´ün suçu ne – Was hat Fatmagül verbrochen?“, so der vollständige Titel, löste gleich nach der ersten Folge eine hitzige Debatte aus – und zwar über die Qualität einheimischer TV-Produktionen einerseits und über die Grenzen von Fiktion und Realität andererseits. Der Auslöser: eine vier Minuten lange Vergewaltigungsszene. Fernsehserien wie „Fatmagül“, so klagten insbesondere Frauenorganisationen, verstärkten die im Land eh schon verbreitete Ansicht, Opfer von Vergewaltigungen seien selbst Schuld.

Serien sind beim türkischen Fernsehpublikum sehr beliebt. Private wie auch staatliche Kanäle füllen einen Großteil ihrer Sendezeit mit einheimischen Soap-Operas und konkurrieren tagtäglich um Einschaltquoten. Von traditionellen Werten und modernem Leben, vom Verhältnis der Geschlechter und Generationen, von Liebe und Eifersucht, von Intrigen, Tratsch, Klatsch und Klischees handeln die einheimischen Produktionen. Mal geht es um die Freuden und Sorgen der großstädtischen Mittel- oder Oberschicht, mal steht eine Familie in der Provinz im Mittelpunkt oder eine, die in die Großstadt umgezogen ist.

Serien als Zuschauerköder

Ein großes Interesse gibt es seit ein paar Jahren an Mehrteilern, die im Osmanischen Reich angesiedelt sind, wie „Lale devri - Tulpenzeit“ oder "Muhtesem Yüzyil – Das Prächtige Jahrhundert“. Die Meinungen darüber, ob die Handlungen sich an historischen Vorlagen halten oder Geschichtsfälschung betreiben, gehen immer wieder einmal auseinander und sorgen für Unruhe. So gingen NationalistInnen auf die Straße, um dagegen zu protestieren, dass in der Serie „Muhtesem Yüzyil“ der Osmanische Hof als zu freizügig dargestellt und Sultan Süleyman als Wein trinkender Frauenheld verhöhnt werde. Gespannt warten die ZuschauerInnen nun auf eine neue Historienserie des Staatssenders TRT 1: "Burasi Osmanli: 1711/Sir kanunu". Für hohe Einschaltquoten dürfte allein schon die Hauptdarstellerin sorgen: Türkan Soray, die „Sultanin“ des türkischen Films, spielt die Sultansmutter.

„Bizim Yenge – Unsere Tante“ und „Öyle bir geçer zaman – Wie die Zeit vergeht“ heißen zwei der Serien, die derzeit hohe Einschaltquoten erzielen. Inzwischen laufen einheimische Produktionen ausländischen Serien den Rang ab. Manch eine US-Soap diente als Vorlage für eine türkische Version. "Desperate Housewives" beispielsweise kam bei türkischen ZuschauerInnen nicht so gut an, weil die Lebenswirklichkeiten von Frauen in Ankara, Istanbul und Anatolien ganz andere sind als im fernen Amerika. In diesem Herbst startet Kanal D unter dem Titel"Umutsuz ev kadinlari – Unglückliche Ehefrauen" eine Adaption in türkische Verhältnisse. Inspirationen holten sich Serienproduzenten auch von "Grey's Anatomy" – und zwar für die Ärzte-Soap „Doktorlar“. Die Polizeiserie "CSI - Den Tätern auf der Spur" lieferte wiederum die Vorlage für "Kanit“, mit Istanbul als Schauplatz.

Ausländische Programmformate, türkische Adaptionen

Um die Gunst der ZuschauerInnen buhlen die Kanäle zudem mit Talent- und Musikshows sowie Quiz-Sendungen, von denen viele Adaptionen ausländischer Formate sind. So werden türkische Superstars gleich in mehreren Musiksparten gesucht: Es gibt Casting-Shows eigens für Klassik, Pop und Volksmusik. Auch an Ratespielen mangelt es nicht. Die einheimische Version von "Glücksrad" heißt "Çarkı felek"; moderiert hat diese Sendung viele Jahre lang Mehmet Ali Erbil, der türkische Thomas Gottschalk sozusagen. Entertainer ähnlichen Formats sind Okan Bayülgen und Beyaz, die Unterhaltungsprogramme moderieren. Ein Quotenknüller und Tausendsassa ist Acun Ilicali, dessen Name für eine Reihe von Unterhaltungsprogrammen steht, unter anderem für das Dschungel-Camp-Format „Survivor Kizlar/ Survivor Erkekler“ und „Yok böyle dans“, das Pendant zu „Lets dance“. Ilicali, der eine Mischung von Stefan Raab und Dieter Bohlen sein könnte, ist nicht nur Moderator, sondern auch Produzent seiner eigenen und vieler anderer Programme.

Zu den seriösen Fernsehgesichtern gehören zweifelsohne Mehmet Ali Birand, der Doyen des türkischen Polit-Programms, Ugur Dündar und Ali Kirca; letzterer verantwortet auf einem Privatsender ein Programm namens „Siyaset meydani – Politischer Platz“, das vom Format her mit Anne Wills Talksendung ver-gleichbar ist. Zur Prime-Time laufen Talk-Sendungen mit politischem Inhalt eher nicht; sie werden von Soaps immer mehr in die hinteren Sendeplätze verdrängt.

Viele TV-Kanäle, kein Kultursender

Mehr als 200 TV-Kanäle bieten türkischsprachige Programme. Vor 20 Jahren sah es noch ganz anders aus. Bis das türkische Mediengesetz 1993 liberalisiert wurde, gab es nur ein paar TV-Kanäle des türkischen Staatssenders TRT. Mit der Änderung der Rechtslage entstanden von Jahr zu Jahr immer neue Sender, die überregional oder lokal ausgerichtet sind. Es gibt zwar unzählige TV-Sender, aber nur wenige, die für seriösen Journalismus stehen. Qualitätsfernsehen ist generell Mangelware in der Türkei. Einen Kanal, der das Bedürfnis der ZuschauerInnen nach Hintergrundberichten, Reportagen und auch gehaltvoller Unterhaltung befriedigt, gibt es nicht.

Immerhin: Beim Zappen lassen sich Kanäle entdecken, die Klatsch und Tratsch über Promis nicht mitten im Nachrich-tenprogramm platzieren. Von den rund 20 überregional ausgerichteten Privatsendern konzentriert sich etwa die Hälfte auf Nachrichten (z.B. NTV, CNN-Türk, Habertürk und Kanal 24). Auf Unterhaltung setzen hingegen kommerziell ausgerichtete Kanäle wie ATV, Star, Show TV und Kanal D. Im Programm spiegelt sich nicht nur die politische, sondern auch die religiöse Prägung des jeweiligen Senders; Ulusal Kanal ist nationalistisch ausgerichtet, TGRT wiederum ist im Besitz einer Holding, die als muslimisches Unternehmen gilt. Religiöse Themen finden sich auch bei Kanal 7, dem Sender, der zur Ramadan-Zeit die meisten Sendungen mit religiösem Inhalt platziert und in dieser Zeit auch die meisten Werbeaufträge bekommt. Für das Thema Religion gibt es – sowohl bei den Privaten als auch im Staatssender – unterschiedliche Formate: Es gibt Koranrezitationen, Interview-Sendungen mit islamischen Gelehrten und Talk-Runden mit ExpertInnen aus unterschiedlichen Fachgebieten.

Ein Pendant für Kultursender wie 3sat und arte lässt sich im türkischsprachigen TV-Angebot nicht finden, immerhin gibt es auf einigen Sendern Programme, die einem journalistischen Anspruch genügen. Dazu zählen Produktionen der Samanyolu Gruppe (STV); zum Unternehmen gehören unter anderem ein Kinderkanal und „Mehtap TV“ - ein Kanal, der sich gesellschaftlichen, politischen, kulturellen und religiösen Themen widmet. Der Medienkonzern STV steht der so genannten Gülen-Bewegung nahe. Der islamische Prediger Fettullah Gülen wiederum ist umstritten: Für die einen ist er der Vertreter eines modernen und moderaten Islam, für andere ist er der "Wolf im Schafspelz".

"Paradiesische Verhältnisse"

Via Satelliten, Kabelfernsehen und Internet sind all die türkischen Sender inzwischen auch in Deutschland zu empfan-gen. Anteil nehmen an Fatmagüls Leben also nicht nur ZuschauerInnen in den Städten und Dörfern der Türkei, sondern auch Deutsch-TürkInnen in Hamburg, München und anderswo in der Republik. Selbst wenn Besuch da ist, wird oftmals der Fernseher nicht abgestellt; GastgeberInnen und Gäste sitzen gemeinsam vor dem Bildschirm, gemeinsam leiden und freuen sie sich mit Fatmagül und all den anderen Soap-Figuren – wie auch ihre Verwandten und Bekannten im fernen Herkunftsland.

Wer eine Folge verpasst, der muss nicht mehr die Sorge haben, den Anschluss zu verpassen: Viele Sender stellen die Folgen nach der Ausstrahlung auf ihre Internetseiten, und auch dank Portalen wie www.diziizle.net sind nur noch ein paar Mausklicks erforderlich, um sich wieder auf den aktuellen Stand bringen zu können. Inzwischen haben fast alle türkischen TV-Kanäle Live-Streams auf ihren Homepages, die Programme lassen sich zudem über Seiten wie www.capcanlitv.com live verfolgen. Sogar auf Smartphones kann man inzwischen türkische TV-Programme ansehen.

Paradiesische Verhältnisse also! Dieser Gedanke kommt allen, die sich erinnern, wie mager das muttersprachliche Medienangebot in den ersten Jahrzehnten nach dem Anwerbeabkommen war. Andererseits wird geradezu wehmütig, wer sich diese Zeit vor Augen führt. Da kommen Erinnerungen hoch... etwa daran, wie die Tage bis zum nächsten "Brief aus der Türkei - Türkiye Mektubu" gezählt wurden; diese Sendung lief alle zwei Wochen sonntagmorgens im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF). Schon vor 9.30 Uhr saßen die Familienmitglieder beisammen und warteten, bis es endlich losging. Mit aufgerissenen Augen und offenem Mund verfolgten Erwachsene und Kinder die 45 Minuten lange Sendung, mit welcher der türkische Staatssender TRT, damals noch in Monopolstellung, das ZDF belieferte. Neben Nachrichten aus der Heimat gab es ein oder zwei Musikdarbietungen und meist eine Reportage über eine touristische Region der Türkei. Egal, was der „Brief aus der Türkei“ bot: Von der ersten bis zur letzten Minute schaute und hörte man gebannt zu. Es grenzte ans Magische, dass aus einem Fernsehapparat mitten in Deutschland die Muttersprache erklang. Diese vertrauten Töne sorgten dafür, dass man sich inmitten der "Fremde" wie in der Heimat fühlte.

Die Begeisterung war groß, als der türkische Staatssender TRT ab 1988 ins hiesige Kabelnetz eingespeist wurde und tagtäglich türkisches Fernsehen angeschaut werden konnte. Das Programm bestand unter anderem aus reichlich Volksmusik, Dokumentationen zur türkischen Geschichte, einheimischen Filmen und Sendungen mit Staatspropaganda-Charakter. Egal, was TRT den ZuschauerInnen bot: Es wurde ohne großes Mosern angeschaut.

Technischer Fortschritt verändert türkischen Medienmarkt

Die Entwicklung der türkischsprachigen Massenmedien, die der technische Fortschritt und die Auflösung des staatlichen Medienmonopols erst ermöglichten, verlief in Deutschland in mehreren, sich zum Teil überschneidenden Phasen. Die Ausbreitung der Privatsender läutete zweifelsohne eine wichtige Etappe ein. Und: Sie beendete den Boom auf dem Video-Markt. Weil Abspielgeräte erschwinglich geworden waren, fehlten sie in kaum einem türkischen Haushalt. Videofilme anschauen zählte – generationsübergreifend – zur liebsten Freizeitbeschäftigung der Türkeistämmigen. Bis Ende der 1990 Jahre gab es in fast allen deutschen Städten Videotheken, die auf türkische Filme spezialisiert waren. Dann verdrängten die via Satellit zu empfangenden Sender die VHS- und Betamax-Kasetten aus dem Markt und wurden zur ernsthaften Bedrohung für türkischsprachige Tageszeitungen und "Köln Radyosu".

Lange Zeit war „Köln Radyosu“ das einzige regelmäßig genutzte elektronische Medium in türkischer Sprache. Abend für Abend schalteten türkische Familien für eine knappe Stunde das Radio ein. Mit einer ähnlichen Faszination wie derjenigen, mit der man im heimischen Wohnzimmer den „Brief aus der Türkei“ anschaute, lauschte man noch bis in die 1990er Jahre der Stimme aus dem Radio, die den Beginn der Sendung so ankündigte: „Burasi West Deutscher Rundfunk Köln Radyosu. Almanya Radyolarinin günlük türkçe yayinina basliyoruz“ („Hier ist der Westdeutsche Rundfunk, Radio Köln. Wir beginnen mit der täglichen türkischsprachigen Sendung“). Nicht selten wurde in der Familie oder im Freundeskreis der Auftrag erteilt, die Sendung auf Kassette aufzunehmen, um trotz Abendschicht nicht auf sie verzichten zu müssen.

 „40 Minuten Stillstand im türkischen Leben“

„Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie man als kleines Kind das deutsche Fernsehen und die Spielereien abstellen musste, wenn im Radio die tiefe Stimme eines Turhan Dikkaya erklang und den allabendlichen Anfang der türkischen Sendung bekannt gab. In ganz Deutschland war - damals - für 40 Minuten Stillstand im türkischen Leben. Jeder Erwachsene lauschte dem Sender, ohne jegliche Toleranz für nur den kleinsten Mucks. Das war Köln Radyosu in meiner Kindheit“, beschreibt Murad Bayraktar das Phänomen Köln Radyosu. Heute leitet der 37-jährige selbst die türkischsprachige Redaktion des WDR.

Erstmals auf Sendung ging Köln Radyosu am 2. November 1964 - als erstes türkischsprachiges Radio in Deutschland, um Informationen und Orientierungshilfe für die türkischen GastarbeiterInnen zu bieten. Die Relevanz von einst hat Köln Radyosu aber nicht mehr, wiewohl das Team um Bayraktar ein attraktives und an der Lebenswirklichkeit von EinwanderInnen orientiertes Programm bietet. An türkischsprachige ZuhörerInnen wendet sich auch Radyo Metropol, der 1999 auf Sendung ging und seitdem ein Vollprogramm bietet, das aus einer Mischung aus Musik und Unterhaltung besteht. Der kommerzielle Sender ist gerade bei der jungen Generation beliebt und wird vor allem bei der Autofahrt gehört. Anfangs war der Sender auf den Raum Berlin begrenzt, inzwischen ist er über UKW-Frequenzen auch im Rhein-Main-Gebiet und im Raum Ludwigshafen, Mannheim und Stuttgart zu empfangen – und auch digital und über Mobile-Apps.

Das Fernsehen ziehen Türkeistämmige dem Radiohören vor! Eine Studie des Berliner Marktforschungsinstituts Data 4U von 2008 ergab, dass nur 9 Prozent der Deutsch-TürkInnen regelmäßig Radiosendungen in der Herkunftssprache hören. Und wenn sie türkischsprachige TV-Sender einschalten, dann bevorzugen sie ATV und Euro D (Auslandsprogramm von Kanal D); beides Privatsender, die mit RTL und ProSieben vergleichbar sind.

Kuriose und seriöse TV-Kanäle

Auf dem hiesigen Fernsehmarkt haben sich nach etlichen Experimenten unterschiedlicher TV-Unternehmen nur ein paar "türkische" Sender etabliert; sie bieten Seriöses wie auch Kurioses an. So hat im hessischen Offenbach vor einigen Jahren die Peyk Media GmbH, ein Ableger der Samanyolu-Gruppe, Studios eingerichtet und produziert dort Programme für zwei Sender: „Samanyolu Avrupa“ und „Ebru TV“. Während ersteres sich mit Unterhaltungssendungen und Informationen in der Herkunftssprache an die türkeistämmigen ZuschauerInnen im europäischen Ausland wendet, zielt „Ebru TV“ auf eine breitere ZuschauerInnengruppe: Ebru TV sendet zumeist auf Englisch, es gibt jedoch ein paar Sendungen – darunter Nachrichten – in deutscher Sprache; langfristig soll das Programm ganz auf Deutsch umgestellt werden.

Zum kuriosen Medienangebot zählt der Sender "Dügün.TV". Vor sechs Jahren in Köln gegründet, hat sich der Kanal auf die Ausstrahlung von Hochzeitsfeiern spezialisiert. Ins Leben gerufen wurde Dügün TV vor sechs Jahren von einem türkeistämmigen Geschäftsmann, der damit offensichtlich das Bedürfnis der „Diaspora-TürkInnen“ abdeckt. Hochzeiten spielen in der türkischen Kultur eine große Rolle und finden nicht selten mit 300 und mehr Gästen statt. Um Familienangehörige, Verwandte und FreundInnen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei sein können, an diesem besonderen Erlebnis via Bildschirm teilhaben zu lassen, zahlen Frischvermählte einige hundert Euro. Auch eine Live-Ausstrahlung ist möglich; für drei Stunden fallen 1500 Euro an. 

Türkischsprachige Zeitungen kämpfen gegen Auflagenschwund

Verliererinnen der Entwicklung auf dem TV-Markt sind die türkischsprachigen Zeitungen, die von Jahr zu Jahr an Auflage einbüßen. Muttersprachige Gazetten waren – neben Köln Radyosu - lange Zeit die wichtigste Nachrichtenquelle für türkische ArbeitsmigrantInnen. Im ersten Jahrzehnt nach dem Anwerbeabkommen wurden die Blätter noch aus Istanbul eingeflogen und waren vor allem an Bahnhofskiosken erhältlich. Auch aus diesem Grund entwickelten sich die Bahnhofsvorhallen, wie ZeitzeugInnen immer wieder erzählen, zu Treffpunkten türkischer GastarbeiterInnen.

Selbst die ArbeitsmigrantInnen aus der Provinz, die eigentlich nicht leseaffin waren, kauften Zeitungen in türkischer Sprache - nur um ihr Heimweh und das Bedürfnis nach Informationen aus der Heimat zu stillen. Inzwischen kämpfen türkischsprachige Zeitungen wie Hürriyet und Sabah hierzulande ums Überleben – weil ihnen die StammleserInnen aussterben. Hürriyet beispielsweise, die in Deutschland seit nunmehr 50 Jahren gedruckt wird, hatte einst eine Auflage von fast 200 000 Exemplaren, heute werden nicht mehr als 35 000 gedruckt.

Einst hatten türkische Zeitungen hierzulande großen Einfluss. Daher ernteten sie von deutscher Seite immer wieder Kritik; geprüft wurde insbesondere Hürriyet wegen "integrationshemmender" Berichterstattung und Hetzkampagnen gegen vermeintlich „türkenfeindliche“ PolitikerInnen und andere Personen. Nicht selten wurden mit den Artikeln auch Adressen und Telefonnummern der Denunzierten veröffentlicht. Als dem SPD-Politiker Otto Schily in seiner Amtszeit als Bundesinnenminister der Kragen platzte, beschwerte er sich beim Hürriyet-Herausgeber Aydin Dogan. Auch Bundespräsident Johannes Rau suchte das Gespräch mit dem türkischen Medienmogul. Nach und nach schwenkte das Blatt um. Hetzkampagnen und Berichten über die "bösen" Deutschen und Türkenfeindlichkeit tauchen kaum mehr auf. Chefredakteur Halit Çelikbudak definiert Hürriyet als Sprachrohr für die Belange der aus der Türkei stammenden ArbeitsmigrantInnen; die Deutschlandseiten werden gefüllt mit Artikeln über politische und gesellschaftliche Ereignisse der türkischsprachigen Community. Doch so sehr sich das Blatt der Sorgen seiner LeserInnen annimmt, Auflagenschwund und Bedeutungsverlust lassen sich nicht aufhalten.

In Deutschland kamen seit Mitte der 1990er Jahre zudem Printerzeugnisse auf den Markt, die von MedienmacherInnen der zweiten und dritten Einwanderergeneration entwickelt wurden. Der Ansatz, mit Aufmachung und Themenwahl das Lebensgefühl der hier geborenen und aufwachsenden Generation zu spiegeln, war ambitioniert. Zeitungen und Zeitschriften wie Persembe, Hayat und Etap, die um das Jahr 2000 herum erschienen, versuchten sich in einem Perspektivwechsel. Diese Printmedien, die sich durch ihren Bezug auf Integrationsthemen von deutschen und türkischen Blättern unterschieden, konnten sich aber nicht etablieren.

Medienkonsum als Indikator für Integration

Das Medienverhalten der türkeistämmigen Bevölkerung wird immer wieder untersucht und kontrovers diskutiert. Zwar machen mehrere Studien deutlich, dass die Wahl etwa der TV-Sender von Sprachkenntnissen, Alter, Bildungsgrad und auch Status abhängt; doch hartnäckig hält sich die gängige Meinung, die türkische Bevölkerungsgruppe befinde sich medial in der ethnischen Nische und integriere sich daher nicht in die hiesige Gesellschaft. Wenn türkeistämmige MigrantInnen herkunftssprachige Medien konsumieren, so bedeutet dies aber keineswegs, wie immer wieder als Kritik angeführt wird, dass sie sich ins "mediale Ghetto" begeben und sich somit dem hiesigen Leben verweigern.

Wenn Türkeistämmige herkunftssprachige TV-Kanäle einschalten, dann geschieht dies aus unterschiedlichen Motiven und Bedürfnissen. Darauf weist der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez hin. In einer umfangreichen Studie im Auftrag des Bundespresseamtes beschreibt er sechs Mediennutzer-Typen: so etwa die Kulturexil-, Diaspora-, Transkultur- und AssimilationsnutzerInnen (Kai Hafez 2002). Bei der Zuordnung von ZuschauerInnen mit türkischem Migrationshintergrund ist eine differenzierte Herangehensweise erforderlich. Die Gruppe der aus der Türkei emigrierten Bevölkerung ist - anders als in den ersten Jahrzehnten nach dem Anwerbeabkommen - ausdifferenziert. Es gibt nicht „den“ türkischen Migranten, und somit auch nicht „die“ türkische Medienkonsumentin. Darauf machten auch die Wissenschaftler Joachim und Hans-Jürgen Weiß mit ihren Untersuchungen aufmerksam. Wie Hafez haben sie über das Medienverhalten der Türkeistämmigen geforscht und betonen: „Die Frage nach den Determinanten sozialer Integration, insbesondere auch nach der Rolle der Massenmedien, ist aus der Sicht der Kommunikationswissenschaft nicht in Form eines schlichten mechanistischen Wirkungsmodells zu beantworten. In diesem Sinne müssen Aussagen wie ‚Medien integrieren/isolieren Migranten´ stark relativiert werden.“

Es lässt sich nicht beweisen, dass herkunftssprachige Medien zur Segregation beitragen. Das Gegenteil kann der Fall sein. Um es mit der Sprache der Wissenschaft auszudrücken: „Da die Identitätsbildung eine Voraussetzung für Integrationsfähigkeit und –willigkeit im Einwanderungsland darstellt, kann die Akzeptanz gegenüber der deutschen Kultur durch den Konsum von Ethnomedien unter Umständen sogar erhöht werden“, so die Soziologin Sonja Weber-Menges.

Mit der Beschäftigung von JournalistInnen und ModeratorInnen mit Migrationshintergrund reagieren öffentlich-rechtliche Sender wie auch private Kanäle immer mehr auf den gesellschaftlichen Wandel in der Bundesrepublik. Die Medien im Einwanderungsland Deutschland haben begonnen, diese Realität sowohl personell als auch inhaltlich – in fiktionalen und nonfiktionalen Beiträgen - widerzuspiegeln. Damit ist die erste Phase eingeläutet. Die Erwartungen sollten aber nicht zu hoch gesteckt werden: Die Präsenz von MedienmacherInnen etwa türkischer Herkunft und von Themen, die diese Bevölkerungsgruppe anspricht, fördert sicherlich das Interesse an deutschen Medien. Fraglich ist, ob sie langfristig dazu beitragen wird, den herkunftssprachigen Programmen den Rücken zu kehren; wie es sich all jene erhoffen, die in diesen Medien ein Integrationshemmnis sehen. Gewiss ist: Es wird immer mehr zwischen türkischsprachigen und deutschen Sendern gezappt.


Literatur

  • Hafez Kai Hafez: Türkische Mediennutzung in Deutschland. Hemmnis oder Chance der gesellschaftlichen Integration? Eine ,qualitative Studie im Auftrag des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung. Hamburg/Berlin 2002
  • Sala, Roberto Sala: "Fremde Worte. Medien für `Gastarbeiter`in der Bundesrepublik im Spannungsfeld von Außen- und Sozialpolitik.", Paderborn 2011
  • Simon, Erk Simon: Migranten und Medien 2007, Zielsetzung, Konzeption und Basisdaten einer repräsentativen Studie der ARD/ZDF-Medienkommission, in: Schriftenreihe Media Perspektiven, Heft 9/2007
  • Weber-Menges, Sonja Weber-Menges: "Die Entwicklung der Ethnomedien in Deutschland" in: Rainer Geißler und Horst Pöttker (Hrsg): Integration durch Massenmedien. Medien und Migration im internationalen Vergleich. Bielefeld 2006
  • Weiß, Hans- Jürgen Weiß und/ Trebbe, Joachim Trebbe: Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Potsdam 2001.

 

November 2011

 

Canan Topçu lebt seit 1973 in Deutschland. Sie war 13 Jahre Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Als freiberufliche Journalistin schreibt sie für unterschiedliche Medien und ist Lehrbeauftragte an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Media.