Jesiden in Deutschland – Neue Freiheiten für alte Bräuche

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Der jesidische Glauben kennt nur einen allmächtigen Gott, der auch die Welt erschuf. Er hat den Menschen die Sinne und den Verstand gegeben, so dass sie sich für den richtigen Weg im Leben entscheiden können. Jeder Mensch ist somit für seine Taten selbst verantwortlich. Wie auch in anderen Religionen glauben die Jesiden daran, dass das Leben nach dem Tod nicht endet. Vielmehr erreicht es nach einer Seelenwanderung einen neuen Zustand, der abhängig von den zu Lebzeit begangenen Taten ist. In diesem Zusammenhang spielen die sogenannten Jenseitsgeschwister (eine Jenseitsschwester, chucha achrete, oder ein Jenseitsbruder, biraye achrete) eine wichtige Rolle. Schon zu Lebzeiten wird die Jenseitsschwester bzw. der Jenseitsbruder ausgesucht. Diese Wahlgeschwister übernehmen am Tag des jüngsten Gerichts und im Jenseits gegenseitig die moralische Mitverantwortung für ihre Taten, und in der Totenzeremonie „begleiten“ sie den Verstorbenen/die Verstorbene auf dem Weg zu einer neuen Bestimmung. Nach den jesidischen Vorstellungen bestand die Verbindung der Jenseitsgeschwister bereits im vorherigen Leben und wird im künftigen Leben weiter bestehen.

Für Jesiden existiert aber keine Hölle und kein Teufel - die Existenz eines allmächtigen Wesens neben Gott ist für die Jesiden grundsätzlich tabu. Die Negierung des Bösen im Jesidentum kann man als eigenständigen, altiranischen Glaubenssatz ansehen. Eine zentrale Rolle in den jesidischen Glaubensvorstellungen spielt dagegen der Taus-i Melek, der sogenannte „Engel Pfau“, der als Oberhaupt von sieben Engeln eine Art Stellvertreterfunktion Gottes innehat. Er wird als Pfau dargestellt und dient Gott als Wächter der Welt und als Mittler zu den Menschen: Er ist der Ansprechpartner der Jesiden.

Die in Berlin lebende Jesidin Nora Kizilhan beantwortet unsere Fragen.

 Jesiden bilden eine kleine eigenständige Religionsgemeinschaft, die in der deutschen Öffentlichkeit weitensgehend unbekannt ist.

In der Tat ist über die Jesiden in der heutigen deutschen Öffentlichkeit wenig bekannt. Aber bereits Karl May hat in seinem Buch "Durchs wilde Kurdistan" die Geschichte der Jesiden und einige ihrer Gewohnheiten beschrieben. In der wissenschaftlichen Literatur haben sich sogar schon seit dem 18. Jahrhundert einige deutsche Forscher mit der Religionsgemeinschaft der Jesiden in Kurdistan beschäftigt. Sie wurden damals z.B. als ein "in kläglichen sittlichen Verhältnissen lebender Stamm" beschrieben – eine nicht sehr freundliche Beschreibung.

Die Jesiden gehören zu einer kleinen, sich nicht ethnisch oder sprachlich, sondern religiös bestimmenden Gemeinschaft der Kurden, die als Bauern und Viehzüchter verstreut auf dem Gebiet der heutigen Länder Türkei, Syrien, Irak, Iran und in südlichen Teilen der ehemaligen Sowjetunion leben. Wir verstehen uns selbst als Angehörige der ältesten Religion der Welt. Weltweit gibt es ca. 800 000 Jesiden. Mehrheitlich leben die Jesiden im heutigen Nordirak, wo auch ihr Heiligtum Lalish, etwa 30 Kilometer von der kurdischen Stadt Duhok entfernt liegt. In der Türkei leben aufgrund von Verfolgungen und Diskriminierung nur noch einige hundert Jesiden. Die Übrigen sind in ganz Europa, in den USA, Kanada und Australien verstreut. In Deutschland leben rund 40 000 Jesiden.

 Wenn wir uns die Geschichte der Jesiden ansehen, stoßen wir immer wieder auf Verfolgung und Diskriminierung. Wo liegen die Ursachen hierfür?

Während die Mehrheit der Kurden zum Islam bekehrt wurde, blieben die Jesiden eigenständig. Das brachte Benachteiligung, Diskriminierung, Ausgrenzung und Unterdrückung mit sich: Sowohl in der Türkei als auch im Irak wurden die Jesiden auf Grund ihrer ethnischen als auch religiösen Zugehörigkeit durch staatliche Institutionen, aber auch durch muslimische Kurden verfolgt und unterdrückt – teilweise bis heute. Aus diesem Grund waren sie auch gezwungen, vor allem in den 1980ern ihre Heimat zu verlassen.

Einer der blutigsten Kriege gegen die Jesiden wurde um 1671 von einem osmanischen Mufti durchgeführt. Nach seiner Überzeugung waren die Jesiden "Anhänger des Bösen", da sie an den Engel Pfau (Taus-i Melek) glaubten. Dieses klingt noch heute nach, wenn von den Jesiden ungerechtfertigter Weise als "Teufelsanbetern“ gesprochen wird. Von dem Mufti wurden nur solche Gruppen anerkannt, die einer Buchreligion angehörten, wie z.B. Christen und Juden. Alle anderen Gruppen waren in seinen Augen ungläubig und damit vogelfrei. Immer wieder kam es unter osmanischer Herrschaft zu solchen Kriegen gegen die Jesiden. Die gefangenen Frauen und Kinder wurden auf den verschiedenen Sklavenmärkten im ganzen osmanischen Reich verkauft. Doch trotz der gegen sie gerichteten Gräueltaten hielten die Jesiden ihre Kultur, ihre religiöse Tradition und ihre Sprache am Leben.

Aber die osmanische Regierung war nicht immer unbedingt daran interessiert, gegen Jesiden vorzugehen. Im Gegenteil: Besonders im 16. Jahrhundert wurden viele jesidische Fürsten vom osmanischen Reich als regionale Herrscher eingesetzt. Im Jahre 1872 brachte das osmanische Reich eine Verfügung heraus, der zufolge die Jesiden nicht gezwungen werden sollten, zur Armee zu gehen. Die Geschichte der Jesiden im osmanischen Reich ist also eine recht wechselvolle Geschichte – allerdings mit viel Blutvergießen. Heute sind Jesiden vor allem im Irak durch radikale islamistische Gruppen gefährdet. Die Argumente gegen sie sind die gleichen wie zu Zeiten des Muftis.

 Beziehen sich Jesiden auf religiöse Texte? Welchen Stellenwert haben sie für die Religionsausübung? Und in welcher Sprache sind diese Texte verfasst?

Als Folge einer Jahrtausende währenden Verfolgung und der Eroberung ihrer Gebiete durch das Osmanische Reich haben die Jesiden praktisch keine schriftlichen Überlieferungen. Doch wurden über Jahrtausende mündliche Gebete und Psalmen überliefert, die zum größten Teil erhalten geblieben sind.

Neben den mündlichen Überlieferungen entdeckten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts verschiedene Orientalisten und Forscher auf kurdisch oder arabisch verfasste Handschriften, die als Urversion der heiligen Bücher der Jesiden bezeichnet werden. Kitab al –Djilwa, das Buch der Offenbarung und das Mashafa Resh, das schwarze Buch. Von diesen beiden heiligen Büchern gibt es leider nur Kopien. Ihre Bedeutung für die Jesiden ist aber umstritten.

 Kann man zum Jesidentum konvertieren oder wird man als Jeside geboren?

Eigentlich kann man nur als Jeside geboren werden. Die enge Verbindung von Kultur, Tradition, Religion und kurdischer Volkszugehörigkeit zeichnet das Jesidentum im Besonderen aus. Das heißt auf der anderen Seite, dass die Jesiden nicht missionieren oder bekehren können. Konversionen und Übertritte zum Jesidentum gibt es in der Regel nicht. Aber es gibt Ausnahmen, die nur vom heiligen Rat der Jesiden bestimmt werden können, der im Nord-Irak seinen Sitz hat.

 Wie ist die jesidische Religion organisiert?

Im 12. Jahrhundert n. Chr. trat Sheikh Adis in die Gemeinschaft der Jesiden ein und etablierte ein Kastensystem, das die gesamte Gesellschaftsstruktur bis heute neu definierte. Auf der einen Seite waren die Sheikhs (als Lehrer), auf der anderen die Murids (das Volk). Diese Struktur ist auch bei den muslimischen Sufis zu finden. Die bereits existierende Gruppe der Priester (der Pirs) verlor durch diese Umstrukturierung ihre Aufgabe als religiöse Hauptunterweiser. Sie waren jedoch so stark in der jesidischen Gesellschaft verankert, dass sie mit der Zeit eine den Sheiks untergeordnete Rolle bezogen, so dass die Stämme der Jesiden unter den Sheikhs und Pirs aufgeteilt wurden.

Es ist strikt verboten, dass Murids, Sheikhs oder Pirs über ihre Kastengrenzen hinweg heiraten. Mitglied einer Kaste kann man nur durch Geburt werden. Ein Kastenwechsel ist nicht möglich. Jeder ist sich seines sozialen Status’ bewusst und hat keine Möglichkeit diesen zu ändern. Das wären aber auch die einzigen Merkmale, die unser Kastensystem mit dem hinduistischen gemeinsam hat. Denn alle Jesiden, unabhängig von ihrer Kastenzugehörigkeit, haben die gleichen Rechte und Pflichten. KeineR ist aufgrund ihrer bzw. seiner Kaste besser oder schlechter und jedeR kann ihren bzw. seinen Beruf frei wählen. Die Frauen sind in allen Feldern gleichberechtigt. Allerdings ist eine Heirat mit Personen aus anderen Religionsgemeinschaften nach jesidischen Regeln nicht möglich.

Jeder Jeside hat damit einen ganz bestimmten Platz in der sozialen Hierarchie und ihre bzw. seine Pflichten und Aufgaben innerhalb der Gruppe sind genau definiert. Jedes Mitglied der Gemeinschaft ist gegenüber den Mitgliedern der eigenen Kaste und gegenüber den religiösen Führern zur Loyalität verpflichtet. Jede Person muss einen Pir und einen Sheikh haben.

 Welche religiöse Riten und Feste gibt es?

Wie in den meisten Religionen feiern die Jesiden periodische und nicht-periodische Feiertage. Zur ersten Gruppe gehören das Neujahrsfest im April, an dem auch der Toten gedacht wird, das Belindê-Fest im Dezember, an dem Brot für die Armen gebacken wird, das kurdische Newroz-Fest im März und die Feierlichkeiten zu Ehren von Sheikh Adi, dem Begründer des Kastensystems. Dieses Fest heißt Cejna Jemaiyê und wird im heiligen Tempel von Lalish (Nord-Irak) vom 23. bis zum 30. September und vom 18. bis zum 21. Juli gefeiert. Dort versammeln sich dann alle jesidischen Religionsführer, aber auch Mitglieder der jesidischen Gemeinden aus aller Welt. Diese Feierlichkeit ist das wichtigste Ereignis des ganzen Jahres, und jeder Jeside ist verpflichtet, wenn er/sie die Möglichkeit hat, mindestens einmal im Leben diese Feierlichkeit in Lalish zu begehen.

Außerdem gibt es noch Fastenzeiten: Zu Ehren von Gott fastet man nach dem ersten Freitag im Dezember. Die Fastenzeit beginnt am Dienstag und dauert drei Tage, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Das Fasten im Dezember ist für jeden Pflicht. Es gibt aber auch einige Priester und Murids, die im Sommer oder/und im Winter jeweils 40 Tage fasten.

Zu den nicht-periodischen Feierlichkeiten und Zeremonien gehören Heirat, Tod, das erste Schneiden der Haare eines Kindes, die Beschneidung und das Auswählen eines Bruders/einer Schwester für das Leben nach dem Tod. Erst im siebten oder neunten Monat nach der Geburt eines Jungen ist es erlaubt, seine Haare zu schneiden. Bei den Mädchen werden die Haare nicht abgeschnitten. Der Sheikh des Kindes schneidet das Haar von beiden Seiten und nimmt drei Locken (Bisk); zwei werden den Eltern gegeben und eine behält der Sheikh. Mit der Haarbeschneidung wird das Kind ein offizielles Mitglied der Religion. Gemäß jesidischem Glauben ist das erstmalige Schneiden der Haare eines Kindes – die  nur von seinem Sheikh geschnitten werden dürfen – eine religiöse Identifikation mit dem Jesidentum. Durch dieses Ritual soll das Kind gut und sicher aufwachsen und gegen das Böse geschützt sein.

 Wie sieht das religiöse Leben in den jesidischen Gemeinden in Deutschland aus?

Die kulturelle und religiöse Vereinsarbeit beinhaltet u.a. die Bildung von Musik- und Folkloregruppen, Religionsunterricht sowie das Vorbereiten und die Durchführen von Feiertagen. Diese Arbeit trägt nach jahrelangen Unterdrückung und Verfolgung viel zur Selbstentfaltung bei und erleichtert damit die Integration der Jesiden in die deutsche Gesellschaft.

 Sind alle religiösen Feste und Riten ohne Einschränkungen in Mitteleuropa durchführbar?

Die Jesiden hatten in ihren Heimatländern nicht die Möglichkeit gehabt ohne Einschränkungen ihre Feste und Riten durchzuführen. Hier in Deutschland waren die Jesiden schnell in der Lage, ihr religiöses Verständnis entsprechend den westlichen Klassifikationskriterien von Religion und Theologie umzuformen. Nur die deutschen Behörden hatten Schwierigkeiten damit, eine Religion, die nicht nach westlichen Normen klar definiert ist, sondern über Jahrtausende mündlich überliefert wurde, entsprechend einzuordnen und sie auch als eine „zeitgenössische“ Religion zu betrachten.

Die erste Phase nach der Ankunft in Deutschland war mit sehr vielen Hürden verbunden. Jesiden hatten zu der Zeit keine Möglichkeiten ihre Riten und Bräuche durchzuführen - zum anderen wollten sie auch nicht auffallen. 

Mit dem Verlust der kurdischen Heimat wurde uns aber deutlich, dass wir uns auch religiös und kulturell organisieren müssen, um einen Teil unserer Religion zu bewahren. Anfang der 1990er Jahre wurden deshalb die ersten jesidischen Kulturvereine gegründet. In diesen Kulturvereinen, findet, soweit es erlaubt ist, das kulturelle und religiöse Leben statt. Die Geistlichen nehmen ihre Aufgaben wahr, besuchen die Familien, und die religiösen Feiertage werden gemeinsam gefeiert. Trauerzeremonien werden in den Kulturvereinen abgehalten.

Die Rolle der jesidischen Tradition, Musik und Tänze ist für die Identität der Jesiden von großer Bedeutung. Die Zusammenarbeit der Kulturvereine mit den deutschen Institutionen ist wichtig für die Integration der jesidischen Jugendlichen.

 Wie sieht die zivilgesellschaftliche Partizipation und öffentliche Präsenz von Jesiden in Deutschland aus?

Die Jesiden sind sehr an zivilgesellschaftlicher Partizipation interessiert, denn sie wollen langfristig in Deutschland leben. Viele Jesiden vom Vorstand der Gemeinden sind z.B. auch in öffentlichen Gremien vertreten. Und jesidische Vertreter nehmen an interreligiösen Veranstaltungen teil, wie z.B. der Werkstatt der Religionen und Weltanschauungen.

 

 Welche Beziehung haben die Jesiden zu anderen Religionsgemeinschaften?

Das Jesidentum ist von Grund auf tolerant gegenüber anderen Religionen. Allerdings sind Jesiden  distanziert. Das hängt vermutlich mit der Tatsache zusammen, dass Jesiden gerade aufgrund ihres Glaubens in der Geschichte immer wieder Ziel von Verfolgung, Diskriminierung und Unterdrückung geworden sind. Aber auch die Unterstellungen, mit denen Jesiden lange Zeit leben mussten, belasten das Verhältnis zu anderen Religionsgruppen. So gab es erst in den letzten dreißig Jahren und durch das Leben in der Diaspora echten Kontakt zwischen den Jeziden und Aleviten und dadurch die Möglichkeit, historische Missverständnisse und Vorurteile zu diskutieren und erste Schritte in Richtung Annäherung zu gehen. 

 Wie stellen Sie sich die Integration der jesidischen Religionsgemeinschaft in Deutschland vor?

Wir Jesiden wollen in Deutschland bleiben, die Mehrzahl der zweiten und dritten Generation hat hier einen Beruf erlernt und spricht fließend die deutsche Sprache. Die meisten Jesiden sehen Deutschland als ihre Heimat an. Vor diesem Hintergrund gibt es Bestrebungen, als öffentliche Körperschaft anerkannt zu werden.

Die Vorbereitungen dazu sind bereits getroffen und die jesidischen Gemeinden aus ganz Deutschland kooperieren hierzu miteinander. Ein erster Schritt ist die Einführung von jesidischem Religionsunterricht in einigen niedersächsischen Schulen. Weitere Gespräche mit den Behörden zur Anerkennung der Jesiden finden zur Zeit statt.

Einführungstext von Nora Kizilhan und Ulf Plessentin.
Die Fragen stellte Ulf Plessentin.

 

Nora Kizilhan ist in Celle aufgewachsen und lebt in Berlin. Sie arbeitet als selbständige Dolmetscherin und Übersetzerin.

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