Ich wollte nur Geld, bekam aber die Wahrheit

Yoko Tawada: Mein kleiner Zeh war ein Wort. Tübingen: Konkursbuch 2013Yoko Tawada: Mein kleiner Zeh war ein Wort. Tübingen: Konkursbuch 2013. All rights reserved.

von Yoko Tawada

 

G.E.L.: Verbrannt?

W.E.B.: Ja, die militante Organisation „Kach“ hat in Jerusalem hundert Regenbogen verbrannt, die anlässlich des zweiten Christopher Street Days im Zentrum der Stadt verteilt worden waren. Er hat bestimmt im Himmel geweint.

G.E.L.: Wer?

W.E.B.: Christopher. Das ist der, der das Christkind auf den Schultern getragen hat. Ich saß an dem Christopher Street Day zufällig in einer Konferenz. Ich war überrascht, dass die Teilnehmer ein so schlechtes Bild von Saladin hatten. Besonders wenn es sich um Fragen über die Frauen dreht, drehen sie alle durch. Bei uns glaubt man, Saladins Politik sei das beste Beispiel für die Unterordnung der Frau schlechthin. Genau das Geiche hat man vor dem Zweiten Weltkrieg über Nathan gesagt. Damit man auch versteht, wie stark dieses Vorurteil ist, genügt es zu erwähnen, dass ein Minister von einem Euroland kürzlich alle Frauen von Saladin aus den Schulen warf, weil sie ihren Kopf verhüllten. Aber vielleicht weißt du nicht einmal, dass die Frauen heutzutage zur Schule gehen.

Ich erzähle dir eine weitere, ähnliche Episode: 1962 postierte sich der Gouverneur George Wallace von Alabama vor einer Schultür und ließ die schwarzen Christen nicht ein, um die Aufhebung der Rassentrennung in den Schulen in Alabama zu verhindern. Der Unterschied zwischen diesen beiden Szenen ist, dass damals die schwarzen Christen so viele Sympathien unter der amerikanischen Bevölkerung und auf der ganzen Welt hatten, während –

G.E.L.: Das hab ich nicht gehört.

W.E.B.: Das kannst du auch nicht gehört haben. In den letzten zweihundert Jahren ist vieles passiert, und du bist erst jetzt in unserer Zeit angekommen, ohne über uns gut informiert zu sein. Ist dir das Wort „Information“ bekannt? Also das hier ist zum Beispiel ein moderner Friedhof. Hier liegen zuhauf junge Frauen und Männer, die von ihren Schulden erschlagen und getötet worden sind. Wer dann noch behauptet, die freie Marktwirtschaft sei eine friedliche Religion, der lügt. Nathan sagt, Esra sei der Sohn Gottes. Der Tempelherr sagt, Jesus sei der Sohn Gottes. Emma sagt, Sohn Gottes sei in Wirklichkeit eine Frau gewesen. Der Dalai Lama sagt, die Lüneburger Heide sei wunderschön. Und Osho sagt nichts mehr. Er kann es sich leisten, drei Jahre lang zu schweigen, denn auf seinem Konto vermehren sich die Zinsen von allein. Es ist also alles in Ordnung bei uns.

G.E.L.: Warum erschreckst du mich denn?

W.E.B.: Das Wort „erschrecken“ ist altmodisch geworden. Heutzutage hat man nicht genug Zeit, um den Zustand des Erschrocken-Seins zu genießen. Man kann schon im nächsten Moment tot sein. Viele sterben vor dem Leben. Die Zahl der Totgeburten im Westjordanland ist nach Angaben der Gruppierung „Ärzte für Menschenrechte“ PHR in den vergangenen Jahren um rund fünfhundert Prozent gestiegen. Eine Frau, die ich kannte, schickte deshalb per Post Eizellen und Haut nach Südkorea, um sich dort klonen zu lassen, anstatt ein totes Kind zu gebären.

G.E.L.: Wo aber ist sie denn?

W.E.B.: Sie ist in Nordkorea bei Nathan gelandet. Er versucht dort, den ungeschriebenen Akt seines Theaterstückes aufzuführen. Gott hat ihn als Heilsträger ausgewählt und ihm das Land Kana(an/da) als Heimat bestimmt. Er ist aber nicht dort geblieben, reist durch verschiedene Länder und lebt für die Bühnenkunst, anstatt für die Sünden der Menschen zu sterben. Ich finde es schön. Leider ist er nicht erfolgreich. Es gab einen anderen Mann, der es viel besser verstand, die Informationsgesellschaft zu seinen Gunsten zu nutzen. Es scheint auf den ersten Blick, als hätte er viele Probleme. Aber bei genauerem Hinschauen wird es klar, dass jedes Problem ihn noch bekannter macht.

G.E.L.: Wer war das? Wer?

W.E.B.: Ein umstrittener, islamischer Wissenschaftler aus der Schweiz. Obwohl er gut aussieht, ging sein Lehrauftrag an der Universität mit dem laufenden Wintersemester zu Ende. Seine Vorlesungen wurden aus dem Vorlesungsplan gestrichen. Im Zuge der Umsetzung des Bologna-Abkommens wurde das Vorlesungsprogramm so umstrukturiert, dass die Vorlesung über die Geschichte der verschiedenen Religionen von einer einzigen Person gehalten werden sollte. Er hat die Schweiz verlassen.

G.E.L.: Wo ist er?

W.E.B.: Er ist in die EU geflüchtet.

G.E.L.: Wo steckt hier das Unglaubliche?

W.E.B.: Vielleicht ist auch dir schon ein Künstler auf einer Straße in einem Euroland begegnet, sei es bei einer Show oder auf einem Jahrmarkt, wo er seine wirbelnden Tänze zeigt, Feuer, Messer oder Rasierklingen schluckt. Das ist er. Hinter all diesen oberflächlichen Kunstfertigkeiten steht eine Jahrtausende alte Tradition und Philosophie aus Nordafrika. Die Liebe zu Gott muss die Selbstsucht verdrängen, so dass der Künstler durch absolutes Gottvertrauen im Augenblick der Ekstase oder dem mystischen Verlassen des Irdischen sein Ziel erreicht.

G.E.L.: Wie kommen wir?

W.E.B.: Zu dem Zustand der Ekstase, meinst du? Durch das Surfen im Internet natürlich.

G.E.L.: Wie?

W.E.B: Du gibst Stichworte in den Computer ein und bekommst eine Fülle von Informationen. Keiner kontrolliert, was dort steht und was du daraus nimmst. Denn eine einseitige Kontrolle ist nicht demokratisch. Entweder gar keine oder eine gegenseitige Kontrolle. Also, wenn die Bewohner sich darüber beschweren, dass Ambulanzen von Sicherheitskräften aufgehalten werden und ihr >Inhalt< untersucht wird, dann müssen sie auch die Spielregeln beachten, dass in diesen Fahrzeugen nicht ganz lebende und voll aktive Selbstmörderbomber eingeschmuggelt werden dürfen.

G.E.L.: Seit wann?

W.E.B.: Seit 1945. Seitdem zahlreiche japanische Kamikaze-Flieger ihr Leben geopfert haben, wissen wir, dass die Menschen für die unwichtigsten Dinge zu sterben bereit sind. Der Selbstmord wurde allerdings in der islamischen Kultur nie als Tugend angesehen, deshalb sind sie auch nie nach Japan gefahren, um Samurai zu werden. Der letzte Samurai unserer Zeit war deshalb kein Muslim, sondern ein amerikanischer Schauspieler. Die Muslime sind religiös weit entfernt von jedem Gedanken an einen Opfertod. Selbstmord und Selbstmordattentate widersprechen in Afghanistan sogar dem Ehrenkodex. Darüber promovierte ein afghanischer Student in Hamburg. Er wurde anschließend an eine renommierte katholische Universität in USA berufen. Dort sollte er Religionswissenschaft lehren, aber auf keinen Fall über die Zusammenhänge zwischen dem Tantrismus, der Pädophile und dem Theater sprechen. Er hat die USA wütend verlassen.

G.E.L.: Und was es schadet, fragst du? Was es schadet?

W.E.B.: Über die Religionen nachzudenken bedeutet, über das Theater nachzudenken. Manche behaupten, Religionen seien genauso schädlich wie das mittelalterliche Theater, weil sie beide zur Prostitution führen.

Ich erzähle dir etwas: Damals war noch nicht einmal Konfuzius geboren. Mädchen, Knaben, Frauen und weiblich aussehende Männer gingen an bestimmten Nächten ins Sumpfgebiet und verkehrten freiwillig mit den riesigen Wasserschlangen. Menschen und Schlangen haben zusammen Wein getrunken und miteinander geschlafen. Es war weder eine Religion noch ein Theater — oder doch beides zusammen. Später haben die großen Unternehmer diese Tradition missbraucht, indem sie besonders Kinder und Frauen als Opfergabe töteten. Sie hofften dadurch, die Natur zu besänftigen, die eigene Angst zu überwinden und einen möglichst großen Profit aus der Natur herauszuziehen. Die Journalisten kritisierten dann die alte Tradition der Opfergabe, aber in Wirklichkeit waren das die Unternehmer gewesen, die die Zeremonien in einer verfälschten Form durchgeführt hatten.

Ist es schlimm, wenn ein Theater nach unbestimmbarer Erotik duftet? Es kommt von der Sehnsucht nach den Riesenschlangen. Die Unternehmer hassten die Schlangen und versuchten, durch die berühmten zehn Angebote im Winterschlussverkauf die Prostitution auszurotten. Sie dachten, sie könnten bei den Kunden große Kauflust erregen, damit sie andere Lüste vergessen. Es gibt übrigens auch die „Zen-Gebote“ aus dem Zen-Buddhismus, da fehlt aber das Haar.

Meiner Meinung nach, war es keine gute Idee, die Affäre zwischen Adam und Eva zur Sünde zu erklären. Seitdem überschätzt man die Nacktheit und den sexuellen Verkehr. Einige männliche und weibliche Heiligen stellten ihre Keuschheit unter Beweis, indem sie nackt beieinander lagen, ohne sich gegenseitig zu berühren. Sie kamen trotzdem zur Ekstase.

G.E.L.: Träumst du wieder?

W.E.B.: Nein, ich bin wach, ich bin immer wach wie ein angeschalteter Bildschirm. Ich wollte nur Geld, bekam aber die Wahrheit. Ich habe keine Angst davor, keine Orientierung zu haben, keinen Vater zu haben und an nichts zu glauben. Denn ich muss nichts müssen. Lass uns lieber über die Nahrungsmittel reden. Isst du wieder Rindfleisch? Isst du noch Hühnerfleisch? Trinkst du den roten Busch-Tee anstatt den Gorbatschow? Bist du vegetarisch? Woran denkst du gerade? Warum schaust du mich so an?

G.E.L.: Wo ich eben jetzt ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?

W.E.B.: Hier im „Haus der Religionen der Welt“ kannst du nur zu bestimmten Zeiten essen, weil das Essen zu den Ritualen gehört. Es gibt zwar atheistische Snacks zwischendurch. Aber pass auf. Es sind Kalorienbomben.

Ich kriege allerdings ständig Hunger, weil ich den ganzen Tag Informationen aus dem Internet nachplappern muss.

Nun, lieber hungrig sein als deprimiert. Vor allem soll man nicht Sünde, Schuld und Schulden verwechseln. Sonst ist man gelähmt und nicht mehr fähig, die Verantwortung zu übernehmen. Gib mir noch mehr Bilder, noch mehr Musik, noch mehr E-Mails. Ich möchte nicht melancholisch sein,

G.E.L.: Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte?

 

Auszug aus: Yoko Tawada (2013): Mein kleiner Zeh war ein Wort. Tübingen: Konkursbuch. Dieser Text erschien im Kultur- und Gesellschaftsmagazins freitext, Nr. 21, April 2013, S. 14-16. Die Ausgabe „auftauchen – Empowering Asian Germany“ wurde gemeinsam mit dem asiatisch-deutschen Kulturnetzwerk korientation herausgegeben.

 

Yoko Tawada promovierte über neuere deutsche Literatur und schreibt Essays, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Lyrik in deutscher und japanischer Sprache. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen und mehrere wichtige Literaturpreise erhalten.

All rights reserved.